Aber nicht alle Muslime…

Nenne es nicht "Islam" (Bosch Fawstin)

Nenne es nicht „Islam“ (Bosch Fawstin)

…trinken keinen Alkohol. Soviel ist jedenfalls klar nach der Silvesternacht in Köln. Doch Sarkasmus beiseite (bzw. fange ich gleich wieder damit an): Das „Nicht alle Muslime“-Argument macht jede rationale Debatte über den Islam unmöglich. Genau dazu dient es.

Es ist ein reaktionäres Argument, das unerwünschte Kritik unterbinden soll. Religionskritikern ist es schon lange bekannt, letztes Mal begegnete es uns bei der Konfrontation des Religionskritikers Richard Dawkins mit christlichen Theologen…

Der Schriftsteller Adam Roberts verfasste während der Debatten über die Neuen Atheisten eine Satire namens „Der Faschismuswahn“. Sie behandelt genau dieses „Aber nicht alle…“-Argument. Um die Absurdität dieses Arguments zu veranschaulichen, nahm Roberts an, Dawkins hätte den Faschismus in einem neuen Buch kritisiert und nicht den christlichen Glauben. Er schlüpfte in der Satire in die Schuhe eines Faschisten, der seine Überzeugung gegen den Angriff von Dawkins verteidigt. Ein Auszug aus meiner Übersetzung von Adams „The Fascism Delusion“, publiziert im Humanistischen Pressedienst:

„Es fängt bereits damit an, dass er den Fehler macht, von „Faschismus“ zu sprechen, als wäre dieser ein vereinigtes Ganzes. In Wahrheit gibt es natürlich sehr viele Spielarten und Geschmacksrichtungen des Faschismus. Beziehen sich diese Verallgemeinerungen auf den Italienischen Faschismus? Den Hitler’schen Faschismus? Islamofaschismus? Falangismus? Kryptofaschismus? Brasilianischer Integralismus? Es ist bedeutungslos, aus diesem mannigfaltigen Flickenteppich menschlicher Praktiken einen idealisierten, monolithischen „Faschismus“ zu extrahieren, selbst für polemische Zwecke. Es ist auch nicht richtig, den Faschismus als „rechtsaußen“ zu bezeichnen (was ist mit dem Werdegang von Otto Johann Maximilian Strasser?) oder „militaristisch“ (viele Faschisten sind vollkommen friedfertig).“

„Entweder der Islam hat eine Identität, oder er ist gar nichts. Und über gar nichts kann man nicht reden.“

Wer dieses subjektivistische Argument einerseits und das relativistische Argument andererseits (es sind zwei Fehlschlüsse, die vermengt werden) ernst nimmt und sie konsequent anwendet, der wird dadurch vollkommen kommunikationsunfähig. Was soll so jemand sagen, wenn er etwa beim Mittagessen seine Frau darum bitten möchte, ihm das Salz zu reichen?

  1. Relativismus: Welches Salz? Es gibt kein monolithisches „Salz“, wie es keinen monolithischen Islam gibt. Es gibt Steinsalz, Pökelsalz, Speisesalz, darunter Himalayasalz und Meersalz und unzählige weitere Salze. Was sollen die alle gemein haben? Man muss schon differenzieren. Sonst ist man ein intoleranter Salz-Nazi.
  2. Subjektivismus: Was für dich Salz ist, das ist für mich noch lange kein Salz. Was der Islam ist, obliegt stets der Interpretation des individuellen Muslims. Was Salz ist, obliegt stets der Interpretation des individuellen Genießers. Vielleicht reicht dir deine Frau den Zucker, wenn du sagst, dass du das „Salz“ haben möchtest? Und warum auch nicht? Schließlich ist für deine Frau vielleicht das, was für dich Salz ist, Zucker.

Ohne klare Definitionen kann man nicht kommunizieren. Entweder der Islam hat eine Identität, oder er ist gar nichts. Und über gar nichts kann man nicht reden – und genau darum geht es den Apologeten. Man soll nicht darüber reden. Also wird die „monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert n. Chr. in Arabien durch den Propheten Mohammed gestiftet wurde“ (Wikipedia) in einem unsinnigen Geschwurbel aus „Aber nicht alle Muslime“ aufgelöst.

Ja, ich weiß, dass nicht alle Muslime Ungläubige köpfen. Ich habe schon mit richtig paranoiden Hardcore-Islamkritikern geredet, die gar nichts anderes mehr im Kopf haben, als sofort die Islamisierung zu stoppen, damit morgen nicht alle Bärte tragen müssen – und auch denen ist vollkommen klar, dass nicht alle Muslime Ungläubige köpfen oder ihre Frauen Zuhause einsperren oder ihre Tochter einer Zwangsehe ausliefern. Der größte Depp, der größte Pegida-Protestierer, weiß das. Jeder weiß das. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der das nicht weiß.

Wie alles auf der Welt hat der Islam trotz allem eine bestimmte Identität. Alle Geschmacksrichtungen des Islams haben etwas gemeinsam. Alle Geschmacksrichtungen des Islams unterscheiden sich von allem, was nicht der Islam ist. Diese Gemeinsamkeit sind der Koran und die Sunna als die Glaubensgrundlagen eines jeden Muslims. Mit „Sunna“ sind die „Handlungsweisen des Propheten“ gemeint, wie sie im Leben des Propheten (die Biografie von Mohammed) sowie in den Hadithen (Anekdoten über Mohammed) festgehalten wurden. Ist der Islam nicht mindestens das, dann ist er gar nichts. Und ist der Islam gar nichts, dann könnt ihr endlich aufhören, ihn zu verteidigen, liebe Apologeten. Warum sollte jemand nichts Bestimmtes verteidigen wollen?

„Da der Koran und die Sunna eine Reihe von Texten sind, die wir alle lesen können, können wir alle nachvollziehen, worauf der Islam beruht.“

Da der Koran und die Sunna eine Reihe von Texten sind, die wir alle lesen können, können wir alle nachvollziehen, worauf der Islam beruht. Davon abgesehen braucht man noch das Wissen um die islamische Theologie, die seitens aller sunnitischen Schulen und laut den meisten Schiiten (bei ihnen spielen ihre Imame eine größere Rolle) eine fundamentalistische ist (also die Texte wörtlich nimmt), und schon hat man etwas, über das man reden kann. Etwas, das „der Islam“ ist. Was den mystischen Sufismus angeht: Der deutsche Orientalist Tilman Nagel schreibt: „Die Annahme, einem rigiden, unduldsamen ‚Gesetzesislam‘ stehe eine ‚tolerante‘ sufistische Strömung entgegen, gehört zu den Fiktionen der europäischen Islamschwärmerei und wird durch die historischen Fakten tausendfach widerlegt.“

Kommen wir nun zu der Tatsache, dass nicht alle Muslime von allen offiziellen Inhalten ihrer Religion überzeugt sind, oder auch nur mit ihnen vertraut sind. Wie Christen, die nie die Bibel in der Hand hatten, so gibt es auch unzählige Muslime, die den Koran nicht gelesen haben und die die Hadithe und das Leben des Propheten nicht gelesen haben, oder die auch nur lesen können (in der Tat gibt es viel mehr Muslime als Christen, die nicht lesen können). Das, was sie den „Islam“ nennen, besteht vielmehr aus dem, was ihnen ihre Imame sagen, was ihnen ihre Familie lehrt. Das allerdings ist wiederum meist stark inspiriert von Koran und Sunna, gerade weil die islamischen Theologien zum überwältigenden Teil fundamentalistisch sind. Woher weiß ich von den tatsächlichen Überzeugungen der Muslime? Weil ich jede Meinungsumfrage über die Überzeugungen von selbstbezeichneten Muslimen gelesen habe, die ich finden konnte.

Nun könnte es sein, dass Muslime 1. keine Ahnung haben von Koran und Sunna und 2. in Umfragen systematisch lügen. Dann sage ich: Pech gehabt, ich bin nicht euer Idiot. Wenn ihr unehrlich seid, ist das euer Problem, aber ich bringe euch den Respekt entgegen, davon auszugehen, dass ihr ehrlich seid. Etwas anderes von seinen Mitmenschen anzunehmen, führt direkt in den Wahnsinn, denn dann versteht man die Menschheit überhaupt nicht mehr, weil man glaubt, dass alle darüber lügen, wovon sie angeblich überzeugt sind. „Ich war gerade im Urlaub und…“ „Du lügst, du warst gar nicht im Urlaub!“ „Dieser Schuh kostet 19,90 Euro.“ „Sie lügen, der kostet viel mehr!“ Man muss außerdem sagen, dass es nicht gerade schwer ist, die islamischen Schriften zu verstehen, weil die keine hohe Literatur sind. Ganz im Gegenteil. Diese trivialen Geschichten und Anweisungen werden die Imame, die ihre Inhalte weitergeben und die Gläubigen, die sie selbst lesen, schon mehr oder weniger richtig verstehen können.

Um eine besonders umfassende Umfrage des angesehenen Pew-Umfrageinstituts zusammenzufassen:  Es gibt 1,52 Milliarden Muslime. 1,39 Milliarden glauben, die Ehefrau müsse dem Mann gehorchen. 1,1 Milliarden glauben, dass die Scharia das Gesetz sein sollte. 748 Millionen befürworten die Todesstrafe für Ehebruch und 584 Millionen befürworten den Tod für Apostasie.

Ich war positiv überrascht. Denn wenn nur 1,1 Milliarden selbstbezeichnete Muslime glauben, dass die Scharia das Gesetz sein sollte (was sie laut Koran und Sunna natürlich sein sollte), dann bedeutet das, dass 0,42 Milliarden Muslime oder 420 Millionen Muslime das nicht glauben. 420 Millionen selbstbezeichnete Muslime sind von zentralen Aussagen der Religion und politischen Ideologie des Islams nicht überzeugt. Das ist super. 1,1 Milliarden Muslime derweil möchten, dass überall die Scharia herrscht, die mit den Menschenrechten und dem Grundgesetz unvereinbar ist, egal wie man sie auslegt. Aber immerhin! Frauen haben derweil ziemliches Pech gehabt, denn nur 113 Millionen Muslime von 1,52 Milliarden glauben nicht, dass sie sich den Männern unterwerfen müssten. Trotzdem ist das nichts, was westliche Feministinnen beunruhigen müsste! (Jedenfalls beunruhigt es sie nicht).

„Dass man über die exakten Grenzverläufe diskutieren kann, bedeutet aber nicht, dass es keine Grenzen gäbe.“

Nun wird es sicher auch einige Nazis geben, die noch nie „Mein Kampf“ gelesen haben (wobei sie es offenbar gerade aufholen, sogar in der Kritischen Edition mit wissenschaftlichen Kommentaren, die kurz nach Erscheinen bereits ausverkauft ist – oder vielleicht sind es gar keine Nazis, die die lesen?). Sie bezeichnen sich aber selbst als „Nazis“ und kleiden sich wie Nazis und tun so, als wären sie Nazis. Derweil sind sie innerlich von wichtigen Inhalten des Nazismus vielleicht gar nicht überzeugt. Sollen wir sie also nicht „Nazis“ nennen? Ich denke: Das ist nicht unsere Entscheidung. Das ist nicht unser Problem. Das müssen die Pseudo-Nazis mit ihrem Gewissen (und Wissen) vereinbaren. Und sie können sich jederzeit entscheiden, sich nicht mehr „Nazis“ zu nennen.

Ebenso könnte ich mich entscheiden, mich nicht mehr „Objektivist“ zu nennen, also mich nicht mehr als Anhänger von Ayn Rands Philosophie zu bezeichnen. Einige Leute machen schließlich Witze über den „Ideologen“ (wer hat denn heute noch ein echtes „Weltbild“?) und alleine schon, um meine Nerven zu schonen, wäre das bedenkenswert. Schließlich bin ich noch nicht vollkommen von der Privatisierung der gesamten Infrastruktur überzeugt und das ist für die Fundis bereits ein Sakrileg (wobei es innerhalb dieser intellektuellen Bewegung nur sehr wenige Fundis gibt – den meisten ist es völlig egal). Und ich finde einige Umweltregulierungen sinnvoll! Man kann immer darüber reden, wo die Grenze ist, wann man nicht mehr einer bestimmten Ideologie angehört. Was meine eigene aufklärerische, pro-wissenschaftliche „Ideologie“ angeht, bin ich ziemlich weit davon entfernt, ihre Grundlagen nicht mehr zu teilen.

Dass man über die exakten Grenzverläufe diskutieren kann, bedeutet aber nicht, dass es keine Grenzen gäbe. Würde ich auf einmal die Vergemeinschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln fordern, wäre ich kein Objektivist mehr. Und wer den Koran als Literatur auf einer Ebene mit Peter Pan ansieht, der ist kein Muslim mehr. Ein schwarzer Schwan ist noch immer ein Schwan, weil die Farbe kein essenzielles Merkmal von Schwänen ist. Ein Muslim, der einmal mehr betet als fünf Mal am Tag, ist noch immer ein Muslim, weil die fünf Gebete obligatorisch sind, weitere Gebete jedoch optional möglich laut den islamischen Grundlagentexten.

Kurz gesagt: Es gibt den Islam – die Religion, die Mohammed im siebten Jahrhundert gründete und deren Grundlagentexte der Koran und die Sunna sind. Und ich werde ihn kritisieren, wie ich möchte, bis es ihn nicht mehr gibt. Und kein noch so unehrliches und albernes Argument wird mich davon abhalten.