Meditation ohne Unsinn

Alexis Buddha, pixabay, CC0

Alexis: Buddha, pixabay, CC0. Der Buddhismus ist eine irrationale Philosophie. Manche Aspekte der Meditation könnten aber Sinn ergeben.

Ist die fernöstliche Philosophie einfach irrational? Ich habe das die längste Zeit für gut möglich erachtet. Man sehe sich schließlich den technologisch-ökonomisch-politischen Stand der Nationen an, die von fernöstlichen metaphysischen Überzeugungen dominiert sind (wie Indien und Tibet). Aber ich habe kein explizites Urteil abgegeben, da ich nicht genügend darüber wusste.

Nun habe ich zunächst Waking Up: A Guide to Spirituality Without Religion vom amerikanischen Neurowissenschaftler und „Neuen Atheisten“ Sam Harris gelesen. Er empfiehlt die Meditation und praktiziert sie auch. In der Tat ist er ein bemerkenswert ausgeglichener Mensch, der so gut wie immer absolute Ruhe bewahren kann. Dann habe ich mir den über zwölf Stunden langen Kurs Practicing Mindfulness: An Introduction to Meditation vom Religionswissenschaftler Mark W. Muesse angehört. Und ja, ich habe über einen längeren Zeitraum meditiert. Macht euch nur lustig. Ich überprüfe eben lieber alles selbst, was ansatzweise nützlich sein könnte.

Ich denke, dass bestimmte, isolierte Methoden der buddhistischen Meditationspraxis durchaus einen Wert haben – kurz gesagt die Meditation, die auf eine größere „Mindfulness“ oder „Achtsamkeit“ ausgerichtet ist. Die damit assoziierte Metaphysik ist leider entweder tatsächlich Unsinn (wie durch Meditation übermenschliche Kräfte zu erhalten oder ins übernatürliche „Nirvana“ zu gelangen) oder sie entspricht einer falschen Identifikation von echten Wahrheiten.

Kurz gesagt habe ich die von Sam Harris von metaphysischem Ballast befreite Meditation von noch mehr metaphysischem Ballast befreit. Ich denke, meine Version ergibt nun ansatzweise Sinn. (Ergänzung: Nein, ich denke nicht, dass ich jetzt die große Wahrheit über die Meditation predigen kann. Ich denke, ich kann jetzt meine ersten zusammenhängenden Gedanken zum Thema äußern, ohne dass es mir zu peinlich sein müsste). Hier meine Gedanken zum Thema:

Was ist „Mindfulness“-Training? Leider ist mit dem deutschen „Achtsamkeitstraining“ häufig etwas Spezifischeres gemeint, nämlich eine Methode mit dem Ziel der Stressreduktion („Mindfulness-Based Stress Reduction“). Die Praktiken sind allerdings ähnlich. Zur Wirkung heißt es auf Wikipedia: „Die Wirkung der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion ist mittlerweile gut erforscht. Eine Meta-Studie von 2010 belegt, dass MBSR psychisches Leid chronisch Kranker ein wenig lindern kann. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Meta-Studie von 2011: MBSR helfe, mit Krankheiten besser umzugehen und reduziere Stress, Angst und Depression. Die Erfahrungen, die Teilnehmer des Kurses machen, wirken sich auch auf die langfristigen Erfolge aus.“

Bestimmte Meditationspraktiken verändern sogar die Zusammensetzung und Struktur unseres Gehirns, wie neurowissenschaftliche Studien gezeigt haben. Positive gesundheitliche Auswirkungen soll es auch geben. Die Qualität der Datenlage ist derweil umstritten.

Achtsamkeit als Bedingung für die Fokussierung

Ich stimme Prof. Muesse zu, dass die Reduktion von Stress und die Linderung von Leiden Nebeneffekte des Mindfulness-Trainings sein können, aber sie sind nicht ihr Ziel. Das Ziel ist vielmehr, wie der Name sagt, die „Achtsamkeit“ grundsätzlich zu erhöhen. Was ist das? Nach meinem Dafürhalten ist die Achtsamkeit eine psychologische Voraussetzung für das, was die Philosophin Ayn Rand die „Fokussierung des Geistes“ nannte.

Leute, die Ayn Rand persönlich kannten, berichten davon, dass sie stets vollkommen auf das, was sie tat, fokussiert war. Wenn sie schrieb, dann schrieb sie, wenn sie Essen kochte, dann kochte sie Essen. Sie ließ sich nicht ablenken. Wenn sie über etwas nachdachte, dann konzentrierte sie sich systematisch auf den Gegenstand ihrer Gedanken. Achtsamkeit ist die Voraussetzung dafür, diese vollkommene Konzentration erreichen zu können. Und Achtsamkeitstraining hilft dabei.

Für sinnvoll erachte ich einzelne Praktiken, die unter der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion zusammengefasst sind:

  • die Einübung achtsamer Körperwahrnehmung (Body-Scan)
  • das Kennenlernen und Einüben des „Stillen Sitzens“, der sogenannten Sitzmeditation (Zazen)
  • eine dreiminütige Achtsamkeitsübung (Breathing-Space)
  • die Aufrechterhaltung der Achtsamkeit auch bei alltäglichen Verrichtungen.

Ich habe auch nichts gegen die anderen Praktiken, wenn jemand meint, dass er besser damit zurecht kommt. Es ist eigentlich nicht wichtig, was davon man macht, wobei man einige Praktiken ausprobieren sollte. Überhaupt sind diese Praktiken nur Mittel zu einem Zweck: Seine Achtsamkeit im Alltag zu erhöhen. Ihr kennt einige der Praktiken wahrscheinlich: Man sitzt da und konzentriert sich auf seine Atmung. Oder man konzentriert sich auf eine Stimme. Oder auf bestimmte Körperteile, etc.

Der Feind in meinem Geiste

Sinn des Ganzen ist die Erringung von Kontrolle über die eigene innere Stimme. Eure innere Stimme ist der Teil eures Bewusstseins, der sich in Form von Sprache und Bildern artikuliert. Ich gebe zu, dass ich Probleme mit der Kontrolle meiner inneren Stimme hatte. Immer, wenn ich an etwas gearbeitet habe, war sie auf die Tätigkeit konzentriert. Dann konnte ich mein Denken fokussiert einsetzen. Ich kann mich schon lange sehr gut auf Arbeit konzentrieren. Leider arbeitet der Mensch aber nicht immer! Manchmal bewege ich mich von einem Ort zum anderen, fahre Auto, esse zu Mittag, mache Krafttraining, möchte einschlafen – kurz, es gibt viele Momente im Leben, bei denen die innere Stimme keinen klaren Fokus vom Bewusstsein geliefert bekommt, mit dem sie sich zu befassen hat.

Einerseits hatte das den Vorteil, dass ich lange über die seltsamsten Dinge nachgedacht habe und eine klare Meinungen zu den obskursten Aspekten des Lebens nennen kann. Andererseits habe ich mich selbst fast zu Tode genervt. Hat die innere Stimme zu lange keinen Gegenstand zum Darüber-Nachdenken, äußert sie zunehmend negativere Gedanken. Im Endeffekt habe ich mir dann Vorwürfe gemacht, nichts Produktiveres mit meinem Leben anzufangen, als zum Beispiel zum Sport zu fahren oder in die Küche zu gehen, um etwas zu essen (obwohl das eigentlich keine so irrationalen Tätigkeiten sind). Meine innere Stimme hat mich fertig gemacht, dass ich nicht irgendwelche hehren Ideale sofort erreichen kann. Ayn Rand war doch auch immer fokussiert, warum bist du es nicht? Warum hast du XY nicht getan? Warum hast du XY nicht erreicht? Was schreibst du sechs Bücher und nicht sieben, was publizierst du sieben Bücher und nicht acht? Und so weiter.

Darum war ich zur Einsicht gelangt, dass bestimmte Aspekte meiner beruflichen Tätigkeiten eine beruhigende, Stress-reduzierende Wirkung auf mich hatten. Arbeit war von ihrer Wirkung her zeitweise wie Urlaub. Urlaub von meiner nervtötenden, ständig denkenden und kommentierenden inneren Stimme. Und alles andere war Stress und psychologische Selbstzerstörung.

Wie es aussieht, ist das in abgemildeter Form grundsätzlich normal für den Menschen und insbesondere für den westlichen Menschen. Wir haben diesen inneren Kommentator. Ihr kennt ihn von: Passt mein Outfit auch wirklich zu diesem Anlass? Was denken die anderen Leute jetzt von mir? Ich denke, ich hätte mir doch ein iPhone kaufen sollen. Nächstes Mal bestelle ich mir ein Schnitzel. Was muss ich morgen alles erledigen? Ulysses von James Joice ist ein Literaturklassiker, der nur in diesem Bewusstseinsstrom geschrieben ist, in den unsystematischen Gedanken, die uns heimsuchen.

Nun können einige dieser Fragen, mit denen uns unsere innere Stimme belästigt, durchaus berechtigt sein, und man kann sie einmal für sich beantworten. Häufig sind diese Fragen und Einwände aber Zeitverschwendung. Und sie sind eine Ablenkung vom Hier und Jetzt, vom augenblicklichen Leben, vom Moment. „Stell dir vor, die näherst dich dem Ende deines Lebens und stellst fest, dass du die meiste Zeit gar nicht anwesend warst“, meint Prof. Muesse dazu. Zum Beispiel isst man etwas, aber nimmt das Essen nicht bewusst wahr. Stattdessen ist man mit den Gedanken woanders und selbst das noch unsystematisch. Man „wirft sich Essen in den Mund“, wie ich es vom Hauptcharakter John in meinem Jugendbuch Das Prometheus Trio: Die Invasion geschrieben habe.

Im Moment leben

Der Sinn des Achtsamkeitstrainings besteht darin, die unfokussierte innere Stimme auszublenden und im Moment zu leben. Man nimmt die Welt bewusst wahr, aber ohne nervenden Kommentator, der einen davon ablenkt. Eine Übung besteht zum Beispiel darin, sich das Essen auf der Gabel zunächst genau anzusehen und den Duft einzuatmen, bevor man es sich in den Mund steckt. Dann schmeckt man das Essen, anstatt an etwas anderes zu denken. Wahrscheinlich hatte das Tischgebet u.a. einen ähnlichen Grund, eine Einstimmung auf den Moment des Essens. Man ist bewusst bei dem, was man tut. Man ist nicht schon wieder beim Unterwäsche kaufen, während man in einem Café sitzt und einen Kuchen isst. Man ist nicht bei der Arbeit, während man Pause macht. Man ist bei der Pause. Und natürlich ist man nicht bei der Pause, während man arbeitet.

Man kann auch beim Autofahren die Achtsamkeit erhöhen – eine besonders gute Idee. Ich war zwar immer schon ein umsichtiger Fahrer und hatte noch nie einen Unfall. Aber ich hatte nicht immer beide Hände oben auf dem Lenkrad, sondern bei ruhigen, vertrauten Straßen auch mal eine Hand weiter unten auf dem Lenkrad (das soll man nicht machen, um im Notfall schnell manövrieren zu können). Jetzt habe ich immer beide Hände oben auf dem Lenkrad. Das ist als solches auch eine gute Achtsamkeitsübung. Amüsanterweise haben mir Leute, die wie die Henker fahren, gesagt, dass sie im Gegensatz zu mir schon immer beide Hände immer oben auf dem Lenkrad hatten. Ja, ihr hattet das auch besonders nötig! Im Übrigen solltet ihr Eure Achtsamkeit besser dafür einsetzen, nicht wie die Henker zu fahren. Das heißt nicht, dass man sich unbedingt ausschließlich auf das Fahren konzentrieren muss – wenn Radio oder Hörbücher nebenbei einen nicht ablenken, etwa bei der alltäglichen, immer gleichen Strecke, dann können sie einen eher konzentriert halten und vom zu mechanischen, unflexiblen Fahren abbringen.

Auch sollte man nicht immer im Moment leben. Manchmal planen wir für die Zukunft. Manchmal überlegen wir, wie wir aus vergangenem Verhalten lernen können. Wir haben auch häufig bewusste rationale Gedanken und die sind wertvolle als jede Meditation oder Achtsamkeit. Sehr häufig allerdings wiederholen wir nur Gedanken oder befassen uns mit Unwichtigem, sodass wir sehr viel häufiger im Augenblick leben könnten, als wir es vielleicht gewohnt sind.

Doch, es gibt ein Selbst

Leider wiederholen auch säkulare Meditationslehrer die Behauptung, dass das Selbst eine Illusion wäre. Ich denke, sie machen folgenden Fehler (sehr wohlwollend interpretiert): Sie identifizieren die innere Stimme mit dem Selbst. Derjenige, der sich am besten auf etwas anderes als die innere Stimme fokussieren kann, erreicht den höchsten Grad seines Meditationstrainings. Das stimmt, aber die innere Stimme ist nicht dasselbe wie das „Selbst“.

Das „Selbst“ ist unser „Ich“, die Summe unserer geistig-seelischen Attribute, darunter unsere Persönlichkeit, unsere Erfahrungen, unsere bewussten Gedanken, etc. (Anm: Ich meine nichts Übernatürliches und keine Substanz mit der „Seele“, der Begriff beschreibt hier unser innerstes Wesen, ein Attribut des Menschen als biologische Lebensform). Die innere Stimme ist unser innerer Kommentator und somit nur ein Aspekt unserer bewussten Gedanken. Sie ist lediglich ein kleiner Teil unseres Selbst – und wir verbessern unser Selbst, indem wir lernen, die innere Stimme an die Leine zu nehmen, sie zu kontrollieren. Nein, nicht sie auszuschalten und den Inhalt unseres Geistes durch mystischen fernöstlichen Unsinn über Erdbeben, die man mit seinem Geist auslösen kann, zu ersetzen. Sondern sie unserer bewussten Kontrolle zu unterwerfen.

Es ist keineswegs so, als würden wir „die Realität anerkennen, dass das Selbst eine Illusion ist“, wenn wir uns schlicht nicht mehr von unserer inneren Stimme nerven lassen. Im Gegenteil trägt das zu einem bewussteren und geistig-seelisch gesünderem Selbst bei.

Soweit mein eigenes Verständnis vom Zusammenhang der inneren Stimme mit dem Selbst.

Kann ich dann fliegen?

Alle übernatürlichen Interpretationen der Meditationspraxis sind falsch. Das kann die Meditation nicht:

  1. Euch ins „Nirvana“ bringen, wo ihr den Zirkel der Wiedergeburten (die es auch nicht gibt) durchbrechen könnt.
  2. Euch übernatürliche Kräfte verleihen. Dazu gehören: Mit dem physischen Körper fliegen. Mit dem Geist an physische Orte fliegen und sie beobachten oder gar mit ihnen interagieren. Mit dem Geist andere Dimensionen aufsuchen. Ewig leben.

Möglicherweise könnt ihr allerdings Zustände durch geübte Meditation erreichen, die auch mit dem Konsum bestimmter Drogen erreicht werden können. Das behauptet jedenfalls Sam Harris, der das auch schon probiert hat. Er meint, es sei einfacher, den Effekt durch Drogen als durch Meditation zu erreichen. Ich empfehle, dass ihr es bleiben lasst. Drogenkonsum ist riskant und voller Nebenwirkungen. Außerdem kann Meditation nicht dazu dienen, Euch von der rationalen Wahrnehmung der Welt abzubringen, sondern im Gegenteil, diese zu verstärken und zu intensivieren.

Meditation, vor allem in der Form von Achtsamkeitstraining, kann dabei helfen, noch weltlicher zu leben, noch stärker mit dem Diesseits verbunden zu sein. Für einen radikalen Atheisten wie mich eine große Verlockung.

Meine innere Stimme kann ich inzwischen viel besser kontrollieren. Es ist viel harmonischer ohne ihr ewiges Genörgel. Wenn ihr die oben beschriebenen Probleme nachvollziehen könnt, empfehle ich Achtsamkeitstraining. Folgende Materialien könnt ihr dafür zu Rate ziehen (sorry, ich lese einfach so gut wie keine deutschsprachigen Bücher) – die letzten drei Bücher sind Empfehlungen von Sam Harris:

Literatur

Sam Harris: Waking Up: A Guide to Spirituality Without Religion

Mark M. Muesse: Practicing Mindfulness: An Introduction to Meditation

Jon Kabat-Zinn: Wherever you go, there you are. Mindfulness in everyday life

Joseph Goldstein: The Experience of Insight: Simple and Direct Guide to Buddhist Meditation

Bhante Henepola Gunaratana: Mindfulness in Plain English: 20th Anniversary Edition

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