Radelsführer

(Ergänzung) So, jetzt ist Fahrrad fahren eine Ideologie. Die Frage, was als nächstes kommt, kann man sich ersparen, wissen wir doch, dass irgendeine beliebige andere, einst ideologiefreie, normale Tätigkeit bald ideologisiert wird und wir können unmöglich wissen, was als nächstes über uns hereinbricht. Es könnte das Laufen auf zwei Beinen sein, das Leute diskriminiert, die nur ein Bein haben oder lieber auf nur einem Bein humpeln. Es könnte alles sein. Es ist ein bisschen wie in Stalins Russland, als ständig neue willkürliche Gesetze eingeführt wurden und wer sich nicht daran hielt, wurde erschossen oder es ging nach Sibirien. Wenigstens habe ich auf jegliche Hitlervergleiche verzichtet.

Das Essen ist bereits extrem ideologisiert. Ich habe mir neulich einen politisch inkorrekten Kaffee besorgt, also einen Kaffee mit Süßstoff und Milch, ohne hier jetzt eine bestimmte Art von Kaffee normalisieren zu wollen. Wobei die Leute, die etwas anderes trinken als meinen Kaffee, ja schon irgendein Problem haben, wie die Leute, die heute noch Laktose vertragen. Auf jeden Fall hat eine Frau neben mir laktosefreien Kaffee bestellt. Und zwar laut und deutlich betont und mit einer gewissen Arroganz in der Stimme. Wie ein Opernbesucher, dem sein Monokel rausfällt. „Oh, darf ich Sie stören, mein Herr, mir ist mein Monokel zu Boden gefallen. Hätten Sie die Güte?“ „Bitte laktosefrei!“

Wobei es mich schon lange wundert, warum es so viele Menschen zu einem öffentlichen Gesprächsthema machen, wie ihre Verdauung funktioniert oder was sie vertragen und was nicht. Ist mir doch verdammt egal, wir haben Zugriff auf über 4000 Jahre Wissen, auf Philosophie, Geschichte, Wissenschaften, Kunst und ihr redet über euren Darm!

Anlass dieser merkwürdigen, kaum nachvollziehbaren Tirade sind die Twitter-Reaktionen auf meine eigenen Kanal über meinen Link zu Fred F. Muellers Artikel über die Gefahren des Fahrradfahrens. Ich finde den Artikel interessant. Ich wusste bislang gar nicht, dass ich das gefährlichste Verkehrsmittel überhaupt täglich gebrauche, einen Roller (den ich manchmal in unausgeschlafenem Zustand als Mofa bezeichne). Es ist aber gut nachvollziehbar, schließlich hat er nur zwei Räder, ist viel zu leicht, man ist nicht angeschnallt und die ganzen Verrückten müssen einen unbedingt überholen, obwohl man genau bei der erlaubten Maximalgeschwindigkeit verweilt. Wenn man einmal nicht aufpasst, ist man ziemlich schnell schwer verletzt oder tot. Er ist sogar noch gefährlicher als Fahrräder.

Es gab aber eine solche Unzahl von Fahrradfahrern, die sich über den Artikel aufgeregt haben, dabei Fahrradfahrer-Kanäle bei Twitter (warum gibt es sowas eigentlich? Es gibt doch auch keine Toilettenbenutzer-Kanäle oder Früh-das-Bett-machen-Kanäle, obwohl die genauso belanglos und langweilig wären). „Besser Radfahren“ tweetete zum Beispiel: „Hochrisikotechnologie Fahrrad“? Man mag diese verqueren Ansichten eigentlich gar nicht verbreitet wissen.“

Dann hol doch die Inquisition, Besser Radfahren! Wie kaputt ist denn eine Gesellschaft, in der jede Belanglosigkeit zensiert werden soll? Oh, jemand hält Radfahren für gefährlich, Skandal! Regt euch über was Gescheites auf!

„Pim Rakers“ meinte: „Ich bin sprachlos. Fred ist eifersüchtig weil er selber nicht Radfahren kann.“

Kindergarten. Da twittert man über revolutionäre Philosophien und die Leute reagieren auf irgendwas mit Fahrrädern und machen so einen Mini-Shitstorm daraus. Lest mal ein Buch, ihr Crétins!

Es interessiert keinen vernünftigen Menschen, ob jemand Fahrrad fährt, Fahrräder für gut hält, Fahrräder für schlecht hält, keine Meinung zu Fahrrädern hat. Es ist ein Fahrrad! Interessant sind allenfalls Risikostatistiken und die wären mit dem Artikel behandelt, nicht dass jemand mit anderen Statistiken gekontert hätte. Was ist denn Eure Meinung über Kants Pflichtethik, über die Rolle der Mathematik im menschlichen Leben, über den Einfluss westlicher Werte in der chinesischen Kultur, was denkt ihr über irgendetwas, das nicht völlig banal ist und bei dem ich schon müde vom Roller falle, wenn es nur jemand erwähnt?

Ich bin jedenfalls froh, einen Roller zu fahren. Damit kann ich zum McDonald’s rollen, wo ich mir meine tägliche Portion Laktose besorge.

Ergänzung: Der Autor des Artikels, für den mich die Leute bei Twitter anmeckern, obwohl er nicht von mir ist, nämlich Fred F. Müller, ist in mehreren ausführlichen Antworten im Novo-Kommentarbereich auf jede erdenkliche Kritik eingegangen: http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0002059

Nach wie vor bin ich der Meinung, dass ein Phänomen wie „organisierte Fahrradfahrer, die bei Twitter Kritiker niedermachen“ eine postmoderne Absurdität ist. Ich schätze, wenn jeder alles vom Staat einfordern kann, dann wird sich jede erdenkliche Interessensgruppe herausbilden, um einen Teil des Geldes anderer Menschen auf sich und ihre Radwege umzuverteilen. Deshalb so eine Absurdität wie organisierte Twitter-Mob-Radfahrer. Ich sehe dem Tag entgegen, wenn niemand mehr irgendetwas vom Staat einfordern kann, was er sich nicht selbst verdient hat.