Zeitalter der Waschweiber

Jean-Baptiste Siméon Chardin: Waschfrau (gemeinfrei)

Jean-Baptiste Siméon Chardin: Waschfrau (gemeinfrei)

Dieter Nuhr äußerte sich vor einer Weile über die „Shitstorms“ in den sozialen Medien. Das sind Empörungswellen, die über Menschen hereinbrechen, die etwas Fragwürdiges sagen, die etwas Unbedachtes notieren, etwas bei bestimmten Leuten Unpopuläres, etwas, das eigentlich harmlos ist, aber missverstanden wird oder einfach nur irgendetwas, aus dem sich ein Skandal fabrizieren lässt. Der politische Diskurs nähert sich generell einem Troll-Kampf im Internet an.

Nuhr meinte:

Der Shitstorm ist der Versuch, eine sachliche Auseinandersetzung zu vermeiden, um stattdessen durch Überwältigung und Etikettierung des Andersmeinenden den Sieg im digitalen Vernichtungskampf davonzutragen.

[…]

Die Primitivität und Aggressivität, mit der Andersmeinende im Internet verfolgt werden, scheint mir denselben psychologischen Mechanismen zu folgen, die früher zu Lynchjustiz und Pogromen führten.

Nuhrs Problem ist, dass er den Menschen, wie sie heute in unserer Zeit und Kultur existieren, einfach zu viel zutraut. Er glaubt, die machen das mit Absicht, um ihren politischen Gegner auszuschalten. Sicher werden es einige Berufsideologen mit Absicht machen, die meisten „Shitstormer“ sind aber Leute, meine ich, die aus schlechten Gründen irgendeine Meinung vertreten und die sich durch andere Positionen bedroht fühlen. Das ist überhaupt der Top-1-Grund für alle, die heute nach Zensur schreien. Viele Leute haben keine Ahnung, warum sie das glauben, was sie glauben und da es häufig auch noch Unsinn ist, müssen Kritiker mundtot gemacht werden. Das entspricht etwa der Haltung mittelalterlicher Kultisten.

So einfach ist es aber nicht. Man muss bei diesem Vergleich nämlich die mittelalterlichen Kultisten in Schutz nehmen. Ein Kult kennt ein bestimmtes Glaubensbekenntnis, das oft in Büchern niedergeschrieben steht und das mit Riten und Traditionen verbunden ist. Ein Kult kann ein hohes Maß an Komplexität aufweisen. Teile der Social-Media-Nutzer lesen aber kaum noch Bücher, sondern nur noch kurze Botschaften auf kleinen Bildschirmen. Wahrscheinlich wäre die Shitstorm-Fraktion mit den Anforderungen eines mittelalterlichen Kultes völlig überfordert. Die ganzen Rezitationen, Hymnen, Beschwörungen? Die passen nicht in 140 Zeichen. Und dann noch eine Hierarchie, die man beachten muss? Da könnte man ja beim Rosenkranz-Beten auf dem Weg zum Ober-Sektierer seine Wut verlieren.

Der vielleicht beste Vergleich ist der mit Gerüchte verbreitenden Waschweibern, die gelegentlich an öffentlichen Hinrichtungen teilnehmen und dort Schweinsbraten essen. Das Phänomen ist nicht auf das Internet begrenzt. Im Prinzip finden Debatten „über Politik“ heute oftmals wie Streitgespräche zwischen Gerüchte verbreitenden Waschweibern statt. Der Soziologe Frank Furedi schrieb in seinem Artikel über den US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, dass heute kaum noch über politische Inhalte gesprochen wird, sondern über Personen und was sie angeblich Anstößiges gesagt haben. „Es mag einfacher sein, Trump als rassistischen Idioten zu denunzieren, als auf die Probleme einzugehen, die er anspricht.“

„Ich möchte die Spanische Inquisition gegen die heutigen Internet-Diskutanten in Schutz nehmen.“

Die Medien verbreiten die Waschweiber-Gerüchte in langen Artikeln und über politische Inhalte erfährt man immer weniger. Trump hat was Gemeines über Mexikaner gesagt? Darüber reden alle. Müssten sie auch nur eine politische Position von ihm nennen (was sagt er über die amerikanische Infrastruktur, über den Islamischen Staat, über Abtreibung, über Einwanderungspolitik, etc.?), wären sie heillos überfordert. Am besten, man veranstaltet gleich einen Shitstorm gegen jeden, der auch nur nach politischen Inhalten fragt. Man könnte ihm ja leicht vorhalten, Trump zu unterstützen. Den Unhold des Tages darf man gar nicht ernst nehmen, auch wenn er eine einflussreiche Figur in der US-Politik ist.

Ich habe zu den meisten von Trumps politischen Positionen eine gegenteilige Meinung. Die meisten Leute haben jedoch gar keine Meinung zum Thema, sondern sie finden ihn unmöglich, weil er was gegen Frauen und Ausländer gesagt haben soll, Punkt. Das ist kein aufgeklärter Diskurs. Ihr seid keine wohl informierten Bürger, die rückständige Reaktionäre in den sozialen Medien zurechtweisen. Ihr seid dumm schwätzende, Gerüchte verbreitende Waschweiber, die Minderwertigkeitskomplexe haben, weil sie keine Ahnung von gar nichts haben, und die mit der Teilnahme an einem mittelalterlichen Kult überfordert wären.

Wo ich schon dabei bin, möchte ich gleich noch die Spanische Inquisition gegen die heutigen durchschnittlichen Internet-Diskutanten in Schutz nehmen. Die Inquisition wollte die Macht der Kirche und den Glauben aufrechterhalten. Immerhin hat die totalitäre Herrschaft der Kirche neben bitterer Armut, Stagnation, frühem Tod für Millionen – auch für gelegentlichen, relativen Frieden in Europa gesorgt. Mit der Reformation kam keine Gedankenfreiheit (die kam später durch die Aufklärung), sondern es gab einen Wettbewerb um die Unterdrückung der Menschen durch irrationale Kulte – und die Protestanten wie Luther und Calvin waren deutlich radikaler als die katholische Kirche jener Zeit.

Die Shitstormer haben im Unterschied zur Inquisition kein höheres Ziel. Sie wollen nicht die Seele von Ungläubigen retten. Sie wollen kein christliches Reich verteidigen. Sie glauben nicht an höhere Wahrheiten (sofern die politische Korrektheit des Tages keine höhere, alle Zeitalter überdauernde Wahrheit sein soll), sondern an gar nichts, außer daran, dass ihre willkürlichen Überzeugungen durch Drohung, Rufmord, Beleidigung verteidigt werden müssten, damit sie sich nicht in ihrer Ehre verletzt fühlen.

„Würde ich lieber mit einem mittelalterlichen Inquisitor oder mit einem Internet-Troll reden? Ich muss nicht raten.“

Würde ich lieber mit einem mittelalterlichen Inquisitor oder mit einem Internet-Troll reden, der auf Twitter in 140 Zeichen betont, dass auch ER Donald Trump scheiße findet? Ich muss nicht raten. In meinen religionskritischen Tagen hatte ich viele, lange Gespräche mit christlichen Fundamentalisten. Ich kannte einige auch persönlich und habe mich mehrmals an langen Abenden in Kneipen und Cafés mit ihnen unterhalten. Es war zweifellos anstrengend. Sie glaubten, dass ich zur Hölle fahren werden, wenn ich Jesus nicht als meinen Herrn und Erlöser annehme. Aber im Gegensatz zu Internet-Trollen (durchschnittlichen Internet-Diskussionsteilnehmern) sagten sie mir nicht ins Gesicht, dass ich zur Hölle fahren SOLL, weil ich anderer Meinung bin als sie. Auch im Internet waren meine Debatten mit Fundamentalisten weitgehend respektvoll. Wer tiefe Überzeugungen hat, wem Ideen wichtig sind, der scheint Debatten anders zu führen.

Ja, vielleicht wäre es besser, wenn ich wieder mit echten Kultanhängern über Politik reden würde als mit den Durchschnitts-Waschweibern im Internet, die mal eben in einem Kommentar auf Facebook oder einem Tweet ihre willkürliche, angepasste Meinung mit gehässigen Worten ausdrücken, damit es bloß niemand wagt, ihre uninformierte, lächerliche, kleine Kopie einer inhaltlichen Position herauszufordern. In der Regel ist es obendrein noch eine Position zu einem belanglosen Thema. Eines Tages werden sie sich vielleicht auf einer Ebene mit den christlichen Fundamentalisten befinden, die glauben, dass ich in der Hölle braten werde, wenn ich ihren Glauben nicht teile. Aber es ist noch ein weiter Weg.

Manchmal vermisse ich die gute, alte Zeit. Lange Bibelzitate, haarsträubende theologische Interpretationen mit Seitenangaben aus Büchern, die in keiner Bibliothek zu finden sind, ewige Flammen und Fegefeuer. Aber keine Beleidigungen, Drohungen, Ad Hominems und Rufmord auf 140 Zeichen.