Antworten auf Aquins Gottesbeweise

Hier die Antworten auf die fünf Gottesbeweise von Thomas von Aquin, die der hiesige christliche Fundamentalist Patrick Sele von mir hören möchte:

1. Was immer in Bewegung ist, wird durch etwas anderes bewegt.

> Stimmt nicht, wie wir seit Newton wissen.

2. Die Serie von Wirkursachen in der Welt führt notwendig zu einem unbewegten Beweger.

> Aquin geht es nicht um eine Serie von Ursachen in der Zeit, die, wie Aquin selbst zugibt, ewig zurückreichen könnte. Es geht ihm um simultane Ursachen, wie ein Mann, der einen Haufen Erde bewegt, indem er eine Schaufel bewegt. Die erste Ursache in einer solchen Serie muss keineswegs von Gott ausgehen. Es kann auch sein, dass der Mann die Schaufel bewegt hat, also den Haufen Erde weggeschaufelt hat. Und nicht Gott.

3. Bedingte und vergängliche Entitäten müssen von einer unabhängigen und unvergänglichen Entität abhängen.

> Die Folgerung von „Alles, was es gibt, existiert zu einer bestimmten Zeit nicht“ auf „Es gibt eine Zeit, in der nichts existiert“ ist falsch.

4. Die verschiedenen Grade an Wirklichkeit und Güte auf der Welt müssen Annäherungen an ein tatsächlich existierendes Maximum an Wirklichkeit und Güte sein.

> Die Aussage hängt von einer platonischen, zusammenhanglosen Vorstellung von Sein ab. Wie es keinen „perfekten Stuhl“ in Platons Ideenwelt gibt, so gibt es auch keine perfekte Wirklichkeit und Güte in Form von Gott. Die Idee geht auf Platons falschen Lösungsansatz für das Universalienproblem zurück. (Wie ich im Webinar über Epistemologie erklärt habe).

5. Die gewöhnliche Zielgerichtetheit von nicht-bewussten Akteuren im Universum impliziert die Existenz eines intelligenten, universellen Ordners.

> Die Aussage „Dinge ohne Bewusstsein verfolgen kein Ziel, wenn sie nicht von etwas mit Bewusstsein und Intelligenz geführt werden, wie ein Pfeil durch einen Bogenschützen“ wurde von Darwin widerlegt.

(Die Antworten hat teilweise Anthony Kenny auf den Punkt gebracht, der den größten Teil seines Lebens Theologe war, bis er Agnostiker wurde)

13 Kommentare zu “Antworten auf Aquins Gottesbeweise

  1. Nathan Warszawski sagt:

    1. ???

    • Es geht um die Ablösung der mittelalterlichen Vorstellung der Bewegung in der Physik.

      Zuerst herrschte die Auffassung von Aristoteles vor: „Nur Lebewesen bewegen sich aus eigenem Antrieb, alles andere wird entweder von etwas bewegt oder es strebt möglichst geradlinig seinem natürlichen Ort entgegen und kommt dort zum Stillstand.
      Der natürliche Ort eines Körpers hängt von der in ihm vorherrschenden Materieart ab. Wenn Wasser oder Erde vorherrscht, bewegt sich der Körper zum Mittelpunkt der Erde, dem Zentrum der Welt, wenn Feuer oder Luft dominiert, strebt er nach oben.“
      http://de.wikipedia.org/wiki/Aristoteles#Naturphilosophie

      Dann folgte der Impetus:
      „Der Impetus ist dabei eine unkörperliche (immaterielle) Bewegungsursache oder eher spirituell verstandene „Kraft“, die auf einen zu bewegenden Körper übergeht, um dessen Bewegung hervorzubringen.“

      Dann folgte die ursachelose Trägheitsbewegung:
      „Im Mittelalter bildete die Impetustheorie eine wichtige Grundlage der Ballistik. Erst die newtonsche Mechanik eliminierte den Impetus und ersetzte ihn durch das Prinzip der ursachlosen Trägheitsbewegung.“
      http://de.wikipedia.org/wiki/Impetustheorie

  2. patrick.sele sagt:

    „1. Was immer in Bewegung ist, wird durch etwas
    anderes bewegt.

    > Stimmt nicht, wie wir seit Newton wissen.“

    Wenn Aristoteles
    von „Bewegung“ spricht, dann meint er dabei „Wandel“. Abgesehen davon wendet
    sich Edward Feser im folgenden Aufsatz gegen die Sicht, dass Newtons
    Erkenntnisse bezüglich der Bewegungen physikalischer Körper Thomas von Aquins
    „Ersten Weg“ als überholt erweisen:

    http://faculty.fordham.edu/klima/SMLM/PSMLM10/PSMLM10.pdf

    „2. Die Serie von Wirkursachen in der Welt führt
    notwendig zu einem unbewegten Beweger.

    > Aquin geht es nicht um eine Serie von Ursachen in
    der Zeit, die, wie Aquin selbst zugibt, ewig zurückreichen könnte. Es geht ihm
    um simultane Ursachen, wie ein Mann, der einen Haufen Erde bewegt, indem er
    eine Schaufel bewegt. Die erste Ursache in einer solchen Serie muss keineswegs
    von Gott ausgehen. Es kann auch sein, dass der Mann die Schaufel bewegt hat,
    also den Haufen Erde weggeschaufelt hat. Und nicht Gott.“

    Auch bei simultanen
    Ursachen gilt, dass der dadurch bewirkte Wandel äusserer Ursachen bedarf und
    letztlich auf eine Ursache zurückgehen muss, die ihrerseits nicht verursacht
    ist.

    „4. Die verschiedenen Grade an Wirklichkeit und Güte
    auf der Welt müssen Annäherungen an ein tatsächlich existierendes Maximum an
    Wirklichkeit und Güte sein.

    > Die Aussage hängt von einer platonischen,
    zusammenhanglosen Vorstellung von Sein ab. Wie es keinen “perfekten Stuhl” in
    Platons Ideenwelt gibt, so gibt es auch keine perfekte Wirklichkeit und Güte in
    Form von Gott. Die Idee geht auf Platons falschen Lösungsansatz für das
    Universalienproblem zurück. (Wie ich im Webinar über
    Epistemologie erklärt habe).“

    Platon vertrat in
    Bezug auf das Universalienproblem eindeutig die Position des Realismus. Für die
    Richtigkeit dieser Position gibt es gute Argumente. Die Gegenposition, der
    Nominalismus, ist nämlich nicht ohne Probleme. Dies kann man etwa sehen, wenn
    man sich fragt, ob die mathematische Aussage „2 + 2 = 4“ auch dann wahr wäre,
    wenn es niemanden gäbe, der in der Lage ist, so etwas zu denken. Wenn man sagt,
    dass sie auch in diesem Fall wahr wäre, dann bedeutet dies, dass sie unabhängig
    von unseren Gedanken als etwas Reales existiert. Aufgrund der Probleme, welche
    sich aus dem Nominalismus ergeben hat es auch Atheisten gegeben, die den
    Realismus vertraten. Zu diesen gehörten etwa der Mathematiker Gottlob Frege und
    der Philosoph Bertrand Russell.

    „5. Die gewöhnliche Zielgerichtetheit von
    nicht-bewussten Akteuren im Universum impliziert die Existenz eines intelligenten,
    universellen Ordners.

    > Die Aussage “Dinge ohne Bewusstsein verfolgen
    kein Ziel, wenn sie nicht von etwas mit Bewusstsein und Intelligenz geführt
    werden, wie ein Pfeil durch einen Bogenschützen” wurde von Darwin
    widerlegt.“

    Der „teleologische Gottesbeweis“
    des Thomas von Aquin ist nicht nur auf biologische Phänomene, sondern auch auf
    die unbelebte Natur anwendbar, weswegen Darwins Theorie in dieser Beziehung
    irrelevant ist. So ist beispielsweise auch der Umstand, dass ein Sauerstoffatom
    das Potential hat, sich mit zwei Wasserstoffatomen zu einem Wassermolekül zu
    verbinden ein Fall von Teleologie, aufgrund welcher für die Existenz Gottes
    argumentiert werden kann. Auf Teleologie im Allgemeinen und Thomas von Aquins
    „teleologischen Gottesbeweis“ im Besonderen geht Feser in seinem Aufsatz
    „Teleology: A Shopper’s Guide“ ein. Der betreffende Aufsatz ist im folgenden
    Link abrufbar:

    http://www.epsociety.org/library/articles.asp?pid=81

    • Ich habe keineswegs behauptet, dass Platon etwas anderes als den (radikalen) Realismus vertreten hat. Ja, der Nominalismus ist auch nicht ohne Probleme. Darum bin ich Objektivist.

      • Deine Antwort kommt mir etwas unehrlich vor.

        1. Ich habe die aristotelische Vorstellung bezüglich der physikalischen Bewegung korrekt zusammengefasst. Er meint in diesem Kontext nicht „Wandel“.

        3. Bei simultanen Ursachen kann ein Lebewesen der Beweger sein. Etwa ein Mann, der mit einer Schaufel Erde bewegt. Es geht hier ja gerade nicht darum, wer den Mann „bewegt“ oder „erschaffen“ hat – das wären keine simultanen Ursachen.

        4. Du hast auf den Einwand nicht geantwortet, sondern nur festgestellt, dass Platon Realist war, was ja nun niemand bezweifelt.

        5. Die „Teleologie“ der unbelebten Natur (sehr ungewöhnlicher Begriff in diesem Zusammenhang) kann man einfach mit dem Kausalitätsaxiom erklären: Entitäten handeln ihrer Natur gemäß. Ein runder Stein rollt einen Abhang hinab, wenn ein Sturm ihn dorthin weht. Gott muss den Wind dafür nicht gepustet haben.

        • patrick.sele sagt:

          Andreas Müller: „1. Ich habe die
          aristotelische Vorstellung bezüglich der physikalischen Bewegung korrekt
          zusammengefasst. Er meint in diesem Kontext nicht „Wandel“.“

          Was genau
          Aristoteles mit „Bewegung“ gemeint hat, ist doch in diesem Zusammenhang
          nebensächlich. Die Frage ist doch, ob es tatsächlich so ist, dass aus dem
          Vorhandensein von Wandel oder Veränderung auf die Existenz Gottes geschlossen
          werden kann, unabhängig davon, ob ein solches Argument demjenigen des
          Aristoteles entspricht oder nicht.

          Andreas Müller: „3. Bei simultanen
          Ursachen kann ein Lebewesen der Beweger sein. Etwa ein Mann, der mit einer
          Schaufel Erde bewegt. Es geht hier ja gerade nicht darum, wer den Mann
          „bewegt“ oder „erschaffen“ hat – das wären keine simultanen
          Ursachen.“

          Der in dem Beispiel
          genannte Mann kann sein Potential, mit einer Schaufel Erde bewegen zu können
          nur dann realisieren, wenn eine äussere Ursache dieses Potential verwirklicht. Edward
          Feser bringt in diesem Zusammenhang nicht das Beispiel eines Mannes, der mit
          einer Schaufel Erde bewegt, sondern dasjenige eines Menschen, der einen Stock
          bewegt, der wiederum einen Stein bewegt:

          „Consider once
          again the hand, stone, and stick. The stone … moves only insofar as the stick
          moves, and the stick moves only insofar as the hand moves. … The motion of
          the stone depends on the motion of the stick, which depends on the motion of
          the hand, which depends on the state of the nervous system, which depends on
          the current molecular structure, which depends on the atomic basis of that
          molecular structure, which depends on electromagnetism, gravitation, the weak
          and strong forces, and so on and so forth, all simultaneously, all here and
          now. …

          How far can it go?
          Not that far, actually; certainly not to infinity. … “

          Edward Feser, The
          Last Superstition: A Refutation of the New Atheism, South Bend 2008, S. 94 f.

          Andreas Müller: „5. Die
          „Teleologie“ der unbelebten Natur (sehr ungewöhnlicher Begriff in
          diesem Zusammenhang) kann man einfach mit dem Kausalitätsaxiom erklären:
          Entitäten handeln ihrer Natur gemäß. Ein runder Stein rollt einen Abhang hinab,
          wenn ein Sturm ihn dorthin weht. Gott muss den Wind dafür nicht gepustet haben.“

          Das aristotelische
          Konzept von Teleologie würde ich als „Vorhandensein eines Potentials zur
          Veränderung in einer vorhersehbaren Weise oder zur Bewegung auf ein
          vorhersehbares Ziel hin“ umschreiben. Hier sind einige Beispiele solcher Art
          von Teleologie:

          – Ein
          Sauerstoffatom hat das Potential, sich mit zwei Wasserstoffatomen zu einem
          Wassermolekül zu verbinden.

          – Wasser hat das
          Potential, bei 0° C zu gefrieren.

          – Glas hat das
          Potential zu zerbrechen.

          – Ein
          physikalisches Objekt hat das Potential, ein anderes physikalisches Objekt in
          einer in einer mathematischen Formel beschreibbaren Weise (Gravitationsgesetz)
          anzuziehen.

          – Eine Eichel hat
          das Potential, zu einer Eiche zu werden.

          – Ein runder Stein
          hat das Potential, einen Abhang hinab zu rollen.

          Wo ist die Eiche, die aus einer bestimmten
          Eichel werden kann? Wo ist das Eis, das aus einer bestimmten Menge Wasser
          werden kann?

          Thomas von Aquin würde sagen: Im Intellekt
          Gottes!

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