Danke, Jesus!

Ich lese gerade „Die Erfindung des Individuums: Der Liberalismus und die westliche Welt“ vom amerikanischen Ideenhistoriker (verdammt, das wäre genau mein Fachgebiet gewesen, aber das gibt es kaum an Universitäten!) Larry Siedentop. Seine These ist, dass das Christentum stark zur Entwicklung des Individualismus im Westen beigetragen hat. Dem stimme ich grundsätzlich zu. Und ich weiß es außerdem bereits aus meinen eigenen Nachforschungen – nur um hier mal ein paar Leute zu schockieren, die etwas anderes angenommen hatten.

Wahrscheinlich kann man den Individualismus zum Teil sogar auf Jesus Christus selbst zurückführen. Der Meinung war zumindest ein bekannter Philosoph, der folgendes sagte:

„Jesus war einer der ersten großen Lehrer, die das grundlegende Prinzip des Individualismus verkündeten – die unantastbare Heiligkeit der menschlichen Seele und das Heil der eigenen Seele als das wichtigste Anliegen und höchste Ziel eines jeden Menschen; das bedeutet – das eigene Ego und die Integrität des eigenen Egos.“

Ich war zunächst erstaunt darüber, wer das gesagt hat. Das Zitat stammt von Ayn Rand. Die atheistische Philosophin, deren Denken ich sehr weitgehend teile. Der Rest ihrer Äußerungen über Jesus fällt entsprechend weniger schmeichelhaft aus. Jesus lehrte nämlich den Altruismus, das Leben für andere, die Selbstaufopferung, als Methode zur Erlösung der Seele. Die Zerstörung des Selbst zur Rettung des Selbst. Die Auflösung der eigenen Seele zum Zwecke des Aufstiegs der eigenen Seele. Siehe für nähere Ausführungen das ganze Rand-Zitat: http://www.noblesoul.com/orc/texts/jesus.html.

Trotzdem: Ich denke, man kann sich als Atheist durchaus mit einem wichtigen Aspekt des christlichen Erbes – dem Einfluss des Christentums auf die Entstehung des Individualismus und der individuellen Rechte – anfreunden. Ich habe nach anderen historischen Faktoren gesucht, welche den Individualismus im Westen verankert haben könnten, aber es scheint keine zu geben. Im antiken Griechenland lag der Fokus auf Familie und Staat, in Rom auch. Und die Barbaren waren ideenhistorisch sowieso völlig nutzlos. Erst das Christentum stellte die Bedeutung der eigenen Seele, des eigenen Selbst, ins Zentrum. Und das ist bei allen Schattenseiten und Übeln, die das Christentum auch zu verantworten hat, eine enorme historische Leistung.