Ein Leben des Lebens wegen

Charles Ernest Butler: Tod eines Wikingerkriegers (1909)

Charles Ernest Butler: Tod eines Wikingerkriegers (1909)

Die schönste Stelle im Gesamtwerk der amerikanischen Philosophin und Romanautorin Ayn Rand findet sich meiner Ansicht nach in „We the Living“. Das ist Rands früher semi-autobiografischer Roman über das Leben in der Sowjetunion. In der Passage geht es um die einzige Geschichte über einen Helden, den die junge Protagonistin Kira, ein russisches Mädchen, als Kind gelesen hat. Die Zusammenfassung der Geschichte in „We the Living“ ist bereits ein Vorbote von Rands späterer Philosophie.

Ergänzung: Wie ich erfahren habe, gab es in den 1950er-Jahren eine deutsche Übersetzung, die „Vom Leben unbesiegt“ heißt. Davon besitze ich keine Ausgabe. Ich habe die Stelle im Folgenden selbst ins Deutsche übersetzt:

Kira war noch nie verliebt gewesen. Ihr war nur ein einziger Held bekannt, nämlich ein Wikinger, dessen Geschichte sie als Kind gelesen hatte; ein Wikinger, dessen Augen nie weiter blickten als bis zum Ende seines Schwertes, doch das Ende seines Schwertes konnte überall sein; ein Wikinger, der durch das Leben schritt und dabei Grenzen durchbrach und Siege erntete; der durch Ruinen lief, während die Sonne eine Krone auf sein Haupt malte; doch er ging leichtfüßig und aufrecht, ohne ihr Gewicht zu bemerken; ein Wikinger, der Könige auslachte, der Priester auslachte, der nur zum Himmel aufblickte, wenn er sein Haupt für einen Schluck aus einem Gebirgsbach zurücklehnte und deutlicher als den Himmel sah er dann sein eigenes Bild vor sich; einen Wikinger, der für nichts lebte als die Freude und das Wunder und den Ruhm des Gottes, der er selbst war.

Kira erinnerte sich nicht an die Bücher, die sie vor dieser Legende gelesen hatte und sie wollte sich nicht an die Bücher erinnern, die sie danach gelesen hatte. Während der kommenden Jahre erinnerte sie sich aber an das Ende der Legende: Als der Wikinger auf dem Turm über einer Stadt stand, die er erobert hatte. Der Wikinger lächelte wie Männer lächeln, die zum Himmel aufblicken; aber er blickte hinab. Sein rechter Arm formte eine Linie mit seinem gesenkten Schwert; sein linker Arm, ausgestreckt wie das Schwert, hob einen Kelch Wein zum Himmel empor. Die ersten Strahlen einer nahenden Sonne, auf Erden noch nicht zu sehen, trafen auf den kristallenen Kelch. Er glänzte wie eine weiße Fackel. Ihre Strahlen erleuchteten die Gesichter der Menschen unten. „Auf ein Leben“, sagte der Wikinger, „das seine eigene Rechtfertigung ist.“

Quelle: Ayn Rand: We the Living (1936)

Die Passage ist noch stärker durch Nietzsche beeinflusst als Rands spätere Romane. Rand wählte später keinen Krieger mehr als ihren perfekten Menschen (wie Nietzsche es tat), sondern sie wählte stattdessen Unternehmer, Denker und Künstler. Also friedliche Händler im Unterschied zu gewalttätigen Eroberern. Sieht man das Erobern von Städten und das Durchbrechen von Grenzen jedoch als Metaphern für das Überwinden schwieriger Hürden und das Erreichen von Zielen an – wie es wohl auch damals schon gemeint war – verleiht die Passage bereits einen guten Eindruck von Rands Philosophie: Die erste und einzige Philosophie, die vollkommen weltlich ist, die den Atheismus zu Ende gedacht hat.

Falls ihr diese Passage so inspirierend findet wie ich – mich hat sie zu Tränen gerührt – so könnt ihr sie gerne teilen, andere darauf hinweisen: