Libertarianism: For and Against

LibertarianismIm Buch Libertarianism: For and Against diskutieren die Philosophen Tibor Machan und Craig Duncan über das Für und Wider des Libertarismus. Duncan spricht sich für „liberal democracy“ aus, womit er das aktuelle westliche System meint, das man „Öko-Sozialdemokratie“ nennen könnte.  Tibor Machan argumentiert für einen libertären Minimalstaat und gebraucht dafür Argumente aus Ayn Rands objektivistischer Philosophie.

Das Buch enthält ein Vorwort von Martha Nussbaum. Nussbaum ist eine recht einflussreiche Intellektuelle, deren Position unserem Zeitgeist entspricht. Sie ist Autorin von Büchern wie Politische Emotionen: Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Themen wie Inklusion und Tierrechte haben es Nussbaum ebenso angetan. Ihre Philosophie nennt sie „aristotelisch“. Ihr Vorwort ist sehr unausgewogen und wertend. Sie veralbert Tibor Machans Position und stellt sie negativ dar. Nussbaum schreibt, dass sie auch gar nicht neutral sein wollte. Mission erfolgreich. Ein solch wertendes Vorwort, wenn es um die Ankündigung einer offenen Debatte geht, ist extrem unangemessen. Wahrscheinlich sollte Nussbaums Name für eine höhere Auflage sorgen. Eine hohe Auflage ist aber nicht jeden Kompromiss wert. Vielleicht gar keinen.

Craig Duncan hingegen argumentiert zivilisiert. Es lohnt sich für Libertäre, seine Argumente zu lesen. Philosophisch ist zwar nicht viel Substanz da, allerdings führt Duncan empirische Untersuchungen an, die allzu naive libertäre Hoffnungen in Zweifel ziehen. Zudem belegt Duncan, dass die amerikanischen Gründungsväter, darunter Thomas Jefferson, keineswegs libertär waren. Sie sprachen sich für die Umverteilung von Einkommen aus, einige, wie Jefferson, für progressive Besteuerung. Die Gründungsväter teilten grundsätzlich die Position von Aristoteles, der meinte, dass man durchaus Geld machen kann, aber sobald man mehr Geld hat, als man für sich und seine Familie benötigt, sollte das Geld an den Staat gehen. Was genau das bedeutet, ist unklar und das ist eines der Probleme mit dieser Position, also mit Aristoteles Ethik des „gesunden Maßes“. Für manche ist das gesunde Maß arg begrenzt und jeder, der mehr verdient als ein Straßenkehrer, müsste dann den Rest seines Einkommens an den Staat abgeben.

Überraschend war für mich, dass Jefferson absichtlich in die Unabhängigkeitserklärung schrieb, die Bürger hätten ein Recht auf „Leben, Freiheit und Streben nach Glück“ und explizit das Recht auf Eigentum nicht nannte, das bei Jeffersons Hauptinspiration, John Locke, genannt wird. Jefferson schrieb sogar, dass das Eigentumsrecht, sofern es ungenutztes Land und Arbeitslose in einer Nation gibt, „so weit gefasst wurde, dass es in natürliche Rechte eingreift“. Ein zu weit gefasstes Eigentumsrecht stehe demnach den Naturrechten entgegen. Thomas Paine und Benjamin Franklin teilten auch eine Position, die „zu viel“ Eigentum kritisch betrachtete. Die Ablehnung aller Besteuerung geht ebenso nicht auf die Gründungsväter zurück, Jefferson schreibt, er überlasse der Regierung eine theoretisch unbegrenzte Besteuerung (nicht, dass er eine de facto unbegrenzte Besteuerung gut geheißen hätte, sondern das Volk solle darüber befinden).

Tibor Machan argumentiert vor allem philosophisch mit Argumenten von Ayn Rand und einigen Ergänzungen. Er antwortet entsprechend auf die philosophischen Thesen von Duncan. Allerdings antwortet Machan nicht auf alle davon und nicht immer ausführlich genug. Eine längere Antwort auf Duncans Erläuterung wäre willkommen gewesen, warum niemand wirklich sein Einkommen in vollem Ausmaß verdient hat, etwa wegen Glück oder weil man auch Geld mit moralisch anstößigen Dingen machen kann. Machan erklärt zwar, dass diese Auffassung auf dem falschen Determinismus beruht – wir wären sozial konditioniert dazu, so oder so viel zu verdienen. Aber das gilt nicht für alle Einwände Duncans (etwa die massiv gestiegenen Einkünfte von Geschäftsführern von Großunternehmen, die man erklären müsste). Ferner antwortet Machan nicht auf Duncans empirische Einwände. Duncan zitiert Studien, die zum Ergebnis kommen, dass die freiwillige Wohlfahrt häufig nicht ausreicht und er führt Untersuchungen an, die auf eine Diskriminierung von Schwarzen und Minderheiten in den USA schließen lassen. Machan erklärt zwar genau, warum die positive Diskriminierung keine gute Lösung für diese Diskriminierung ist, aber er erklärt nicht, wie seine eigene Lösung aussieht.

Libertäre sprechen sich etwa gegen Anti-Diskriminierungsgesetze aus. Nicht, weil sie für Diskriminierung sind, sondern weil sie denken, dass die Selbstbestimmung eines Unternehmers schwerer wiegt als der mögliche Missbrauch seines freien Willens. Es darf keine Gesetze für Diskriminierung, aber auch keine dagegen geben. Duncan meint, Libertäre könnten insofern nur die Nase rümpfen angesichts der Diskriminierung des indischen Kastenwesens, das nirgends gesetzlich festgelegt ist. Eine Antwort von Machan hätte seinen Ansatz überzeugender gemacht.

Das gilt auch für Duncans Zweifel an der freiwilligen Finanzierung der Regierung. Er glaubt nicht, dass Unternehmen, die heute jedes legale Schlupfloch nutzen, um weniger Steuern zu zahlen, in einem libertären Staat auf einmal bereit wären, einen Minimalstaat zu finanzieren. Machan nennt als denkbaren Ansatz die Vorschläge von Ayn Rand, etwa bei Verträgen optional einen Rechtsschutz anzubieten, mit dem der Minimalstaat finanziert wird, oder eine Lotterie zur Finanzierung des Staates. Das Problem mit dem optionalen Rechtsschutz ist die Frage, ob man denn wirklich jemanden ganz ohne Rechtsschutz dastehen lassen kann, der ein Produkt kauft, und was das eigentlich bedeutet (was, wenn das Produkt giftig ist?). Das Problem mit der Lotterie besteht darin, dass eine Staatslotterie ein Monopol ist oder zumindest etwas, das außerhalb des Marktes steht, und somit in die Rechte anderer Lottoanbieter eingreift.

Andererseits bietet Duncan kein systematisches philosophisches Argument für seinen öko-linken Staat. Er zitiert übliche Verdächtige wie John Rawls, aber dessen leicht widerlegte, rationalistische Position ist nur eine von vielen Quellen für Duncans zusammenhangloses Konglomerat an Ideen. Duncan meint, sein System leite sich aus der „Menschenwürde“ ab, die jedem zugestanden werden müsste, aber dieses Kriterium ist viel zu vage, undefiniert, um nicht zu sagen willkürlich. Ich stimme insofern einem Amazon-Rezensenten zu, der schrieb: „Duncans Ansatz wirkt wie eine Patchwork-Philosophie, die die amerikanische Ordnung und andere etatistische Ordnungen im Nachhinein rechtfertigen möchte. Ich hatte nicht den Einruck, dass Duncans ‚Demokratischer Liberalismus‘ irgendein Fundament hat. Es scheint so, als beruhte das Ganze nur auf Duncans Gefühl, dass man Leute nett behandeln sollte.“

Insgesamt empfehle ich das Buch für Vertreter beider Seiten der Debatte sowie auch für Unentschlossene, die sich für die Positionen interessieren. Beide Autoren haben ihre Schwächen und Martha Nussbaums Vorwort (wie ihr Gesamtwerk) ist überflüssig, aber insgesamt ist es eine spannende Debatte mit starkem Inhalt geworden.

Das Buch gibt es in Print- und E-Book-Editionen ab 14 Euro (Taschenbuch).