Sollte ich nicht für offene Grenzen sein?

Sollte ich als Laissez-faire-Kapitalist nicht eigentlich offene Grenzen befürworten? Objektivisten – die Anhänger von Ayn Rands Philosophie – sind sich uneins über die Einwanderungspolitik. Einige sagen, wir bräuchten jetzt sofort offene Grenzen, andere meinen, das wäre in unserer gegenwärtigen Lage nicht sinnvoll und vielmehr als Langzeit-Ziel erstrebenswert. Ich gehöre zur letzten Kategorie. Der unter Objektivisten einflussreiche Philosoph Harry Binswanger hat sich in die Debatte eingeschaltet. Er hatte sich bislang entschlossen für offene Grenzen ausgesprochen, differenziert jedoch in seinem neuen Beitrag.

Binswanger sagt Folgendes:

  • Grundsätzlich gäbe es in einer Welt, die auf Grundlage des Laissez-faire-Kapitalismus funktioniert, offene Grenzen.
  • Wir sind jedoch „Lichtjahre“ von einer solchen Welt entfernt. Darum gibt es Meinungsverschiedenheiten unter Objektivisten über die Einwanderungspolitik.
  • Offene Grenzen wären nur unter folgenden Bedingungen realisierbar:
  1. Besiegt den Iran und seine verbündeten Staaten in einer militärischen Kampagne. Dies würde in Verbindung mit einer angemessenen Außenpolitik den Aufstieg des Islams bremsen und die Sorgen über muslimische Einwanderung aufheben.
  2. Einwanderer sollten für den Rest ihres Lebens auf Regierungsleistungen verzichten müssen. Dann müsste man sich nicht mehr über arme Einwanderer Sorgen machen, die nur wegen Sozialleistungen kommen.
  3. Einwanderer sollten nie das Wahlrecht erhalten. Dann müsste man sich nicht mehr über Einwanderer aus etatistischen Kulturen sorgen, die Etatisten wählen (die einen großen, mächtigen Staat haben möchten).
  4. Ersetzt multikulturellen „Bullshit“ mit der stolzen, moralisch zuversichtlichen Versicherung von Amerikas Überlegenheit gegenüber den etatistischen und theokratischen Gesellschaften, aus denen die Einwanderer kommen. Tretet für den Individualismus ein.

„Nichts davon wird in absehbarer Zukunft geschehen“, bemerkt Binswanger. Da wir das Problem also nicht auf prinzipieller Ebene lösen können, sind wir auf konkrete Fakten beschränkt. Das bedeutet letztlich die Frage, ob uns Einwanderer statistisch mehr nützen oder mehr schaden? Wir können in unserer Lage also nur, bis zu einem gewissen Grad, das geringere Übel wählen.

Ehrlich gesagt sehe ich nicht, wie die militärische Bezwingung von islamischen Theokratien, die den Westen bedrohen (wobei man Saudi Arabien hier auch explizit nennen sollte), den Aufstieg des Islams bremsen und die Sorgen über muslimische Einwanderung aufheben könnten. Sicher könnte diese Maßnahme den Aufstieg des Islams zügeln, aber die Sorgen über muslimische Einwanderer würden erst dann verschwinden, wenn wenigstens die meisten Muslime, die den Westen betreten möchten, zumindest einigen ihrer Überzeugungen abschwören würden, die im Gegensatz zu aufklärerischen Werten stehen (wie die Ermordung von Apostaten, „manchmal“ berechtigte Anschläge auf Ungläubige, etc.).

Und warum sollten sie das machen? Der Islam ist eine Krieger-Religion und sie hört nicht auf, eine Krieger-Religion zu sein, wenn sie militärische Schlachten verliert. Nur durch Aufklärung innerhalb der islamischen Welt könnte sich etwas in dieser Richtung bewegen.

„Das Prinzip der offenen Grenzen ist kein angemessenes Prinzip für unsere aktuelle ideologische, kulturelle und politische Situation.“

Ich habe kein Problem mit den Vorschlägen von Binswanger, aber ich denke nicht, dass sie jemals die Sorgen über Einwanderer völlig aufheben könnten, die unseren Werten entgegenstehen. Zwar sind das gute Vorschläge, aber offene Grenzen sind erst konsequent möglich, wenn jedes Land auf der Welt zumindest halb frei ist (wie Deutschland). Und dafür genügen Binswangers Vorschläge nicht.

Ja, es ist zweifellos frustrierend für Philosophen. Jetzt haben wir mühselig herausgefunden, dass eine freie Welt mit offenen Grenzen das bestmögliche System wäre, das grundsätzlich auch durchaus realisierbar ist (es gibt keine Naturgesetze, die dagegen sprechen), und jetzt müssen wir feststellen, dass die Gegebenheiten, in denen wir leben, kein prinzipielles Eintreten für offene Grenzen im Hier und Heute ermöglichen. Wir sollten ausschließlich mit der Fußnote prinzipiell für offene Grenzen eintreten, dass diese nur unter bestimmten Bedingungen möglich sind. Und diese Bedingungen sind nicht gegeben.

Ja, letztlich müssen wir uns auf das Niveau von Statistiken hinab begeben (wobei mir ein Statistiker sagte, dass sich nur wenige Menschen auf dieses Niveau hinauf begeben könnten, da kaum jemand eine Ahnung von Statistik hat), weil wir nun einmal auf der Welt leben, wie sie ist. Und nicht, wie wir sie gerne hätten. Prinzipien dienen in erster Linie dazu, uns auf der Welt, in der wir leben, zurechtzufinden. Das Prinzip der offenen Grenzen ist kein angemessenes Prinzip für unsere aktuelle ideologische, kulturelle und politische Situation. Es ist insofern ein wichtiges Prinzip, weil es uns sagt, was wir letzten Endes anstreben sollten und warum. Nicht mehr und nicht weniger.

Siehe auch: Müssen wir uns für Flüchtlinge aufopfern?

Nun gehet dahin und teilt das, Ungläubige: