Objektivismus versus Konservativismus

Bislang habe ich noch kein Seminar über die objektivistische Ethik und Politik angeboten. Vielleicht gibt es darum noch eine ganze Menge Unklarheiten und Missverständnisse. Da mich nun mehrere Leser auf angebliche Überschneidungen des Objektivismus mit dem „Konservativismus“ hingewiesen haben, so muss ich hier darauf eingehen, wie das Verhältnis aussieht.

Zunächst einmal ist der „Konservativismus“ keine klar definierte Ideologie oder Philosophie. Was mag es eigentlich bedeuten, wenn man sagt, dass wir uns an „alten Werten“ orientieren sollen? Manche alten Werte sind rational, andere sind es nicht. Und in der Tat braucht man ein Kriterium wie die Rationalität, um Werte zu beurteilen, und nicht das „Alter“. Es ist rational, nicht zu stehlen und zu morden, aber es ist nicht rational, keinen Gott außer dem christlichen Gott zu verehren. Soll wirklich das bloße Alter einer Tugend für sie sprechen? Was soll daraus folgen, wenn man seine Heimat, sein Land, seine Familie irgendwie ins Herz geschlossen hat? Das habe ich auch, das haben viele, und trotzdem sind nur einige davon konservativ. Was mag es bedeuten, „gewachsene Strukturen“ hochzuhalten und vor Veränderungen zu warnen? In der islamischen Welt sind Scharia-Gerichte zweifellos „gewachsene Strukturen“. Soll man an diesen auch festhalten, nur weil sie gewachsene Strukturen sind? Früher war in Deutschland die Verbannung von Ehebrecherinnen aus der Stadt oder dem Dorf eine „gewachsene Struktur“, ein „alter Wert“. Sollen wir Ehebrecherinnen aus dem Dorf jagen?

Der Objektivismus, gehört zur aristotelischen Tradition. Die aristotelische Philosophie ist mit über 2300 Jahren älter als das Christentum. Warum halten sich viele Konservative dann nicht an diese Philosophie, sondern an irgendwelche neuerlichen Irrwege wie das Christentum? Man soll laut Konservativen auf Autoritäten hören. Dann hört doch auf die Autorität von Ayn Rand, die eine größere Philosophin war als Jesus Christus – und die sagte, dass man nicht auf Autoritäten hören soll. Es heißt, man soll auf Tischmanieren achten, Passanten freundlich anschauen und Menschen zur Begrüßung die Hand schütteln. Das machen Salafisten auch und am nächsten Tag sprengen sie in Syrien Ungläubige in die Luft. Konservativ sollen irgendwie beide sein, der sittenbewusste deutsche Konservative und der konservative Islamist.

Der Konservativismus ist eigentlich kein „Ding“. Das ist keine klare Position, keine wirklich definierbare Weltanschauung. Es gibt höchst rationale Menschen, die sich für Konservative halten, wie mein irischer Kollege Mark Humphrys, und es gibt höchst irrationale Menschen, die meinen, sie wären konservativ, wie den örtlichen Imam (ziemlich egal, wer er ist). Und sie glauben völlig unterschiedliche Dinge.

Der Konservativismus ist etwas völlig anderes als der Objektivismus, bedenkt man die groben Tendenzen konservativer Überzeugungen. Der Objektivismus sieht den Menschen als Individuum an und vertritt eine egoistische Ethik, der Konservativismus sieht den Menschen als Teil einer Gruppe an und vertritt eine altruistische Ethik. Der Konservativismus fordert politische Eingriffe in das Privatleben der Menschen und in die Wirtschaft, um seine Ethik mit staatlicher Gewalt durchzusetzen, der Objektivismus lehnt solche Eingriffe ab. Der Staat dient für uns nur zum Schutz individueller Rechte. Konservative sind häufig religiös, Objektivisten sind ausnahmslos Atheisten (weil der Atheismus ein logisches Resultat der objektivistischen Metaphysik ist).

Da meine konservativen Kritiker in der Regel nur ethisch, aber nicht politisch konservativ sind – dort sind sie liberal – habe ich bei den folgenden Zitaten von Ayn Rand die Religionskritik und die Kritik an konservativen Eingriffen in die Wirtschaft und die konservative Befürwortung des Wohlfahrtsstaates weitgehend ausgelassen:

Zitate: Ayn Rand über Konservativismus

Wir sind keine „Konservativen“, wir sind Radikale für den Kapitalismus.

Falls die „Konservativen“ nicht für den Kapitalismus stehen, dann stehen sie für nichts und sind nichts; sie haben kein Ziel, keine Richtung, keine politischen Prinzipien, keine gesellschaftlichen Ideale, keine intellektuellen Werte, keine Führung, die sie irgendwem anbieten könnten.

Die heutigen „Konservativen“ sind überflüssig, ohnmächtig und kulturell tot. Sie haben nichts anzubieten und sie erreichen nichts. Sie können nur dabei helfen, intellektuelle Maßstäbe zu zerstören, das Denken aufzulösen, den Kapitalismus zu diskreditieren und den Zusammenbruch dieses Landes zur Verzweiflung und Diktatur zu beschleunigen.

Es gibt heute nichts zu „konservieren“: Die etablierte politische Philosophie, die intellektuelle Orthodoxie und der Status Quo sind der Kollektivismus.

Der Kollektivismus, die uralte, vereiste Statusgesellschaft wird uns im Namen des „Fortschritts“, des „Progressiven“ angeboten – während der Kapitalismus, die einzig freie, dynamische, kreative Gesellschaft, die jemals entworfen wurde, in Namen der Stagnation, der Konservierung verteidigt wird.

Für die „Tradition“ als solche zu plädieren kann nur jene ansprechen, die aufgegeben haben oder die noch nie vorhatten, irgendetwas im Leben zu erreichen. Es ist ein Plädoyer, das die furchtbarsten Elemente in den Menschen anspricht und die besten ablehnt: Es appelliert an Furcht, Faulheit, Feigheit, Konformität, Selbstzweifel – und lehnt Kreativität, Originalität, Mut, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ab.

Das Argument, dass wir die „Tradition“ als solche zu respektieren hätten, nur weil sie eine „Tradition“ ist, bedeutet, dass wir die Werte, die andere Menschen gewählt haben, akzeptieren müssen, nur weil andere Menschen sie gewählt haben – mit der notwendigen Implikation: Wer sind wir, sie zu verändern? Der Affront für das Selbstvertrauen des Menschen ist in einem solchen Argument ebenso offenkundig wie die Verachtung der menschlichen Natur.

Quellen:

http://aynrandlexicon.com/lexicon/conservatives_vs_liberals.html

http://aynrandlexicon.com/lexicon/tradition.html

6 Kommentare zu “Objektivismus versus Konservativismus

  1. Missing Link sagt:

    Bernd sagt:

    „Als Liberaler halte ich von der konservativen Ideologie ebenso viel wie von der linken Ideologie: Nichts….“ hast du mir gestern geantwortet.
    In deinem obigen Beitrag schreibst du nun: „Zunächst einmal ist der „Konservativismus“ keine klar definierte Ideologie oder Philosophie“…also was denn nun. Du „irrlichterst“ hier ganz schön herum.
    Um konservative Menschen kritisieren zu können, unterstellst du ihnen pauschal dämliche Ansichten, d. h., du baust einen Popanz auf, um dann darauf einprügeln zu können.
    Natürlich gibt es so dämliche Konservative, aber das ist doch nicht das Charakteristikum des Konservativismus.
    Das, was du im zweiten Teil Ayn Rand sagen läßt, ist so „unter aller Sau“, daß ich darauf gar nicht antworte. Sie hat vom Wesen der menschlichen Kultur überhaupt nichts verstanden.
    Wenn du nun sagst, du bist kein „Liberaler“, sondern „Objektivist“, dann sage ich dir, ich bin kein „Konservativer“, sondern „Humanetologist“.

    • Ich irrlichtere hier erheblich weniger herum als Konservative. Ich schreibe, dass es keine klare Philosophie ist und das ist sie auch nicht. Nenne mir einen konservativen Philosophen, der die „konservative Philosophie“ klar definiert und von anderen Philosophien abgegrenzt hat. Das kannst du nicht, denn es gibt so etwas nicht. In der folgenden Kritik an „der“ konservativen Weltsicht gehe ich auf vage Tendenzen ein, die mit dieser assoziiert werden. Was sollte ich auch sonst tun in Abwesenheit klarer Definitionen?

      Definiere nun du also bitte, was „konservativ“ bedeutet und welche Ideen hier involviert sind, dann werde ich gerne darauf antworten.

      Ich lasse Ayn Rand derweil nichts sagen, sondern das sind Zitate von Ayn Rand, von mir ins Deutsche übersetzt. Und sie hat eine sehr, sehr klare Vorstellung von der menschlichen Kultur und Natur. Konservative spucken lediglich auf den Menschen, sie unterstellen ihm, dass er Riten, Traditionen, Autoritäten braucht und selbst nicht denken oder leben könnte. Wenn du nun meinst, Konservative haben schon immer etwas ganz anderes behauptet und noch nie für die Erhaltung von Traditionen plädiert, so belege das bitte.

      Objektivisten gehören im politischen Bereich zu den Liberalen, aber sie sind nicht einfach nur „Liberale“. Ein philosophisches System besteht aus Metaphysik, Epistemologie, Ethik, Politik und Ästhetik. „Liberal“ bezieht sich nur auf die politische Philosophie.

      Also: Was ist essenziell für den Konservativismus?

      • Wie der Islam nichts mit dem Islam zu tun hat, hat der Konservatismus wohl nichts mit dem Konservativismus zu tun?

        „Konservatismus (auch Konservativismus; von lat. conservare „erhalten, bewahren“ oder auch „etwas in seinem Zusammenhang erhalten“) ist der Sammelbegriff für politische und geistige soziale Bewegungen, die die Bewahrung der bestehenden oder die Wiederherstellung von früheren gesellschaftlichen Ordnungen zum Ziel haben.[1] Neben dem Liberalismus und dem Sozialismus stellt er eine der drei großen politischen Ideologien bzw. Weltanschauungen, die sich im 18. und 19. Jahrhundert in Europa herausgebildet haben, dar. Im Unterschied zu den beiden anderen stellt der politische Konservatismus allerdings mehr eine Haltung in einer spezifischen historischen Situation als eine geschlossene politische Philosophie dar.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Konservatismus

        Belegt meine Position, widerspricht deiner Position.

        Ebenso: „Im 18. Jahrhundert bekämpften frühe konservative Denker den Rationalismus der Aufklärung, der den Glauben an die vernunftbestimmte Autonomie des Menschen und an dessen Fähigkeit zur rein vernunftgemäßen Neuordnung aller Bereiche des Politischen propagierte, was man als widerrechtlichen und widernatürlichen Eingriff des Menschen in die natürliche und göttliche Weltordnung ansah.“

        Ebenso:

        „Zum Konservatismus werden grundsätzlich folgende Grundpositionen gerechnet:

        der Glaube an das Walten der göttlichen Vorsehung in der Geschichte und die Einsicht in die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft
        die konkrete Anschauung und aus der Geschichte gewonnene Erfahrung im Unterschied zu abstrakter Systematik
        die Vielfalt des historisch Gewachsenen in der Gesellschaft im Unterschied zur uniformen Freiheit für alle
        Tradition in der Gestalt der unbewussten Weisheit der Ahnen
        Autorität mit Rücksicht auf die natürliche Ungleichheit der Menschen im Gegensatz zum egalitären Denken
        die Einheit von bürgerlicher Freiheit und Privateigentum“

      • Missing Link sagt:

        Bernd sagt:

        „Ich schreibe, dass es keine klare Philosophie ist…“
        Falsch, du schreibst, “ keine klar definierte Ideologie oder Philosophie“…
        Natürlich ist sie das nicht, das ist völlig unbestritten. Deswegen kann ich auch nichts Essenzielles schreiben. Bollinger schreibt von „schwammig“ und sba von „schillernd“
        Im Gegensatz dazu schreibst du vorgestern: „Als Liberaler halte ich von der konservativen Ideologie ebenso viel wie von der linken Ideologie: Nichts….“
        Also, wer irrlichtert nun?
        Alles Weitere unter deinem neuen Beitrag.

        • Es ist keine klar definierte Ideologie oder Philosophie (keine klare Philosophie, wenn man davon ausgeht, dass es überhaupt eine ist). Trotzdem kann man grobe Tendenzen bei konservativen Autoren ausmachen – und diese kritisieren. Könnte man sie nicht kritisieren, hätte man nur noch die Option, sie zu ignorieren – denn man kann nur jemanden nicht kritisieren, der nichts ansatzweise Gehaltvolles aussagt.

  2. tst sagt:

    Und in der Tat braucht man ein Kriterium wie die Rationalität, um Werte zu beurteilen, und nicht das “Alter”.

    Es ist rational, nicht zu stehlen und zu morden, aber
    es ist nicht rational, keinen Gott außer dem christlichen Gott zu
    verehren. Soll wirklich das bloße Alter einer Tugend für sie
    sprechen?

    Das ist richtig. Nur bezeichnen verschiedenen Ideologien verschiednee Dinge als „rational“.

    Das fängt schon damit an, dass der Objektivismus den Wettbewerb der Marktwirtschaft für die beste Organisationsform der Wirtschaft hält. Viele Leute dagegen sehen den Wettbewerb eher als eine Form der Verschwendung, die man mit anderen Organisationsformen doch viel besser hinkriegen könnte.

    Nehmen wir den Philosophen David Stove, der unter „Rationalität“ wohl auch etwas total anderes verstand als der hiesige Autor: In einem Essay schrieb er einmal, dass es viel mehr Wege gibt, eine gute Fernsehserie (ein anschauliches Beispiel) schlecht zu machen als eine gute Serie gut zu machen.
    Auch wenn ich Stove oft nicht zustimme, glaube ich, dass er damit den Kernpunkt des Konservativismus herausgearbeitet hat. Dieser Kernpunkt hat einen durchaus wahren Kern. In unserer heutigen Zeit gibt es die Tendenz, der ich auch verfallen bin, alles alte grundsätzlich als „veraltet“, langweilig usw. zu betrachten und das neue automatsich als gut.
    Dies hat bstimmt viel mit den philosophischen Gedanken des „Fortschritts“ zu tun.

    Doch dieser Gedanke vernebelt uns den Blick auf viele Dinge, die gut funktionieren und deshalb auch so bleiben sollten. VoIP ist meines Erachtens dem klassischen Analog-Telefon im Ergebnis nicht überlegen, wird aber dennoch bevorzugt. Ja, es könnte sogar sein, dass unser momentanes, halb-digitales Verfahren überlegen ist (ich lese mich selbst grade ein). Dennoch wird VoIP massiv unterstützt…

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.