Mehr über Meditation

Unsplash: Buch und Kerze, pixabay, CC0. Meditation kann auch als Konzentrationstraining eingesetzt werden.

Unsplash: Buch und Kerze, pixabay, CC0. Meditation kann auch als Konzentrationstraining eingesetzt werden.

Wie zu erwarten ist mein Artikel über Meditation, befreit von Metaphysik, nicht nur auf Gegenliebe gestoßen. Fast die gesamte Kritik besteht leider aus Missverständnissen oder aus der unfundierten Annahme, ich würde Dinge zusammen mit dem Konzentrationstraining einkaufen, die ich überhaupt nicht akzeptiere. Von daher sind einige nähere Ausführungen nötig:

  1. Ich stimme nicht mit dem Buddhismus überein. Der Buddhismus in allen seiner Spielarten – inklusive der Originallehre von Siddhartha Gautama, soweit bekannt – enthält metaphysische Aussagen. Das sind Aussagen über die grundlegende Beschaffenheit der Welt. Zum Beispiel: Leben ist Leid, verursacht durch Anhänglichkeit. Ich stimme nicht mit diesen Aussagen überein, sondern mit Ayn Rands Metaphysik (die auf Logik und Beobachtung beruht und die Welterkenntnis den Wissenschaften überlässt) und mit ihrer Ethik (aufgeklärtes Eigeninteresse).
  2. Man sollte nicht zu dem Zweck meditieren, dass man irgendwann kein Selbst mehr hat. Das habe ich bereits im Artikel erläutert. Für mich ist die Negation des Selbst überhaupt kein Ziel des Achtsamkeitstrainings (oder vielleicht akkurater: Konzentrationstrainings). Im Gegenteil ist die Negation des Selbst reine Selbstzerstörung – geradezu laut Definition. Man sollte konsequent an der Verbesserung seines Selbst arbeiten, nicht an dessen Auflösung.
  3. Ich meine keineswegs, dass man seine innere Stimme völlig zum Schweigen bringen, sondern dass man sie unter seine bewusste Kontrolle stellen sollte. Die innere Stimme ist, soweit gezielt eingesetzt, unser bewusstes Denken und somit unser Überlebensinstrument. Wenn wir unser Überlebensinstrument zum Schweigen bringen, dann schaden wir uns gewaltig.
  4. Mit „negatives Denken“ meine ich nichts aus irgendeiner Psychoecke. Ich meine, im alltäglichen Sinne, negative Gedanken, zum Beispiel: „Ich bin wertlos“, „Ich werde nie etwas erreichen“, etc. Lässt man zu lange seine Gedanken schweifen, neigt man zu negativen Gedanken. Und die sind nicht sinnvoll.

Ich weiß, dass Sam Harris auch einige metaphysische, weltanschauliche Inhalte des Buddhismus teilt. Aber wenn ich denn schon explizit schreibe, das ich das nicht tue, sollte man das vielleicht bewusst wahrnehmen? Eventuell hilft euch ja ein wenig Achtsamkeitstraining für das Textverständnis.

Wozu also überhaupt noch Meditation? Um seinen Fokus besser lenken zu können. Um sich besser konzentrieren zu können. Um uns nicht von dem ablenken zu lassen, dem wir eigentlich unsere Aufmerksamkeit schenken möchten. Zum Beispiel der Schulunterricht, die Arbeit, die Lektüre eines Buches. Ich finde, wir werden gelegentlich durch unsere schweifenden Gedanken von dem, was wir tun, abgelenkt. Konzentrationstraining oder Achtsamkeitstraining dient dazu, uns nicht so leicht ablenken zu lassen. Es dient eben zur „Achtsamkeit“ oder Aufmerksamkeit. Jedenfalls für mich, wie ich es einsetze, erfüllt es diesen Zweck. Andere nutzen die Praktiken für irgendeinen esoterischen Unsinn – aber das ist nicht mein Problem.

Warum dann meditieren und uns nicht gleich z.B. ein Buch konzentrieren? Das kann man auch tun. Nur: Die Konzentration auf etwas „Langweiliges“ wie unsere Atmung oder das Essen ist anspruchsvoller, eine größere Herausforderung. Wer das schafft, der kann sich auf spannendere, interessantere Dinge auch besser konzentrieren.

Konzentrationstraining

Ich weiß nicht, wie esoterisch das jetzt alles noch klingt. Bin ich etwa der einzige, dessen Gedanken in solchen Situationen abschweifen, wenn man sich nicht auf eine konkrete Aufgabe fokussiert, etwa beim Essen? Wohl kaum. Im Gegenteil sind sehr viele Leute sehr viel unachtsamer als ich. Ich erinnere mich etwa an Referate von Studenten über literaturwissenschaftliche Themen im ersten Semester. Einige waren so unglaublich langweilig und schlecht vorgetragen, das kann man sich gar nicht vorstellen. Der Professor war aber stets, die ganze Zeit über, hoch konzentriert auf die Referate und die Vortragsweise. Ich fand das imponierend und wollte mich auch einmal so stark auf etwas fokussieren können.

Das habe ich dann auch trainiert und es ist mir immer besser gelungen. Bei meiner Abschlussfeier des Magisterstudiums waren auch Eltern und Gäste anwesend. Als ein sprachwissenschaftlicher Vortrag dort gehalten wurde, ist das halbe Publikum fast oder ganz weggenickt. Es war ziemlich peinlich. Die Studenten waren jedoch hellwach. Man kann das lernen. Wollt ihr peinlich oder nicht peinlich sein in solchen Situationen?

Und jetzt, wo ich mich auf ansatzweise gehaltvolle Inhalte gut konzentrieren kann, möchte ich diese Fähigkeit weiter ausbauen. Ich möchte mich auch noch besser auf das Essen, Autofahren, das Bewegen von A nach B konzentrieren können, sofern ich mich dazu entscheide, oder auf die Hörbücher, die ich mir bei eher mechanischen Tätigkeiten anhöre. Vielleicht bin ich leichter unterfordert als viele andere, und arbeite auch deshalb stärker an der persönlichen und professionellen Weiterentwicklung – aber ich kann mich auch besser konzentrieren, was ein guter Ausgleich ist, denn langweilige Tätigkeiten gehören bei jedem Menschen zum Alltag dazu. Das ist es ja, was den Alltag zum Alltag macht.

Ich finde es etwa durchaus sinnvoll, sich gelegentlich – nicht immer, denn Essen ist auch eine soziale Tätigkeit, bei der man sich mit anderen unterhält – stärker auf das Essen zu konzentrieren, den Geschmack wahrzunehmen. Wozu haben wir dieses qualitativ hochwertige Essen eigentlich, wenn wir es nicht wahrnehmen und es einfach in den Mund schaufeln? Um die Konzentration, die bewusste Wahrnehmung einer Sache, weiter zu steigern, dazu setze ich das Achtsamkeitstraining ein. Es ist eine psychologische, keine philosophische Übung.

Was war jetzt doch gleich das Esoterische oder Mystische daran?

Zu Meditation ohne Unsinn.