Religiöse Erziehung ist kein Kindesmissbrauch

Nach einigen aktuellen Facebook-Diskussionen muss ich feststellen, dass inzwischen eine ganze Menge Leute der Meinung sind, eine religiöse Erziehung von Kindern wäre grundsätzlich „Kindesmissbrauch“. Also vergleichbar mit dem, was gewöhnlich „Kindesmissbrauch“ genannt wird – der sexuelle Kindesmissbrauch. Eine religiöse Erziehung kann zwar das Vermögen von Kindern, rational zu denken, beeinträchtigen – aber „Kindesmissbrauch“ geht viel zu weit, von bestimmten Fällen abgesehen.

Diese Idee, religiöse Erziehung sei Kindesmissbrauch, geht auf verzerrende Berichterstattungen über einige Aussagen des Religionskritikers Richard Dawkins zurück sowie auf verzerrende Kritiken an diesen Aussagen. Der Neue Atheist (und zu dieser Bewegung zähle ich mich nach wie vor ebenso) Dawkins hat tatsächlich aber nie gesagt, dass religiöse Erziehung als solche „Kindesmissbrauch“ wäre. Er sagte folgendes:

  1. Die Indoktrination, die nötig ist, damit ein Kind wirklich glaubt, dass es für immer in der Hölle schmoren wird, wenn es kein guter Christ ist – diese Art von religiös motivierter Terrorisierung von Kindern ist Kindesmissbrauch. Den Kindern regelmäßig Angst vor Hölle und Teufel zu machen. Nicht religiöse Erziehung allgemein! (Siehe dieses Interview mit Dawkins).
  2. Es ist ethisch zweifelhaft, Kindern willkürliche Überzeugungen als Fakten zu präsentieren. Aber das ist kein „Kindesmissbrauch“. Schließlich wissen es die Eltern selbst nicht unbedingt besser. (Geschweige denn Wissenschaftler wie Dawkins, der glaubt, wir wären die willenlosen Behälter von Genen, die ihre eigenen Ziele verfolgen und unser Verhalten steuern). (Siehe diesen Artikel von Dawkins).
  3. Es ist ethisch zweifelhaft, ein Kind als „muslimisches Kind“ oder „christliches Kind“ zu bezeichnen, weil Kinder noch keine religiösen Überzeugungen haben. Sie könnten ganz andere Überzeugungen als ihre Eltern entwickeln. Ein „muslimisches Kind“ ist vielleicht bald ein erwachsener Atheist. (Siehe diesen Artikel von Dawkins).

Offenbar ist wieder einmal das geschehen, was so häufig vorkommt: Die sorgfältig durchdachten Ideen von Intellektuellen vermischen sich mit dem Zeitgeist und heraus kommt eine Karikatur dieser Ideen. Da unser Zeitgeist illiberal und bösartig ist, ist in diesem Fall eine illiberale und bösartige Karikatur herausgekommen. Jetzt gibt es wirklich Leute, die glauben, es wäre in Ordnung, Kinder ihren Eltern wegzunehmen, wenn diese ihre Kinder religiös erziehen.

„Wer bestimmt, was die richtigen Ideen sind, mit denen man seine Kinder zu erziehen hat?“

Es ist nicht lange her, dass eine atheistische Erziehung als Grund galt, Eltern ihre Kinder wegzunehmen und die Kinder dann zwangszutaufen (z.B. im katholischen Spanien, siehe Christopher Hitchens: Der Herr ist kein Hirte). Jetzt soll man dasselbe mit religiös erzogenen Kindern machen, weil sich die Machtverhältnisse in manchen westlichen Ländern allmählich umdrehen?

Und wer bestimmt, was die richtigen Ideen sind, mit denen man seine Kinder zu erziehen hat? Offenbar der Staat. Er ist es ja, der die Macht hat, Eltern ihre Kinder zu nehmen. Wer also zu unserer Zeit in Deutschland keine öko-sozialistischen, irrationalen Anpasserkinder großzieht, für die es das Wichtigste im Leben ist, „den Wald aufzuräumen“, der muss sie an den Staat übergeben. Gut, das ist dank der Schulpflicht auch heute nicht komplett anders, aber wenigstens dürfen die Kinder aus der 68er-Baumschule täglich wieder nach Hause kommen. Darf der Staat die Erziehung der Kinder komplett übernehmen, dann richtet sich ihre Erziehung nach den Interessen der „herrschenden Klasse“, um hier mal kurz marxistisch zu klingen – was historisch betrachtet totalitäre Regimes wie die Nazis oder die Kommunisten waren. Dann werden sie vielleicht nicht mehr religiös erzogen, aber sie schärfen stattdessen ihr „Rassen-„, oder „Klassenbewusstsein“, was nicht unbedingt besser ist.

Es geht den Neuen Atheisten darum, Religionskritik salonfähig zu machen. Man soll Religionen ebenso öffentlich kritisieren dürfen wie politische Inhalte oder Parteien oder wie Restaurants. Es gibt noch andere Ziele, wie die Förderung des rationalen Denkens und der Wissenschaften. All dies findet jedoch in der Form von einer offenen Diskussion, von Meinungsäußerungen statt. Es ist kein Ziel der Neuen Atheisten, religiösen Eltern ihre Kinder wegzunehmen und sie in irgendeiner Staatseinrichtung unterzubringen! Das war etwas, das kommunistische Regimes und andere totalitäre Regimes gemacht haben. Verurteilt man Eltern wegen der religiösen Erziehung ihrer Kinder aufgrund von „Kindesmissbrauch“, dann würde das Jugendamt die Kinder konfiszieren müssen.

Bestimmte Formen von religiöser Erziehung können Kindesmissbrauch sein – nämlich dann, und nur dann, wenn sie direkt zur Verletzung von Rechten führen. Ein Beispiel ist die Erziehung eines muslimischen Jungen zu einem Gotteskrieger. Ein anderes Beispiel ist die Vorenthaltung von medizinischer Versorgung aus religiösen Gründen, die das Leben des Kindes gefährdet.

„Man gewinnt einen Ideenwettstreit nicht dadurch, dass man die Kinder seiner Opponenten in Umerziehungslager steckt.“

Ich denke, die Bewegung der Neuen Atheisten ist sogar wieder aktuell geworden. Ich meinte ja einmal, sie hätte ihr Ziel erreicht. Aufgrund der Tabuisierung der aufgeklärten Islamkritik, die inzwischen verstärkt von Linksliberalen betrieben wird (und von Dschihadisten, die Islamkritiker gleich umbringen), war das aber zu früh gefreut. Offenbar müssen wir dabei besonders darauf achten, immer wieder zu betonen, dass es nicht darum geht, irgendwem seine Ideen oder Überzeugungen zu verbieten. Es geht um einen Wettstreit der Ideen, der durch die besseren Argumente in einer offenen Debatte entschieden wird. Man gewinnt einen Ideenwettstreit nicht dadurch, dass man die Kinder seiner Opponenten in Umerziehungslager steckt!

Ich glaube es nicht, dass ich das gerade überhaupt schreiben musste.

Anlass der Facebook-Diskussionen war dieser Spiked-Artikel: The Culture War on Christianity

In diesem Artikel wird unter anderem der Fall erwähnt, dass ein 60-Sekunden-Spot fürs Kino, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft das „Vater Unser“ beten, laut dem Werbekoordinator der großen britischen Kinos nicht mehr gezeigt werden darf. Der Spot könne die Gefühle von Andersdenkenden verletzen. Das finde ich lächerlich. Wenn nicht vor jeder Kinovorführung der ganze Rosenkranz runtergebetet wird, sondern lediglich zu Weihnachten mal ein paar Leute das Vater Unser aufsagen – das stört mich gar nicht. Ist vielleicht sogar gut und erzeugt die Illusion, dass wir wenigstens noch irgendeine Kultur hätten.

Vielleicht stört es mich gerade deshalb nicht, weil ich in meinen eigenen Überzeugungen so gefestigt bin wie ein Fels aus im Schicksalsberg geschmiedetem Stahl. Diese ganze Psychose, laut der abweichende Ideen das eigene Weltbild irgendwie gefährden könnten, das ist doch was für Leute, die keine Ahnung haben, was sie glauben. Das ist was für Leute, die nur den Zeitgeist nachbeten. Das ist was für erbärmliche Schwächlinge mit einer Sklavenmoral. Und diesmal sind nicht Christen damit gemeint.

Nun gehet dahin und teilet diesen Beitrag: