Liberalismus: Frei von „objektivistischen Moralansprüchen“?

Alexander Grau erklärt in einem programmatischen Kommentar auf der Achse des Guten: „Was Liberale von Konservativen unterscheidet“. Er distanziert sich dabei auch von „objektivistischen Moralansprüchen“.

Ich distanziere ich mich im Folgenden von dem Versuch, den Liberalismus an eine individuelle Willkürmoral zu binden – anstelle von objektiven Tatsachen. Der beliebige „Wille“ eines Individuums oder einer Gruppe ist die metaphysische und ethische Grundlage des Totalitarismus. Mit Sicherheit ist er nicht die Grundlage irgendeines „Liberalismus“.

Vor allem basiert der Liberalismus auf der Einsicht, dass ästhetische oder ethische Normen und Werte keine objektiven oder rational erkennbaren Größen sind, sondern in letzter Konsequenz Ausdruck persönlicher Präferenzen. Dieser subjektive und relative Charakter von Normen und Werten ist aus liberaler Sicht aber kein Mangel. Im Gegenteil, er eröffnet dem Individuum erst die Möglichkeit, sich frei und unabhängig von Traditionen, Bräuchen oder gar objektivistischen Moralansprüchen zu entfalten. (Alexander Grau auf der Achse des Guten)

„Vor allem“ beruhe der Liberalismus auf individueller Willkür, auf der „Einsicht“ (der substanzlosen Behauptung), Normen und Werte seien „keine objektiven oder rational erkennbaren Größen, sondern in letzter Konsequenz Ausdruck persönlicher Präferenzen“. Ob ich Witwen verbrenne oder nicht, ist also genauso eine persönliche Präferenz wie jene für Erdbeer- oder Himbeereis. Der Liberalismus gestatte dem Individuum die Möglichkeit, sich frei von Traditionen „oder gar objektivistischen Moralansprüchen“ zu entfalten. Es zeichne den Liberalismus also ganz besonders aus, dass er nicht der Objektivismus von Ayn Rand ist. Demnach war Ayn Rand nicht liberal. Das wäre jedenfalls eine Neuigkeit für die Liberalen unter uns, die vielleicht schon einmal ein Buch gelesen haben.

Ist die Achse des Guten etwa immer noch wütend, dass ich vor einer Weile ihre übertriebene Kritik am geplanten Beschneidungsverbot kritisiert hatte? In der Tat fällt es mir beinahe schwer, diesen Kommentar nicht auch ein wenig persönlich zu nehmen. Der Grund: In der Philosophiegeschichte gibt es ausschließlich eine Denkerin, die etwas mit „objektivistischen“ anstelle von „objektiven“ Moralansprüchen zu tun hat: Ayn Rand. Deren Philosophie lehre ich in Seminaren und habe darüber mehrere Bücher geschrieben – und ich bin aktuell der einzige, der das in Deutschland tut. Seit die Publikation von Rands „Der Streik“ sang- und klanglos an den Deutschen vorbeigegangen ist, gibt es eigentlich keinen anderen Grund mehr, gegen „objektivistische“ Irgendetwas zu polemisieren, außer man will sich mit mir anlegen.  Den Versuch, eine Ethik objektiv zu begründen, findet man durchaus häufiger in der Philosophie vor. Bei weitem nicht nur religiöse Denker sind der Meinung, man könne eine „objektive“ Ethik entwerfen. Aber den Begriff „objektivistisch“ gibt es nur einmal in der Philosophie. Vielleicht weiß Herr Grau auch nur nicht genau, wovon er redet. Ich bin jedenfalls zur Abwechslung ziemlich wütend.

Offenbar empfindet Alexander Grau die „objektivistischen Moralansprüche“ als eine große Bedrohung für seine Launen. Schlimmer noch als „Traditionen“ und „Bräuche“. Hier ist es, was Rands objektivistische Ethik aussagt: Wir sollten unsere Werte und Normen auf den Tatsachen der Realität begründen. Politisch sollten wir individuell frei sein, unsere eigenen Auffassungen über Ethik auszuleben, auch wenn sie falsch sind. Die Ethik kann aber nicht auf individueller Willkür beruhen. Ansonsten gäbe es nichts, was moralisch falsch wäre – oder richtig. Alles wäre erlaubt. Mit dieser Kritik haben religiöse Vertreter einer vermeintlich „objektiven“ Moral vollkommen Recht. Sie wissen nur nicht, dass ihre eigene Moral dem angehört, was wir „kollektivistischen Subjektivismus“ nennen, also die Willkür einer Gruppe von Leuten, die beliebig irgendetwas glaubt. Wären Herrn Graus Ausführungen über Ethik das Gelbe vom Ei, dann könnten wir in „letzter Konsequenz“ „frei und unabhängig“ entscheiden, dass Morden, Brandschatzen und Vergewaltigen unsere individuellen Moralansprüche am besten erfüllen.

Tatsächlich beruht entweder unsere Moral auf den Tatsachen oder wir gehen unter. Die Moral dient dem menschlichen Überleben. Wir sind eine bestimmte Lebensform. Wir müssen auf eine bestimmte Weise handeln, um zu überleben. Konkret sind wir das rationale Tier. Wir müssen die Vernunft gebrauchen, um die Erfordernisse unseres Überlebens zu erkennen und zu erfüllen. Wir müssen die Natur erforschen und sie nutzen, um Werte zu produzieren. Dann tauschen wir diese Werte mit anderen Menschen. Daraus entsteht der Handel. Beim Handel mit anderen Menschen müssen wir ehrlich sein, gerecht sein und wir müssen unseren Handelspartnern mit Wohlwollen begegnen. Warum? Weil dies unserem eigenen Interesse dient. Wir möchten als gute, verlässliche Handelspartner gelten – in der Tat möchten wir gute, verlässliche Handelspartner sein.

Aus diesen Überlegungen geht das „Händlerprinzip“ hervor. Objektivisten sehen menschliche Beziehungen als Handelsbeziehungen an – als Geben und Nehmen zum gegenseitigen Vorteil. Das gilt für spirituelle Werte wie Liebe und Freundschaft ebenso wie für materielle Werte wie Computer und iPhones. Freundschaft ist ein friedlicher Tausch – ohne, dass einer den anderen ausbeutet, ohne, dass einer den anderen zu etwas zwingt.

Offensichtlich sind manche Menschen zu irrational, diese Tatsachen auch nur in Betracht zu ziehen. Dazu sollten sie durchaus das Recht haben. Sie haben aber nicht das Recht, andere Menschen in ihren Handlungen mit ihrer willkürlichen moralischen Erkenntnis zu erfreuen, dass Morden, Brandschatzen und Vergewaltigen der Gipfel aller ethischen Weisheit sind – wenn man das subjektiv so bestimmt. Und sie haben nicht das Recht, von einem sehr deutlichen Widerspruch meinerseits „frei“ zu bleiben, wenn sie ernsthaft behaupten, die Moral sei ein Ergebnis der subjektiven Beliebigkeit.

Mehr zum Thema: Objektivistische Ethik und Warum Moral objektiv ist

11 Kommentare zu “Liberalismus: Frei von „objektivistischen Moralansprüchen“?

  1. Missing Link sagt:

    Bernd sagt: Wenn du dich persönlich durch Grau angegriffen fühlst, solltest du zunächst vielleicht schildern, in welchem Verhältnis du zu ihm stehst. Grau ist nicht „die Achse“, sondern einer der vielen Autoren. Ein paar Links wären wünschenswert.
    Eigenartig auch, daß du bei der Kritik am Objektivismus „ausflippst“, aber seine Kritik am Konservativismus ignorierst.
    Grau und du bestätigen mir mal wieder, wie praktisch der Liberalismus ist. Jeder ist so „liberal“, daß er sich seinen eigenen Liberalismus basteln kann, bis zur totalen Individualisierung und Marginalisierung (siehe FDP). Die vom Objektivismus eingezogenen Grenzen der Liberalität (Moral) wirken konstruiert, zumal sie sich auf Naturnotwendigkeiten (Überleben) berufen, und stellen damit gewissermaßen einen „Rettungsring“ im System dar. Nur gibt es seltsamerweise in der Natur keinen Liberalismus, sondern nur Konservativismus.

    • Harold Harry Francis Callahan sagt:

      Möglicherweise hat ihn M. Miersch als Abschiedsgeschenk nochmal reinsetzen lassen.

      „Mierschibus“ konnte wohl der sogenannten Achse des Guten erhalten bleiben, eine Maßnahme, die der Schreiber dieser Zeilen, trotz zuletzt einiger Verärgerung, natürlich begrüßt.

      • Missing Link sagt:

        Bernd sagt:
        Zitat „Achse“:
        „Michael Miersch bleibt der Achse erhalten.“
        Ich halte diese Aussage für einen zynischen Nachruf.
        „…um an der Zukunft des Blogs teilzuhaben.“
        Bezieht sich nur auf die finanzielle Zukunft.

        • Harold Harry Francis Callahan sagt:

          Unwahrscheinlich, weil das Geschäftsmodell wohl nicht so definiert ist, wie es sich einige vorstellen, „Henk“ könnte hier ein Auge drauf haben;
          könnte aber sein.

          Schwierig,
          ich selbst hätte keine Probleme strenge Linke („Antideutsche“) und Rechte (vs. „strenge Rechte“) zu hegen und zu pflegen, wenn es gegen das erkennbar große Problem geht.

          Bin aber auch vglw. locker, Sanguiniker, auch Dich hätte ich natürlich gerne im Boot.
          Schwul aber nicht, ein wenig necken ja, aber schwul nicht, hab ja auch Nachkömmlinge zu pflegen.

          LG
          Harry

    • Der Objektivismus ist ein philosophisches System und kann nur als solches verstanden oder kritisiert werden. Jegliches beliebiges Assoziieren, ob irgendetwas, von dem man nichts versteht, ein „Rettungsring“ sein soll oder nicht, ist belanglos. Der „Liberalismus“ sollte, wie jeder Begriff, klar definiert werden. Wenn er das Prinzip beschreibt, dass die Regierung nur zum Schutz der individuellen Rechte der Bürger dient, so sind die politischen Aspekte des Objektivismus beim Liberalismus einzuordnen. Ich habe im Artikel die Argumente genannt, warum ich mich hier angesprochen fühle.

  2. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Ginge dies:
    Der Liberalismus ist ein politisches Glaubenssystem, das es durch geeigneten Glaubensentscheid anzunehmen gilt, dabei auch naturwissenschaftliche Erkenntnis berücksichtigend?
    Die innerhalb des Liberalismus genau [1] zu wählende Moral unterliegt folgenden Glaubensentscheiden, wobei sich der Liberalismus en détail heraushalten könnte?

    MFG
    Dr. W (dem der Objektivismus und Ayn Rand sympathisch sind, der sich fortlaufend prüft inwieweit hier beigesprungen werden kann, auch den Gegner („Naturalistischer Fehlschluss“) beachtend)

    [1] Der L. setzt bereits in Teilen Normen und ist in Teilen Moral.

    • „Liberalismus“ ist ein Begriff aus der politischen Philosophie. Der Objektivismus ist ein philosophisches System, das als solches aus den Bereichen Metaphysik, Epistemologie, Ethik, Politik, Ästhetik besteht. Die politische Philosophie des Objektivismus kann man sinnvollerweise zu den liberalen politischen Philosophien zählen.

  3. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Auch derartige Aussagen – ‚Dabei haben Konservatismus und Liberalismus so ungefähr nichts gemein‘ – irritieren, dezent formuliert.

    Natürlich sind bspw. in der BRD real existierende Konservative zu einem ganz beträchtlichen Teil liberal, übrigens auch Linke und Ökologisten, die „Netten“ [1] von der Union ebenso.

    Explizit nicht liberale Parteien werden ja auch oft verboten in den modernen aufklärerischen Gesellschaftssystemen, sind zu verbieten, weil staats- und systemfeindlich.

    Es wird halt oft vergessen, dass der Liberalismus gewonnen hat, zivilisatorisch, was damit zusammenhängt, dass in vielen „westlichen“ Ländern, insbesondere in der BRD, Liberale, „echte“ Liberale mit der Lupe zu suchen sind.

    Muss aber nicht so-o schlimm sein, wenn die anderen „genug abbekommen“ haben,
    MFG
    Harry

    [1] ‚Konservative‘ oder ‚Rechte‘ geht hier nicht (mehr) als Formulierung,

    • Nichts ist so sinnlos wie eine Diskussion, bei der niemand die gebrauchten Begriffe definiert hat.

      • Harold Harry Francis Callahan sagt:

        Die obige Nachricht ist sich nur deshalb erlaubt worden, weil es eine „History“ gibt, insbesondere zuletzt auch eine „Bernd“ betreffend, die hiesige Nachrichtenlage betreffend-
        Der Konservativismus ist demzufolge zuvor versucht worden zu definieren (was beim L. auch ginge und leichter ist), als relativistisch, als nicht originär.

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