Überleben des Nebulösen?

Ayn Rand in ihrem Kontext? (Hintergrund: Temple of Athena Parthénos _by_Vasiliy_Polenov, 1882; Ayn Rand: Andreas Müller)

Ayn Rand in ihrem philosophischen Kontext? (Hintergrund: Temple of Athena Parthénos _by_Vasiliy_Polenov, 1882; Ayn Rand: Andreas Müller)

Was passiert, wenn man eine Philosophie, die der gängigen Denkweise vollkommen fremd ist, in unseren Kontext importiert? Jedenfalls wird sie mit den Ideen unserer Kultur interagieren. Es wird Tendenzen geben, Ideen zu vermischen.

Rand-Erbe Leonard Peikoff glaubte ursprünglich, die Publikation von Ayn Rands Roman „Atlas Shrugged“ in den 1950ern würde sofort alles ändern. Das Buch ist dermaßen überzeugend, dass es die Kultur revolutionieren musste. Das ist aber nicht geschehen. Die Ausweitung des Wohlfahrtsstaats und des „Crony Capitalism“ (Vetternwirtschaft und Kumpelei zwischen Politik und Unternehmen) sind einfach so weitergegangen im Westen. Inzwischen glaubt Peikoff, dass sich die USA höchstwahrscheinlich in eine christliche Theokratie verwandeln wird, weil die Zahlen christlicher Fundamentalisten ungemein zugenommen haben. Die Leute können mit dem nihilistischen Mainstream und mit der „moderaten“ Beliebigkeit nichts anfangen. Nun wenden sie sich einer systematischen Ideologie zu, dem mittelalterlichen Christentum. „Systematisch“ und „rational“ sind schließlich nicht dasselbe.

Warum verbreitet sich das fundamentalistische Christentum so stark – und nicht der Objektivismus, der ebenfalls weder nihilistisch, noch beliebig ist, der systematisch ist und im Gegensatz zur Religion rational und überprüfbar?

Mir ist ein Gedanke gekommen, woran das liegen könnte: Der Objektivismus lässt auf Dauer keine logischen Widersprüche zu. Das ist auch der Grund, und nicht etwa mein Fanboytum, warum ich derart weitgehend mit Ayn Rand übereinstimme. Wer A sagt, muss auch B sagen. Die Ideen sind logisch verknüpft. Man kann zum Beispiel gar nicht die objektivistische Metaphysik akzeptieren und Agnostiker sein – man ist Atheist, weil es logisch daraus folgt.

Das bedeutet, dass die Vermischung des Objektivismus mit anderen Ideen auf der grundlegenden philosophischen Ebene nicht möglich ist. Andere Weltbilder haben eingebaute Fluchtwege, unklare Aussagen, Einfallstore für andere Ideen. Man kann sich im Christentum nicht nur über das Wesen der Dreifaltigkeit streiten, sondern auch über die Existenz der Willensfreiheit. Man kann etwa auch Nietzsche so verstehen, dass der Übermensch ein besonders heroisches Individuum ist oder dass er ein brutaler Herrscher ist, der andere für seine Zwecke ausnutzt. Bei Rand gibt es nur wenig zu interpretieren, ihre Schriften sind glasklar. Und das wiederum bedeutet, dass man zuerst eine Motivation finden muss, sich damit zu befassen, irgendeinen Ansatzpunkt, der zu den eigenen Ideen passt. Und dann braucht man die Stärke, falsche Ideen konsequent aufzugeben, wenn man sie als solche erkannt hat. Das Christentum ist offener, es erlaubt die Integration der abwegigsten Gedanken – inklusive jener, dass die Bibel eigentlich nicht so wichtig sei für die christliche Religion (was die meisten Kirchenmitglieder in Deutschland glauben).

Man kann bestimmten christlichen Doktrinen widersprechen und andere akzeptieren. Man kann an die Jungferngeburt glauben, aber nicht an die leibliche Auferstehung der Toten. Es ist enorm schwierig, Ayn Rands Argumentation zu widersprechen und da ihre Ideen logisch verknüpft sind und auf der Realität beruhen, kann man sie nicht einfach so verwerfen. Ich bin an die ersten objektivistischen Bücher mit der Überzeugung herangegangen, dass ich ihnen widersprechen muss, dass ich kein Wort akzeptieren sollte. Lange habe ich das nicht durchgehalten, weil die Argumentation einfach dermaßen überzeugend ist. Ich konnte nicht widersprechen. Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, was ich sagen soll.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich jene neo-aristotelische, vernunftbasierte, systematische Philosophie trotz des Verkaufserfolgs von Rands Büchern relativ wenig in den USA verbreiten konnte – jedenfalls im Vergleich zum irrationalen Christentum. Der pessimistische Gedanke „Ja, entweder das, oder die Leute sind einfach zu blöde dafür“ drängt sich Aufklärern erfahrungsgemäß auf. Das denke ich allerdings nicht. Und es sollte ohnehin nicht der erste Gedanke sein. Die Vernunft ist schließlich unsere Überlebensmethode. Es erscheint mir gewissermaßen „natürlicher“, dass man nach der Wahrheit strebt und nicht nach der Lüge, wie psychologisch verführend sie im ersten Moment für manche sein mag. Das ist kein Naturgesetz, aber es ist nicht viel Vernunft nötig, um es einzusehen – und der Rest folgt, wenn man es nur zulässt.

Das Hindernis dürfte also eher kultureller Natur sein. Hätte Ayn Rand im antiken Griechenland gelebt, wäre sie eine Schülerin von Aristoteles zu dessen Lebzeiten gewesen – die Griechen hätten sich recht schnell überzeugen lassen. Heute sind diese Ideen einfach zu fremd geworden – die Vernunft ist zu fremd geworden.

2 Kommentare zu “Überleben des Nebulösen?

  1. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Die zentrale Stärke des Christentums war womöglich, dass es duozentrisch, theozentrisch und anthropozentrisch ist, dass es die Vernunft nicht ausschließt, dass zumindest kein Herrscher behaupten kann im Gottesauftrag immer recht zu haben.
    Dazu käme womöglich noch als Stärke, dass es zwischen den drei möglichen idealisierten Kooperationsprinzipien („Eskalation“, „Deeskalation“ und „angemessene Bearbeitung“) recht flexibel ist, es kann streng, es kann bückend, es kann sozusagen angemessen, Gegner betreffend.

    Zudem leitet es auch nicht von der Genreplikation direkt ab, wie dies einige zeitgenössische Philosophien zumindest latent tun,
    zudem ist es intellektuell anscheinend „easy“, schließt Viele nicht aus, die nicht so-o gerne denken,

    …wobei sich der Schreiber dieser Zeilen natürlich darüber bewusst ist verallgemeinert oder idealtypisiert zu haben, eine Absicht, dem Christentum nun ganz besonders beizuspringen, lag jedenfalls nicht vor; der Anthropozentrismus oder Humanismus wären schon klar besser, sie zeichnen sich realiter oder in praxi aber zumindest zurzeit „ein wenig unschön“ aus,
    MFG
    Harry

  2. Andreas D. sagt:

    Aristoteles selbst musste eingestehen, dass nicht alle Menschen den Weg der Vernunft gehen (drei Wege zur Glückseligkeit: Betrachtung, Politik, Genuss). Im Grunde suchten auch zu seiner Zeit die meisten Menschen ihr Glück in der Lust: Sie lebten die Glückseligkeit von Tieren, würde er vielleicht sagen. Die Vernunft war wohl auch damals schon für viele fremd. Vielleicht ist Rom auf lange Sicht auch deshalb untergegangen, weil epikureische Lehrer an den Hof geholt wurden und nicht solche in der Tradition von Aristoteles.

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