Der Glaube geht, die Wahrheit bleibt

Ist dem soziologischen und psychologischen Forschungsstand zu trauen, hatte die katholische Kirche grundsätzlich Recht mit dem Wert der traditionellen Ehe und mit dem Wert der traditionellen Familie. Dass es Kindern bei ihren biologischen Eltern tendenziell am besten geht, wird auch keinen Soziobiologen überraschen. Linke Aktivisten reagieren darauf mit Realitätsverleugnung und Rufmord.

Vor allem geisteswissenschaftliche Akademiker in der englischsprachigen Welt leiden dieser Tage unter einer politisch motivierten Hexenjagd. Wer sich angeblich oder wirklich herablassend über die „LSBT-Community“, über Muslime, über Frauen, über Behinderte und sonstige Minderheiten, also über so ziemlich alle herablassend äußert, die keine weißen Männer sind, der kann nach einem Schauprozess innerhalb von ein paar Wochen seinen Beruf verlieren. Überhaupt empfiehlt es sich nicht, irgendeine Theorie zu vertreten oder diese auch nur vorzustellen, die politisch inkorrekt klingen könnte. Falls es unklar ist: Es trifft praktisch nie jemanden, der wirklich Minderheiten hasst. Es geht um Macht, um die Kontrolle von Ideen und dem freien Austausch.

Das inquisitorische Verhalten (bzw. waren die juristischen Standards der historischen Inquisition viel höher) der „Social Justice Warriors“ oder der „Regressive Left“, hatte auch die beiden Forscher Mark Regnerus und Paul Sullins getroffen. Ein aufgebrachter Pöbelmob von politisch korrekten Pubertierenden, die äußerlich teils viel älter aussehen, unterstellte den Soziologen „Pseudowissenschaft„, „Homophobie“ und, dass sie von Dämonen besessen waren, als sie ihre Studien anfertigten.

Der Ire Tony Allwright, der an medialen Debatten über das Thema Homoehe teilnahm, hat eine faszinierende Beobachtung gemacht. Bei seiner Kritik an der Homoehe argumentierte er ausschließlich mit komplexen philosophisch-juristischen Erwägungen. Seine Kritiker nannten im Kommentarbereich der Irish Times (nicht mehr aufrufbar) hingegen folgende Punkte, Zitat:

  • Religiöse Einwände
  • Die Unnatürlichkeit der Homosexualität
  • Die Probleme Schwuler, Kinder aufzuziehen
  • Das Recht Schwuler, sich zu lieben und zusammenzuleben
  • Die Untergrabung von traditionellen Ehen

Der Witz an der Sache ist, dass Allwright keine dieser Argumente in seinem Artikel genannt hatte. Befürworter der Homoehe unterstellen den Gegnern einfach in jeder Debatte, so zu argumentieren oder sie führen solche Argumente an, obwohl es gar nicht um diese geht. Auch wenn jemand gar nicht religiös ist, wirft man ihm vor, die traditionelle Ehe für „heilig“ und Homosexualität für unnatürlich zu halten und darum die Homoehe abzulehnen.

Das ist extrem irrational. Und aufgrund eines solchen Diskussionsniveaus, das seit Jahren langsam die öffentliche Sphäre untergräbt, ist es nicht mehr angenehm, sich überhaupt noch zu irgendetwas zu äußern. Klar hatten sich nach meinem aktuellen Artikel über die Vorzüge der Ehe wieder ein paar Facebook-Leser verabschiedet. Passt eben nicht zu ihrem blinden Glauben.

Also noch einmal der Hinweis, bevor sich jemand verzweifelt für seinen Gott des politisch korrekten Schwachsinns in die Luft jagt: Ich selbst bin ein radikal-liberaler Atheist. Jeder sollte meiner Meinung nach so leben dürfen, wie er möchte. Nicht alle Lebensweisen sind darum gleich gut. Aber die Regulierung von Lebensweisen ist keine Aufgabe der Politik. Der populäre Fehlschluss lautet, dass alle Lebensweisen für alle Zwecke gleich gut sein müssen, wenn alle legal sein sollen. Das ist Unsinn. Man darf als Drogenabhängiger am Bahnhof rumhängen, bis man mit 25 Jahren an einer Überdosis stirbt. Das ist legal, aber nicht gleich gut wie andere Lebensweisen.

Um noch einmal auf das Thema Kinder, die von gleichgeschlechtlichen Eltern aufgezogen werden, zurückzukommen…

Gleichgeschlechtliche Paare als Eltern

Die aktuelle Studie „Emotional Problems among Children with Same-sex Parents: Difference by Definition“ (Dezember 2014) vom amerikanischen Soziologen D. Paul Sullins untersucht eine repräsentative Auswahl von 207.007 US-amerikanischen Kindern, darunter 512 Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern. 512 sind zehn Mal so viele untersuchte Fälle wie bei vergleichbaren Studien. Außerdem wurden die 512 Kinder zufällig und nicht selektiv von den Forschern ausgewählt. Und die Kinder wurden nicht von Leuten untersucht, die ihnen persönlich nahestehen. Das Ergebnis:

„Emotionale Probleme sind über doppelt so häufig bei Kindern mit gleichgeschlechtlichen Eltern anzutreffen wie bei Kindern mit Eltern verschiedenen Geschlechts.“

„Laut jedem analytischen Modell war das relative Risiko durch gleichgeschlechtliche Eltern signifikant und substanziell.“

„Der hauptsächliche Vorteil der (traditionellen) Ehe für Kinder mag nicht darin bestehen, dass sie diese mit besseren Eltern ausstattet (stabiler, finanziell wohlhabend, etc., obwohl das so ist), sondern dass sie diese mit ihren eigenen Eltern zusammenbringt.“

Auch religiöse Menschen dürfen forschen

Gegner und Befürworter der Homo-Ehe oder des Adoptionsrechts für Homosexuelle streiten sich darüber, was die oben genannte Studie von Sullins taugt, wie sie zuvor schon über die Regnerus-Studie gestritten haben. Siehe auch die Replik des Institute for Studies of Religion der Baylor University auf die Regnerus-Studie, die mit einem kleineren Datensample zum selben Ergebnis kommt wie die Sullins-Studie. Siehe auch dieses Interview mit Sullins.

Ihre Gegner haben den Forschern häufig vorgeworfen, ihre Ergebnisse ihren religiösen Überzeugungen (sie sind beide gläubige Christen) anzupassen. Das ist nichts als ein unbelegter Verdacht. Man könnte auch die linken Atheisten, die die Forscher kritisieren, bezichtigen, selektiv Studien auszuwählen, die ihre Überzeugungen unterstützen. So ein Ansatz führt nirgendwohin. Man muss sich die Qualität der Studien ansehen. Und die ist höher als die der Studien, die keinen Unterschied sehen zwischen dem Kindeswohl bei gleichgeschlechtlichen Eltern und zwei biologischen Elternteilen.

Was mich bei der Debatte richtig auf die Palme bringt ist, dass die dominante kausale Erklärung der Unterschiede keine Rolle spielt. Man wirft blind mit Statistiken um sich, ohne auf die Kausalität zu achten. Dabei ist es das, was Wissenschaft tut: Nach kausalen Erklärungen von beobachtbaren Phänomenen suchen – und nicht nur mit Zahlen beschreiben, was man sieht. Für die kausale Erklärung dienen Theorien. Die soziobiologische Erklärung lautet, dass Organismen auf das Verbreiten ihrer eigenen Gene „programmiert“ sind (Richard Dawkins Theorie der „egoistischen Gene“). Das heißt, sie werden mehr in ihre eigenen biologischen Kinder investieren als in fremde Kinder. Weil ihre eigenen Kinder potenziell ihre Gene verbreiten.

Kinder der egoistischen Gene

Und genau diese Theorie passt als einzige zu allem, was wir beobachten können. Wir wissen bereits, dass es Kindern, die von Single-Mütter aufgezogen werden, statistisch gesehen deutlich schlechter geht als Kindern, die von Mutter und Vater aufgezogen werden. Wir wissen auch, dass es Kindern, die von ihrer Mutter und deren Freund aufgezogen werden, tendenziell schlechter ergeht. Wir wissen, dass es Kindern statistisch schlechter geht, die von den Stiefeltern aufgezogen werden (Märchen wie Aschenbrödel beruhen auf Erfahrung). Natürlich muss es der Logik nach auch Kindern statistisch schlechter gehen, die von homosexuellen Paaren aufgezogen werden, von denen höchstens ein Elternteil biologisch sein kann. Bei zwei biologischen Elternteilen entspricht das Kind 100 Prozent der eigenen Gene und bei nur einem biologischen Elternteil 50 Prozent.

Die Kritiker verweisen darauf, dass vor allem Stabilität wichtig ist. Ein stabiles Elternhaus, in dem ein Kind bis zum Erwachsenenalter bei denselben Eltern verweilt, sei entscheidend für die emotionale Gesundheit. Und diese Stabilität ist statistisch bei gleichgeschlechtlichen Eltern weniger gegeben. Aber: Wenn man ein stabiles Elternhaus mit zwei biologischen Elternteilen vergleicht mit einem stabilen Elternhaus einer anderen Art, dann geht es den Kindern bei den biologischen Eltern noch immer deutlich am besten, wie Sullins bemerkt:

„Mit ihrer eigenen Mutter und ihrem eigenen Vater aufzuwachsen, ist der wichtigste Indikator für das emotionale Wohlbefinden des Kindes. Im Vergleich dazu hatten andere Faktoren keinen sonderlich großen Einfluss – etwa Familienstabilität, Mobbing oder Stigmatisierung oder selbst psychologische Probleme der Eltern, noch weniger die Höhe des Einkommens oder die Bildung.“

Nur die Wahrheit zählt

Ja, die katholische Kirche hatte offenbar grundsätzlich Recht mit ihrer Haltung zur traditionellen Ehe, wie auch mit ihrer Haltung zur traditionellen Familie. Das stört mich kein bisschen, das zuzugeben. Ich höre mir trotzdem lieber die Podcasts vom „Neuen Atheisten“ Sam Harris an, der irrationalen Glauben ablehnt, als eine Predigt von einem katholischen Priester, der willkürliche Dinge sagt, von denen manche auch mal stimmen. Allerdings sind nicht alle Positionen der katholischen Kirche exklusiv das Ergebnis von religiösem Glauben, sondern teils sind sie auch durch ziemlich gute Philosophie geprägt.

Philosophen lieben die Wahrheit. Wissenschaftler lieben die Wahrheit. Wenn die Fakten sagen, dass eine Position zutrifft, die auch von religiösen Institutionen vertreten wird, dann ist es das, was die Fakten sagen. Bei anderen Themen sagt die Forschung etwas anderes. So sei es. Ideologische Grabenkämpfe, Identitätspolitik und was auch immer es ist, das diese Twitter-Trolle machen, sind nichts als Staub und morgen schreit kein Hahn mehr danach. Der Glaube geht, die Wahrheit bleibt.

Siehe auch:

Die Wahrheit über die Ehe

Noch mehr Wahrheit über die Ehe