Der agnostische Mord

How to Host a Murder (Bild: morguefile.com, Lizenz: M)

How to Host a Murder (Bild: morguefile.com, Lizenz: M)

Nehmen Sie an, dass Sie jemand eines Mordes beschuldigt. Es kommt zu einem Prozess und Sie müssen sich vor Gericht verteidigen. „Sie haben vor zwei Wochen einen Mann mit zwölf Messerstichen ermordet!“ Der Kläger, der Sie des Mordes beschuldigt, erwähnt keinerlei Belege für seine Behauptung. „Es gibt keine Leiche, keine Tatwaffe, keine Zeugen!“, betonen Sie. „Das heißt gar nichts“, sagt Ihr Gegenspieler. „Die Leiche haben Sie in Salzsäure aufgelöst, die Tatwaffe haben Sie ins Meer geworfen, die Zeugen haben Sie zum Schweigen gebracht.“ Sie wissen kaum noch, was Sie da sagen sollen. „Ich war zum Tatzeitpunkt im Krankenhaus. Das können Ärzte, Schwestern und meine Angehörigen bezeugen!“ Der Kläger schüttelt den Kopf. „Das war Ihr naiver Versuch, sich ein Alibi zu verschaffen. Tatsächlich haben Sie einen Auftragsmörder bezahlt, dass er den Mord für Sie begeht.“

Ihnen läuft der kalte Schweiß von der Stirn. Der Richter schaut Sie misstrauisch an. „Können Sie beweisen, dass Sie keinen Auftragsmörder engagiert haben?“, fragt der Kläger. Wie sollten Sie das beweisen, fragen Sie sich?

Viele Menschen argumentieren heutzutage so wie der Kläger. Er behauptet etwas, nennt keine Belege dafür, und Sie sollen beweisen, dass er sich irrt. Das ist unmöglich. Versuchen Sie es erst gar nicht. Man nennt eine solche Behauptung wie die des Klägers eine „willkürliche Behauptung“. Eine solche Behauptung, die nicht auf Belegen oder Argumenten beruht, sollte man ignorieren. Tun Sie das nicht, glauben vielleicht irgendwann alle, Sie hätten wirklich einen Mord begangen. Obwohl Sie gar nichts getan haben und einfach willkürlich beschuldigt wurden.

Ein Agnostiker ist ein Mensch, der Ihrem Prozess beiwohnt und Ihnen in der Pause folgendes sagt: „Nun, der Kläger kann nicht beweisen, dass Sie einen Mord begangen haben. Sie können aber auch nicht beweisen, dass Sie keinen Mord begangen haben. Es ist also beides möglich. Wir wissen es nicht. Vielleicht haben Sie einen Mord begangen.“

Der Agnostiker begeht den Fehler, willkürlichen Behauptungen eine positive Validität, eine gewisse Beweiskraft zuzusprechen. Er glaubt, die bloße Behauptung, jemand habe einen Mord begangen, wäre bereits ein Argument dafür, aber noch kein hinreichendes Argument für eine Verurteilung.

Die Lösung besteht darin, willkürliche Aussagen einfach zu ignorieren. Wenn also jemand sagt: „Elvis lebt noch, es gibt wirklich Yetis, es gibt einen Gott“ und er nennt keine Belege dafür, dann sollten wir diesen Aussagen keine Beachtung schenken. Wir können weiterhin mit Sicherheit davon ausgehen, dass es keinen Gott gibt – wie wir mit Sicherheit davon ausgehen sollten, dass Sie keinen Mord begangen haben.

(Inspiriert von Leonard Peikoff: Introduction to Logic)

14 Kommentare zu “Der agnostische Mord

  1. Karl sagt:

    Was dem Agnostiker in den Mund gelegt wird, ist falsch. Der Agnostiker (Gnosis = Erkenntnis, hier mit verneinendem Alpha-privativum) sagt, man könne in diesem Falle die Wahrheit nicht erkennen. Das ist auch die Haltung des Agnostikers zu Gottesfrage: Gott ist unerkennbar. Während der Atheist behauptet, man könne die Nichtexistenz Gottes erkennen, also im strengen Sinne davon wissen. Das obige Beispiel geht also völlig am Wesen des Agnostizismus vorbei.

    • Das klingt jetzt eher nach einer Bestätigung dessen, was oben steht. Der Agnostiker meint, man kann die Wahrheit nicht wissen, ob jemand, dem man es willkürlich unterstellt, einen Mord begangen hat oder nicht.

      • Rüdiger Plantiko sagt:

        Ich buchstabiere also die Analogie mal aus:

        Gläubiger: „Du hast einen Mord begangen“ = „Gott existiert“

        Atheist: „Nein, habe ich nicht“ = „Nein, tut er nicht“

        Agnostiker: „Ob jemand einen Mord begangen hat oder nicht, gehört zu den prinzipiell mit den Mitteln unseres Verstandes nicht erkennbaren Aussagen.“ = „Ob Gott existiert oder nicht,…“

        Der Vergleich des Wesens Gottes mit einer besonders konkret gewählten Tatsache soll deutlich sichtbar machen, dass die agnostische Argumentation absurd sei.

        Anders formuliert: Wenn Gott nicht etwas genauso Konkretes ist wie ein Tisch, ein Stuhl oder ein Mord, dann weigere ich mich, ihn zur Kenntnis zu nehmen. Denn ich kann das voraussetzen. Was wirklich ist, bestimme ich.

        Dagegen könnte ich die gute alte Blinden-Analogie anführen. Nehmen wir an, fast alle Menschen würden blind geboren. Sie würden es gar nicht anders kennen, als sich mit dem Tastsinn durch die Welt zu orientieren. Das ist für sie die Welt. Nur manchmal faselt einer von irgendwelchen Dingen, die den anderen rätselhaft sind – als hätte er einen starken Trunk genommen.

        Gläubiger: „Die Tomaten, die wir essen, sind ‚rot‘ – ganz anders als die Bananen: die sind ‚gelb'“. — „Gott existiert“:

        Atheist: „Was soll denn das sein, dieses ‚Rot'“? — „Was soll denn das sein, dieser ‚Gott‘? Zeig ihn mir!“

        [Gläubiger: „Nein, ich meine nicht die andere Form. Ich weiss nicht, wie ich es Dir erklären soll.“ — „Kann ich nicht – er ist nicht wie ein Tisch oder ein Mord! Aber ich spüre, dass er existiert. Nur weiss ich nicht, wie ich es Dir erklären soll!“]

        Agnostiker: „Einige Menschen reden von einer besonderen Qualität, die die Dinge noch haben. Die meisten können sie nicht wahrnehmen oder spüren. Manche behaupten einfach, es gebe etwas wie Farbe. Ich denke, diese Kategorie ‚Farbe‘ gehört zu den mit dem Verstand nicht erkennbaren Dingen“ — „Ich denke, dieser Gott, von dem die Gläubigen reden, gehört zu den mit dem Verstand nicht erkennbaren Dingen. Einige meinen, die Wirklichkeit dieses ‚Gottes‘ zu erleben.“

        Als Gläubigen überzeugt mich die Haltung des Agnostikers natürlich nicht. Aber wenigstens nachvollziehbar finde ich sie mit dieser Blinden-Analogie (der Unterschied zum Sehsinn in der Analogie ist allerdings, dass der Glaube ein bewusstes, freiwilliges Sich-Öffnen für die Transzendenz ist – der Unglaube dagegen ein bewusst gewähltes Sich-Verschliessen auch nur gegen die Möglichkeit einer transzendenten Wirklichkeit, aus Sicht des Gläubigen also die Welt sinnlich-physischer Objekte als selbstgewählte Einschränkung dessen, was man als „wirklich“ gelten lässt).

        • Martin sagt:

          „Ich spüre, das Du einen Mord begangen hast, obwohl es keinerlei Hinweise drauf gibt. Ich weiß nur nicht, wie ich es Dir erklären soll. Aber ich „spüre“ es doch….“

          Der „Gläubige“ Standpunkt ist offensichtlich wertlos und völlig willkürlich.

          • Rüdiger Plantiko sagt:

            Für den, der sich in einer Welt ohne Farbe abschottet, ist das wohl so.

          • Martin sagt:

            Und immer wieder die selbstgerechte Überheblichkeit des Halluzinierenden.

          • Rüdiger Plantiko sagt:

            Immer wieder die selbstgerechte Einkapselung des Ungläubigen in den Teil der Welt, den er für sich und für alle anderen als allein wirklich gelten lässt.

          • Martin sagt:

            Ach was. Ich fühle doch mindestens 150 Dinge mehr als Sie! Schade, das Sie sich so verengt, verstockt und gefühlsverkümmert in ihrer kleinen Welt eingekapselt haben.
            Ich kann ihnen die zwar nicht erklären, aber wenn Sie die Wirklichkeit des Mufpz, des Klarschnock und des Warumpf nicht spüren…. armes verkümmertes Menschenkindlein in ihrer kleinen Schutzkapsel 🙂

  2. Dummerjan sagt:

    „Die Lösung besteht darin, willkürliche Aussagen einfach zu ignorieren.“ = Hitchen’s razor

    • Harold Harry Francis Callahan sagt:

      ‚Ignorieren‘ geht, den willkürlich, wahlfrei und zufällig Aussagenden zu grillen geht auch.

      Wobei man auch bei Carlin wäre: ‚Never argue with an idiot. They will only bring you down to their level and beat you with experience.‘

      Das Handling derartiger Idioten, die im Artikel fälschlicherweise dem Agnostizismus zugeschrieben werden, wird politisch immer wichtiger.

  3. Harold Harry Francis Callahan sagt:

    Blöderweise bin ich Agnostiker und/oder Skeptizist, finde den Artikel ganz OK, weil er idT Problematisches, gerade auch bspw. im Kontext des Vorhalts ein wie auch immer gearteter X-Ist zu sein, schildert;
    allerdings bleibt im Artikel der Pseudo-Agnostizismus und Pseudo-Skeptizismus beschrieben, der „richtige“ Agnostiker und „richtige“ Skeptiker, der nach Erkenntnis (vs. Wissen) strebt, ist anders aufgestellt, weiß besser vorzutragen, übrigens auch oft nicht utilitaristisch.

    MFG
    Harry

  4. Mytime sagt:

    „Viele Menschen argumentieren heutzutage so wie der Kläger.“
    „Die Lösung besteht darin, willkürliche Aussagen einfach zu ignorieren.“

    Vor Gericht, wie hier im Beispiel, geht das schlecht. Deswegen gibt es ja die prozessuale Unschuldsvermutung und die Beweispflicht des Klägers.

    Ein wahrer Agnostiker würde sich nach dem Prozess dem Kläger zuwenden und sagen:

    „Und nun zu Ihnen. Wir sind noch nicht fertig. Sie konnten nicht beweisen, dass der Angeklagte einen Mord begangen hat. Sie haben das aber behauptet. Wir wissen also nicht, ob er es tat, oder ob Sie das nur willkürlich behauptet haben, um ihm zu schaden. Es ist beides möglich. Vielleicht haben Sie vor Gericht wissentlich oder aus Dummheit gelogen, vielleicht auch nicht. Wir wissen es nicht. Es besteht aber die Möglichkeit, dass Sie ihn verleumden wollten. Wir werden Sie und Ihre Äußerungen in Zukunft danach beurteilen, und morgen sehen wir uns hier bei der Gegenklage.“

    • Wenn jemand einfach behauptet, dass du einen Mord begangen hast, dann wirst du vermutlich nicht so darauf reagieren und sagen: „Ja, vielleicht habe ich das. Vielleicht aber auch nicht. Wir wissen es nicht. Könnte schon sein.“ Willkürliche Behauptungen haben überhaupt keine Validität oder Aussagekraft (bezüglich des Inhalts der Behauptungen). Es könnte keineswegs sein, dass man den beliebig behaupteten Mord begangen hat, sondern es steht überhaupt nicht zur Debatte. Wer sich darauf einlässt, hat schon verloren.

      Vor Gericht wird man in der Tat nicht kommen, wenn jemand nur behauptet, man habe einen Mord begangen. Wenn überhaupt, dann landet derjenige, der es behauptet, wegen Rufmord oder Übler Nachrede vor Gericht. Darum geht es ja. Warum wenden wir dieses Prinzip, willkürliche Behauptungen zu ignorieren, nicht auf die Gottesfrage an?

      • Harold Harry Francis Callahan sagt:

        Warum wenden wir dieses Prinzip, willkürliche Behauptungen zu ignorieren, nicht auf die Gottesfrage an?

        Genau das wird ja agnostischerseits und das Epistemologische meinend getan.
        Im Gegensatz zu Atheisten, die manchmal schon so klingen, als ob sie wüssten, dass es keinen Gott gibt (und nicht geben kann), zumindest, wenn es Antitheisten sind, dann definitionsgemäß.

        Es ist natürlich angemessen und verständig Gottesbehauptungen und Religionen zuvörderst im „Meta“ zu bearbeiten, also deren politische Wirkung zu betrachten, bspw. relig. angeleitete Herrschaftsversuche und relig. angestrebte oder existierende Herrschaftssysteme zu erkennen, aber auch mögliches Gutes nicht zu verkennen, statt atheistisch streng, also antitheistisch vorzutragen.

        Harry

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