Missbrauchtes Mitleid

Von mir wird bald ein Essay der unterhaltsam-provokativen Art über das Mitleid erscheinen. Ich denke, ich differenziere bereits genug im Essay selbst, aber an dieser Stelle möchte ich kurz auf einen Teilaspekt näher eingehen, der bei einigen ersten Lesern besonders umstritten war: Den Missbrauch des Mitleids.

Zunächst einmal halte ich Mitleid gegenüber unschuldigen Opfern für legitim. Wer wirklich ein zumindest weitgehend unschuldiges Opfer ist, zum Beispiel ein Erdbebenopfer oder Opfer eines Überfalls oder von irgendeiner Tragödie außerhalb seines Einflusses, der verdient wirklich unser Mitleid. Und in solchen Fällen ist Mitleid auch eine gute Sache. Und es ist eine gute und richtige Sache, wahren Opfern schrecklicher Ereignisse aktiv zu helfen.

Argumentum ad passiones

Was mich stört, ist der Missbrauch des Mitleids. Und hier ist meine These: Es findet immer ein Missbrauch des Mitleids statt, wenn man öffentlich Handlungsaufforderungen mit dem Ausdruck seines Mitleids oder der Einforderung des Mitleids anderer verbindet. Es ist nie richtig, das zu tun. In der Philosophie ist der Denkfehler als „Argumentum ad passiones“ bekannt, aber leider wird er in unserer Kultur im Moment nicht als Denkfehler betrachtet. Im Gegenteil wird offenbar sogar von Menschen erwartet, dass sie das tun. Dass sie vor den Kameras etwa über arme Flüchtlinge rumheulen und diesen Gefühlsausdruck mit politischen Forderungen verbinden.

Das bedeutet nicht, dass man als Opfer widriger Umstände andere nicht um ihre Hilfe bitten dürfte. Nur sollte man das nie auf der emotionalen Mitleids-Ebene tun. Man sollte nie in die Fernsehkameras heulen und letzten Endes soviel sagen wie: „Ich will euer Geld!“ Man kann seine Situation erklären und erläutern, wie man hineingeraten ist und was man ggf. tun möchte, um sie zukünftig zu vermeiden und wofür man die Unterstützung verwenden möchte. Man sollte an die Vernunft seiner Mitmenschen appellieren, an die Tatsache erinnern, dass jeder ohne Verschulden ein Opfer widriger Umstände werden kann und jeder dann gerne Hilfe entgegennimmt oder sie leider entgegennehmen muss (letzteres ist eher meine Perspektive, mir ist so etwas extrem peinlich).

Wer auch immer in der Öffentlichkeit Mitgefühl ausdrückt und / oder einfordert UND diese Emotion dann mit einer Handlungsaufforderung verbindet, handelt unmoralisch. Das heißt, es ist natürlich in Ordnung, einfach nur sein Mitgefühl öffentlich auszudrücken, etwa bei einer Beerdigung gegenüber den Angehörigen – ohne dabei etwas zu fordern! Es geht also nicht um den öffentlichen Ausdruck von Mitgefühl als solchem – sondern um die Kombination mit einer Handlungsaufforderung. Beispiele für emotionale Manipulation durch einen Missbrauch des Mitleids:

  1. Ein Politiker drückt sein Mitleid für die Lage der Flüchtlinge aus und fordert im selben Atemzug die Unterstützung für einen konkreten politischen Plan seiner Partei, den Flüchtlingen zu helfen. Das ist ein Appell an die Emotionen der Bürger, nicht an ihren Verstand.
  2. Ein Journalist unterstellt den Gegnern einer bestimmten Politik (etwa der Aufnahme von Flüchtlingen oder der Erhöhung von Hartz 4), kein Mitleid zu haben. Das ist kein Argument. Das ist Manipulation, ein Appell an Emotionen. Warum soll Deutschland die Flüchtlinge aufnehmen? Warum soll Hartz 4 erhöht werden? Entweder es gibt dafür gute Argumente und eine zugehörige Ethik, deren Prämissen man erläutern kann. Oder, wenn man das nicht tun kann oder möchte, sollte man sich nicht öffentlich zu diesen Fragen äußern.
  3. Ein Punker weist auf seine Obdachlosigkeit hin und bittet um Mitleid und Geld. Er befindet sich damit auf einer moralischen Ebene mit dem Politiker und dem Journalisten aus den ersten beiden Beispielen. Er könnte legitimerweise seine Lage erklären, wie er dort hinauskommen möchte und auf dieser Grundlage um Unterstützung bitten, vorzugsweise um einen Job und nicht einfach um Geld. Er kann nicht einfach sagen, dass er obdachlos ist und darum das Geld anderer Menschen verdient hätte. Das hat er nicht.

Ich finde es auch traurig, dass philosophisch denkende Menschen mir so etwas schreiben: „Ja, natürlich. Argumentum ad passiones, ein bekannter Denkfehler, das sollte man nicht machen. Warum schreibst Du dazu überhaupt etwas, das ist doch banal?“, während mir andere Kaltherzigkeit oder Grausamkeit vorwerfen. Ich schreibe etwas darüber, weil unsere Kultur zu bedenklich großen Teilen diese Thematik aktuell anders wahrnimmt als ich. Und anders, als man dies in Logikbüchern nachlesen kann. Und weil sie Unrecht hat. Und weil es wichtig ist.