Wie ich heute zum Neuen Atheismus stehe

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Ich wurde vor einer Weile gefragt, wie ich heute zum Neuen Atheismus stehe. Ich bin immer noch Atheist und ich teile noch immer einige Grundaussagen der Neuen Atheisten, darunter, dass religiöser Glaube als solcher keinen Respekt verdient. Auf dem Hintergrund des Zitats von Sam Harris folgende Ausführungen:

  1. Gewalt ist keine legitime Reaktion auf irgendetwas außer Gewalt. Entsprechend kann die Kritik an religiösen oder sonstigen Überzeugungen oder auch deren Satire oder Beleidigung, keine Gewalt legitimieren. Die Neuen Atheisten haben versucht, den ungebührlichen Respekt vor religiösen Überzeugungen zu unterminieren, um die religiöse Rechtfertigung von Gewalttaten wie jene am 11. September 2001 zu untergraben. Die Bewegung ist schließlich im Anschluss an diesen Anschlag entstanden.
  2. Der Glaube an willkürliche Behauptungen verdient keinen Respekt.
  3. Menschen definieren sich nicht (nur) über ihren Glauben an willkürliche Behauptungen – wie, dass es einen Gott gibt oder dass alle Menschen dessen Gebote befolgen müssten. Menschen verdienen für viele ihrer Handlungen, Charaktereigenschaften und Errungenschaften Respekt. Für ihre Arbeit, für ihr Verhalten anderen Menschen gegenüber, für ihr Verhalten sich selbst gegenüber. Sie verdienen keinen Respekt für ihren Glauben an willkürliche Behauptungen – wie für die Gesamtheit ihrer religiösen Überzeugungen, die auf willkürlichen Annahmen beruhen, für die es keine Beweise oder logische Argumente gibt. „Ich glaube an die christliche Lehre“ heißt nichts anderes als „Ich glaube an irgendeinen beliebigen Haufen von unbegründeten Behauptungen“. Das kann man machen, aber man kann keinen Respekt dafür einfordern. Nur Toleranz und Akzeptanz kann man einfordern, solange man anderen nicht mit seinen Überzeugungen und daraus resultierenden Handlungen schadet. Respekt erhält man für seine Leistungen, nicht für seine Erklärung, keine Leistungen vollbringen zu wollen, wie ein begründetes Weltbild zu entwickeln.
  4. Man kann als vernünftiger Mensch religiösen Glauben tolerieren und akzeptieren – aber nicht respektieren. Insbesondere nicht als Philosoph. Philosophen definieren sich darüber, dass sie versuchen, ihre Überzeugungen rational zu begründen. Wer als Philosoph religiösen Glauben respektiert, der respektiert seinen, historisch und epistemologisch betrachtet, größten Gegner: Die Behauptung, wir sollten uns an unbegründeten Aussagen orientieren. Und für Wissenschaftler gilt dasselbe. Sie definieren sich darüber, anhand von Beobachtungen überprüfbare Aussagen über die Realität zu machen – und nicht willkürliche Behauptungen, die man nicht überprüfen kann oder die unseren Erkenntnissen und der Logik widersprechen.

Ich stimme weiterhin diesen zentralen Aussagen der Neuen Atheisten zu. Ich stimme nicht ihrer Ethik oder allen Inhalten ihrer konkreten Philosophien zu. Fast alle von ihnen, wie Sam Harris und Richard Dawkins, teilen utilitaristische und altruistische Auffassungen. Sam Harris leugnet die Willensfreiheit, Richard Dawkins glaubt, wir würden von Genen und Memen gesteuert. Die Pathologisierung der Religion als „Virus“ teile ich auch nicht. Ich teile ebenso nicht ihre grundsätzlichen politischen Ansichten – die in der Regel linksliberal geprägt sind.

Insgesamt waren die Neuen Atheisten jedoch eine Kraft des Guten. Sie haben eine absolut zentrale Aussage der Philosophie überhaupt ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Glaube nicht einfach irgendeinen beliebigen Unsinn – oder verlange auch noch Respekt dafür. Hinterfrage deinen Glauben und strebe nach der Wahrheit. Die Wahrheit erkennt man durch die Philosophie und die Wissenschaften. Diese Botschaften sind wichtiger als die Mängel der Neuen Atheisten.