Warum tut ihr mir das an?

Die Bild berichtet aktuell über einen „Star-Wars-Gottesdienst in Berliner Kirche“. Siehe diesen Artikel. Sobald sich ein radikaler Atheist in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlt, weiß man, dass sie diesmal wirklich zu weit gegangen sind.

Das klingt vielleicht zunächst nach Spaßverderb. Was muss ein miesepetriger Deutscher wieder rumnörgeln an einem harmlosen Spaß wie als Darth Vader kostümierte Kinder bei einem Gottesdienst und junge Pfarrer, die Star Wars mit Bibelgeschichten vergleichen?

Insofern zunächst meine Meinung zu „Star Wars“, die hoffentlich nicht zu herablassend ist. Mich hat zwar nicht das Star-Wars-Fieber gepackt, aber die erste Trilogie gehört zu den überdurchschnittlichen Produkten der Popkultur – vor allem die Spezialeffekte waren damals revolutionär. Aber auch die Tatsache, dass inspirierende Helden gezeigt wurden, ist nicht selbstverständlich in der Popkultur.

Die Filme werden in Punkto Plot und Charakterentwicklung übrigens bei weitem übertroffen vom zugehörigen Bioware-Rollenspiel „Knights of the Old Republic“, das erheblich besser geschrieben ist als alle Filme. Beispielsweise haben die Tusken-Räuber, die „Sandleute“, darin eine Hintergrundgeschichte und eine nachvollziehbare Motivation für ihre Angriffe auf Händler und Siedler. In den Filmen sind es nur stumpfe Wilde, die aus Spaß Leute umbringen. Man könnte ein ganzes Buch oder mehrere darüber schreiben, warum dieses Rollenspiel besser ist als die Filme. Und der inoffizielle Nachfolger des Spiels, die Mass-Effect-Trilogie, ist wiederum besser als Knights of the Old Republic. Aber auch die Filme sind „ganz gut“ für das, was sie sind, die Sache mit der Macht, den heldenhaften Jedirittern und Lichtschwertern inspiriert und irgendwann werde ich mir auch den neuen ansehen. Außerdem hätte es die PC-Rollenspiele nicht ohne die Filme gegeben – insofern.

„Es kommt einem so vor, als wäre diese Star-Wars-Mythologie für viele Menschen wirklich bedeutend“

Ich habe also nichts gegen Star Wars, von den albernen und abstoßenden kostümierten Außerirdischen abgesehen (wie der blaue Elefant in dieser Kneipe – also echt). Die Filmserie erhält trotzdem erheblich zu viel Anerkennung und Aufmerksamkeit. Es kommt einem so vor, als wäre diese Star-Wars-Mythologie für viele Menschen wirklich bedeutend, also ein prägender Lebensinhalt. Vielleicht ist sie auch nur der Ersatz für einen prägenden Lebensinhalt, für große Kunst – für das, was für die Alten Griechen Homer gewesen ist – den bezeichnenderweise eine Literaturstudentin in meinem ersten Semester wie den Charakter aus den „Simpsons“ ausgesprochen hat. Außerdem meinte eine weitere Kommilitonin in einem kulturwissenschaftlichen Seminar, dass selbst Star Wars: Episode 1 für sie eine besondere Bedeutung habe. Es gibt also wirklich Leute, für die ist Star Wars von großer persönlicher Bedeutung.

Ich verstehe das nicht. Auch die allerbesten Filme und Spiele sind für mich kein Literatur- oder gar Religionsersatz. Als besonders prägend habe ich keine davon empfunden – im Gegensatz zu hoher Literatur, die tatsächlich prägend war. Es ist aber auch nicht „nur Unterhaltung“ oder „Spaß“, sondern Kunst, auch Pop-Kunst, spielt als solche eine durchaus wichtige Rolle im menschlichen Leben. Sie zeigt uns eine Welt, in der man seine Werte erreichen kann, in dem das Gute über das Böse triumphiert, in der das erreicht ist, was wir anstreben. Dadurch füllt Kunst sozusagen unsere Batterien wieder auf. Sie gibt uns die Energie, weiterzumachen, weiterzukämpfen, damit unser Leben dem Leben der Helden in Film und Literatur mehr ähnelt. Somit erfüllt Kunst eine existenzielle Funktion. Und wenn die Leute schon kaum noch hohe Kunst „konsumieren“, dann haben sie wenigstens noch Pop-Kunst.

Ich sage das auch, weil ich kürzlich mal wieder den Kommentar lesen musste, dass all diese Kunstschaffenden „nichts Echtes“ studiert hätten und besser als Ingenieur Schrauben drehen sollten. Ihr habt keinerlei Ahnung und befindet euch auf einem Level mit einem germanischen Stammeskrieger, der sich nicht vorstellen kann, wozu die Römer all diese Paläste bauen und Texte schreiben, wenn man doch einfach seine Axt schärfen und „Axt“ auf einen Stein kratzen kann, bis man mal wieder einen Behinderten im Moor versenkt. Ja, es gibt überproportional viele naive Linksliberale unter den Kulturschaffenden, die uns alle schlecht aussehen lassen, aber das Kultur-schaffen als solches ist absolut legitim und unverzichtbar für jede Zivilisation.

„Es gibt keinen Gott, aber es gibt das menschliche Leben, unser Leben, und das ist wichtig“

Der Grund für meine Abwehrreaktion auf den Star-Wars-Gottesdienst lautet: In eine Kirche gehört Popkultur grundsätzlich nicht. Kirchen sind für die Gläubigen (also für keinen der Star-Wars-Gottesdienstbesucher) der Ort, an dem man mit dem „Höchsten“ in Verbindung tritt, mit der ethischen Richtschnur, einem weiseren Wesen, einem besseren Wesen, dem Wesen, das selbst für erwachsene Menschen einer Anbetung würdig ist. Ein solches Wesen gibt es zwar nicht, aber die Idee, das Weise, ethisch Vollkommene, Schönste zu verehren – etwa im Unterschied zum Durchschnitt oder zum Schrott – ist für mich absolut nachvollziehbar. Es gibt ja durchaus weise Menschen, heldenhafte Menschen, schöne Menschen. Und es gibt Kunst, welche die Ideen der Weisheit, der ethischen Vollkommenheit, der Schönheit repräsentiert. Star Wars ist keine solche Kunst, weil sie einfach nicht gut genug ist dafür. Mit Abstand nicht gut genug.

Immer weniger Leute besuchen Gottesdienste. Priester probieren verzweifelt alle möglichen Mittel aus, um wieder Besucher anzulocken. Ob dabei Kirchen zu Zirkussen und Comic-Cons degenerieren, kümmert sie offenbar nicht. Dabei haben Kirchen nicht nur eine religiöse, sondern auch kulturelle Bedeutung. Man wird darin als Mitglied getauft, macht Übergangsrituale mit (Kommunion und Firmung), heiratet und es finden Andachtsgottesdienste für Verstorbene statt. Einiges davon gilt auch für Nicht-Mitglieder. Es sind also Orte von großer Bedeutung im Leben eines Menschen, in denen der Wechsel zu einer neuen Lebensstation rituell gefeiert wird. Eine Kirche ist kein Ort für die Spaßkultur, die alle Bedeutung aufhebt und alles auf „Spaß“ reduziert. Es ist also kein Ort für Nihilismus.

Es ist schon wieder so ein Fall. Die Neuen Atheisten und andere Religionskritiker haben gesagt „Es gibt keinen Gott“ – sie haben nicht gesagt: „Schüttet das Kind mit dem Bade aus, die Kultur mit dem Gottesglauben, die gesamte Bedeutung mit einer Fehldeutung und werdet nunmehr subjektivistische Nihilisten.“ Es gibt keinen Gott, aber es gibt das menschliche Leben, unser Leben, und das ist wichtig. Es gibt Dinge, die sind besser für unser Leben als andere – weiser, moralischer, schöner. Das Bessere verdient unsere Verehrung, nicht das Mittelmaß und nicht das Schlechte. Und somit auch nicht Star Wars. Man kann es sich mal ansehen, es ist ganz nett, aber es gehört nicht in eine Kirche.

„Das Bessere verdient unsere Verehrung, nicht das Mittelmaß und nicht das Schlechte“

Was gehört dann in einer Welt ohne Gott in die Kirchen? Nur das Beste. Ich stelle sie mir schon lange als Orte vor, in denen man ernsthaft über das Schöne, das Wahre, das Gute philosophieren könnte. Ja, man sollte die Religion durch die Philosophie ersetzen, durch Kunst und Wissenschaft – mit dem Besten, was wir Menschen hervorbringen und dem, was unser Leben am meisten bereichert. Konkret könnte man in Kirchengebäuden populäre Vorträge über philosophische Fragen halten und dann Diskussionen führen. Die kulturellen Riten (Taufe, Hochzeit, etc.) könnte man in variierter Form beibehalten. Mit Sicherheit sollte man Religion nicht durch Star Wars ersetzen.