Pressefreiheit und Objektivität

Das weiß doch jedes Kind: Nur weil man unprofessionell arbeiten darf, sollte man es noch lange nicht tun. (Bild: gracey: JGS_mF_CurrentEvents.jpg. morguefile.com. Lizenz: M.)

Pressefreiheit heißt nicht das alle Objektiv berichten müssen. Es heißt das jeder berichten darf wie er will. Und das nicht gelogen wird.

Kommentar von Hobbes bei den ScienceBlogs zu meinem Beitrag Natürlich wird nicht objektiv über Pegida berichtet!

Die Freiheit, Restaurants zu betreiben, lieber Hobbes, heißt auch nicht, dass jedes Restaurant gutes Essen anbieten muss. Jeder darf Essen anbieten, wie er will. Solange die Gäste nicht gleich tot umfallen, nachdem sie es gegessen haben, darf man auch das ekelhafteste Zeug zusammenkochen.

Um Qualität von Nicht-Qualität zu unterscheiden, gibt es allerdings in jeder Branche gewisse Handwerksregeln. Im Journalismus auch – so überraschend und schockierend und unglaublich das inzwischen offenbar für manche Zeitgenossen geworden ist. Und zu diesen Handwerksregeln gehört 1. Die Trennung von den berichtenden Gattungen und den kommentierenden Gattungen und 2. Die Objektivität in den berichtenden Gattungen (und in geringerem Ausmaß auch in den kommentierenden Gattungen – diese dürfen zwar wertend sein, aber müssen auch wahrheitsgetreu sein und sollten den vollen Kontext bei der Wertung beachten).

Diese existenzialistische Idee von „Freiheit“, dass man sich die Welt machen soll, wie man will, entgegen aller Fakten, ohne alle Maßstäbe, ist eine Art von Freiheit, auf die ich gut verzichten kann. Niemand hat de facto die Freiheit, die Realität zu ignorieren. Der Versuch muss scheitern. Die journalistischen Handwerksregeln zu ignorieren und zu meinen, man würde auf Dauer damit durchkommen, ist so, als würde man es ignorieren, dass es draußen Minus zehn Grad sind mit Schneesturm. Wer da mit kurzer Hose und barfuß draußen herumläuft, holt sich eine Lungenentzündung. Da kann er noch so sehr auf sein heiliges Recht als freier Staatsbürger beharren, nackt beim Schneesturm herumzulaufen, die Realität wird sich rächen. Und wer sich für die mangelnde Objektivität in der Presseberichterstattung rächt, sind die Leser, die sich zunehmend von den Zeitungen abwenden. Es können immer weniger Menschen Blogs von Zeitungen unterscheiden – weil beide sich in ihrer Subjektivität annähern. Also kann man ebenso Blogs lesen als die FAZ oder die Süddeutsche.

Generell finde ich die mangelnde Unterscheidung, die häufig zwischen dem politischen Recht und der ethischen Zweckmäßigkeit getroffen wird, erschütternd. Es muss doch, bitteschön, wenigstens den meisten Menschen klar sein, dass sie zwar das politische Recht haben, ihr Leben zu ruinieren, dass es darum aber keine gute Idee ist! Man darf sich in eine Ecke setzen und sein Leben lang Klebstoff schnüffeln (Politik) – aber man sollte es nicht tun (Ethik). Man darf seinen Gästen schlechtes Essen servieren (Politik) – aber man sollte es nicht tun (Ethik). Man darf beim Schneesturm nackt draußen herumrennen (Politik) – aber man sollte es nicht tun (Ethik). Man darf seine Meinung in der Nachrichtenberichterstattung unterbringen (Politik) – erstaunlicherweise, früher haben das die meisten Redaktionen eigentlich untersagt – aber man sollte es nicht tun (Ethik).

Der Grund, warum man einiges, was man rechtlich tun darf, nicht tun sollte, ist das aufgeklärte Eigeninteresse. Wer nur Klebstoff schnüffelt, dem entgeht das Leben, er wird krank und stirbt. Wer seinen Gästen schlechtes Essen serviert, der wird bald keine mehr haben und geht pleite. Wer bei einem Schneesturm nackt draußen herumrennt, der riskiert eine Lungenentzündung. Wer Journalismus nicht objektiv betreibt, der verliert seine Leser und somit seine Werbekunden – noch mehr, als sowieso schon – und somit sein Einkommen.

4 Kommentare zu “Pressefreiheit und Objektivität

  1. freeman sagt:

    Die Vermengung von Politik und Ethik erfolgt auch „in die andere Richtung“: Die Tätigkeit X wird als ethisch falsch gesehen, und muss deshalb politisch verboten werden.

    Ungesunde Ernährung, Rauchen, Diskriminierungen aller Art, Gentechnik, und vieles mehr.

    Ich bezeichne das immer als “ perversen kategorischen Imperativ“: „Fordere, dass die Maxime Deines Handelns Grundlage eines allgemeinen Gesetzes wird.“

  2. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Wieso darf eigentlich nicht medial gelogen werden?
    Das geschieht doch andauernd und ist Teil der freien Veranstaltung…

    Gemeint vielleicht das idealisierte Wesen des Journalismus, dort sollte idT nicht „gelogen“ werden, zumindest die geschilderte Datenlage sollte unwiderlegbar sein, über Fakten lässt es sich schlecht streiten, aber zumindest der bundesdeutsche Journalismus ist weitgehend verkommen, die Standardmedien meinend und die zunehmende Nichttrennung von Nachricht und Meinungsbeitrag.

    Letztlich geht es hier um die Grenzen der Meinungsfreiheit, die im liberalen Sinne darin bestehen, dass nicht zur Gewalt aufgerufen werden darf und dass auch direkte Aufrufe zu Gesetzesverstößen nicht geduldet werden müssen, die dritte Einschränkung, die der hiesige Inhaltegeber bereits thematisiert hat, besteht darin, dass es verboten sein muss im Rahmen der Meinungsfreiheit Panik zu erzeugen, wenn direkt andere gefährdet werden, der Ruf „Bombe!“ im vollbesetzten Theater ist hier der „Klassiker“. [1]

    MFG
    Dr. W

    [1] in der BRD gibt es etliche weitere Einschränkungen, bspw. der Ehrpusseligkeit geschuldet („Beleidigungen“) und der Politischen Richtigkeit („falsche“ Meinung wäre bspw. schnell „Volksverhetzung“ oder „Hassverbrechen“) – es wird hier dem Anschein nach in der BRD vom liberalen und aufklärerischen Weg schwer weggegangen

  3. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Es wird wohl nirgendwo ‚objektiv‘ berichtet, früher haben sich, was die Berichterstattung betraf, Medien bevorzugt durch die Auswahl von Nachricht unterschieden, neben den Meinungsbeiträgen natürlich.
    Das ging, das war recht angenehm.

    ‚Newsseiten‘ oder WebLogs, hinter denen bekannte Personen, zumindest Personen mit bekannter Einstellung stehen, sind auch OK, heutzutage sind aber die Standardmedien oft politisch nicht erkennbar aufgestellt, zumindest diejenigen nicht, die einstmals als ausgewogen oder als liberal galten.
    Dann weiß man gar nicht mehr, welche Meinung in welche Nachricht wie eingeflossen sein könnte.

    Dass bevorzugt dort gelesen wird, wo eine Einstellung als vorhanden angenommen werden kann, die geteilt wird, liegt in der Natur der Sache, ist auch nicht schlimm, geht nicht in die Richtung, dass der an sich unbedarfte Leser seine ‚Vorurteile‘ oder gar Ressentiments bestätigt sehen will.
    Vorurteile sind ja als provisorische Zwischenurteile nur OK, viel besser als feste Urteile; aus agitatorischen Gründen womöglich, auch um zu irritieren, ist das gute alte Vor- oder Zwischenurteil vor vielleicht 40 Jahren negativ konnotiert worden.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.