Kennen wir „die“ Wahrheit?

Im Webinar am Mittwoch ist die Frage aufgekommen, was ich auf die Frage antworten würde: Glauben Objektivisten, die Anhänger von Ayn Rands Philosophie, „die Wahrheit“ gefunden zu haben? Diese Kritik wird schließlich häufig geäußert.

Die Frage, ob wir glauben, „die Wahrheit“ gefunden zu haben, ist sarkastisch gemeint und möchte uns in die Nähe religiöser Dogmatiker rücken. Sie enthält die Implikation, dass es die eine Wahrheit gar nicht gibt, sondern mehrere Wahrheiten (Subjektivismus), oder dass wir die Wahrheit nicht finden können (Skeptizismus). Schließlich enthält sie die Implikation, dass es da irgendeine höhere „Wahrheit“ gibt, die bestimmte Leute meinen, gefunden zu haben.

Ich habe keine Ahnung, was mit der „einen Wahrheit“ gemeint sein könnte. Ich bin mir ferner sicher, dass niemand die Frage, was das sein mag, beantworten kann. Als Philosoph müsste man erst einmal fragen: Die Wahrheit über was?

Nehmen wir die Frage, ob Ludwig XVI. (1754-93) im 18. Jahrhundert lebte? Die „eine Wahrheit“ bezüglich dieser Frage lautet: Ja. Meine ich, die „eine Wahrheit“ zu diesem Thema zu kennen? Ja. Ich habe mich genug mit Ludwig XVI. befasst  (er war der französische König, der nach der Revolution geköpft wurde), um so viel über ihn zu wissen, das er im 18. Jahrhundert lebte. Gibt es noch eine andere Wahrheit über die Lebenszeit jenes Königs? Nein. Können wir das vielleicht gar nicht wissen? Doch, es gibt zuverlässige historische Dokumente, die dies belegen.

Ich meine also, die absolute, totale, eine Wahrheit über die Lebenszeit von Ludwig XVI. zu kennen, wie jeder, der dessen Lebensdaten in Geschichtsbüchern notiert.

Die Leugnung einer Wahrheit über irgendetwas ist eine Möglichkeit, die Notwendigkeit von Wissen zu leugnen, die Herausforderungen der Erkenntnis abzuweisen. Wenn ich nichts wissen kann oder wenn es mehrere Wahrheiten gibt und ich kann mir eine aussuchen, dann brauche ich nichts zu lernen und kann mir meine Lieblingswahrheit spontan ausdenken. Ein weiterer Grund, solche unsinnigen Behauptungen aufzustellen, besteht darin, dass man sich selbst bestimmte Wahrheiten nicht eingestehen will oder man nicht möchte, dass andere sie erfahren.

Ich stelle mir Leute, die so etwas fragen, so vor: Mit Schweiß auf der Stirn und zitternder Stimme möchten sie wissen: „Meinst du etwa, „die Wahrheit“ gefunden zu haben? Hohoho! Über solche primitiven Konzepte sind wir doch schon lange hinweg. Die moderne Wissenschaft, Evolutionsbiologie, Neurologie und Orthopädie hat herausgefunden, dass es die Wahrheit gar nicht gibt! Weiß du das etwa nicht? Du liest wohl nie Bücher! Du bist bestimmt so ein Konservativer, der noch an Wunder glaubt und an die ewige Wahrheit der Bibel! Es gibt gar keine Wahrheiten! Ich habe zum Beispiel noch nie meine Frau betrogen und ich habe auch keine unehelichen Kinder in Marokko! Das sind gar keine Wahrheiten, es gibt keine Wahrheiten!“

Ich würde also antworten: Stellen Sie mir eine anständige Frage von der sie wissen, was sie bedeutet. Dann beantworte ich sie gerne. Wenn Sie mich fragen, ob ich eine Wahrheit kenne, dann müssen Sie auch erwähnen, worauf sich diese Wahrheit bezieht.

Allgemein gesagt halte ich die Aussagen des Objektivismus für wahr. Darum lehre ich diese Philosophie schließlich. Würde ich sie für falsch halten und sie trotzdem lehren, wäre ich ein Heuchler. Wäre ich der Meinung, dass alle Philosophien wahr sind, obwohl sie sich widersprechen, dann könnte ich nicht logisch denken und sollte besser keine Philosophie lehren. Wäre ich der Meinung, dass wir nicht wissen können, ob eine Philosophie wahr ist, dann sollte ich ebenso keine Seminare darüber veranstalten. Wenn ich Lehrveranstaltungen über etwas halten möchte, was ich nicht weiß, dann könnte ich Kochkurse geben. Wenn ich Lehrveranstaltungen über etwas halten möchte, was ich nicht wissen kann, dann könnte ich darüber reden, wie es ist, eine Frau zu sein.

9 Kommentare zu “Kennen wir „die“ Wahrheit?

  1. Nathan Warszawski sagt:

    Gibt es eine Wahrheit?

    • Harold Harry Francis Callahan sagt:

      Natürlich:
      ‚Etwas ist.‘ ist beispielsweise „wahr“ oder „Wissen“, dazu kämen noch Derivate der Art ‚Die Welt kann nicht umfänglich indeterministisch sein.‘

      Besser meist natürlich mit der Erkenntnis zu hantieren.

      Im Deutschen hat man mit dem Wissen und der Wissenschaft, vs. Scientia, wohl ein grundsätzliches Problem.

      MFG
      Harry

    • Alle Aussagen, die mit der Realität korrespondieren, sind wahr. Das reicht von „Mein Sweatshirt ist blau“ zu „Die Arten haben sich durch einen Vorgang der natürlichen Selektion entwickelt“.

      • Nathan Warszawski sagt:

        Alle Tautologien sind wahr.

        • Harold Harry Francis Callahan sagt:

          Ginge in die Richtung:
          Alles, was je gesagt oder geschrieben worden ist, das logisch, wohlgemerkt: eine Sprachlichkeit meinend, nicht (in sich) widersprüchlich war, wäre aus Sicht einiger wahr.

          MFG
          Dr. W (der zumindest im Umgangsprachlichen von diesem Wahrheitsbegriff abrät)

          • Nathan Warszawski sagt:

            Somit sind alle Wahrheiten informationslos.

          • Harold Harry Francis Callahan sagt:

            ‚Wahrheiten‘ meinen im besten oder üblichen Sinne Erkenntnis, die in „n zu m – Bezügen“ verwaltet wird, als sozialer Prozess, der mit Provisorien arbeitet die nutzbringend sind für den einen oder anderen oder für: die Menge.

            Die Gebildestellung oder „Information“ ergibt sich demzufolge durch den Erfolg, der post festum nachzuweisen ist, im Ex Post, auch teilweise im Ex Inter.

            MFG
            Dr. W (der, Sie mögen es ahnen, nicht umfänglich mit dem konform geht, was der hiesige Inhaltegeber verlautbart, ihn nichtsdestotrotz schätzt, und dies ziemlich)

          • Die Wahrheit ist also pragmatisch, individuell subjektivistisch und kollektiv subjektivistisch. Damit hätten wir die drei großen falschen Auffassungen der modernen Philosophie in einem Satz untergebracht. Fehlt nur noch das skeptische „Wahrheit ist grundsätzlich nicht erkennbar“. Man darf die Wahrheit nicht der Willkür überlassen, weder der Willkür dessen, „was gerade funktioniert“, noch der Willkür eines Diktators oder eines Mobs. Was wahr ist, lässt sich objektiv mit der induktiven Methode feststellen und das einzige Wahrheitskriterium ist die Korrespondenz einer Aussage zur Realität – nicht zu sich selbst, nicht zu Ideen in unseren Köpfen, nicht zu den Auffassungen der Partei.

          • Harold Harry Francis Callahan sagt:

            Wahrheit ist grundsätzlich nicht erkennbar

            Wahrheit gibt es in der Tautologie (z.B. in der Philosophie oder in der Mathematik) und zwar genau dann, wenn die diesbezügliche Eigenschaft definiert und als Eigenschaftenwert vorhanden ist und zugewiesen werden kann.

            In der Natur greift der Begriff der Erkenntnis.

            HTH
            Harry

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