Brot und Boden

Lebensmittel aus der Heimat? Nein danke. Regional ist mir egal.  (Bild: MaxStraeten. morguefile.com. Lizenz M)

Lebensmittel aus der Heimat? Nein danke! Regional ist mir egal. (Bild: MaxStraeten. morguefile.com. Lizenz M)

Wir sollen möglichst unsere Lebensmittel und andere Produkte aus der Region beziehen und somit die örtliche Wirtschaft fördern. Das heißt es dieser Tage seitens immer mehr Organisationen, darunter staatliche Ministerien, die sich für die neue Autarkie stark machen. Ich habe diese Idee bereits aus ökonomischer Sicht in einem Beitrag kritisiert. Leider hat man nicht auf mich gehört, stattdessen gibt es weiterhin Initiativen für regionales Essen. Darunter das im Mai 2014 gestartete „Regionalportal“ der bayerischen Regierung. Nun, wenn Argumente sowieso nicht zählen, dann zücke ich den rhetorischen Vorschlaghammer und habe auch mal ein wenig Spaß.

1. Kleine und mittlere Betriebe gut, Großbetriebe böse

Zitat vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, gefolgt von einem Zitat aus einer anderen Quelle:

„Lebensmittel, die regional erzeugt und verarbeitet wurden, stärken die heimischen Betriebe und sichern Arbeitsplätze. Vermarktungskooperationen zwischen Landwirten, Verarbeitern, Händlern und Verbrauchern tragen zur Existenzsicherung auch kleiner und mittlerer Betriebe bei und stärken die regionale Wirtschaftskraft.“

„Es soll auf eine gesunde Verteilung der landwirtschaftlichen Besitzgrößen hingewirkt werden, da eine große Anzahl lebensfähiger kleiner und mittlerer Bauernhöfe, möglichst gleichmäßig über das ganze Land verteilt, die beste Gewähr für die Gesunderhaltung von Volk und Staat bildet.“ (Reichserbhofgesetz der Nazis)

„Vermarktungskooperationen“ und „staatliche geförderte Vetternwirtschaft“ – da muss mir bei Gelegenheit jemand den Unterschied erklären. Große Betriebe sind offenbar schlecht und werden vom Staat nicht gefördert – kein gutes Wort hat unser Landwirtschaftsministerium für sie übrig. Warum? Wahrscheinlich sind sie einfach zu gut und zu erfolgreich. Dafür werden sie nun vom Deutschen Volk bestraft. Kann ja nicht sein, dass jemand dermaßen gut ist in seiner Arbeit, dass sein Betrieb über das natürliche Maß hinauswächst, das für die Gesunderhaltung von Volk und Staat am besten geeignet erscheint. Jedenfalls, wenn man nicht mehr alle Tassen im Schrank hat und noch niemals etwas gehört hat von den Vorteilen des globalen Freihandels mit seinen internationalen Großunternehmen im Unterschied zur Autarkie.

2. Unsere Produkte sind scheiße, also kauft sie aus ideologischen Gründen

Ich glaube nicht, dass ich jemals darauf hingewiesen habe, dass ich meine Bücher in Würzburg im schönen Unterfranken geschrieben habe und man sie darum kaufen soll. Man sollte sie kaufen, weil sie gut sind. Viele Organisationen kümmert es wenig, was es über die eigenen Angebote aussagt, wenn man so ein Argument gebraucht. Zitat von unserem schönen Landwirtschaftsministerium:

Saisonale Lebensmittel aus der Region

  • stärken die heimische Landwirtschaft

  • fördern die regionale Wirtschaftskraft

  • sind frisch und stecken voller guter Inhaltsstoffe

Das letzte Argument wäre gut, wenn es stimmen würde – beziehungsweise gehe ich schon davon aus, dass es grundsätzlich stimmt, aber Lebensmittel mit einem längeren Transportweg sind auch frisch. Und das schwächt das Argument doch ein wenig. Dafür hat man extra eine Unzahl von Gesetzen erlassen. Ohne die würde sich jeder Deutsche nur verschimmelte Lebensmittel kaufen. Natürlich ist hier die Implikation im Argument vorhanden, dass die ganzen schönen Gesetze über die Frischhaltung von Lebensmitteln gar nichts gebracht haben. Vielmehr kommt es darauf an, dass sich die Zutaten der Lebensmittel möglichst in geografischer Nähe zur eigenen Person befinden. Nur darum sind sie wirklich frisch. Nicht, weil Lebensmittel und deren Aufbewahrung in Deutschland bis ins Detail reguliert sind. Gut zu wissen. Schön, dass ein Ministerium für weniger Regulierung wirbt.

Grundsätzlich ist diese Ideologie der überlegenen Region dasselbe wie der Nationalismus, nur im Kleinformat. Dadurch ist es politisch korrekt. Jetzt gibt es keine Nationalisten mehr, sondern Regionalisten. Dasselbe, nur noch beschränkter. Statt nicht über die Grenzen des eigenen Landes hinaus blicken zu wollen, möchte man nun nicht mehr über die Grenzen der eigenen Region hinaus blicken. Ein echter Fortschritt.

„Regionalität schafft Identität“, heißt es dazu beim Deutschen Bauernverband. Brot und Boden.

3. Geschütztes Klima, gefüllte Taschen

„Wer beim Einkauf saisonale Produkte aus dem Freiland bevorzugt, hilft Schadstoffemissionen zu vermeiden und fossile Energie einzusparen.“

Zu dem Thema werde ich bald einiges zu sagen haben. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es geht bei der Ökonomie sehr stark um Effizienz, durchaus auch, was den Verbrauch von möglichst wenig Energie angeht. Dadurch spart man Kosten. Wenn Nahrung, die von verschiedenen Gebieten kommt, trotz der mit der Entfernung gestiegenen Kosten günstiger ist als dieselben Produkte aus der Region, so sollte man sich ein paar Fragen stellen. Überhaupt sollte man sich die Frage stellen, warum Nahrungsmittel, deren Bestandteile längere Transportwege zurückgelegt haben, auf dem freien Markt überhaupt erhältlich sind, wo doch die regionalen Nahrungsmittel so viel günstiger herzustellen sind, mit weniger Energieverschwendung und Schadstoffemissionen. Seltsam.

4. Vetternwirtschaft ist super

„Kurze Wege bedeuten überschaubare Strukturen. Sie schaffen Transparenz und Vertrauen für alle Beteiligten.“

Überschaubare Strukturen. Beteiligte am Markt, die sich alle kennen und vertrauen. Hm.

Wo sie staatlich und ideologisch gefördert wird, kann Vetternwirtschaft ganz transparent betrieben werden. Wozu verstecken, wo doch das Vertrauen aller Beteiligter und überschaubare Strukturen allen zum Vorteil gereichen? Diese ganzen Fremdlinge mit ihren besseren und günstigeren Produkten kann man da locker aus dem Markt ausschließen – wenn man die Kunden erst einmal für dumm verkauft hat.

5. Primitivismus für alle

„Regional und saisonal erzeugte Lebensmittel unterliegen den jahreszeitlichen Schwankungen, die Eintönigkeit vermeiden helfen und dafür Vorfreude aufkommen lassen: Vorfreude auf die Erdbeersaison, die Spargelsaison oder die Apfelernte.“

Wir sind heute viel zu verwöhnt, weil wir uns gleich alles kaufen können, was wir gerne hätten. Denken Sie nur an die wirtschaftliche Lage 1945! Wie schön war die Zeit, als wir noch Vorfreude empfinden konnten auf die tägliche Ration, die vielleicht zum Überleben reichte! Wie viel schöner war es vor der Industrialisierung, als auch die Kinder schon zwölf Stunden täglich auf dem Feld arbeiten mussten (musste sogar meine Oma noch, wie sie mir gerne erzählt), um dabei vielleicht einmal ein Stück Schokolade zu Weihnachten zu bekamen! Da schießen mir die Tränen aus den Augen. Etwas zu wollen und es nicht zu bekommen, obwohl es keinen guten Grund dafür gibt, es sich nicht zu nehmen. Da lernt man etwas fürs Leben. Selbstaufopferung, der Selbstaufopferung willen. Verzicht auf ein gutes und erfülltes und glückliches Leben, einfach nur, weil man es kann.

6. Fick die Dritte Welt

Anstatt also unsere Handelsbarrieren abzubauen, unsere Agrarförderung einzustellen, damit die Drittweltländer ihre landwirtschaftlichen Produkte – und viel mehr haben die nicht – bei uns verkaufen können, um zu überleben – liefert unser Bayerisches Landwirtschaftsministerium die alten Argumente für Protektionismus und Autarkie. Das sorgt immerhin dafür, dass mir ganz schlecht wird, sobald ich regionale Lebensmittel sehe.

Siehe auch:

Stiftung Warentest: „Fazit der Tester: Regionale Lebens­mittel garan­tieren in erster Linie eine bestimmte Herkunft – mehr nicht.“

CDU will Quote für Regionales Essen (Schön, und ich will einen CDU-Verbotsantrag)

(CO2-)Sparpotenzial durch Essen ist begrenzt (Focus)