Sollte man sich Beleidigungen gefallen lassen?

Es drängt sich mir der Eindruck auf, dass manche Leute das Argument, „Es gibt kein Recht, nicht beleidigt zu werden“, mit dem die freie Rede verteidigt werden soll, falsch verstehen.

Es gibt eindeutige Regeln für eine rationale und kultivierte Diskussion, an die man sich zu halten hat. Punkt. Wer es systematisch nicht tut – also wer nicht nur mal ausnahmsweise ausrastet, sondern sich konsequent nicht daran hält – ist ein Asozialer, mit dem man bestenfalls nicht mehr diskutieren sollte. Zu diesen Regeln gehören neben den üblichen Nettigkeiten wie der Begrüßung, Danksagung und so weiter der Verzicht auf einen absichtlichen Gebrauch von Denkfehlern und rhetorischen Tricks. Dieser ist noch wichtiger als die Nettigkeiten und wird viel seltener beachtet. Vor allem gilt das für solche rhetorische Tricks, die gegen den Gesprächspartner persönlich gerichtet sind.

Ein Beispiel für solche absichtlich eingesetzten Denkfehler ist das „Strohmann-Argument“. Man tut dabei so, als würde der Gesprächspartner eine Position vertreten, die irgendwie an seine erinnert, die er aber so keineswegs vertritt. Spricht sich etwa jemand gegen die Drogenprohibition aus, so macht ihn das nicht zu einem „Drogenbefürworter“, sondern zu einem Gegner des staatlichen Drogenverbots. Er mag selbst Drogen verabscheuen und jedem von Drogen abraten.

Ein offensichtliches Beispiel ist der „Ad Hominem“-Angriff, bei dem man eine Person statt einem Argument angreift. „Du hast Unrecht mit der Befürwortung der Irak-Intervention, weil du ein weißer Mann bist und keiner Minderheit angehörst“ zum Beispiel. Wer möchte, kann sich die ganze Liste an Denkfehlern durchlesen und diese bestenfalls nicht begehen.

Das Argument, man habe kein Recht, nicht beleidigt zu werden, ist kein Freischein, Leute persönlich zu beleidigen. Es geht dabei überhaupt nicht um persönliche Beleidigungen, sondern um inhaltliche Aussagen, die auch einen satirischen Charakter haben können, durch welche sich manche Leute beleidigt fühlen können. Und dies, ohne dass sie tatsächlich persönlich beleidigt wurden. Beispielsweise mögen bestimmte Leute jegliche Kritik an ihrem Weltbild bereits als beleidigend empfinden und sie haben kein Recht darauf, vor Kritik geschützt zu werden, indem man anderen Menschen das Maul stopft. Wenn man „du Arschloch“ genannt wird, dann ist es aber keine bloße „Empfindung“, dies als persönliche Beleidigung aufzufassen – es ist objektiv eine.

Ich kann es jedenfalls überhaupt nicht leiden, wenn jemand absichtlich rhetorische Manipulationen gebraucht, statt die Position des Gegenübers klar zu identifizieren und auf diese zu antworten. Das zeigt für gewöhnlich, dass man keine inhaltliche Antwort hat. Es kann auch bedeuten, dass man die andere Person für nicht wichtig genug erachtet, sich überhaupt mit ihren inhaltlichen Positionen zu befassen – was ein Verstoß gegen den grundlegenden Respekt ist, den man jedem Menschen in der zivilisierten Welt entgegenzubringen hat.

Die Frage ist nun, wie man darauf reagieren soll, wenn jemand systematisch auf eine unehrliche Weise diskutiert. Diesbezüglich ist die Auffassung weit verbreitet, man solle „darüber stehen“ und „souverän“ wie ein stoischer Kapitän dem Sturm trotzen. Ich sehe das nicht so. Es ist gerecht, die Kausalität zu bewahren und dem unehrlichen Diskussionspartner die Folgen seiner Handlungen spüren zu lassen. Man kann darüber streiten, was das konkret bedeutet. Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist aber nicht grundsätzlich falsch, sondern grundsätzlich richtig. Es sollte nur stets eine Option offenstehen, wieder zur zivilisierten Debatte zurückzufinden. Am besten, man begibt sich  auf die Meta-Ebene und erklärt, welche rhetorischen Tricks das Gegenüber eingesetzt hat. Wer dann nicht erkennt, warum das falsch ist, ist im Grunde sowieso als Diskussionspartner disqualifiziert.

Rache ist eine Form der Gerechtigkeit. Damit ist nicht die absichtlich subjektive Weise gemeint, wie der Gesetzgeber „Rache“ definiert – nämlich über den emotionalen Zustand des Täters, als könnten Richter in die Seele von Menschen sehen. Sondern es ist die Vergeltung eines Unrechts auf eine Weise, die der Schwere des Unrechts entspricht, gemeint. Man sollte zwar in einem Streitgespräch immer wieder deeskalierend wirken und prüfen, ob der andere darauf eingeht. Trotzdem hat derjenige, der unehrlich diskutiert, eine aggressive Handlung begangen, für die er rechtmäßig auch Folgen tragen muss. Es muss ihm klargemacht werden, dass so etwas nicht akzeptabel ist.

Wie jegliches Unrecht braucht man sich auch persönliche Beleidigungen und eine unehrliche Diskussionsweise nicht gefallen zu lassen. Warum auch? Dadurch würde man den Täter belohnen und so etwas fördern.

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