Philosophische Nachlese

Freedombringer Cup (Bild: Andreas Müller)

Freedombringer Cup (auch bekannt als meine Kaffeetasse; Bild: Andreas Müller)

Wie gewohnt nach meinen Seminaren möchte ich hier noch einige Unklarheiten ausräumen und Fragen ausführlicher beantworten. Es folgt also die Nachlese zu meinem Vortrag „Die objektivistische Philosophie von Ayn Rand“ von gestern für die Gesellschaft für Kritische Philosophie Nürnberg:

1. Ethik ist normativ

Wahrscheinlich aufgrund des Objektivitätsanspruchs der Ethik von Ayn Rand gab es einige Missverständnisse beim Ethik-Teil meiner Präsentation. Ethik ist grundsätzlich in der Philosophie eine normative Disziplin. Es geht also darum, wie man handeln sollte. Es geht nicht darum, wie Menschen de facto handeln. Ich bezweifle gewiss nicht, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, wenn überhaupt, die so perfekt moralisch handeln, wie ich das in der Ethik erläutert habe. Darum geht aber aber in der Ethik nicht. Grundsätzlich nicht – in keiner Ethik, egal von welchem Philosophen, egal in welchem Jahrhundert. Es geht um die Frage: Was ist das Gute? Nicht: Sind die Menschen gut?

Die Moralpsychologie und die Soziologie befassen sich unter anderen Disziplinen mit der Frage, wie Menschen tatsächlich handeln. Die Philosophie befasst sich nicht mit der Klärung dieser Frage. Es geht bei der Ethik darum, wie Menschen handeln sollen, nicht wie sie handeln.

Wenn ich also sage, dass wir gerecht handeln und behandelt werden sollten, dann meine ich nicht, dass jeder überall in unserer Gesellschaft immer gerecht handelt oder gerecht behandelt wird.

Meine Gerechtigkeitsdefinition „Jeder bekommt, was er verdient“ – und das wäre gerecht – wurde von mehreren Teilnehmern so verstanden, dass wirklich jeder Mensch im Kapitalismus oder in unserer Gesellschaft bekommt, was er verdient. Das ist natürlich nicht der Fall. Er sollte bekommen, was er verdient. Er tut es nicht unbedingt.

Bezüglich der Sein-Sollen-Dichotomie: Ja, die objektivistische Ethik ist aus den Tatsachen der Realität abgeleitet. Aber sie ist noch immer ein Ethik – und keine deskriptive Wissenschaft. Wir (Objektivisten) leiten also aus den Tatsachen der Realität ab, wie der Mensch handeln sollte – nicht, wie er bei uns gerade handelt.

2. Pluralis majestatis?

Einige Teilnehmer haben mich gefragt, warum ich immer wieder einmal „wir“ gesagt habe statt „ich“. Zum Beispiel: „Wir sind der Meinung, dass der Materialismus eine Form des Mystizismus ist“. Ich meinte mit „Wir“ keine Organisation, der ich angehöre und ich spreche auch nicht von mir selbst im Pluralis majestatis („unsere königliche Herrlichkeit“). Mit „Wir“ meine ich einfach nur „wir Objektivisten“, Leute, die die Welt so sehen, wie ich.

3. Sind die objektivistische Ethik und Politik unsozial?

Die objektivistische Ethik ist individualistisch. Der individuelle Mensch ist ein Wert an sich und steht im Mittelpunkt. Die Frage wurde gestellt, ob das nicht unsozial wäre. Ich glaube, jemand sagte sogar: „Da stehst nur du“ oder „Es geht nur um dich“. Zugegeben. Trotzdem möchte ich es genauer formulieren: Es geht um jeden individuellen Menschen. Mir selbst geht es vor allem um mich.

Der Objektivismus sieht als Hauptprinzip für den Umgang mit anderen Menschen allerdings das sogenannte „Händlerprinzip“ vor. Wir sollten demnach Wert für Wert mit anderen Menschen tauschen. Wir geben Freundschaft und erhalten Freundschaft. Wir investieren etwas in eine Beziehung und sollten etwas dafür zurückbekommen. Geben und Nehmen. Die Alternative lautet: Ausbeutung eines Menschen durch einen anderen. Da finde ich den Handel erheblich sozialer, oder wie ich es formulierte „zutiefst sozial“.

4. Hast du kein Mitleid?

Zudem wurde kritisiert, dass das Mitleid keine Rolle zu spielen scheint. Das habe ich mal knapp bejaht. Es gibt noch mehr dazu zu sagen.

Das mit dem Mitleid ist ein Trend in der modernen Ethik – angeblich zeichnet sich der Mensch im Unterschied zum Tier vor allem durch sein Mitleid aus. Der moderne (progressive, linke) Mensch ist besonders ethisch, weil er seinen ethischen Kreis von seinem Dorf auf sein Land und dann auf die Welt ausgeweitet haben soll. Wer die ganze Menschheit liebt und mit ihr leidet, ist also der Top-Humanist.

Das sehe ich anders.

a) Der Mensch zeichnet sich durch sein konzeptuelles Denkvermögen aus, nicht durch sein „Mitleid“.

b) Man könnte argumentieren, dass der Maßstab unserer Ethik nicht unser individuelles Leben als Mensch sein soll – sondern unser Mitleid für andere. Wer den ganzen Tag nur über Fotos von Kriegsopfern sitzt, weint, flucht und leidet, der wäre dann der beste Mensch der Welt. Ich bezweifle das. Ich stimme insofern Nietzsche zu, als dass Mitleid vor allem ein Herabblicken auf andere Menschen bedeutet. Niemand sollte wollen, dass andere Menschen Mitleid für ihn empfinden. Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Partner hätte Sie nicht aus Liebe, sondern aus Mitleid geheiratet. Stellen Sie sich vor, dass sie einen Job nur bekommen, weil der Arbeitgeber Mitleid mit Ihnen empfindet – nicht, weil sie qualifiziert sind. Oder weil er Mitleid mit ihrem ganzen Geschlecht empfindet, was ja bizarrerweise tatsächlich politisch gefordert wird als Einstellungsgrund (Mitleid mit den historisch unterdrückten Frauen und Minderheiten).

Übrigens ist das ganze Mitleid-Zeug eine Unterwanderung der säkularen Ethik durch eine christliche Idee. Wir sollen mit Jesus am Kreuz und mit den Armen leiden, etc. Brauchen wir als gestandene Atheisten doch nicht.

5. Weiterentwicklung

Der Vortrag ist bereits gekürzt und besser zu verstehen im Vergleich zu meiner ersten Einführung in den Objektivismus. Es ist aber klar geworden, dass er noch immer zu schwer zu verstehen ist für Anfänger, noch immer zu umfangreich und die Folien sind zu ausführlich mit Informationen gefüllt. Ich werde den Vortrag also noch einmal überarbeiten. Die Folien enthalten dann die essenziellen Stichpunkte und nähere Erklärungen finden sich dann in einem zusätzlichen PDF, das die Teilnehmer bei meinem Online-Seminar erhalten werden.

Außerdem ist klar geworden, dass ich mehr grundsätzliche Erklärungen über Philosophie im Unterschied zu anderen Disziplinen bereitstellen muss. Ich sollte also zugleich eine Einführung in die Philosophie überhaupt und in den Objektivismus im Besonderen entwickeln – das Ganze auch noch kürzer als die aktuelle Vorlesung. Nun, mit dieser anspruchsvollen Aufgabe werde ich mich jetzt befassen und Bescheid geben, wenn das Seminar fertig ist.

Danke übrigens an Helmut Fink für den Vortritt beim Essen, ich war doch ganz schön hungrig. Er hat das Händlerprinzip gleich angewendet: Von mir gabs den Vortrag und ein Buch geschenkt und dafür kann ich ein bisschen früher etwas essen. Geben und Nehmen.