Ist Freiheit subjektiv oder objektiv begründet?

Vielleicht ist es nur subjektiv, aber ich halte den Subjektivismus für die verheerendste Form des Irrationalismus. Laut dem Subjektivismus bestimmt das menschliche Subjekt willkürlich, was als objektive Wahrheit zu gelten hat. Der Vater des modernen, offenen Subjektivismus war der deutsche Philosoph Immanuel Kant. Die religiösen Weltanschauungen früherer Zeiten waren de facto auch subjektivistisch, aber Christen wie Augustinus waren der Überzeugung, dass die Wahrheit in Gottes Geist zu verorten ist, der den Menschen erleuchten kann – und nicht direkt im Geist des Menschen. Bei Kant gibt es keine Möglichkeit mehr zu wissen, ob unsere subjektiven Ideen mit der Realität übereinstimmen. Christen hatten wenigstens die Bibel als „objektive“ Orientierung. Andererseits lässt sich auch argumentieren, dass Kant nichts weiter ist als das säkularisierte Christentum. Schließlich steht in der Bibel nicht wirklich die Wahrheit und ob jemand von Gottes Geist erleuchtet wurde oder nicht, dürfte eher eine subjektive Auffassung sein, die sich nicht überprüfen lässt. Immerhin war Kant ehrlicher – er gibt das philosophische Verbrechen offen zu und wird dafür bewundert.

Das „Objektivitätskriterium“ für Kant besteht allenfalls darin, dass unsere Aussagen mit den a priori Konzepten unseres Geistes übereinstimmen. Das tun sie notwendig sowieso, da wir nicht aus unserem eigenen Geist springen können. Da wir unsere Vorstellungen selbst in unserem Geist erschaffen, ist es von daher unwichtig, ob wir das individuell oder kollektiv tun. Im Endeffekt gibt es also kein Kriterium für Objektivität mehr. Kant neigte trotzdem dazu, etwa in der „Kritik der Urteilskraft“, einen kollektiven Subjektivismus als Kriterium für gelungene Kunst anzusetzen. Wenn eine Gruppe von Menschen sagt, dass es Kunst ist, dann ist es Kunst. Er neigte also eher zur kollektiven Willkür im Unterschied zur individuellen Willkür. In den Genuss der kollektiven Willkür durften wir dann auch kommen in den kollektivistischen, totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts.

Die manipulative Auflösung von klaren Begriffen ist ein Resultat des Subjektivismus. Man trifft sie häufig in der Politik an. Da heißt es etwa „Freisetzung von Arbeitskräften“, wenn Entlassung gemeint ist oder „Soziale Gerechtigkeit“, wenn das Gegenteil von Gerechtigkeit gemeint ist. Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder bekommen sollte, was er verdient. Soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder bekommen sollte, was andere verdient haben. Begriffe werden in dieser Zone der Willkür von politischen Interessensgruppen nach dem Kriterium erzeugt, welcher Begriff besser dazu geeignet ist, Wählerstimmen zu gewinnen. Korrespondenz mit der Realität ist dort schon lange nicht mehr nötig.

Leider wird häufig der individuelle Subjektivismus als Argument für den Liberalismus angeführt. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – das gilt häufig als Motivation, sich gegen staatliche Interventionen einzusetzen. Es ist zum Beispiel die Auffassung der Anarchokapitalisten. Philosophisch ist es das direkte Gegenteil meiner grundlegenden Auffassung zum Thema. Wir brauchen darum Freiheit, weil wir in Anerkennung der Tatsachen der Realität, inklusive der menschlichen Natur, wozu die Willensfreiheit gehört, unabhängige, rationale Entscheidungen für unser eigenes Leben treffen müssen. Freie Entscheidungen, weil der menschliche Geist so funktioniert – wir haben keine Instinkte, wir denken und handeln nicht automatisch, sondern wir müssen uns für das Leben und somit für die Erkenntnis der Realität entscheiden. Wenn wir leben wollen. Und wenn nicht, dann können wir uns auch dagegen entscheiden. In jedem Fall sind wir individuell der rechtmäßige Nutznießer unserer Entscheidungen. Die Realität ist unser Richter. Und nicht andere Menschen, sei es ein anderer Mensch oder eine Gruppe von Menschen.

Religiöse Menschen haben Liberalismus und Kapitalismus häufig darum kritisiert, weil sie angeblich die individuelle Willkür verabsolutieren anstelle das „objektive“ (kollektiv subjektivistische) Wort Gottes zu befolgen – und viele Befürworter von Liberalismus und Kapitalismus stimmen ihnen zu bei der Verherrlichung ihrer Launen, „Triebe“, Willkür und Beliebigkeit. Der Kapitalismus sollte auch darum „unmoralisch“ sein, weil er keine objektiven Kriterien kennen soll, weil er auf individuellen Launen beruhen soll. Tatsächlich ist der Kapitalismus objektiv begründet – mit der Natur des Menschen und seinen Überlebensbedingungen. Religion ist Willkür, ebenso wie die Anbetung der eigenen Launen Willkür ist. Für mich ist die politische Freiheit nicht dazu da, mir die Freiheit für irrationale Entscheidungen einzuräumen, wie Glücksspiel, Drogen, Promiskuität, sondern das Recht, von meinen eigenen Entscheidungen profitieren zu dürfen. Wer irrationale Entscheidungen trifft, sollte die Konsequenzen selbst ausbaden – ebenso wie jeder von seinen rationalen Entscheidungen profitieren sollte. Das kann er nur, wenn er frei ist. Jeder Mensch hat also auch das Recht, irrationale Entscheidungen für sein eigenes Leben zu treffen – aber befürworten oder fördern werde ich das bestimmt nicht (abgesehen von der Tatsache, dass er das politische Recht hierzu haben sollte, in seinem eigenen Karren zur Hölle zu rollen).

Wer mir da als Liberaler widerspricht, sollte sich die folgende Frage stellen: Wenn du Freiheit forderst, um deine subjektiven, willkürlichen Launen auszuleben, warum sollte ein anderer Mensch dann nicht deine Unfreiheit fordern, um seine subjektiven, willkürlichen Launen auszuleben? Das ist in der Tat das, was die Könige des Mittelalters getan haben. Wenn es keine objektive Begründung für Freiheit gibt – warum sollten sie die Feinde der Freiheit dann überhaupt befürworten? Sie meinen schließlich, sich in einer Diktatur subjektiv besser zu fühlen. Viel Spaß damit.

9 Kommentare zu “Ist Freiheit subjektiv oder objektiv begründet?

  1. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Die Freiheit ist ein Konzept, dass über-individuell (vs. ‚objektiv(istisch)‘) an den Start gelangte, der Liberalismus wäre demzufolge und böse formuliert eine Einstellung, die letztlich kollektivistischer Art ist.

    Wie könnte derartige Einstellung auch anders ausfallen, wenn die Menge [1] gemeint ist?

    MFG
    Dr. W

    [1] es geht im Liberalismus um die Freisetzung der Menge und deren mögliche Gut-Taten, der L. war seinerzeit revolutionär wie auch die hier nur zum Vergleich angebrachte Sicht aus dem kollektivistischen Lager, die sich gegen althergebrachte Hierarchien wendete

    • „objektiv“ bedeutet nicht „über-individuell“ oder die Gottesperspektive oder die „Sicht von nirgendwo“. Diese Objektivitätskonzepte haben nichts mit der menschlichen Wahrnehmung und der menschlichen Verarbeitung von Sinnesdaten zu tun. Objektivität bedeutet generell Faktentreue – Treue zu den Fakten, wie der Mensch die wahrnimmt, sofern er die wahrgenommenen Informationen rational integriert.

      • Harold Harry Francis Callahan sagt:

        Objektivität bedeutet generell Faktentreue – Treue zu den Fakten, wie der Mensch die wahrnimmt, sofern er die wahrgenommenen Informationen rational integriert.

        Vgl. :
        -> http://en.wikipedia.org/wiki/Scientific_method (‚Science is a social enterprise, and scientific work tends to be accepted by the scientific community when it has been confirmed.‘ (Hervorhebung: Dr. W) + ‚Whereas postmodernists assert that scientific knowledge is simply another discourse (note that this term has special meaning in this context) and not representative of any form of fundamental truth, realists in the scientific community maintain that scientific knowledge does reveal real and fundamental truths about reality.‘ + ‚ Karl Popper advised scientists to try to falsify hypotheses (…)‘ – aus irgendwelchen Gründen ist in der bekannten Online-Enzyklopädie kein d-sprachiger Eintrag hierzu verfügbar, man hat es d-sprachig ja noch mit dem ‚Wissen‘ und der ‚Wissenschaft‘ (vs. ‚Scientia‘))

        Insofern treten hier (noch) erkenntnistheoretisch oder die Methode meinend Realisten und Konstruktivisten (vs. ‚Postmodernists‘, ein übler Begriff, lol) gegeneinander an, wobei die Konstruktivisten gewonnen zu haben scheinen; es wird ja mehr verifiziert.

        Auch die antirealistischen Sichten, die im Bereich der QM möglich werden, könnten strenge Realisten beunruhigen, vgl. :
        -> http://de.wikipedia.org/wiki/Bas_van_Fraassen

        MFG
        Dr. W

        • In der Philosophie herrscht der Unsinn. Im Journalismus hat sich zum Glück eher der Kritische Rationalismus durchgesetzt, der Objektivität im Korrespondenz-Sinne definiert. Liegt weniger an klugen Journalismus-Forschern, sondern an der Tradition, den etablierten Handwerksregeln und daran, weil der Konstruktivismus laut dieser Auffassung quasi die Definition der mangelnden Professionalität ist. Will natürlich nicht heißen, dass sich jeder immer daran halten würde.

          • Harold Harry Francis Callahan sagt:

            Poppers Kritischer Realismus stellt sich nicht in den Gegensatz zum Konstruktivismus, er betont das Realistische, das in bestimmte Ebenen, siehe oben bzw. Josef Honerkamp [1], vorliegt oder vorzuliegen scheint, und müsste schlicht vernünftig sein, weil er anti-szientistisch sozusagen jederzeit für andere Sachlichkeit oder Realität zu haben ist.

            MFG
            Dr. W

            [1]
            diesbezüglich gerne mal in seinem WebLog nachschauen,
            vgl. auch mit dieser kleinen NASA-Animation:
            -> http://apod.nasa.gov/apod/ap120312.html

            PS: Kriegt man es irgendwie hin, dass der Klick auf einen (neuen) Kommentar, rechts auf der Homepage dieser Inhalteeinheit, genau auf diesen (neuen) Kommentar verweist?

          • Tja, und dann gibt es noch den Objektivismus, der noch einmal deutlich besser ist als der Kritische Rationalismus und insofern ist der letztere für mich überflüssig.

            Die PS-Frage verstehe ich leider nicht.

        • Harold Harry Francis Callahan sagt:

          Auf der Startseite werden die letzten (fünf?) Kommentare angezeigt und es wäre womöglich zu erwarten, dass der Mausklick darauf direkt zum Kommentar führt, nicht zum Artikel bei dem Kommentar abgesetzt worden ist, sondern zum Kommentar unter diesem Artikel.

          • Stimmt, das wäre besser. Der Grund, warum das nicht funktioniert, liegt darin, dass „Disqus“ (der Kommentarbereich) nicht zu WordPress gehört, aber die Anzeige der neuesten Kommentare schon. Leider scheint man daran nichts ändern zu können.

          • Harold Harry Francis Callahan sagt:

            Gerne mal forschen, ob es dbzgl. Konnektivität zwischen dem WebLog und dem die Kommentatorik meinenden Anbieter gibt…

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