Panik ist keine Lösung

Terroranschläge, Millionen Flüchtlinge – Anlass genug für die instabilen Leute in unserer Mitte, zu hyperventilieren. Endlich kann man öffentlich die Unvernunft zelebrieren! Und man muss sich nicht einmal dafür schämen, weil es so viele Leute tun. Die Deutschen sind es gewohnt von BSE-Krise, Vogelgrippe, Stuttgart 21, Klimawandel, Fukushima, Genfood – sie sind die Meister der irrationalen Panikreaktionen.

Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, aber: Es ist eine schlechte Idee, in Panik auszubrechen. Es ist eine schlechte Idee, überstürzt extreme Maßnahmen zu fordern – erst recht, wenn man eigentlich keine Ahnung von Politik hat und von deren Implikationen und Folgen.

Aber, ich meine: Ihr wisst das doch alle, oder? Es gibt so viele Filme und Bücher, die vor einem Ausbruch in Panik und Irrationalität in bedrohlichen Situationen warnen. Gerade habe ich wieder den ersten Xmen-Film gesehen, da geht es darum, dass Mutanten registriert werden sollen und am besten alle eingesperrt. Wegen den Kindern und überhaupt! Und jetzt lese ich Kommentare von Leute, die dasselbe über Muslime sagen. Oder Harry Potter: Der Zaubereiminister, der die Rückkehr Voldemorts nicht wahrhaben will, seine Macht zementiert, Propaganda verbreitet und Willkürverordnungen erlässt. Oder man denke an die Geschichte, etwa als die japanischen US-Bürger während des Zweiten Weltkriegs festgenommen und eingesperrt wurden. Oder die Nazi-Machtergreifung nach dem Reichstagsbrand, die aus Panik akzeptiert wurde.

Ich kapiers einfach nicht. Was denken sich diese „Sperrt alle Muslime weg!“-Leute eigentlich? „Lasst uns genauso scheiße sein wie die in den Filmen und in der Geschichte! Hat doch so gut funktioniert! Wir müssen den Islamofaschisten zuvorkommen, die unser Land faschistisch machen wollen! Wenn schon Faschismus, dann machen wir das selbst!“

Die Sorge sucht meinen Kopf heim, dass vielleicht einige solcher Leute meine islamkritischen Beiträge lesen und irgendeinen Rotz daraus schlussfolgern. Darum sind sie mit diesem Bedrohungsszenario im Hinterkopf verfasst, aber es ist weiterhin ein ungutes Gefühl, das mich nie verlässt. „Was wenn irgendein paranoider Angstbürger hier liest, dass der Islam wirklich problematische Dinge enthält und dann in Abwesenheit jeglicher politischer Bildung seinerseits faschistische Forderungen stellt?“ Ich glaube, ich habe irrationale Angst vor Leuten, die irrationale Ängste haben.

Ich habe mal mit einem Winzer geredet, ein Weinkenner, der den Wein zu seiner Berufung gemacht hat. Ich meinte zu ihm, dass ich ihn manchmal beneide. Ich meine: Wein! Keine anstrengenden Debatten, Artikel, Bücher über Religions- und Ideologiekritik, Wissenschaft, Aufklärung, Technik. Stattdessen: Verschiedene Arten von Wein und wie man sie anbaut, wie man sie voneinander unterscheidet und den Leuten verkauft. Wahnsinn! Gut, er hatte mir widersprochen und meinte, dass alles seine Schattenseiten hat und auch dieser Beruf viel anstrengender ist, als ich glaube.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Anteil an Irrsinn und Verrückten, die man als Winzer ertragen muss, weit geringer ist als die Kollision mit Irrsinn, die Aufklärer aushalten müssen.

Grenzschutz heißt nicht Massenmord

Die aktuelle Debatte um den Grenzschutz ist auch so ein Beispiel. Es geht immer nur darum, ob man Leute erschießen soll. Die einen meinen, oh furchtbar, wir dürfen die Grenzen auf keinen Fall schließen, weil wir sonst tausende Flüchtlinge mit einer Minigun abknallen müssen! Wer das fordert, die Grenzen zu schließen oder zu kontrollieren, der fordert Leichenberge! Und die anderen meinen, oh, das ist zwar so, aber schade, das muss nun einmal sein, sonst werden uns die Barbaren überrennen!

Warum kann Israel seit Jahrzehnten seine Grenzen sehr gut schützen und sehr genau kontrollieren, wer das eigene Land betritt, ohne irgendwen außer Terroristen zu erschießen? Die Leute werden an der Grenze kontrolliert und wenn sie nicht den Einreisekriterien entsprechen, schickt man sie wieder weg. Wenn sie sich weigern, werden sie mit einem festen Griff hinausbegleitet oder festgenommen und dann mit einem festen Griff hinausbegleitet. Sie werden aber nicht an der Grenze einfach abgeknallt. Alles klar? Warum sollte man das hier nicht machen können?

Wir können ja ein paar Israelis einladen, dass sie das für uns übernehmen, wenn wir zu dumm dafür sind.

Warum ist Deutschland das Panikland?

Ich denke, diese irrsinnigen Reaktionen und extrem gespaltenen Lager haben etwas mit einem Mangel an moralischer Orientierung zu tun. Das an sich klingt wohl schon reaktionär und verortet mich im bösen Lager. Ich meine aber, jemand, der ein gefestigtes Weltbild mit klaren moralischen Vorstellungen hat, der wird nicht einfach verrückte Forderungen stellen, sobald er in eine schwierige Lage gerät. Er ist auf solche Situationen bereits vorbereitet. In seinem Kopf herrscht genügend Ordnung, um zwar keine Patentlösungen für alles aus dem Hut zaubern zu können, aber immerhin Lösungen nur innerhalb eines vernünftiges Rahmens zu erwägen.

„Einfach alle abknallen!“ oder „Alle internieren!“ oder „Einfach alle reinlassen, ohne auch nur ihre Identität zu prüfen, damit uns niemand ‚Rassist‘ nennt!“ Das ist die Art von Unsinn, die einem dann nicht einfällt. Und das betrifft auch die anderen Panikthemen wie Atomenergie („Sofort alle Kraftwerke schließen!“) oder Genfood („Sofort alles Genfood verbieten!“). Diese Reaktionen sind verblödet. Und was mir einfach nicht in den Kopf will, selbst falls meine These mit der moralischen Orientierungslosigkeit stimmt: Warum erkennen viele nicht, dass es verblödet ist – obwohl doch so viele kulturelle Produkte wie Literatur und Filme vor solchen irrationalen Reaktionen warnen? Schauen sich so viele Leute keine Filme an? Verstehen die deren Botschaft nicht? Können sie die nicht auf unsere Welt übertragen?

Sicher, die Leute verlieren den Verstand, sobald sie in Panik ausbrechen, und die Selbstreflexion wird eingestellt. Dann stellt sich wieder die Frage, warum so viele Leute keine funktionierenden Sicherheitsmechanismen haben, um die Panikreaktionen im Vorfeld zu vermeiden. Und da kommt die Erklärung mit der mangelnden moralischen Orientierung, ja mit dem Mangel an irgendeiner zusammenhängenden Philosophie ins Spiel. Und ja, vielleicht gehen manche Leute einfach nicht oft genug ins Kino.