Drum prüfet, wer auf Facebook Beiträge teilt

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Aktuell wird bei Facebook über eine Studie „berichtet“, die wahlweise besagt, dass Leute „dumm“ wären, die 1. inspirierende Zitate bei Facebook teilen, 2. Weisheitssprüche bei Facebook teilen oder die gar 3. philosophische Sprüche bei Facebook teilen. Die Studie besagt nichts dergleichen.

Die Studie heißt „On the reception and detection of pseudo-profound bullshit“ von Gordon Pennycook, James Allan Cheyne et al. und man findet sie hier. Die Studie an sich ist echt und wurde im psychologischen Fachmagazin Judgement and Decision Making veröffentlicht. Sie befasst sich mit der Rezeption von „Bullshit“ (inzwischen ein Fachbegriff) wie dem Satz „Verborgene Bedeutung transformiert beispiellose abstrakte Schönheit“. Bullshit soll beeindrucken, wird aber ohne Beachtung des Wahrheitsgehaltes verfasst.

Die Autoren der Studie konnten eine starke Korrelation nachweisen zwischen beliebigen Ansammlungen von leeren Phrasen und den Tweets des amerikanischen Esoterikers Deepak Chopra. Chopra hat zwanzig Bestseller verfasst und hat auf Twitter 2,5 Millionen Follower. Die Studienautoren bezeichnen ihre Studie als „wertvollen ersten Schritt“, um die Psychologie des Bullshit besser zu verstehen. Mehr nicht. Wenig überraschend, steht nirgends in der Studie, dass Menschen „dumm“ wären, weil so etwas nie in wissenschaftlichen Studien steht, da „Dummheit“ keine wissenschaftliche Kategorie ist. Die Autoren kommen vielmehr zu folgendem Ergebnis:

„Wer empfänglicher für Bullshit ist, ist weniger nachdenklich, hat ein weniger ausgeprägtes kognitives Vermögen (d.h. verbale und fluide Intelligenz, Rechenkenntnisse), ist anfälliger für ontologische Verwirrungen und Verschwörungsdenken und befürwortet eher komplementäre oder alternative Medizin.“

Gewiss: Es ist naheliegend, daraus einfach „sie sind dumm“ zu machen. Allerdings sieht man anhand der anderen „Vereinfachungen“ in der Berichterstattung und umso mehr den Facebook-Posts über die Studie, die tatsächlich Verfälschungen sind, dass man gerade bei einzelnen wissenschaftlichen Studien, die erstmals ein Phänomen untersuchen, besser in seinen Zusammenfassungen umso genauer sein muss. In dieser Studie geht es nämlich nicht um „Weisheitssprüche“, „Inspirierende Sprüche“, „Motivationsposter“ oder gar „philosophische Sprüche“, sondern nur um die Psychologie von Bullshit-Sätzen, Punkt. Offensichtlich sind Leute, die kluge Sprüche mit einer echten Aussage auf Facebook teilen, nicht dumm.

Interessant wäre eine Studie über die Psychologie von Leuten, die Forschungsergebnisse auf Facebook verfälschen, sodass die Verfälschung andere Menschen herabwertet. Ich wette, sie würde zu folgendem Ergebnis kommen: Er oder sie 1. hat ein weniger ausgeprägtes kognitives Vermögen (d.h. verbale und fluide Intelligenz, Rechenkenntnisse), 2. leidet unter Narzissmus, 3. hat ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis und hat ein 4. geringes Selbstvertrauen, weshalb er den Drang hat, auf andere, „dümmere“ Menschen hinabzusehen.

Der Facebook-Bullshit

Vor allem die jüngeren Generationen erhalten zunehmend ihre „Nachrichten“ größtenteils oder sogar nur noch aus den sozialen Netzwerken. Zweifellos tragen auch die Medien selbst eine Mitverantwortung dafür, da sie zunehmend auf Kampagnenjournalismus, Boulevardisierung und generell auf eine parteiische, unausgewogene Berichterstattung setzen. Mit ihrem Subjektivismus unterscheiden sich manche kaum noch von Facebook-Beiträgen oder Blog-Beiträgen. Das hat wiederum viel mit dem irrationalen Zeitgeist zu tun, von dem nicht nur Journalisten befallen sind.

Facebook kann man lesen, tue ich auch, und es gibt viele sehr schlaue, kleine Beiträge in diesem sozialen Netzwerk, die man in den großen Medien selten findet – gerade weil sich dort auch viele Frei- und Querdenker tummeln. Ich habe konsequent Idioten aus meinem virtuellen Facebook-Freundeskreis entfernt und nun lese ich größtenteils witzige, kluge Kommentare. Allerdings muss man erst einmal Idioten, die Gerüchte verbreiten, von Freidenkern, die schlaue Sprüche abgeben, unterscheiden können.

Facebook und andere soziale Netzwerke haben unlängst ein sehr großes Problem mit Fehlinformationen. Aktuell konnte man das anhand der üblen Gerüchte über die angeblichen Untaten von Flüchtlingen nachvollziehen. Wie es aussieht, haben Flüchtlinge schon so ziemlich jede junge, blonde Frau in Deutschland vergewaltigt und jeden Lidl und Aldi (seltsamerweise nur Discounter) ausgeraubt, die nicht mit Stacheldraht und Laserbarrieren umgeben sind.

Zu den klugen Kommentaren zählen die Comics von Nadja Hermann, der Autorin von „Fettlogik“ und „Erzähl mir nix“. Hier ihr Comic zur „Lügenpresse“:

Ich möchte also nicht die sozialen Medien an sich verdammen. Ich empfinde sie selbst als große Bereicherung. Es hängt letztlich ganz von den Nutzern ab, wie nützlich sie sind. Aber eines steht fest: Nachrichtenmedien können die sozialen Medien, die größtenteils von Amateuren betrieben werden, nicht ersetzen. Nicht einmal heute, wo die Nachrichtenmedien selbst so in ihrer Qualität nachgelassen haben.

Siehe auch: Der objektive Journalist

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