Darf man seine Werte opfern?

Auf YouTube gab es eine interessante Frage an mich über die objektivistische Ethik von heiko philo:

Nehmen wir an, dass ich schon ein fortgeschrittenes Alter, sagen wir 75 Jahre, hätte. Mein Kind wäre 47 Jahre alt, gerade Vater geworden und hätte eine Erkrankung, die es überleben würde, wenn ich ein Organ hergäbe, ohne das ich aber sterben würde. Ich könnte also mein Leben für das meines Kindes geben. Viele Menschen würden in dieser Situation utilitaristisch denken und die noch junge Vaterschaft des Sohnes wichtiger finden als die eigene Existenz als Opa und würden sich opfern. Wie wäre diese Entscheidung, sich zu opfern, aus Sicht des Objektivismus zu sehen? Wie wäre die Argumentation dort? Der Maßstab für meine Ethik, für meine Werte kann sinnvollerweise nur mein eigenes Leben sein, so habe ich die objektivistische Argumentation verstanden. Heißt das, ein sich-Opfern kann ethisch niemals hochstehend – also rational – sein? Ein solches Ergebnis widerstrebt meiner Intuition (was kein Argument ist). Aber was wäre dann die Illusion, die Magie, der ich aufsitze, wenn ich mich emotional gegen das Ergebnis der objektivistischen Argumentation sträube? Was also ist die Irrtumstheorie des Objektivismus in meinem, sicherlich nicht seltenen, Fall?

Zunächst einmal: Dass sich ein Vater töten lassen muss, um seinen Sohn zu retten, ist in der westlichen Zivilisation mit Sicherheit ein seltener Fall!

Meine grundsätzliche Antwort:

Die objektivistische Ethik sagt keineswegs, dass man nie Werte aufgeben darf. Sie besagt, dass man nie einen höheren Wert einem geringeren Wert aufopfern darf. Das, was von größerer Bedeutung ist für das eigene Leben, sollte man nicht für das aufopfern, was von geringerer Bedeutung ist. In deinem Beispiel mag es durchaus sein, dass ein älterer Vater das Leben seines Kindes für höher einschätzt als die relativ wenigen verbliebenen Jahre seines eigenen Lebens – allerdings aufgrund seiner eigenen Wertehierarchie. Die Menschen, die wir lieben, haben einen sehr hohen Wert für uns. Es wäre durchaus denkbar, dass wir ohne bestimmte Menschen in bestimmten Fällen gar nicht mehr weiterleben wollten. In solchen Fällen würde man sich fragen, welche Qualität das eigene Leben noch hätte, welchen Wert, wenn man mit dem Bewusstsein leben müsste, sein eigenes Kind hätte retten zu können – und es unterlassen hat. Wobei das Kind auch noch Vater des eigenen Enkelkindes ist, auch ein hoher Wert.

Allerdings handelt es sich bei solchen moralischen Dilemmata um konstruierte Fälle, welche die Bedeutung der Ethik unterwandern. Ob wir Menschen in einem Rettungsboot notfalls aufessen würden, ob wir den fetten Mann auf die Gleise werfen würden, um andere zu retten (siehe Die Ethik des fetten Mannes), ob wir unser Leben für unser Kind aufopfern würden – all diese Fragen stellen sich im Leben der allermeisten Menschen in unserer Zivilisation niemals. Sie immer wieder aufzuwerfen, erweckt den Eindruck, dass sich Ethik mit unsinnigen Fragen befassen würde, die nichts mit unserem Leben zu tun haben. Und es erweckt den Eindruck, dass wir in einer ständigen Katastrophe leben würden, in einer höllischen Welt, in der ständig Menschen geopfert werden müssten. Das kommt jenen gelegen, die das Menschenopfer zur Grundlage ihrer Ethik erklärt haben – den Altruisten (politisch Kollektivisten).

Off Topic: Mein neues Webinar „Zurück zur Vernunft! Teil 2: Das Irrationale“ ist so gut wie fertig. Mittwoch, 17. Dezember 2014, 19:00 Uhr sollte der erste Termin sein. Der zweite Termin wäre Freitag, 19. Dezember, 19:30 Uhr. Wünscht sich jemand einen anderen Termin oder ist das ok?

2 Kommentare zu “Darf man seine Werte opfern?

  1. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Zunächst einmal: Dass sich ein Vater töten lassen muss, um seinen Sohn zu retten, ist in der westlichen Zivilisation mit Sicherheit ein seltener Fall!

    Simple Kriege ähneln dieser (überspitzten) Fragestellung, selbstverständlich kann sich ein Familienvater auch freiwillig zum Wehrdienst melden, um dem Kollektiv zu dienen, also letztlich auch seiner Familie.

    Oder wäre dies ’subjektivistischer‘ Ethik folgend unsittlich?

    • Nun, ich vertrete ja keine subjektivistische Ethik. Kann unsittlich sein oder auch nicht, ohne objektive Maßstäbe lässt sich das nicht universell beantworten.

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