Atlas Shrugged und Tomorrowland

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Nachdem ich ihn jetzt gesehen habe, muss ich konstatieren, dass Tomorrowland ein guter Film ist, dessen Botschaft ich anders verstehe als die meisten Rezensenten. Mir ist außerdem eine aufschlussreiche Parallele zu Ayn Rands „Atlas Shrugged“ aufgefallen.

Zunächst einmal ist Tomorrowland nicht langweilig, wie oft behauptet wird, aber er erfordert eine längere Konzentration als andere Hollywood-Filme. Dagegen ist nach meinem Dafürhalten nichts zu sagen, ich kann auch mal gefordert werden. Der Plot ist zudem nicht „verworren“, sondern komplex, aber dabei sinnvoll aufgebaut.

Die gelegentlichen Hinweise auf Artensterben und Klimawandel als große Probleme, über die sich viele Rezensenten aufgeregt haben, sind nicht unbedingt ernst gemeint. Sie stehen als Platzhalter für „Probleme und Herausforderungen“. In der Ansprache des Chefpessimisten Nix klingen solche Beispiele wie das Aussterben bestimmter Singvögel als Grund für einen drohenden Weltuntergang sogar lächerlich. Und wahrscheinlich sollen sie das auch. Es geht im Film auch nicht um das Ingenieurswesen als Garant der Zukunft, wie John A. behauptet.

Es geht um die Bedeutung einer optimistisch-praktischen Haltung zur Lösung von Problemen und Herausforderungen im Gegensatz zur Resignation und Passivität. Die „Träumer, die noch nicht aufgegeben haben, sind die Zukunft“, heißt es gegen Ende. Der Film hat eine sehr abstrakte Botschaft. Es ist schade, dass ausgerechnet viele auf meiner Seite, die eigentlich mit dieser Botschaft übereinstimmen, den Film so runtergemacht hatten. Lasst euch nicht von Klimawandel und Überbevölkerung ablenken, die gelegentlich auftauchen – der Film behauptet gar nicht, dass es ernsthafte Probleme sind. Er sagt nichts darüber aus, außer dass es Themen sind, über die sich Menschen heute oftmals Sorgen machen.

Gegen meine Interpretation scheint zu sprechen, dass am Ende Träumer, Erfinder, Genies auf der Erde rekrutiert und nach Tomorrowland gebracht werden. Allerdings ist „Tomorrowland“ nach meinem Dafürhalten nicht als diese andere Dimension zu verstehen, sondern als „die Zukunft“ von unserer eigenen, wie es auch mehrmals im Film explizit genannt wird. Das heißt, Tomorrowland ist metaphorisch zu verstehen für die Zukunft, für die jene zählen, die noch nicht aufgegeben haben, die Optimisten, die an praktischen Lösungen arbeiten. Schließlich wird Casey Newton gerade darum rekrutiert, weil sie mit dieser Haltung die Welt retten kann. Tomorrowland im Sinne dieser Dimension braucht die Rettung Caseys nicht, sondern die Zukunft.

Pessismismus in Atlas Shrugged

Atlas (kconnors, Lizenz M, morguefile.com)

Atlas (kconnors, Lizenz M, morguefile.com)

Mir fällt außerdem eine Parallele zu Ayn Rands „Atlas Shrugged“ auf, wo so ziemlich dasselbe passiert. Auch dort verlassen optimistische Macher die Zivilisation, die untergeht, zu einer alternativen Welt, wo sie ihr Potenzial frei nutzen können, nämlich Galts Tal. Allerdings ist Atlas Shrugged im Gegensatz zu Tomorrowland pessimistisch, denn in diesem Roman geben die Genies wirklich auf, müssen sogar in einem langen Prozess lernen, wie Dagny Taggard, aufzugeben. Die Zivilisation wird zerstört durch die Irrationalität der Menschen, die Sozialisten wählen. Die Genies verlassen am Ende Galts Tal und bauen die Zivilisation wieder auf. Die westliche Zivilisation ist laut Atlas Shrugged also gar nicht mehr zu retten. Diese Botschaft passt nicht zu Rands übriger Philosophie. Deswegen wurde der Roman auch nicht von allen ihrer Anhänger so gut aufgenommen, wie auch von mir selbst nicht.

Ich sage immer wieder, dass „The Fountainhead“ den Objektivismus besser verkörpert als Atlas, was eher ein nietzscheanischer, kulturpessimistischer Roman ist (klar, er ist insgesamt trotzdem genial, weil der Großteil aus hervorragender Philosophie besteht, die sehr spannend in Romanform gegossen ist. Aber die Botschaft sowie gelegentliche resignierte, negative Elemente im Buch unterminieren den ganzen Rest). Es ist kein Wunder, dass Rand schnell depressiv wurde, nachdem sie die böswilligen Rezensionen zum Roman gelesen hatte. Ich vermute, dass sie schon zuvor nahe an der Verzweiflung war, denn sonst kann ich mir diese extrem negative Wendung in Atlas nicht erklären. Sie kehrte offenbar wieder teils zu ihrer Nietzsche-Phase ihrer Jugend zurück oder wurde von dieser heimgesucht.

Viele ihrer Anhänger machen weiter damit und nörgeln die ganze Zeit über die Irrationalität unserer Kultur und wie der Westen untergeht. Kulturkritik gehört dazu, aber das ist nicht die Essenz dieser Philosophie – eigentlich ist es gar kein Bestandteil davon, sondern eine Reaktion auf den Widerspruch von Philosophie und Wirklichkeit. Das Ayn Rand Institute existiert inzwischen in seiner eigenen Blase und ist stark fokussiert auf das Thema Krieg gegen den Terror und auf den Nahostkonflikt. Eine philosophische Organisation hat eigentlich andere Aufgaben. Rand hat leider selbst diese Fokussierung auf negative Themen mitzuverantworten.

Mein eigenes Buch „Der Westen. Ein Nachruf“ greift den kulturpessimistischen Refrain auf, allerdings verbunden mit meinem üblichen Sarkasmus. Ich denke, mit anderen Worten, überhaupt nicht, dass der Westen untergeht. Ich denke nur, er braucht einen Tritt in den Hintern. Das haben die Leute, denen ich den Titel im persönlichen Gespräch genannt hatte, auch richtig verstanden und darüber gelacht. Es ist auch ein ziemlich witziges Buch.

Am Ende ist also dieser „böse Klimawandel-Film“ mit diesem links-grünen Idioten George Clooney derjenige, der eine mehr dem Objektivismus entsprechende Kernaussage hat als das Hauptwerk der Begründerin des Objektivismus.