Der perfekte Terroranschlag?

Laut aktuellem Stand ist das Motiv des Co-Piloten „Andreas L.“ (ich brauche mal einen neuen Vornamen) völlig unklar. Man kann nicht einmal erraten, was es sein mag. Niemand weiß irgendetwas. Er hat einfach ein Flugzeug voller Passagiere in einen Berg gerammt. „Ein N24-Reporter berichtet, dass Andreas L. von einer Lufthansa-Mitarbeiterin als „normal, nicht auffällig und ruhig“ beschrieben wurde“ (Hamburger Morgenpost). Dasselbe sagen auch andere Leute, die ihn kennen. Offenbar war er ein gelassener, freundlicher, „lebensbejahender“ Typ. Da erinnert man sich gerne an die Momente, als man selbst nicht so gelassen und freundlich war und möglichst gar nicht normal. Um sich bloß vom Täter abzugrenzen.

Unter bestimmten Bedingungen wäre es Herrn „L“ jedenfalls gelungen, den perfekten Terroranschlag zu begehen. (Update 2)

„L. hatte 2008 seine Flug-Ausbildung begonnen. Diese wurde vor 6 Jahren kurzzeitig unterbrochen“ (Hamburger Morgenpost)

An dieser Stelle sucht man aktuell nach möglichen Ursachen. Warum hatte er seine Ausbildung vor sechs Jahren kurz unterbrochen? Es kommt mir aber nicht so vor, als würde das irgendetwas bedeuten. Immerhin war das ganze sechs Jahre her und könnte ganz harmlose Ursachen gehabt haben (kurzer Urlaub, etc.). Selbst wenn es eine Krankheit war: Man tickt normalerweise nicht sechs Jahre nach einer tragischen Erfahrung aus und läuft Amok.

Update: Offenbar war der Täter auch noch in den letzten Tagen krank, wobei nicht spezifiziert wird, was die Krankheit war. Er hat sie vor dem Arbeitgeber verschwiegen. Möglicherweise hätte er aufgrund der Arbeit nicht mehr fliegen dürfen, obwohl Fliegen seine Leidenschaft war. Trotzdem kein Grund, 150 Menschen umzubringen.

Update 2: Richtig geraten. Andreas L. hat sich und 150 weitere Menschen umgebracht, weil sein Traum vom Fliegen vorüber war. Laut einer Ex-Freundin wollte er eine Tat begehen, die „das System verändert“. Das System ist in diesem Fall die metaphysische Realität: Er war aufgrund seiner unspezifizierten Krankheit nicht mehr zum Fliegen zugelassen. Ein solcher Aspekt der Realität lässt sich nicht verändern. Der Versuch lässt sich auf magisches Denken oder Wunschdenken zurückführen. Zu diesem primitiven Mystizismus passt auch das Menschenopfer.

Grundsätzlich ist es eine großartige Sache, einen Traum, ein großes Ziel im Leben zu haben. Und es ist eine echte Tragödie, wenn dieser Traum zunichte gemacht wird, vor allem durch unverschuldete Umstände. Doch durch diese Tat hat sich Andreas L. von jemandem, der in dieser Hinsicht besser war als viele seiner Mitmenschen (die einfach nur irgendetwas beruflich tun und kein Ziel im Leben haben) in ein moralisches Monster verwandelt.

Die „Information“, Andreas L. habe an Depression gelitten, wurde nicht bestätigt. Es kam mir auch seltsam vor, denn deprimierte Menschen neigen eigentlich nicht zu mörderischen Aktionen  – im Gegenteil sind sie häufiger als andere die Opfer von Missbrauch.

Frühere Interpretation, basierend auf der Idee, Andreas L. hätte kein Motiv außer dem Massenmord selbst gehabt:

Das erinnerte mich unwillkürlich an Alfred Hitchcocks Klassiker „Cocktail für eine Leiche„, in dem einige Schüler, angelehnt an Nietzsches Philosophie, das „perfekte Verbrechen“ meinen begangen zu haben. Sie hatten kein Motiv für ihre Tat, außer eben das perfekte Verbrechen begehen zu wollen. Sie ermordeten einen Mitschüler. Der Film ist an einem echten Kriminalfall angelehnt, nämlich dem Mord an dem 14-jährigen Bobby Franks im Jahr 1924, der von den 19- und 18-jährigen Studenten Leopold und Loeb begangen wurde. Sie wollten einen Mord begehen, wie man ein Kunstwerk erschafft. Ebenfalls begründet durch Nietzsches Philosophie, seitens ihres Verteidigers Clarence Darrow sogar als Entschuldigung angeführt (was können sie schon dafür, Nietzsche gelesen zu haben?).

Nietzsches Philosophie besagt natürlich nicht, dass man grundlos irgendwen umbringen soll, oder als Kunst oder um sein Dasein als Übermensch zu beweisen. Aber er argumentierte tatsächlich dafür, dass Übermenschen andere Menschen wie „Löwen“ entgegenstehen, sie also ausnutzen können und schlimmeres. Übermenschen stehen aufgrund inhärenter Eigenschaften laut Nietzsche außerhalb des moralischen und politischen Gesetzes. Sie können tun, was sie wollen, was ihnen ihre Launen sagen. (An dieser Stelle der Hinweis, dass ich mit diesem Aspekt von Nietzsches Philosophie natürlich gar nichts anfangen kann, siehe für Details die objektivistische Bewertung von Nietzsche).

Gut, an dieser Stelle reine Assoziation, ob dies irgendetwas mit dem Flugzeugabsturz zu tun hat. Aber falls, dann wäre es Andreas L. gewissermaßen geglückt, zwar kein perfektes Verbrechen, aber einen perfekten Terroranschlag begangen zu haben. Ein scheinbar gewöhnlicher Mensch tötet ohne wirklichen Grund (außer die Tötungsabsicht selbst) 150 Menschen, völlig unabsehbar. Das erweckt effektiver als andere Terroranschläge den psychologischen Effekt, den Terroristen hervorrufen wollen. Blanke Angst und Schrecken. Der Eindruck, dass man grundlos jederzeit von irgendwem absichtlich ermordet werden kann. Ob Terroristen wirklich politische Ziele erreichen wollen oder sie wissen, dass ihre utopischen Ideen letztlich unerfüllbar sind, einmal dahingestellt.

Ein Kommentar zu “Der perfekte Terroranschlag?

  1. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Ein scheinbar gewöhnlicher Mensch tötet ohne wirklichen Grund (außer
    die Tötungsabsicht selbst) 150 Menschen, völlig unabsehbar. Das erweckt effektiver als andere Terroranschläge den psychologischen Effekt, den Terroristen hervorrufen
    wollen.

    Negativ, liegen kein Terror und kein Terrorismus vor, kann sich darüber hinweg getröstet werden, dass so etwas eben vorkommt.
    Ein Irrer im Cockpit kann nie mit Sicherheit ausgeschlossen werden.
    Insofern entstehen auch keine politisch angeleiteten Ängste.
    Die Unterschiede zu den tausenden Opfern von Verkehrsunglücken (mit
    Angetrunkenen, unter Drogen Stehenden und Lebensmüden) sind gering.
    Wo genau ist der Unterschied bspw. zum Kapitän Schettino?

    Im WebLog-Artikel scheint der wichtige Unterschied zwischen Unglücks- und Terroropfern ein wenig verloren gegangen zu sein.
    Terror ist genau darum höchst effizient, weil er politisch gerichtet ist.

    MFG
    Harry

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