Wir sollten Muslime nicht belügen

Sagt ihnen die Wahrheit. Und nichts als die Wahrheit (Bild: WikiImages Kinder in der arabischen Welt, pixabay, CC0

Sagt ihnen die Wahrheit. Und nichts als die Wahrheit (Bild: WikiImages: Kinder in der arabischen Welt, pixabay, CC0

Der geschätzte Jorge Arprin hat im libertären Blog Freitum einen Artikel namens „Islam: Warum wir eine falsche Koran-Interpretation brauchen“ publiziert. Er fordert darin: „Es braucht Imame, die den Propheten Mohammed so reinwaschen wie die Linkspartei die DDR: Verdreht, leugnet und ignoriert den Koran. Die ganze Menschheit würde davon profitieren.“ Das denke ich nicht.

Der amerikanische Religionskritiker Sam Harris arbeitet gerade mit dem Ex-Islamisten Maajid Nawaz an genau diesem Projekt, das Arprin vorschlägt. Die beiden haben das Buch Islam and the Future of Tolerance verfasst, in dem man ihren Dialog über eine mögliche Reformation des Islams nachlesen kann. Seit er kein Weltkalifat mehr aufbauen will, ist Herr Nawaz gewiss ein netter Mensch, aber ich habe meine Zweifel, was seine Herangehensweise an „heilige Texte“ angeht. Nawaz ist der Auffassung, dass heilige Texte nicht für sich sprechen, sondern dass sie von ihren Lesern und Deutern abhängen. Man kann sie auch in ihrem historischen Kontext betrachten.

Kurz gesagt kann man heilige Texte auch wie normale Literatur lesen – und nicht wie heilige Texte. Sicher kann man das und dann bleibt nicht mehr viel Religion übrig. Letztes Endes kann man den Koran neben Moby Dick und den Glöckner von Notre Dame ins Buchregal stellen. Das haben europäische und amerikanische Christen unter dem Druck von christlichen, deistischen und atheistischen Religionskritikern, Historikern und Literaturwissenschaftlern zunehmend getan. Jetzt ist nicht mehr viel vom Christentum übrig bis auf Feiertage, Traditionen und Rituale, deren religiöse Bedeutung kaum noch jemand kennt. Auch die christlichen Fundamentalisten in den USA sind eigentlich keine christlichen Fundamentalisten, wie man sie aus dem Mittelalter kennt. Allerdings: Ein Leuchtturm der Vernunft ist das Christentum heute auch nicht. Das Christentum wurde zwar von Aufklärern in Stücke geschlagen – aber es wurde nicht durch eine bessere Philosophie ersetzt.

Ich würde zwar nicht unbedingt sagen, dass ich lieber in die Luft gesprengt werden möchte, als mir die gleiche Entwicklung in der islamischen Welt anzusehen. Aber ich würde sagen, dass es auch bessergeht und dass es nie richtig ist, Leute zu belügen oder die Predigt von Falschheiten gutzuheißen. Maajid Nawaz belügt selbst niemanden, sondern er sieht sich weiterhin als gläubigen Muslim, der nur eine gewisse kritische Distanz zu islamischen Texten hat. Sam Harris belügt ebenso niemanden, aber er glaubt, dass dieser reformatorische Ansatz von Nawaz eine gute Idee ist. Zugleich widerspricht er Nawaz allerdings, weil er seine moderate Religiosität für zweifelhaft hält. Und daraus entsteht eine gewisse Widersprüchlichkeit. Warum nicht gleich die moderate Religiosität überspringen?

„Das Christentum wurde zwar von Aufklärern in Stücke geschlagen – aber es wurde nicht durch eine bessere Philosophie ersetzt.“

Arprin sagt selbst die Wahrheit über den Islam, wenn er schreibt: „Zuerst muss klargestellt werden, dass es einen friedlichen, toleranten Islam nicht gibt. Die heiligen Schriften des Islam kann man so heruminterpretieren wie man will, es findet sich keine Basis für eine Vereinbarkeit mit einer freien Gesellschaft. Angehörige von anderen Religionen, Blasphemisten, Apostaten, Frauen und Homosexuelle können niemals gleichberechtigt leben. Die ständige Behauptung, etwas sei “gar nicht so gemeint”, ist absurd.

Wenn etwas geschrieben steht, ist es so gemeint, die intoleranten und gewalttätigen Stellen des Koran sind nicht ironisch gemeint. Wer trotzdem im Koran eine Anleitung für eine freiheitliche Demokratie findet, der findet auch in den Schriften von Mises und Hayek eine Anleitung für eine sozialistische Volksrepublik. Glücklicherweise lebt die große Mehrheit der Muslime nicht streng nach den Regeln des Koran. Aber die Religion spielt eine starke Rolle in der Gesellschaft und Politik.“

Dem stimme ich zu. Im Anschluss fordert Arprin, dass moderate Imame allerdings genau das tun sollen: Haarsträubenden Unsinn über den Islam erzählen. Ihn so „interpretieren“ wie man die Schriften von Mises und Hayek interpretieren müsste, dass es so aussieht, als würden sie eine sozialistische Volksrepublik befürworten (sie befürworten einen libertären „Minimalstaat“). Arprin fordert somit einige Leute auf oder wünscht es sich von ihnen, ihren Verstand dem Fenster rauszuwerfen. Im Ergebnis hätten wir dann so etwas wie dieses Zeitgeist-Christentum, das gerade den Westen heimsucht.

Der Fluch der halbierten Aufklärung

Eines meiner Probleme damit besteht darin, dass ich dieses Zeitgeist-Christentum nicht will und ebenso möchte ich keinen Zeitgeist-Islam. Die Transformation des Christentums in diese öko-soziale, PC-konforme Monstrosität mit Lichterketten gegen Atomkraft, das wir in Deutschland erleben dürfen, ist sicher in mancherlei Hinsicht ein Fortschritt im Vergleich zu diesem inquisitorischen, Hexen-verbrennenden Christentum der frühen Neuzeit und dem totalitären Christentum der späten römischen Zeit und des Mittelalters – aber es ist auch keine Perle der Vernunft. Manchmal habe ich mir auch schon gedacht, dass ich lieber als Ketzer verbrannt werden möchte, als diesen Unsinn eine Sekunde länger zu ertragen (mein erstes Buch Das Prometheus Trio: Die Invasion, in dem ich das Christentum mit einem UFO-Kult vergleiche, war als wütende Abwehrreaktion meines jungen Geistes auf dieses Christentum entstanden).

Das ältere Christentum war ein fehlintegriertes, aber zusammenhängendes Weltbild. Die Europäer glaubten etwas in vielerlei Hinsicht Schreckliches, etwas Anti-Menschliches, aber sie hatten einen zusammenhängenden Glauben. Nun herrscht völliges Chaos und es gibt keine weltanschauliche Richtlinie mehr und was übrig ist, wird durch den Multikulturalismus noch mehr zerbröselt. Und durch uns, die Neuen Atheisten, soweit wir nur auf den Rest des Christentums eindreschen, ohne eine philosophische Alternative zu bieten (was ich seit ein paar Jahren tue, aber nicht schon immer getan habe).

„Was nach diesem Bad in der Halb- und Pseudoaufklärung übrigbleibt, ist unserer eigenen Erfahrung nach ein zerbrochener Scherbenhaufen.“

Nun erleben wir eine zunehmend panische Desorientierung im Westen. Man erkennt es etwa daran, wie hilflos wir auf unsere Feinde reagieren, etwa den Islamischen Staat (dessen Mitglieder wir einfach ins Land lassen) oder Saudi-Arabien (unser Verbündeter und Handelspartner, der seine Ressourcen in die globale Ausbreitung des Islamismus investiert). Man erkennt es an der panischen Reaktion auf BSE-Krise, Vogelgrippe, Stuttgart 21, Klimawandel, Fukushima, Genfood, überhaupt auf unser Essen und neue Bauprojekte. Ich meine: Viele Deutsche haben inzwischen sogar Angst vor ihrem Essen und vor neuen Gebäuden. Letztlich gar nichts passiert am anderen Ende der Welt und viele Deutsche bauschen es zu einer Atomkatastrophe auf, um dann davor Angst haben zu können. Christliche Kirchenfunktionäre sagen inzwischen exakt dasselbe wie alle anderen, nur mit einer gewissen Verzögerung (wie Alexander Kissler treffend auf Twitter anmerkte).

Was also nach diesem Bad in der Halb- und Pseudoaufklärung übrigbleibt, ist unserer eigenen Erfahrung nach ein zerbrochener Scherbenhaufen. Verschiedenste, unverbundene Ideen aus unserer und aus anderen Kulturen, die sich jeder individuell zu einem mehr oder weniger stabilen Konglomerat zusammenmischt, zunehmend eher wie eine Bombe als wie einen Kuchen (der Art, vor dem man keine Angst hat). Weil so gut wie nie etwas Vernünftiges aus dieser Ideen-Panscherei herauskommt und niemand weiß, was sich die anderen zusammengepanscht haben, entsteht blanke Panik. Ein weiteres Zeichen dieser Panik sind aktuell die extremen Lagerkämpfe zwischen AfD-Unterstützern, die keine klare Ideologie haben, und Anpassern, die keine klare Ideologie haben, aber wenigstens mehr auf der aktuellen, willkürlichen Zeitgeist-Welle mitschwimmen.

Ich denke, dass eine multikulturelle Gesellschaft ohne jegliches gemeinsames Fundament nicht dauerhaft funktionieren kann. Dann lernt der eine, überspitzt gesagt, wie er seine unzüchtige Frau steinigt, der andere, wie er seine Ahnen verspeist, um ihre Seele einzusaugen, der andere, wie er ein Unternehmen aufbaut. Die Leute im Westen denken bei „Kultur“ viel zu häufig nur an Essen oder Kleidung – das ist völlig irrelevant. Es geht bei der Kultur zunächst um grundlegende Überzeugungen und Verhaltensweisen und um die Möglichkeit, überhaupt zu kommunizieren und sich auf der Grundlage gemeinsamer Standards zu einigen, wann immer man sich einigen muss.

Noch bringen wir uns nicht gegenseitig um. Mehr fällt mir nicht ein zum Stand unserer Kultur.

Aufklärung diesmal nicht halbieren

Und nun steht also die Frage im Raum: Möchten wir das auch für die islamische Welt haben? Arprin glaubt offenbar: besser das, als den aktuellen Zustand, wenn die islamische Welt Dschihadisten produziert, die uns bedrohen. Und auch innerhalb der islamischen Welt wäre es dann wenigstens nicht ganz so schlimm wie heute.

Ich sehe es anders. Es ist eine Chance, einfach mal nicht zu lügen. Es ist eine Chance, für eine rationale Philosophie einzutreten, die auf Beobachtung und Vernunft beruht (wie jene von Ayn Rand). Soll dabei herauskommen, was dabei eben herauskommt, ob eine modifizierte islamische oder arabische Kultur oder etwas wirklich Großartiges, was der Westen selbst bislang verpasst hat.

Niemand soll die Unwahrheit sagen. Alle Menschen sollen die Wahrheit sagen. Und es ist ein Zeichen des Respekts für Muslime als Menschen, wenn wir ihnen die Wahrheit sagen und wenn wir uns wünschen, dass auch ihre Imame ihnen die Wahrheit sagen.

„Was ist die Rationalität jener, die glauben, sie könnten Menschen zur Freiheit schwindeln, zur Gerechtigkeit betrügen, zum Fortschritt hereinlegen, sie zur Erhaltung ihrer Rechte täuschen?“

Arprins Position in dieser Frage erinnert mich an jene, die Ayn Rand den amerikanischen Konservativen vorgehalten hat. Er scheint sich essenziell zu wünschen, dass Imame in der islamischen Welt so vorgehen wie die Konservativen in den USA. Über die Konservativen sagte Ayn Rand:

„Wie lautet der moralische Status jener, die sich vor der Bekenntnis fürchten, dass sie die Verteidiger der Freiheit sind? Was ist die Integrität jener, die ihre Feinde dabei übertreffen, ihr eigenes Ideal zu verleumden, es falsch darzustellen, es anzuspucken und sich dafür zu entschuldigen? Was ist die Rationalität jener, die glauben, sie könnten Menschen zur Freiheit schwindeln, zur Gerechtigkeit betrügen, zum Fortschritt hereinlegen, sie zur Erhaltung ihrer Rechte täuschen und sie, während sie sie mit Etatismus indoktrinieren, sie eines Tages in der perfekten kapitalistischen Gesellschaft aufwachen lassen?“ Oder, wie in diesem Fall, sie mit einem verfälschten, netteren Islam indoktrinieren, um sie eines Tages in der perfekten aufgeklärten Gesellschaft aufwachen zu lassen?

Verzichten wir auf die Strategien und Manipulationen. Tun wir das, was wir uns sowieso angewöhnt haben (was auch auf Arprin zutrifft): Die Wahrheit sagen. Nichts als die Wahrheit. Und wünschen wir uns und anderen, dass sie ebenso die Wahrheit sagen. Ich möchte einmal sehen, was dabei eigentlich herauskommen würde!