„Dann schau ihn dir nicht an“

Seit vielen Jahren schon möchte ich meine Frustration bezüglich einer bestimmten Haltung ausdrücken, was ich nunmehr tun werde. Die Haltung besteht darin, seinen gesamten Geistesinhalt und jegliches Interesse an der Welt und anderen Menschen auf die Formel zu reduzieren: „Es kann ja jeder machen, was er will, solange er anderen nicht schadet“. Nun stimmt das im Grunde, aber es ist ein isoliertes politisches Prinzip. Dieses Prinzip kann keine ganze Philosophie, keine kulturelle Analyse, keinen Lebensstil, keine eigene Meinung ersetzen. 

In der Tat kann dieser Satz auch bedeuten: „Interessiert mich nicht, aber ich sage auch mal etwas, um dazuzugehören“ oder „Ich habe keine Ahnung von gar nichts und will nichts wissen und ihr könnt mich mal“. Auf Facebook habe ich in einem Beitrag festgestellt, dass viele neue Filme und Serien nur noch mit weiblichen Hauptfiguren versehen werden, obwohl diese Figuren in vorherigen Variationen männlich waren. Beispiele sind eine neue Serie über Van Helsing, die jetzt „Vanessa Helsing“ heißt sowie der neue Ghostbusters-Film, in dem die Geisterjäger alle weiblich sind. Ferner werden jetzt auf einmal Supergirl- und Wonderwoman-Serien gedreht, die vormals niemanden interessiert haben, weil die Vorlagen nicht sonderlich gut sind.

Ich bin sicher nicht gegen Frauen in Superhelden-Filmen oder sonstigen Filmen oder Serien. Ich halte „Buffy“ für eine großartig gemachte Serie. Nur kommen darin auch Männer vor, die an Buffys Seite kämpfen. Es gab bis vor kurzem nicht nur Frauen überall. Es gab auch Männer in Superhelden-Rollen neben den Super-Frauen. Und genau das ändert sich jetzt allem Anschein nach. Nun könnte ich mit dieser These vom Einfluss des modernen Feminismus auf unsere Kultur auch Unrecht haben (bzw. würde ich das stark bezweifeln, aber man kann natürlich dagegen argumentieren). Nur ist die Antwort auf diese These, dass Filme und Serien doch „nur Unterhaltung“ wären und  nichts über unsere Kultur aussagen würden, einfach nur unreflektiert, ignorant und nicht zuletzt falsch.

Die Kunst ist der Spiegel der Seele einer Kultur, sie enthüllt die metaphysischen Grundannahmen einer Gesellschaft. Die Kunst bedeutet nicht „gar nichts“, ist „nur Unterhaltung“ und „du musst dir ja keine Frauen-Serie anschauen, wenn du nicht willst“. Das sind dumme Bemerkungen, die davon zeugen, dass man keinerlei tieferes Interesse an der Welt hat, in der man lebt. Schaut euch die deutschen Filme der 1930er-Jahre an und sagt mir, dass sie nicht von der Nazi-Ideologie jener Zeit beeinflusst wurden! Schaut euch die Hollywood-Filme der 1950er-Jahre an, vergleicht sie mit den heutigen und sagt mir, dass die Wertvorstellungen der Amerikaner in beiden Zeiträumen nichts mit den Filmen zu tun hatten. Selbstverständlich hatten sie das! Offensichtlich beeinflusst die Philosophie einer Gesellschaft ihre kulturellen Produkte!

Das nächste Mal, wenn ihr keine Ahnung habt oder keine Lust auf eine kulturelle Analyse, dann haltet doch einfach mal die Klappe – statt Floskeln von euch zu geben wie „Kann doch jeder ansehen, was er will!“. Ich weiß, dass jeder ansehen kann, was er will. Ich wäre der letzte Mensch, der das bezweifelt, aber darum geht es nicht! Es geht bei einer kulturellen Analyse oder einem Kommentar zur Kunst unserer Zeit nicht darum, jemandem streitig zu machen, dass er sich bestimmte Filme ansehen darf. Leute, die negative Filmrezensionen schreiben, wollen Menschen auch nicht verbieten, sich den Film anzuschauen. Das ist absolut und vollkommen dämlich. Also steckt doch einfach eine Socke rein, wenn ihr nichts zu sagen habt.