Reiche sind keine Fronherren mehr

Mir ist aufgefallen, dass die Vorurteile gegen reiche Unternehmer der Beurteilung von mittelalterlichen Fronherren entspricht. Man wirft ihnen vor, sie hätten:

  1. ihren Reichtum nicht verdient.
  2. ihr Geld vom reichen Vater geerbt.
  3. ihr Geld durch die Ausbeutung der Armen erhalten. Und nur deren physische Arbeit würde den Wert produzieren, den sie feilbieten.
  4. sie würden ihre Kunden betrügen.
  5. sie würden Macht über ihre Mitarbeiter ausüben.
  6. die kapitalistischen „Raubbarone“ wären für Sklaverei verantwortlich.

Das stimmt alles – aber nur für mittelalterliche Fronherren. Die Fürsten und anderen Fronherren des Mittelalters bis hin zum Absolutismus erhielten tatsächlich ihren Reichtum als Erbe oder als politisches Geschenk. Sie beuteten wirklich die Armen aus. Sie haben wirklich ihre Kunden systematisch und nicht nur in bestimmten Fällen betrogen (u.a. durch das Gildensystem, das Wettbewerb und Produktqualität reduzierte). Sie haben wirklich in das Privatleben ihrer Untergebenen eingegriffen und ihnen sogar gesagt, wen sie zu heiraten hatten. Ihre Produkte waren vor allem Ergebnis der physischen Arbeit ihrer „Mitarbeiter“. Und sie waren häufig Sklavenhalter.

Nichts davon stimmt für kapitalistische Unternehmer. Diese bekommen auf einem freien Markt ausschließlich dadurch Geld, indem sie Werte produzieren, die andere Menschen ihnen freiwillig abkaufen. Sie erzeugen Werte weit über dem, was mit der physischen Arbeit erreicht wird. Die führenden „Raubbarone“ (Großunternehmer des 19. Jahrhunderts) hatten die Sklaverei bereits abgelehnt. Etc.

Offenbar ist die öffentliche Wahrnehmung der „Reichen“ einfach vom Mittelalter auf den Kapitalismus übertragen worden. Obwohl sich die Art und Weise, wie man reich wird, vollkommen geändert hat. Kapitalismuskritiker sind so reaktionär, dass ihr politisches Weltbild über tausend Jahre alt ist und sich gänzlich unbeeindruckt zeigt von den revolutionären Veränderungen seit der Industrialisierung.