Der Konservatismus hat nichts mit dem Konservatismus zu tun

Blogger schon wieder? Was wollen sie diesmal? - "Fakten", "Objektivität", "Wahrheit" (Bild: Cox und Forkum, http://www.coxandforkum.com)

Mainstream-Medien: „Blogger schon wieder? Was wollen sie diesmal?“, „Das Übliche…“ – „Fakten“, „Objektivität“, „Wahrheit“ (Bild: Cox und Forkum, http://www.coxandforkum.com)

Der hiesige Kommentator Bernd ist der Auffassung, dass meine Kritik am „Konservatismus“ nichts mit dem wahren Konservatismus zu tun haben soll. Damit ähnelt er dem Islam, der ja auch nichts mit dem Islam zu tun haben soll. Konservative stehen also keineswegs für die Bewahrung des Alten, für die Erhaltung gewachsener Strukturen, für Traditionen und die Achtung von Autoritäten. Religiös sind sie wohl auch nicht so häufig. Bevor ich lese, für was Konservative bitte sonst stehen sollen, wenn nicht für das, möchte ich gerne ein paar Belege anführen. Dafür sollte zunächst einmal Wikipedia genügen – dort werden praktischerweise geeignete Quellen in den Fußnoten genannt.

Bernds Kommentar:

Um konservative Menschen kritisieren zu können, unterstellst du ihnen pauschal dämliche Ansichten, d. h., du baust einen Popanz auf, um dann darauf einprügeln zu können.
Natürlich gibt es so dämliche Konservative, aber das ist doch nicht das Charakteristikum des Konservativismus.

1. Autorität

„Der Staat ist in der Regel positiv konnotiert und oftmals autoritär begründet“

„Autorität mit Rücksicht auf die natürliche Ungleichheit der Menschen im Gegensatz zum egalitären Denken“

> Objektivisten betonen die Bedeutung des selbstständigen, individuellen Denkens. Der Staat dient nur zum Schutz individueller Rechte. Menschen werden als Handelspartner betrachtet, die zum gegenseitigen Vorteil Werte tauschen. Menschen sind individuell verschieden und sollten auch von den Werten, die sie erschaffen und tauschen, jeweils selbst profitieren. Sie sind aber gleich vor dem Gesetz.

2. Tradition

„Tradition in der Gestalt der unbewussten Weisheit der Ahnen“

„Die Gemeinschaft ist geprägt von Tradition, Brauchtum, Gewohnheit und Bindung. An die Stelle der Vertragstheorie des modernen Naturrechts tritt die Vorstellung eines generationenübergreifenden Kontinuums.“ (Edmund Burke, der „konservative Philosoph“)

> Objektivisten stehen für eben diese Vertragstheorie des modernen Naturrechts. Das „generationenübergreifende Kontinuum“ ist Sache der erzkonservativen Ökologen und ihrer Entrechtung des Individuums zwecks „Verantwortung für kommende Generationen“ und ähnliche totalitäre Ideen.

3. Erhaltung gewachsener Strukturen

„die Vielfalt des historisch Gewachsenen in der Gesellschaft im Unterschied zur uniformen Freiheit für alle“

> Objektivisten sind für genau diese „uniforme Freiheit für alle“, für objektives, universell in einer Gesellschaft verbindliches Recht, für individuelle Freiheit, unabhängig von Geografie und Geschichte.

4. Privateigentum

„die Einheit von bürgerlicher Freiheit und Privateigentum“

> Hier stimmen Objektivisten mit Konservativen überein.

5. Religion und Determinismus

„der Glaube an das Walten der göttlichen Vorsehung in der Geschichte und die Einsicht in die Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft“

> Objektivisten glauben nicht an Gottes Existenz. Sie sind vom freien Willen überzeugt. Die menschliche Vernunft sollte unsere ausschließliche Orientierung im Leben sein. Sie ist zu unbegrenztem Wissen und Verstehen fähig. Blinder Glaube ist abzulehnen.

6. Konkreta statt Abstrakta

„die konkrete Anschauung und aus der Geschichte gewonnene Erfahrung im Unterschied zu abstrakter Systematik“

Die Konkreta-gebundene Weltanschauung schreibt Ayn Rand dem „Missing Link“ zu, der zwischen Tier und Mensch verortet ist. Wir sollten ein Verständnis der Welt bis zu den höchsten Abstraktionen entwickeln. Entsprechend entwarf Rand ein philosophisches System mit eben diesen höchsten Abstraktionen. Diese sind letztlich, wie alles Wissen und alle Begriffe, auf die Realität zurückzuführen, auf die Identifikation und Integration unserer Sinnesdaten.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Konservatismus

Atlas Society über Konservatismus und Objektivismus

„(Rands) Philosophie, Objektivismus, steht für Vernunft, Individualismus und persönliches Glück. Konservative bevorzugen eher Glaube, Tradition und Pflicht als Kerntugenden. Politisch ist der Objektivismus klassisch liberal oder libertär. Er steht für eine Weltanschauung, die mit der Aufklärung assoziiert ist.“

http://www.atlassociety.org/myth-ayn-rand-was-conservative

Wir werden uns nicht für konservative Zwecke instrumentalisieren lassen. Ich werde mich nicht für konservative Zwecke instrumentalisieren lassen. Es ist eine tragische Tatsache, dass es nur sehr wenige liberale Deutsche gibt. Die Deutschen sind in der Regel entweder rechts oder links. Etwas anderes existiert für viele Menschen hierzulande nicht einmal. Dann gewöhnt euch mal besser an uns liberale Aufklärer, denn wir gehen nirgendwo hin. Wir sind gerade erst zurückgekommen.

24 Kommentare zu “Der Konservatismus hat nichts mit dem Konservatismus zu tun

  1. Fabian Bollinger sagt:

    Naja, ich würde als Opposition zu einer schwammigen, undefinierten Ideologie nicht ausgerechnet die Leute von der Atlas Society zitieren. Ansonsten absolut richtig 😉

  2. Missing Link sagt:

    Bernd sagt:

    @Andreas Müller

    Zunächst vielen Dank für die Mühe, die du dir gemacht hast.

    Leider strotzt dein Beitrag nur so von Unsachlichkeit. Das fängt schon mit der Überschrift an, und gleich darunter schreibst du „Damit ähnelt er (der Konservativismus) dem Islam, der ja auch mit dem Islam nichts zu tun haben soll“, wohl wissend, daß der Spruch „der Islamismus hat nichts mit dem Islam zu tun“ heißt. Du darfst gerne ein neues Wort für fundamentalistischen Konservativismus erfinden. Weiterhin zeige mir bitte, wo, wie im Koran, der Bibel oder in „Mein Kampf“ die Ideologie des Konservativismus klar und verpflichtend beschrieben ist.

    Du führst Wikipedia an, aber anstatt dich auf den Abschnitt „Konservativismus in Deutschland heute“ zu beschränken, zitierst du aus durchsichtigen Gründen Altermatt aus der Schweiz und Burke aus dem 18. Jahrhundert.

    Hier ein paar weitere Stichpunkte aus deiner Argumentation:

    „Der Staat dient nur zum Schutz individueller Rechte. Menschen werden als Handelspartner betrachtet, die zum gegenseitigen Vorteil Werte tauschen.“

    Aha, ich wußte gar nicht, daß ich nur der Handelspartner meiner Frau und meiner Kinder, meiner Verwandten und Freunde bin und daß das Recht eines Volkes auf Selbstverteidigung nicht vom Staat durchgesetzt werden darf.

    Weiterhin frage ich dich, welcher Konservative die Gleichheit vor dem Gesetz bestreitet.

    Es ist richtig, daß Konservative eher an ein göttliches Wesen glauben, ich habe das noch nie.
    Der Ojektivismus sagt, „Die menschliche Vernunft sollte unsere ausschließliche Orientierung im Leben sein. Sie ist zu unbegrenztem Wissen und Verstehen fähig.“ Das ist absoluter Unsinn und nichts anderes als der Spruch der „Gläubigen“: „Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild“.

    Zum Schluß noch Eines, lieber Andreas, was du als „Betreuer“ des Darwin-Jahres ja wissen solltest:

    Die gesamte Evolution ist KONSERVATIV aufgebaut, über riesige Zeitäume wurde behutsam Neues eingebaut, nachdem es sich im harten Überlebenskampf bewährt hatte. Die gesamte Evolution kannst du, zum Teil nur rudimentär, im Menschen wiederfinden.

    Der Objektivismus sagt, gut ist, was dem Leben nützt. Du weißt, wie fragil das Leben ist. Hätte es keinen Konservativismus gegeben, wäre die Menschheit längst ausgestorben, denn auch die menschliche Kultur muß den Regeln der Evolution folgen. Sobald sie revolutionär auftritt, schadet sie dem individuellen menschlichen Leben.

    „Es gibt heute nichts zu “konservieren” sagt Ayn Rand. Na, dann ab ins Chaos und anschließend in den Tod.

    • sba sagt:

      Damit kann ich meine Vermutung dann wohl laut rausrücken, dass die beiden Herren mir aneinander vorbeizuschreiben scheinen.

      Mein Vorschlag: Streichen wir erstmal den „ismus“ und halten fest, dass viel „konservativ“ genannt werden kann, ohne dadurch einer bestimmten Ideologie anhängig zu sein. – Wer auch immer etwas schuf, wird hinterher zusehen, dass nicht irgendein Hinterteil einreißt, was Kopf und Hände bauten. Und der Wille, etwas erhalen zu wollen (und damit hinsichtlich diesen Etwas‘ konservativ zu sein) sagt noch nichts über die Gründe der Erhaltungsentscheidung aus. Hätten wir uns zu einer solchen eher deskriptiven Sicht durchgerungen, könnten wir uns evtl. über psychologische und philosophische statsitische Zusammenhänge verständigen: Es gibt Menschen, die verhalten sich allgemein konservativ, aus verschiedenen Gründen, wovon manche auffällig-überwiegend auftauchen und andere, die sind nur sehr speziell konservativ, sofern sie bestimmtes zu erhalten suchen, ebenfalls aus bestimmten Gründen, wovon manche auffällig überwiegen mögen, während sie anderes loswerden oder verbessern wollen.

      Wäre das eine mögliche Verständigungsbasis, oder habe ich hier zu bauarchäologisch gedacht?

      MfG
      S

      • Missing Link sagt:

        Bernd sagt:
        Zitat:
        „Es gibt Menschen, die verhalten sich allgemein konservativ…“

        Das ist richtig, und die wählen auch konservative Parteien und sind sich des Wertes der kulturellen Errungenschaften vorausgehender Generationen bewußt, auf die sie aufzubauen gedenken.

        Siehe Eigenzitat: vor 15 Tagen
        „Ich bin sogar der Meinung, daß sich Grundeinstellungen durch Veranlagung und Prägung bereits in der Kindheit bemerkbar machen . Ich war schon immer konservativ, nicht liberal, wie du. Wenn mich andere Kinder besucht haben, war meine größte Sorge, daß sie mein Spielzeug beschädigen.“
        Allerdings glaube ich nicht, daß Andreas und ich aneinander vorbeireden, sondern er ist nun mal auf den Objektivismus fixiert und läßt alles andere mit sachlichen und unsachlichen Argumenten an sich abprallen.

        • Na ja, ich habe meine Überzeugungen schon ein paar Mal geändert. Seit ein paar Jahren bin ich Objektivist und sehe seitdem keine guten Gründe mehr, etwas daran zu verändern. Der Mensch wird durch Ideen bestimmt. Er kann sich bewusst dazu entscheiden, immer dasselbe zu glauben und es „Veranlagung“ nennen oder seinen Verstand einschalten, Neues dazulernen und seine Meinung ändern. Also haben wir jetzt die Situation, dass du von deiner eigenen Meinung behauptest, sie sei durch Veranlagung und Prägung bestimmt – mit der Implikation, dass sie ohnehin unveränderbar ist und du auch bestätigst, dass sie sich nie veränderte – und mir allerdings vorwirfst, ich würde meine Meinung nicht ändern können, obwohl ich überzeugt bin, dass es möglich ist und ich es in der Tat schon mehrmals getan habe.

          • Missing Link sagt:

            Bernd sagt:
            Natürlich habe ich meine Meinung im Laufe meines Lebens zu einzelnen Themen schon zig mal geändert, aber nicht meine konservative Grundeinstellung. Merkst du eigentlich nicht, wie hinderlich deine Simplifizierungen und dein undifferenziertes „Schwarz-Weiß-Denken“ in der Diskussion sind?

    • Ja, tatsächlich betrachten wir unseren Arzt, Verwandte, Freunde, Frau als unsere Handelspartner. Beziehungen sind ein Geben und Nehmen. Niemand sollte den anderen ausbeuten oder mit Gewalt zu etwas zwingen. Wir tauschen sowohl spirituelle (wie Liebe, Freundschaft) als auch materielle Werte. Da du diesen Grundsatz der objektivistischen Ethik nicht kennst, kann ich schon Zweifel bekommen, ob du überhaupt ein Interesse hast, mit mir auf einer Ebene zu kommunizieren. Ich soll deine konservativen Überzeugungen auf einer elaborierten Ebene kennen, während dir meine Ethik, die in mehreren Beiträgen und im Philosophiebereich beschrieben ist, offenbar ganz gleichgültig ist und auch nach einer langen Zeit, dass du zu den Bloglesern gehörst, weißt du das noch immer nicht. Das finde ich respektlos, viel respektloser als meine vermeintliche Ignoranz von Positionen, die du kein einziges Mal irgendwo klar formuliert hast.

      • Missing Link sagt:

        Bernd sagt:

        „… und auch nach einer langen Zeit, dass du zu den Bloglesern gehörst, weißt du das noch immer nicht….“
        Ooh, habe ich meine Hausaufgaben nicht gemacht?

        „Das finde ich respektlos…“
        Es ist nun schon das zweite Mal, daß du mir Respektlosigkeit vorwirfst. Ich dachte immer, das machen nur autoritäre Konservative oder Muslime. Denke immer daran, wer Respekt einfordert, hat ihn schon verspielt. Wer aber natürliche Autorität besitzt, dem wird Respekt automatisch entgegengebracht (denke an deine Schullehrer). Tja, da bleibt dir wohl nur noch die Amtsautorität. Mein Rat: Mache eine wissenschaftliche, politische, oder sonstige Karriere, als Beamter oder in der freien Wirtschaft. Als Journalist wirst du es schwer haben.

        “ Ich soll deine konservativen Überzeugungen auf einer elaborierten Ebene kennen…“
        Elaborierte Ebene? Du kennst sie nicht einmal im Ansatz, weil sie dich nicht interessieren. Das war schon vor Jahren so, als du meine Hinweise auf Konrad Lorenz und die Ergebnisse der vergleichenden Verhaltensforschung ignoriert hast. Jetzt verhält es sich genauso mit der Humanetologie. Im Netz gibt es eine Fülle von deutschsprachiger Literatur, wo du meine Überzeugungen auf „elaborierter Ebene“ nachlesen kannst. Hätte ich das alles hier in einem Kommentar abschreiben sollen?

        • Das Problem ist nicht, dass du deine Hausaufgaben nicht machst, sondern dass du von mir einiges erwartest, was du selbst nicht einhältst.

          Ein König, der sagen muss, das er König ist, ist kein König. Alles klar. Ich erwarte allerdings gar keinen Respekt von dir. Ich habe erwartet, dass du respektlos bist und stelle dies nunmehr fest.

          Konrad Lorenz und die vergleichende Verhaltensforschung waren schon vor vielen Jahren etwas, mit dem ich mich befasst hatte. Dann habe ich gemerkt, dass Menschen am Ende doch keine Fische sind.

          Bezüglich „Respekt“ von anderen Menschen: Andere Menschen sind mir egal. Ich mache mit meinem Leben, was ich für richtig halte. Ich werfe nicht meine Interessen und Fähigkeiten über Bord, um den Respekt von Menschen zu erhalten, die ich selbst nicht respektiere.

    • Harold Harry Francis Callahan sagt:

      Die gesamte Evolution ist KONSERVATIV aufgebaut, über riesige Zeitäume wurde behutsam Neues eingebaut, nachdem es sich im harten Überlebenskampf bewährt hatte.

      Gelegentlich gab es wohl auch revolutionäre Entwicklung.

      Ähnlich ist es übrigens auch in Unternehmen der Wirtschaft, dort sitzen teils eher Konservative („Never chance a winning team.“) und aggressive oder revolutionäre Kräfte („Nun lass uns mal machen, entweder wir verzehnfachen den Wert des Unternehmens oder wechseln dieses!), lol.

      Nah, Herr Müller liegt mit seiner Kritik hier wohl schon solid am Mann, Du solltest Dich nicht relativ positionieren, politisch.

      MFG
      Harry

  3. tst sagt:

    Die Vertragstheorie des Naturrechts also, so?

    Es erinnert mich an den alten Feuerbringer, der hat einmal geschrieben, dass Konservative die Evolutionstheorie tendenziell zwar mehr ablehnen als linke, die Konsequenzen der Evolutionstheorie aber tendenziell eher akzeptieren als diese. 😉

    Anders ausgedrückt: Meines Erachtens lässt sich die Vertragstheorie, die im 17. Jahrhundert (oder 18., bin mir nicht sichere) entwickelt wurde, mit den Erkenntnissen der heutigen historischen und sozio-anthropologischen Forschung nicht vereinbaren.
    Dass die Menschen irgendwann einen Vertrag geschlossen haben setzt erst einmal ein Verständnis von Verträgen voraus – dieses hat sich aber seinerseits erst historisch entwickelt.
    Ebenso wie sich Eigentumsvorstellungen im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben.
    Dies lässt sich aber meines Erachtens nicht mit der durch die Evolutionstheorie vermittelten Erkenntis vereinbaren, dass die soziale Organisation der frühen Menschen der ihrer tierischen Vorfahren recht ähnlich war. Die Rechts- und Eigentumsvorstellungen haben sich erst im Laufe von Jahrhunderten entwickelt und entwickeln sich immer noch weiter.

    Wo in der Geschichte Europas soll denn dieser Vertrag zu stande gekommen sein?

    • Ja, ich hatte die Auswirkungen der Evolution auf den menschlichen Geist als stärker angesehen als heute.

      Deine Ausführungen über die Vertragstheorie enthalten Kritikpunkte, die in jeder Einführung zum Thema gekontert werden (wie, dass ein explizit ausformulierter Vertrag im engen Sinne abgeschlossen werden müsste). Ich empfehle dann doch einmal, auch Texte der Gegenseite zu lesen.

      Lockes Vertragstheorie ist eher eine philosophische als eine historische Abhandlung. Die Vertragstheorie zu negieren bedeutet, der Willkür Tür und Tor zu öffnen. Wenn die Regierung keine klar definierten Aufgaben hat, dann hat sie unter bestimmten Bedingungen eben mal die Aufgabe, einige Bürger ins KZ zu werfen, die anderen Bürgern auf die Nerven gehen. Der liberale Rechtsstaat garantiert die Bedingungen, die wir zum Überleben als Mensch benötigen. Ich habe auch nie etwas anderes behauptet, auch wenn mein Menschenbild mal „konservativer“ gewesen ist. Die Beliebigkeit und Willkür habe ich schon immer als größte Gefahr erkannt und schon vor Jahren gegen den Relativismus angeschrieben.

      • Fabian Bollinger sagt:

        Moment, was ist mit „Vertragstheorie“ gemeint? Der Kommentar scheint darunter einen „Sozialvertrag“ gemäss Rousseau zu verstehen (welcher nach dieser Theorie den Staat legitimiere); das ist aber definitiv nicht die objektivistische Position!

        • Kontraktualismus. John Lockes Theorie. Das ist die objektivistische Position (und generell die libertäre). Was denn sonst?

        • Der Staat ist dadurch legitimiert, dass er die Rechte der Bürger schützt.

          Ayn Rand:
          Drei legitime Staatsaufgaben: „Die Polizei, um die Menschen vor Verbrechern zu schützen – die Streitkräfte, um die Menschen vor ausländischen Invasoren zu schützen – die Gerichtsbarkeit, um Streitigkeiten zwischen Menschen gemäß objektiver Gesetze beizulegen.“

        • Und mehr:

          In a free society, men are not forced to deal with one another. They do so only by voluntary agreement and, when a time element is involved, by contract. If a contract is broken by the arbitrary decision of one man, it may cause a disastrous financial injury to the other . . . . This leads to one of the most important and most complex functions of the government: to the function of an arbiter who settles disputes among men according to objective laws.
          http://aynrandlexicon.com/lexicon/contracts.html

          The source of the government’s authority is “the consent of the governed.” This means that the government is not the ruler, but the servant or agent of the citizens; it means that the government as such has no rights except the rights delegated to it by the citizens for a specific purpose.

          > Dieses Zitat von Rand ist beinahe ein 1:1 Zitat von John Locke.

          Rand schrieb nur selten über ihre intellektuellen Einflüsse und erkannte nur Aristoteles an. Man sollte wissen, dass das nicht tatsächlich wahr ist (auch wenn Aristoteles der wichtigste Einfluss war). Unter anderem John Locke war auch ein Einfluss.

      • Tst sagt:

        Ja, ich hatte die Auswirkungen der Evolution auf den menschlichen Geist als stärker angesehen als heute.

        … und ich habe sie als geringer angesehen als heute. So gesehen haben wir uns vielleicht kurz in der Mitte getroffen, ohne es zu merken und haben dann die Rollen getauscht.
        Ich verstehe natürlich, dass man der „evolutionären Psychologie“ und der Soziobiologie durchaus kritisch gegenübersteht. Auch ich denke, dass dieser Gesichtspunkt zu eingeschränkt ist, aber das ist eine andere Frage.

        Deine Ausführungen über die Vertragstheorie enthalten Kritikpunkte, die in jeder Einführung zum Thema gekontert werden (wie, dass ein explizit ausformulierter Vertrag im engen Sinne abgeschlossen werden müsste). Ich empfehle dann doch einmal, auch Texte der Gegenseite zu lesen.

        Zumindest für Locke habe ich das getan und es hat mich nicht nachhaltig überzeugen können.
        Die letzte Frage war zugegeben vielleicht doch etwas polemisch.

        Die Idee eines Vertrages setzt aber voraus, dass es theoretisch Individuuen gegeben habe, die mündig waren dieser Vertrag zuzustimmen. Das darf man aber für die historischen Zeitraume, in denen der Staat tatsächlich entstand, meist negieren.

        Die Vertragstheorie hat den Nutzen, dass er den Staat eine Aufgabe zuweist und den Bürger automatisch ein Widerstandsrecht zubilligt, eben weil der Staat vertragsbrüchig werden kann und dann beseitigt werden muss.
        Als Antwort:
        1. Hier wird aber nicht mit Vernunftgründen für diese Position argumentiert, sondern mit den politisch-gesellschaftlichen Nutzen. Es kann auch sein, dass die Lehren einer Sekte sich positiv auf die Gesellschaft auswirken, zum Beispiel das Einkommen steigern oder Kriminalität eindämmen. Würde das aber irgendwie implizieren, dass die Lehre dieser Sekte *wahr* ist?
        2. Da die exakte Aufgabe des Staates nicht klar definiert ist, bleibt es teil des subjektiven Ermessensspielraums, wann der Staat seine Vertragspflichten verletzt.
        Hier hilft die Theorie des Vertrages nicht weiter – wir brauchen weitere Kriterien. Diese beschaft sich der Vertragstheoretiker zumeist bei „Naturrechten“, die gewissermaßen von Gott, vor jeder menschlichen Rechtssetzung bestanden haben sollen.
        Die Naturrechte selbst sind aber aus 2 Gründen problematisch:
        2.1. Es ist schwer zu erklären, wo in der Universalgeschichte Naturrechte sich entwickelt haben sollen.
        Die Metaphysik, die hinter den Naturrechten steckt lässt sich mit einem naturalistischen Blick auf die Welt nur schwer vereinbaren. Warum soll z. B. der Mensch in den Genuss von Naturrechten kommen, der Primat aber nicht? „Vernunft“ als Kriterium ist hier ein schlechter Ausweg, denn man muss klar definieren, was (= welches messbare VERHALTEN) man darunter versteht, wenn man objektiv werden will. Der Status der Naurrechte wirft große Probleme auf. Das allein ist kein Gegenargument, wenn der erwartbare Nutzen dem gegenüberstehen würde.
        2.2. Aufgrund der oben aufgeführten Probleme entsteht ein zweites problem:
        Verschiedene Autoren sehen verschiedene Dinge als Naturrecht an. Das kann sich nur auf Details beziehen, aber ganz gewaltige konzeptionelle Unterschiede machen.
        Das heißt, selbst die ausgearbeiteste Theorie der Naturrechte, die viele der obigen Probleme umgehen kann, wird möglicherweise von jemanden mit ebenso guten Argumente abgelehnt werden. Es bleibt dann immer noch fraglich, ob das Subjekt jetzt seine Widerstandsrechte wahrnehmen kann oder nicht. Wie weit die Regierung also gehen kann.

        Für die einen ist der Widerstandskämpfer dann ein Aufrührer, für die anderen ein Freiheitskämpfer.

        Lockes Vertragstheorie ist eher eine philosophische als eine historische Abhandlung.

        Zumindest die 1. Abhandlung wirkt noch sehr historsich…

        Die Vertragstheorie zu negieren bedeutet, der Willkür Tür und Tor zu öffnen. Wenn die Regierung keine klar definierten Aufgaben hat[…]

        Ich sehe das Problem durchaus. Auch das Handeln des Staats muss klar begrenzt werden, damit es nicht zu schrecklichen Verbrechen durch ihn kommt.

        Der liberale Rechtsstaat garantiert die Bedingungen, die wir zum Überleben als Mensch benötigen.

        Also ausreichend Wasser für Getränk und Hygiene, Nahrung für die Bürger, saubere atembare Luft?
        Okay, damit kann ich leben. 😀

        • Warum soll ich ein Einführungsbuch in den Libertarismus rezitieren, wenn ich dafür nichts bekomme als sarkastische Anmerkungen? Genau: Aus keinem Grund. Ende der Diskussion.

  4. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Der hiesige Kommentator Bernd ist der Auffassung, dass meine Kritik am “Konservatismus” nichts mit dem wahren Konservatismus zu tun haben soll.

    Es gibt halt nicht den Konservativismus.

    Nein, im Ernst, es gibt konzeptionelle Ideologien und relative, der Konservativismus kann wie übrigens auch der Progressivismus alles und nichts bedeuten.
    Der Konservatismus ist „innen hohl“, er stellt sich relativ, es ist möglich und richtig bspw. bestimmte Mullahs als konservativ zu bezeichnen, andere als progressiv.

    Fleischhauer beispielsweise, der SPIEGEL-Mann bzw. das dortige Feigenblatt für anzunehmenderweise „rechte“ Meinung, hat sich denn auch – sage und schreibe – diesbezüglich per Frage in die Ecke gedrängt, genötigt gesehen die Monarchie als seinen Referenzpunkt anzugeben. (Bei besonderem Bedarf erfolgen diesbezügliche Belege.)

    MFG
    Dr. W

  5. Missing Link sagt:

    Bernd sagt:
    „Die Konkreta-gebundene Weltanschauung schreibt Ayn Rand dem “Missing Link”, dem Halbaffen zu, der zwischen Tier und Mensch verortet ist.“……Halbaffe?….Wikipedia sagt:
    „Als Halbaffen (Prosimiae) werden die zu den Primaten gehörenden Lemuren, Loriartigen und Koboldmakis sowie manchmal auch die Spitzhörnchen zusammengefasst. Traditionell wurden sie den Affen gegenübergestellt, sind jedoch nicht enger miteinander als mit diesen verwandt.“
    Aber hier sitzt das Missing Link:

  6. Missing Link sagt:

    Bernd sagt:
    Besten Dank für Ihre Anmerkungen, die mir leider erst jetzt aufgefallen sind. Ich stimme Ihnen voll zu. Durch die Kürze meiner drei Sätze kam es sicher zu Mißverständnissen. Es kam mir auch nicht darauf an, wie Darwin das philosophisch gesehen hätte (das weiß ich gar nicht) und ich meine es auch nicht explizit philosophisch ( der Beitrag von Andreas Müller umfaßt das gesamte Spektrum des Konservativismus s. sein Link zu Wikipedia).
    Ich wollte lediglich darauf hinweisen, daß in der Natur das fragile Leben mit seiner Evolution weder nach liberalen, noch sozialistischen oder objektivistischen Gesichtspunkten erhalten werden kann, sondern, wie der Name schon sagt, nach konservativen, und damit der Konservativismus die natürlichste Grundhaltung des Menschen ist. Natürlich hinken solche Analogien immer.

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