Der Islam ist keine Rasse

Auf Facebook gab es eine Diskussion (nennen wir es mal so) darüber, ob sich andere Muslime von den Terroristen in Paris und ähnlichen Islamisten distanzieren sollten oder nicht? Anlass war der Artikel „Warum es jetzt einen muslimischen Aufstand der Anständigen geben muss“ von Liane Bednarz. Der Journalist Alan Posener kritisierte den Artikel unter anderem mit den Worten: „von diesen Leuten einen “Aufstand der Anständigen” zu fordern, spielt doch nur denjenigen in die Hände, die – wenn die geforderten Massendemos ausbleiben – sagen werden: “Seht Ihr?” Und die, wenn solche Demos stattfinden, sagen werden: “Die tun nur so.”“

Solche Leute gibt es. Es könnte aber auch Leute geben, die nicht sagen werden „Die tun nur so“ und die sich über solche Massenbekundungen, oder wenigstens eine davon, vielmehr freuen würden. Sind Muslime dazu verpflichtet? Natürlich nicht. Und wenn sie nur hier leben und die Gesetze befolgen, wie Herr Posener schreibt, ist mir das Recht. Es wäre lediglich eine gute Idee, wenn man denn zu einer ideologischen Gruppe gehört, die von großen Teilen der Bevölkerung als geistig „irgendwie verwandt“ mit Islamisten angesehen wird, einfach mal öffentlich sichtbar, organisiert und in großen Zahlen zu sagen: „Nein, wir sind überhaupt nicht so wie die Islamisten. Wir haben ein völlig anderes Religionsverständnis.“

Könnte man das von mir in einer ähnlichen Situation auch erwarten? Absolut. Wie ich gegenüber Herrn Posener erklärt habe: „Angenommen, es gäbe immer wieder mörderische Selbstmordattentate und Terroranschläge von Ayn-Rand-Anhängern auf der Welt. Wäre es dann klug von mir, mich von denjenigen, die das tun, zu distanzieren oder nicht? Würde ich es tun? Natürlich!“ Ich denke, es ist klar genug, dass man sich in einer solchen Situation von den Extremisten oder jenen, die grundlos mit einem selbst über einen Haufen geworfen werden, einfach distanziert. Es ist nicht schön, das tun zu müssen, aber es ist irgendwo logisch, dass es besser ist, es einfach mal klar zu sagen. Dann können sich die Leute beruhigen.

„Etwas, zu dem man konvertieren kann, ist keine Rasse“ (Richard Dawkins)

Dann wiederum gibt es aber keine Anhänger von Ayn Rand, die Terroranschläge oder, soweit ich weiß, irgendwelche Verbrechen begehen. Einerseits gibt es dafür wohl einen soziologischen Grund: Wahrscheinlich muss man einer gebildeten Schicht angehören, um überhaupt zu wissen, wer Ayn Rand ist und wie ihre Philosophie aussieht – abgesehen von den Inhalten dieser Philosophie, die Terroranschlägen und anderen Verbrechen entschieden entgegenstehen. Derweil gibt es eine ganze Menge Anhänger des Islams, die zur Gewalt greifen. Woher kommt das? Wenn doch alle Weltbilder genau gleich sind und es hier wie dort schwarze Schafe gibt? Warum gibt es dann keine objektivistischen Selbstmordattentäter, die sich für den Laissez-faire-Kapitalismus in die Luft jagen, aber Muslime, die es für Allah tun?

Wie ich Herrn Posener zur Frage, ob sich Muslime nun von islamistischen Terroristen distanzieren müssten, mitteilte: „Der Islam ist eine Ideologie oder Religion, ein Bündel an Ideen, und keine Rasse, Herr Posener. Ihr Nachbar muss sich nicht distanzieren, erst recht nicht Ihr „türkischer“ Nachbar, der ja vielleicht gar kein Muslim ist. (Muslim = Anhänger des Islam; Türke = türkischer Staatsbürger). Ein Aufstand der anständigen, reformierten Muslime (etwa die verbliebenen Anhänger von Avicenna und andere Aristoteliker) wäre allerdings kein Fehler, nur gibt es davon statistisch gesehen recht wenige. Es wäre kein Fehler aufgrund der Inhalte des Islams.“

Diese sehr wenigen verbliebenen Aristoteliker unter den Muslimen halte ich für vernünftiger und habe mehr mit ihnen gemein als mit dem Großteil meiner Mitbürger. Es gibt aber nun einmal kaum noch welche davon. Der orthodoxe Islam ist ein anti-rationales Bündel an Ideen, Ritualen und Traditionen, gleichermaßen ein politisches System sowie eine private Lebensweise. Im Unterschied zum Christentum gibt es im orthodoxen Islam keine Trennung zwischen Staat und Religion. Der Islam ist für alle Ethnien offen, er ist eine gewissermaßen universalistische Weltanschauung. Wie Ayaan Hirsi Ali sagte: „Der Islam ist keine Rasse. […] Der Islam ist einfach eine Menge an Überzeugungen und es ist nicht ‚islamophob‘ zu sagen, dass der Islam mit der liberalen Demokratie inkompatibel ist.“ Und wie der Zoologe Richard Dawkins bemerkte: „Etwas, zu dem man konvertieren kann, ist keine Rasse.“

Ich frage mich, woher dieser eigentümliche Rassismus-Vorwurf kommt, der häufig gegen die falschen Leute erhoben wird. Sicher, es gibt Gruppierungen wie Pegida, gegen die ich nun schon häufig genug angeschrieben habe. Herr Posener weiß aber ganz genau, dass es auch säkulare, liberale Religionskritiker wie Ayaan Hirsi Ali und Richard Dawkins gibt, die den Islam ablehnen. Und das ist ebenso mein Hintergrund. Es gibt keinerlei Indiz, dass ich einen anderen Hintergrund hätte. Man kann als vernünftiger Mensch keine grundlosen Annahmen aufstellen. Unsere Gesellschaft wird zunehmend hysterisch und paranoid, dass sie überall den schwarzen Mann wittert. Als Vertreter der Aufklärung darf man da aber nicht mitmachen. Das sollte offensichtlich sein.

Dabei bin ich die meiste Zeit ein pflegeleichter Aufklärer und greife nur selten zu drastischen Worten. Als ich angesichts der Unterstützung von Islamisten durch einen Großteil der ägyptischen Bevölkerung sagte, dass die Ägypter zur Hölle fahren können, nannte Hamed Abdel-Samad die Bemerkung „rassistisch“. Inzwischen hat er aber selbst einsehen müssen, dass die Leute in seinem Heimatland nicht die großen Unterstützer von Freiheit und Demokratie sind, wie er sich damals eingeredet hat. Jetzt hat er eine „Abrechnung“ verfasst gegen Mohammed selbst und hält den Islam nicht mehr für reformierbar. Also, wer hatte Recht? „Wir schlagen dir die Wahrheit wie eine Faust ins Gesicht“, wie es die Punk-Band OHL formuliert. Der Aufklärer Voltaire war übrigens kein Leisetreter, ich bin ja fast immer nett und flauschig. Voltaires Leitspruch lautete „Écrasez l’infâme“, „Zerschmettert die Niederträchtige“, zerschmettert den unmenschlichen Aberglauben. Heute werden die nettesten Kuschelbären der Aufklärung bereits des Rassismus bezichtigt. Das ist keine gute Atmosphäre für jene, die den gesellschaftlichen Fortschritt für, na ja, einen Fortschritt halten. Und wenn man Fortschritt haben möchte, muss man Missstände beim Namen nennen.