Traute Einheit gegen den Islam

Toonaphobia (Cox & Forkum, http://www.coxandforkum.com)

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Wir sollen jetzt alle zusammen gegen den Islam stehen. Unsere kleinlichen Differenzen sollen wir beiseite schieben im Angesicht unseres gemeinsamen Feindes. Das erzählte vor ein paar Jahren ein katholischer Christ einem atheistischen Freund von mir. Der Christ war überzeugt, dass die katholische Kirche wieder die Herrschaft über das Abendland ergreifen muss. Einfach, weil es angeblich notwendig ist, um den Islam zurückzudrängen. Die katholische Kirche war der ursprüngliche Erfinder der totalitären Diktatur. Um den Islam zurückzudrängen, brauchen wir angeblich wieder eine davon und die zugehörigen Kreuzzüge. Zu meinem Schrecken nahm der atheistische Freund für einen Moment eine agnostische Haltung gegenüber dieser Position ein. Was, wenn der Islam wirklich eine neue katholische Herrschaft erfordert? Wir paar Atheisten können ja sowieso nichts ausrichten.

Jetzt höre ich von einigen meiner Kommentatoren, die schon seit Jahren meinen Blog lesen, dass wir alle zusammen gegen den Islam stehen sollen. Unsere kleinlichen Differenzen sollen wir beiseite schieben im Angesicht unseres gemeinsamen Feindes.

Der Kommentator Harold Harry Francis Callahan, der häufig in den Kommentarspalten liberaler Publikationen unterwegs ist, hat einen Kommentar verfasst, der mich besonders ärgert:

Wenn Du keinen ‚kulturellen Konflikt‘ erkennen magst, gar ein Problem witterst, das ‚der Westen mit sich selbst hat‘, lol, dann weiß ich auch nicht mehr so recht.

Du hast aber lange gebraucht, um das auch nicht mehr so recht zu wissen, Harry! Ich habe bereits 2012 ein Buch veröffentlicht, mein bisheriges Hauptwerk, das sich Der Westen. Ein Nachruf nennt. In der Beschreibung steht unter anderem folgendes:

„Hurra, wir kapitulieren!“, schrieb Henryk Broder, um auf den Untergang des Westens einzustimmen. Wir wissen gar nicht, wofür wir stehen, argumentiert Andreas Müller („Ist der Wald endlich tot?“) hingegen in seiner monumentalen Streitschrift „Der Westen. Ein Nachruf“.

Gerüstet mit Ayn Rands Aufklärungsphilosophie „Objektivismus“ holt der Autor zu einem kulturkritischen Rundumschlag aus und erläutert, was den Westen auszeichnet, was es zu verteidigen gilt und warum.

Ich habe also schon vor Jahren geschrieben, dass der Westen ein Problem mit sich selbst hat. Ja, der Islam – vor allem der Mainstream-Islam der Sunniten – ist auch ein Problem, für sich und für uns. Erstaunlicherweise ist es möglich, dass der Westen zugleich ein Problem mit sich selbst haben kann, während auch der Islam ein Problem darstellt. Vor all den Problemen verliert man da schon einmal den Überblick. Leute mit rechter Tendenz meinen, ich sei zu blind für die islamische Gefahr. Leute mit linker Tendenz meinen, ich klinge manchmal zu rechts mit meiner Islamkritik.

Konservative glauben zugleich, dass wir von einer Elite von linken Gutmenschen beherrscht werden. Diese spielen die Probleme mit dem Islam herunter und sind auch ansonsten eine Gruppe von Bäume umarmenden, Muslime knutschenden Halbkommunisten. Offenbar hat die Existenz einer solchen Elite aber nichts mit dem Westen zu tun und mit den Problemen, die er mit sich selbst haben soll. Unsere Elite gehört gar nicht zum Westen, denn der Westen ist gut und muss gegen den Islam verteidigt werden. Zu wem gehört unsere Elite dann? Hat der Islam sie importiert? Wer weiß!

Was ist der Westen?

Was ist es, das den Westen so erfolgreich gemacht hat? Wenn der Islam diese eingefrorene, dogmatische, primitive Ideologie ist, die viele Nationen ruiniert hat, was ist unsere Gesellschaft dann eigentlich – oder was könnte und sollte sie sein, wenn sie sich auf ihre besten Werte besinnt? Diese Frage trieb mich vor ein paar Jahren um. Die Antwort, die ich gefunden haben, ist Ayn Rands neo-aristotelische Philosophie namens „Objektivismus“: Eine monumentale Errungenschaft – die logische Begründung, Vereinigung und Verteidigung von allem, was die freie Welt zu einer so großen Zivilisation gemacht hat: Die Anerkennung einer objektiven Realität unabhängig von unseren Wünschen, die Orientierung an der Vernunft, das Handeln im individuellen, aufgeklärten Eigeninteresse, der Kapitalismus, in dem die Rechte der Bürger geschützt werden. Das ist es. Das ist der Kern der größten Zivilisation der Menschheitsgeschichte – die Zivilisation, die wir gerade begraben.

Gegen die atemberaubende Macht dieser Ideen und der spirituellen und materiellen Erzeugnisse einer Gesellschaft, die auf ihnen beruht, könnte der seit dem Mittelalter eingefrorene Islam nichts ausrichten. Er hatte historisch keine Chance gegen die neu gegründete USA (Thomas Jefferson musste zum Beispiel als Präsident muslimische Piraten bekämpfen. Nicht gerade eine weltbewegende Bedrohung für die Neue Welt), er hätte gar keine Chance gegen eine Gesellschaft, die eine objektivistische oder wenigstens irgendeine neo-aristotelische, rationale Philosophie verinnerlicht hat.

Unsere eigene Gesellschaft, die sich schon weit von den Grundprinzipien der freien Welt entfernt hat – unsere eigene Gesellschaft steht dem Islam mit Hilflosigkeit und Furcht gegenüber. Hat der Islamismus etwas mit dem Islam zu tun? Sollen wir die Burka verbieten und Moscheen nur zulassen, solange sie kleiner sind als der Kölner Dom? Dürfen Salafisten nach Syrien reisen und als geprüfte Gotteskrieger zurückkehren? Sollen Muslime auf dem Arbeitsplatz und in der Schule Gebetsräume und Sonderrechte erhalten? Müssen muslimische Mädchen zum Schwimmunterricht (wobei man davon ausgeht, dass Schwimmunterricht auf jeden Fall eine Staatsaufgabe ist)?

Der Verlust unserer Prinzipien

Also ja. Der Westen hat ein Problem mit sich selbst. Man kann sich auch andere Phänomene ansehen. Wozu dient bei uns der Staat? Er dient dazu, dem Virus Mensch Einhalt zu gebieten, damit er nicht das Klima verpestet und die Natur zerstört. Er dient dazu, manchen Menschen ihr Eigentum zu stehlen und es anderen zu schenken. Er dient dazu, dafür zu sorgen, dass unser Geld immer weniger wert ist, damit eine Elite von Finanzakrobaten und ihre staatlichen Helfer davon profitieren. Er dient dazu, Frauen für bestimmte Positionen zu bevorzugen, sowohl im Beamtenstaat wie in der Privatwirtschaft, nur weil sie Frauen sind. Der Staat baut Schulen, Parks und Schwimmbäder. Der Staat zieht Gebühren für ein Zwangsfernsehen ein. Der Staat tut nur eines immer weniger. Das, wofür er in einer freien, zivilisierten Gesellschaft eigentlich dienen sollte und einst diente: Die individuellen Rechte der Bürger zu schützen, damit sie ein selbstbestimmtes Leben führen können. Die Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum. Die Rechte, von anderen keine physische Gewalt erdulden zu müssen und das behalten zu dürfen, was man sich verdient hat als individueller Bürger.

Ich kann tausende Blogeinträge und Artikel und Bücher darüber schreiben. Selbst langjährige Leser wissen trotzdem noch immer nicht, wovon ich rede und worum es mir geht. Das scheint beinahe meiner Überzeugung zu widersprechen, dass die Welt geordnet ist und rational erkennbaren Regeln folgt. Der sunnitische Islam ist bereits der Auffassung, dass die Welt einzig der Willkür Gottes unterworfen sind. Demnach gibt es keine Naturgesetze, keine Kausalität, sondern Allah erschafft die Welt jeden Augenblick erneut. Wir können die Welt nicht verstehen. Vernunft ist eine Sünde. Wir können uns nur unterwerfen. Vor allem meine konservativen Leser scheinen mich davon überzeugen zu wollen, dass diese Muslime recht haben.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren. Wir sollten zwar als Bürger des Westens gemeinsam gegen radikale Muslime zusammenstehen, ihre Taten und ihre Ideologie nicht ausblenden oder entschuldigen, sondern uns umfassend und ehrlich mit ihr befassen. Wir müssen uns aber nicht in allem einig sein, Burkas verbieten wollen, auf der Straße Parolen gegen irgendeine Lügenpresse rufen, als wäre es 1933 und wir müssen nicht auf einmal dasselbe Schokoladeneis gut finden. Ich stehe für das, wofür ich stehe. Ich argumentiere für meine eigenen Überzeugungen. Wieder so ein westliches Kernprinzip, das in Vergessenheit gerät. Freie Meinungsäußerung. Selber denken.

Tipp: Frank Furedi: Europas Problem ist hausgemacht

Zum Buch: Der Westen. Ein Nachruf

7 Kommentare zu “Traute Einheit gegen den Islam

  1. Missing Link sagt:

    Bernd sagt:

    Guter Beitrag! Kompliment.

    „Die katholische Kirche war der ursprüngliche Erfinder der totalitären Diktatur.“
    Das ist mir allerdings neu.

    • Harold Harry Francis Callahan sagt:

      Der Islam könnte der erste Totalitarismus gewesen sein.

    • Harold Harry Francis Callahan sagt:

      Das Problem heißt „Dekadenz“ (…)

      Das Problem heißt geringe Fertilitätsrate, biologistisch betrachtet, sofern dies hier zulässig ist.
      Sittliche Niedrigkeit, ob von Einzelnen oder von Gruppen, hat es immer gegeben, kann ausgehalten werden; wenn aber Bürger zahlenmäßig verschwinden, wenn sich die Bevölkerung oder das Volk je Generation zweidrittelt, in der BRD ist dies seit ca. zwei Generationen der Fall, entsteht zwingend ein wirtschaftliches Problem, denn Eigentum verliert so zwangsläufig an Wert, jedenfalls Immobilia betreffend, das zu kompensieren ist.
      Wobei sich als Problemlösung die Immigration anbietet; findet diese aber, wie realiter in der BRD, anti-selektiv statt, kann es zu Problemen kommen, wenn Integration oder gar Assimiliation nicht erzeugt wird.

      • Missing Link sagt:

        Bernd sagt:
        Dekadenz ist, genauso wie übrigens der Konservativismus, ein Begriff, dessen Bedeutung sich je nach Zeit und Verwender ändert.
        Ich verstehe darunter genetischen und kulturellen Verfall, wozu natürlich auch die „geringe Fertilitätsrate“ gehört.
        Wenn eine bekannte Tageschausprecherin (Eva Hermann) in einer Talk-Show, ich glaube, es war 1998, freudestrahlend erklärt, nachdem sie mit 40 ihr erstes und einziges Kind bekommen hat, sie hätte beruflich alles erreicht und das Kind sei jetzt „das Tüpfelchen auf dem i“, zeigt das beispielhaft, was ich meine.

        • Harold Harry Francis Callahan sagt:

          Dekadenz ist, genauso wie übrigens der Konservativismus, ein Begriff, dessen Bedeutung sich je nach Zeit und Verwender ändert.

          Stimmt im übertragenden oder metaphorischen Sinne, nicht aber etymologisch.

          Was übrigens auch ein wichtiger politischer Punkt ist:
          die Sprachlichkeit. [1]

          Hat sich unser hiesiger Gastgeber eigentlich schon dbzgl. erhoben?

          MFG
          Dr. W

          [1] bestimmte Linke, Neomarxisten (vs. Traditionslinke, zu denen auch SPDler oft gehören), geigen ja seit geraumer Zeit im Sprachlichen herum oder ab

  2. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Demnach gibt es keine Naturgesetze, keine Kausalität, sondern Allah erschafft die Welt jeden Augenblick erneut. Wir können die Welt nicht verstehen. Vernunft ist eine Sünde.

    Der Pantheismus ist jedenfalls philosophisch stabil, wenn auch nicht zu falsifizieren, im wissenschaftlichen Sinne problematisch.

    ‚Vernunft ist die einzige Chance die Welt zu erkennen.‘ [1] ginge?

    MFG
    Dr. W

    [1] Die Erkenntnis (vs. Wissen) bemüht sich um die ausschnittsartige, näherungsweise und an Interessen gebundene Erfassung der Welt, durch erkennende Subjekte und bei sich anschließender Sichtenbildung („Theoretisierung“), wobei diese Sichten Provisorien mit unbekanntem Verfallsdatum bleiben; mehr scheint nicht „drin“ zu sein.

  3. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Erstaunlicherweise ist es möglich, dass der Westen zugleich ein Problem mit sich selbst haben kann, während auch der Islam ein Problem darstellt.

    Scheint fein formuliert!

    PS:
    Da lag wohl irgendwie ein Missverständnis oder eine leichtfertige Formulierung meinerseits vor.
    PPS:
    Aber schön, dass locker geblieben wird, Choleriker werden von Sanguinikern ja oft ein wenig gereizt.

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