Sollte man Leute beleidigen?

„Hallo Kleines! Die Religion von deiner Mami ist bescheuert. Am besten, du ignorierst sie und denkst selber nach.“ Im öffentlichen Diskurs gelten andere Regeln als im persönlichen Gespräch. (Bild: morguefile.com. Lizenz M)

Nun, offensichtlich nicht, oder? Würde man meinen. Im Verlauf der Debatte um die Meinungs- und Pressefreiheit haben einige merkwürdige Auffassungen zu diesem Thema meine Aufmerksamkeit erregt. Es könnte wohl nicht schaden, einige Aspekte sauber zu trennen.

1. Umgangsformen von Angesicht zu Angesicht und im breiten öffentlichen Diskurs

Im breiten öffentlichen Diskurs, vermittelt über die Massenmedien, können Meinungsäußerungen über abstrakte Themen und Ideen – wie den Islam –  schärfer formuliert werden als im persönlichen Gespräch. Der Grund lautet, dass sich diese Äußerungen nicht an eine bestimmte Person richten. Sie sind nicht persönlich gemeint. Also sollte man sie auch nicht persönlich nehmen.

Beispielsweise sollte man in einem persönlichen Gespräch mit einem Muslim Mohammed nicht beleidigen. Ebenso sollte man keine allzu wüsten Kommentare über Jesus gegenüber einem Christen persönlich abgeben. Man kann Mohammed und Jesus durchaus kritisieren, auch im persönlichen Gespräch, aber man sollte dabei sachlich und höflich bleiben. Derweil kann man im breiten öffentlichen Diskurs auch Mohammed-Karikaturen veröffentlichen und Witze über Jesus erzählen.

Ergänzung: Es geht an dieser Stelle nicht um persönliche Beleidigungen. Jemanden im Fernsehen persönlich zu beleidigen ist eher noch schlechter, als ihn privat direkt zu beleidigen. Es geht um die Kritik an Ideen und Weltanschauungen. Man sagt einem Christen nicht „dein Jesus war ein Idiot“ ins Gesicht, aber man kann eine Karikatur auf seinem Blog veröffentlichen, die Jesus als Idioten zeigt, wenn es auch nicht die elaborierteste Kritik ist.

Inzwischen wäre ich positiv überrascht, wenn ich in irgendeiner Diskussion im Internet oder bei einem Vortrag (abzüglich Webinare, wo das zum Glück nicht vorkommt) mal nicht von irgendwem persönlich angegriffen würde. Bei den ersten Vorträgen war ich noch erstaunt. Meine Lehrer hatten mir und den anderen Schülern sehr strenge Umgangsformen eingeprägt. In der Universität waren die Professoren noch einmal eine Stufe strenger. Seitdem habe ich festgestellt, dass diese Umgangsformen „da draußen“ nicht einmal ansatzweise beachtet werden. Bei meiner ersten Buchlesung haben mehrere Leute beispielsweise auf ihrem Handy rumgetippt (wie generell bei den Lesungen), bei einigen meiner Vorträge kamen Zuhörer zu mir und haben unglaublich dreiste Kommentare abgegeben, die man leider in keinen Spam-Ordner werfen konnte.

Nun werden sich die Konservativen unter meinen Lesern erfahrungsgemäß wieder über den „Realitätscheck“ des jungen Akademikers lustig machen. Da draußen ist es nicht so nett wie in den heiligen Hallen meiner einstigen Universität. Nun, das stimmt wohl. Was mir jetzt fehlt, ist eine Argumentation, warum genau irgendjemand glaubt, dass es besser oder legitim wäre, wenn sich Menschen asozial verhalten. Sollten nicht höhere Standards gelten anstelle von geringeren Standards? Warum ist „die Welt da draußen“ der Maßstab, an dem ich Umgangsformen beurteilen soll, und nicht die Welt „da drinnen“, nämlich dort, wo Lehrkräfte unter anderem Umgangsformen lehren und auf deren Einhaltung achten?

In der Tat frage ich mich inzwischen, warum man uns einst beibrachte, dass man während des Unterrichts nichts isst, keinen Lärm macht, nicht schwätzt, keine Spiele auf dem Gameboy zockt, warum man uns einst eintrichterte, Türen aufzuhalten und Hände zu schütteln – wenn das außerhalb der Schule offenbar kein Mensch einhält? Vielleicht sollte ich mich freuen, dass mir wenigstens niemand ins Gesicht spuckt. Ist wohl nur eine Frage der Zeit.

2. Ethik und Politik von Meinungsäußerungen

Wenn ich darauf hinweise, dass es unabhängig von politischen Erwägungen durchaus falsch ist, Behinderte zu beleidigen oder rassistische Witze zu machen (und damit wirklich ernsthaft etwas Negatives über Behinderte oder Menschen anderer Ethnien aussagen zu wollen), heißt es, ich sei jetzt offenbar dem Gutmenschenclub beigetreten und möchte die halbe Welt zensieren. Offenbar sind manche Menschen unfähig, Ethik und Politik zu trennen. Was immer erlaubt ist, das ist auch geboten. Erstaunlich!

Nun, es ist erlaubt, sich umzubringen, aber darum tut man es doch nicht. Es ist erlaubt, seine Karriere als Arzt aufzugeben und lieber Toiletten zu reinigen, aber darum tut man es doch nicht. Also wie kann man daraus, dass es innerhalb eines Rahmens erlaubt ist, Behinderte zu beleidigen und rassistische Witze zu machen, schließen, dass man es auch tun sollte? Und dass jeder, der meint, das wäre aber schon unhöflich, irgendein Zensor sein muss?

Vielleicht sind manche Menschen auch einfach nur zu dumm und ich sollte mich gar nicht mit ihnen aufhalten.

3. Veröffentlichung von Meinungsäußerungen

Wenn eine private Zeitung – oder auch eine öffentlich-rechtliche Publikation – entscheidet, einen Kommentar nicht zu veröffentlichen, der inhaltlich nichts beiträgt und einfach nur blöde oder gar Hetze ist, dann handelt es sich keineswegs um „Zensur“. Die „Zensur“ bezieht sich ausschließlich auf den Staat, auf Gesetze, auf die Polizei. Niemand muss den Quatsch, der irgendwem gerade einfällt, in seiner Zeitung abdrucken. Niemand muss „Die Juden haben aber doch zu viel Macht“ in seinem Medium veröffentlichen. Die Abwesenheit von Zensur bedeutet, dass man in seinen eigenen vier Wänden und in seinen eigenen Medium – wie auf seinem eigenen Blog – weitgehend schreiben und sagen darf, was man will. Meinungsfreiheit ist nicht dasselbe wie ein Recht auf Publikation im Medium eines anderen.

Die Idee, die FAZ müsste beispielsweise den Kommentar „Wir brauchen einen neuen Hitler“ veröffentlichen, oder würde Zensur ausüben, entspricht folgendem Szenario: Eine jüdische Gemeinde empfängt Mitglieder der muslimischen Gemeinde für den interreligiösen Austausch. Einige Muslime skandieren „Juden ins Gas“. Wenn die Vertreter der jüdischen Gemeinde darum bitten, dies nunmehr zu unterlassen, dann wirft man ihnen „Zensur“ vor. Und es heißt, sie hätten die Meinungsfreiheit der Muslime unterdrücken wollen. Offensichtlich ist das Unsinn. Meinungsfreiheit bedeutet kein Publikationsrecht. Es bedeutet kein Recht, im Haus eines anderen Menschen Graffiti sprühen zu dürfen.

Wer übrigens meint, das wäre doch die optimale Gelegenheit für einen weiteren Troll-Kommentar – erinnert euch an Punkt 3.

4 Kommentare zu “Sollte man Leute beleidigen?

  1. Wolfgang Russ sagt:

    Treffend formuliert. Ich beobachte auch, dass viele keine Ahnung davon haben was Meinungs- und Pressefreiheit bedeutet. Und dass Menschen mit abweichender Meinung sehr schnell beleidigt werden.

  2. Lauchie sagt:

    Ne Begründung lieferst Du leider nicht.

  3. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Man
    ’soll‘ Leute nicht beleidigen, es sollen aber die Anschauungen und Ideenlehren dieser Leute „beleidigt“ werden, wobei das Beleidigt in Anführungszeichen steht, es ist schlicht unmöglich Anschauungen und Ideenlehren zu beleidigen.

    Leute mit ungeeigneten oder unangemessenen Anschauungen und Ideenlehren sind
    stattdessen, auch mit den Mitteln der Rhetorik, bedarfsweise „einzuseifen“.


    Zudem sollte es möglich sein straffrei Leute zu beleidigen, im Rahmen der Freiheit der Meinungsäußerung.

    MFG
    Harry
    (der hier keinen besonderen Dissens sieht, aber vielleicht auch etwas überlesen
    hat)

    PS:
    ‚Juden ins Gas!‘ etc. sind Aufrufe zur Gewalt, also streng mit allen rechtlichen Mitteln zu unterbinden.

    • Harold Harry Francis Callahan sagt:

      PS + hierzu vielleicht noch kurz:

      Man kann Mohammed und Jesus durchaus kritisieren, auch im persönlichen Gespräch, aber man sollte dabei sachlich und höflich bleiben.
      Derweil kann man im breiten öffentlichen Diskurs auch Mohammed-Karikaturen veröffentlichen und Witze über Jesus erzählen.

      Derartige Forderung ist schon deshalb problematisch, weil der bi- oder n-laterale Diskurs nicht vom öffentlichen eindeutig getrennt werden kann.

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