Die Ethik von Star Wars

An welcher Ethik orientieren sich die Jedi-Ritter aus Star Wars? Warum behauptet Obi-Wan Kenobi, dass ich ein Sith wäre? Und was sagt Star Wars über den Westen aus?

Obi-Wan Kenobi, Mentor von Anakin und Luke Skywalker und ein durchweg positiv dargestellter Charakter der Star-Wars-Filme, sagt in Star Wars: Episode 3 folgendes über jene, die der dunklen Seite der Macht dienen: “Nur ein Sith betrachtet die Welt in absoluten Kategorien.” Auch anderen ist aufgefallen, dass diese Aussage selbst eine Aussage in absoluten Kategorien ist. Darum wird sie in einigen Memen veralbert:

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„Nur ein Sith betrachtet die Welt in absoluten Kategorien.“ (Macht Aussagen mit absoluten Kategorien)

Konsequenterweise hat jemand die Aussage von Obi-Wan in eine relative Form umgeschrieben:

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„Weißt du, Anakin, Sith könnten oder auch nicht eine leichte Neigung haben, mehr oder weniger in absoluten Kategorien zu denken. Damit impliziere ich nicht, dass alle Sith das tun oder alle Jedi, ich warne dich nur, dass es eine höhere Korrelation mit dem Denken in absoluten Kategorien geben könnte unter Populationen, die sich selbst als Sith identifizieren.“

Jedenfalls gehören die Anhänger von Ayn Rands Philosophie ebenso zu jenen, die „absolute“ Aussagen über die Realität machen. Und die im Bereich der Ethik zwischen Gut und Böse unterscheiden. Es geht dabei um Aussagen, die nicht nur „gut funktionieren“ bei der Beschreibung von irgendetwas, das die Realität sein könnte oder auch nicht (Pragmatismus), sondern Aussagen, die von sich beanspruchen, wirklich die Realität zu beschreiben (Realismus oder Objektivismus). Star Wars nimmt hier einen postmodernen Schwenk: Nur, wer Gut und Böse für grau und nicht genau definierbar hält, ist kein Sith (also nicht böse, hier wieder der Selbstwiderspruch).

Manchmal wird die Aussage auch als „Nur ein Sith kennt nichts als Extreme“ übersetzt, was aber keine korrekte Übersetzung ist. Wie dem auch sei: Terroristen werden alternativ „Extremisten“ genannt. Philosophisch betrachtet ist das Unsinn. Wenn man „Gut“ und „Böse“ nicht definieren kann, dann kann man keine moralischen Unterscheidungen treffen. Das „Extreme“ oder „Radikale“ ist nicht das Problem mit dem Weltbild von Terroristen. Es gibt auch radikal gute Menschen, extrem gute Ehemänner, totale Genies. Das Problem besteht in den konkreten Inhalten der Ideologie von Terroristen, vor allem darin, dass sie die Einleitung von Gewalt gegen andere Menschen gutheißt.

Ergänzung: Wenn gemeint ist: Sith teilen die Welt in „Sith“ und „Nicht-Sith“ ein und alle Nicht-Sith sind für sie böse, dann irren sie sich damit, weil sie eine falsche Definition von „Gut“ und „Böse“ verwenden. Das Problem ist aber nicht, dass sie eine Definition von Gut und Böse verwenden, sondern dass es eine falsche ist. Würden sie stattdessen sagen, „Alle, die dem menschlichen Leben absichtlich Schaden zufügen, tun etwas Bösartiges“ und „Alle, die etwas tun, das dem menschlichen Leben dient, tun etwas Gutes“, dann wäre das ebenso eine dualistische Einteilung menschlicher Handlungen. Um festzustellen, ob jemand ein guter Mensch ist, muss man herausfinden, ob er über einen längeren Zeitraum konsistent gut handelt.

Wenn er manchmal böse Dinge tut und manchmal gute Dinge, muss man für seine Einschätzung prüfen, was gut und was böse ist und welchen Anteil diese Handlungen an seinem Leben haben. „Grau“ gibt es aber gar nicht. Es gibt optionale Handlungen, wie ein Schokoladeneis zu essen oder ein Vanilleeis. Es gibt Handlungen, die nur sehr wenig böse sind und die kaum etwas ausrichten. Sie sind aber trotzdem böse und nicht „grau“ oder „dazwischen“. Man sollte sich hier nicht von der Idee eines „gesunden Maßes“ von Aristoteles verwirren lassen – denn für ihn ist ja genau dieses gesunde Maß „gut“ – und davon abweichende Handlungen böse, wenn auch eventuell nur in einem geringen Maße.

Etwa auf diesem verworrenen Niveau befindet sich die gesamte Star-Wars-Ethik (und die ethischen Überzeugungen der meisten Menschen im Westen). Nur für den Fall, dass sich jemand ernsthaft daran orientiert.

Die Ethik der Sith

Kurz gesagt ist die Ethik der Sith der Sozialdarwinismus, der sich politisch als Faschismus geäußert hat. Der Sozialdarwinismus ist eine Form des Subjektivismus, der objektive Fakten leugnet und der die Realität den eigenen Launen unterwerfen möchte.

Der Sith-Codex lautet wie folgt:

„Frieden ist eine Lüge.
Es gibt nur Leidenschaft.
Durch Leidenschaft erlange ich Kraft.
Durch Kraft erlange ich Macht.
Durch Macht erlange ich den Sieg.
Der Sieg zerbricht meine Ketten.“

Dieser Codex ist eine ziemlich gelungene Darstellung der sozialdarwinistischen Ethik – die Ethik der subjektivistischen Launen-Verehrer, wie Ayn Rand sie nannte. Demnach geht es den Sith um die notfalls gewaltsame Durchsetzung der eigenen Launen.

Darth Bane aus dem „erweiterten Universum“ von Star Wars führt den sozialdarwinistisch-faschistischen Gedanken wie folgt aus: „Es gibt jene mit Macht, mit der Kraft und dem Willen zu führen. Und es gibt jene, die zum Folgen bestimmt sind – jene, die zu nichts fähig sind außer Knechtschaft und einer kargen, wertlosen Existenz.“ Das erinnert an das Weltbild vieler unserer Politiker, die glauben, wir wären zu unfähig, uns eine eigene Versicherung und eigene Schulen für unsere Kinder auszusuchen.

Leider wird diese bösartige Ethik immer wieder von Star-Wars-Charakteren mit dem Individualismus und dem Egoismus über einen Haufen geworfen. Darth Zennah sagt zum Beispiel: „Böse ist ein Begriff, der von den Ahnungslosen und Schwachen gebraucht wird. Bei der Dunklen Seite geht es um das Überleben. Es geht um die Entfachung deiner inneren Kraft. Sie glorifiziert die Stärke des Individuums.“ Genauer geht es jedoch nur um die physische Stärke, das physische Überleben und die gewaltsame Macht über andere. Das hat mit Charakterstärke und Macht über sich selbst nichts zu tun.

„Das politische Ziel der Sith erinnert an jenes der Europäischen Union.“

Darth Plagueis, der Mentor von Darth Sidious (= der Imperator) beschreibt das politische Ziel der Sith, das an jenes der Europäischen Union erinnert: „Aufgeklärte Wesen, führende Intelligenzen manipulieren Geschehnisse, um einen Sturm zu entfachen, der die Macht in die Hände einer elitären Gruppe lenkt – einer Gruppe, die bereit ist, die schwierigen Entscheidungen zu treffen, welche die Republik aus Furcht nicht trifft.“

Darth Cognus bringt einen Unterschied zwischen der sozialdarwinistischen und der kapitalistischen Ethik auf den Punkt. Der Sith sagt folgendes: „Wohlstand und materielle Güter bedeuten mir nichts. Ich strebe nur nach Macht und nach einem Ziel. Mit der Macht kann man sich einfach alles nehmen, was man will oder braucht. Mit einem Ziel ergibt das Leben einen Sinn.“ Ein Kapitalist strebt also Wohlstand an, er arbeitet unter anderem für materielle Güter, während ein Sith sich mit Gewalt nimmt, was er haben möchte.

Logischerweise sind die Sith, als die Leugner wichtiger Fakten über die Existenz, Relativisten: „An der Lüge ist etwas wahr und an der Wahrheit ist etwas Lüge!“ (Darth Ravenus). Die Jedi dürften als ihre konsequenten Gegenspieler eigentlich keine Relativisten sein, machen aber ebenso Aussagen in dieser Richtung.

Quelle für die Zitate: Sith Academy

Die Ethik der Jedi

Die Ethik der Jedi hat mystische, relativistische und altruistische Elemente, die den vermeintlich „rationalen“ und „egoistischen“ Elementen der Sith-Ethik entgegengestellt werden. Die Star-Wars-Autoren haben mit dem Sozialdarwinismus eine Variante des Bösen weitgehend gut getroffen, von jenen absurden Assoziationen mit „Rationalität“ (die industriell-technische Produktivität und Ordnung des Sith-Imperiums) und des „Egoismus“ (tatsächlich des rücksichtslosen Subjektivismus) abgesehen. Aber sie haben gravierende Probleme zu definieren, was das Gute ist.

Typisch für die Mystiker und Hedonisten nach Epikur-Art sagt Joda, man solle keine zu starke „Anhänglichkeit“ an seine Werte entwickeln. „Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens. Freue dich für jene, die in die Macht übergehen. Beklage sie nicht. Vermisse sie nicht. Anhänglichkeit führt zur Eifersucht. Das ist der Schatten der Gier.“ Mit anderen Worten soll man keine echten Werte haben. Meiner Ansicht nach gehört das Beklagen eines Verlustes zum Leben dazu. Niemals etwas wertzuschätzen ist keine Lösung für das Problem, es vielleicht einst zu verlieren. Man könnte einmal seinen Partner verlieren, sollte man darum keinen Partner haben?

Yoda tritt wie Obi-Wan als Relativist auf. „Viele der Wahrheiten, an die wir uns hängen, sind abhängig von unserer Perspektive.“

„Misstraue deinen Augen, sie können dich täuschen“, sagt Obi-Wan Kenobi in üblicher Mystiker-Manier. Die Verlässlichkeit der Sinne gehört hingegen zu den begründeten Überzeugungen der objektivistischen Philosophie, die ich teile. Wenn wir unseren Sinnen nicht trauen können, dann können wir nichts wissen. Was die Frage aufwirft, woher das „Wissen“ im Jedi-Codex kommen soll.

Der Jedi-Codex lautet, entsprechend fernöstlicher Mystik: „Es gibt keine Emotion, nur Frieden. Es gibt keine Ignoranz, nur Wissen. Es gibt keine Leidenschaft, nur Gelassenheit. Es gibt keinen Tod, nur die Macht.“

Die Jedi sind außerdem oder vielmehr im Widerspruch dazu angeblich Altruisten.

Palpatine, der spätere Imperator, sagt in Episode 3 zu Anakin: „Gut ist eine Frage der Perspektive.“ (Anm: Episode 3 stellt sowohl die Jedi wie die Sith als Relativisten dar, aber es ist nur böse, wenn die Sith es machen!). „Die Sith und die Jedi sind sich auf beinahe jede Weise ähnlich, inklusive ihres Strebens nach größerer Macht.“ Anakin antwortet: „Die Sith verlassen sich auf ihre Leidenschaft für ihre Stärke. Sie denken nur an sich selbst.“ „Und die Jedi nicht?“ „Die Jedi sind selbstlos… sie sorgen sich nur um andere.“

Man kann sich fragen, warum sich die Jedi eigentlich um andere sorgen, wo sie doch keine „Anhänglichkeit“ an Werte entwickeln sollen. Wenn es ihnen egal sein soll, wenn ein geliebter Mensch stirbt, warum sollte es ihnen weniger egal sein, wenn Fremde sterben?

„Star Wars ist kulturell insoweit interessant, als es die ethische Desorientierung und Hilflosigkeit der westlichen Gesellschaften einfängt.“

Was bei den Jedi besonders auffällt ist der krasse Gegensatz zwischen ihren Aussagen über das, was sie glauben und tun, und dem, was sie tatsächlich tun. Die Jedi werden in den Filmen und Spielen nicht als die passiven, nutzlosen, epikuräischen Mystiker-Mönche dargestellt, als die sie sich ausgeben, sondern sie treten als aktive Kämpfer für die Republik und gegen die Sith in Erscheinung. Außerdem sind sie als Diplomaten im Universum unterwegs. Ihre Taten haben mit ihren Aussagen über sich selbst nur wenig zu tun.

Die Jedi, beurteilt an ihren Handlungen, haben Werte, die ihnen sehr viel bedeuten und für die sie sehr engagiert kämpfen. Sie kämpfen für die Republik, sie setzen sich wo möglich für friedliche Lösungen von Konflikten ein, sie sind eine Art „Weltpolizei“, nur für das ganze Universum.

Star Wars ist kulturell insoweit interessant, als es die ethische Desorientierung und Hilflosigkeit der westlichen Gesellschaften einfängt. Wir wissen, wogegen wir sind: Gegen Faschismus. Wir haben als Kultur aber keine Ahnung, wofür wir stehen. Wie wäre es vielleicht mit… fernöstlicher Mystik? Oder mit Frieden… und Diplomatie, klingt doch auch gut? Und für andere leben, nicht an sich selbst denken. Und Relativismus, weil alle irgendwie Recht haben – bis auf die Faschisten natürlich.

Es ist erbärmlich. Islamisten stellen nicht darum eine Gefahr dar, weil sie uns zahlenmäßig oder militärisch überlegen wären, sondern weil sie den Finger in die Wunde legen. Weil sie den Westen bloßstellen als das intellektuell ausgebrannte, leere Ideengrab, das er ist. Und vor allem, weil wir als Kultur darauf keine Antwort gefunden haben (meine Antwort kennt ihr).

Nun gehet, meine Padawan, und teilt diesen Beitrag: