Auch nur eine Religion?

Der Glaube ist absolut, die Wirklichkeit etwas komplizierter, schreibt Nikolaus Bösch in seiner Replik auf meinen Kommentar Die Wirklichkeit ist absolut. Seine Replik besteht darin, Ayn Rands Philosophie „Objektivismus“, die ich teile, mit einer Religion gleichzusetzen und mir vorzuwerfen, ich würde nur blind an einen Quasi-Gott glauben, während Bösch sich nicht auf solche „Versuchungen“ einlässt.

Das ist ein altes Strohmann-Argument gegen den Objektivismus. Im Grunde gehört sich so etwas in einer zivilisierten Debatte nicht, den Widersacher in eine Kultisten-Ecke zu stellen und somit zu einer Person zu erklären, deren Behauptungen sowieso keine Beachtung verdienen. Das ist eine totalitäre Strategie, wie sie Kommunisten gegen als „Klassenfeinde“ gebrandmarkte Regimegegner einsetzten. Deshalb habe ich bislang nicht auf die Replik geantwortet, aber ich möchte sie nun lieber doch nicht einfach so stehen lassen. Also hier meine Replik.

Oder, wenn man so will, die Idee der naturwissenschaftlichen Erfassbarkeit der Welt wird vergöttlicht, weil Glaube an die Stelle der Beweise tritt.

Ich denke nicht, dass die Welt rein naturwissenschaftlich erfassbar ist, sondern sie ist grundsätzlich vom Menschen vollständig erfassbar, mit welchen rationalen Methoden er das auch erreichen wird (die Naturwissenschaften sind eine Teilmenge der menschlichen Erkenntnismethoden). Wobei das nicht heißt, dass ein einzelner, individueller Mensch an alles Wissen über die Welt gelangen könnte, denn dafür ist seine Lebenszeit zu kurz und außerdem verfügen wir noch nicht über alles Wissen.

Warum ich das glaube, hängt mit der objektivistischen Epistemologie und Metaphysik zusammen. Kurz gesagt folgt es aus den metaphysischen Axiomen Existenz, Identität und Bewusstsein sowie der Beschaffenheit des menschlichen Verstandes. Existenz existiert; alles, was existiert, hat eine bestimmte Identität und Du weißt es. Das Bewusstsein dient der rationalen Identifikation von Sinneseindrücken, die als Begriffe ökonomisch und hierarchisch gebündelt werden. Um das für Einsteiger nachvollziehbar zu erklären, brauche ich leider ein paar hundert Seiten mehr, als ich sie hier habe.

Ich bin, also denke ich

Nun outet sich Bösch als Anhänger von Descartes und teilt sein „Weil ich denke, weiß ich, dass ich bin“ (Cogito ergo sum). Descartes Ansatz führt, wie seine Kritiker über die Jahrhunderte gezeigt haben, zu radikalem Skeptizismus. Denn dass ich denke (Woher kommt „ich“ auf einmal?), weiß ich aus dieser Sicht eigentlich auch nicht und somit ebenso nicht, dass ich bin.

Objektivisten sind hingegen der Auffassung, dass Existenz existiert, was sich nicht weiter analysieren oder begründen lässt, weil es selbstevident ist und jeder Versuch, es zu leugnen, selbstwidersprüchlich ist und von der Wahrheit der Aussage ausgehen muss. Nicht, weil wir das einfach blind glauben. Gibt es nichts, was willst Du dann wissen? Gibt es Dich nicht, wie kannst Du dann denken? Gibt es Dich, dann gibt es also etwas. Und woher kommen die Materialien für Deine Gedanken, wenn nicht von der von Dir wahrgenommenen Außenwelt? Existenz ist also primär, dann kommt die bewusste Wahrnehmung von dem, was existiert. Ich bin, also denke ich.

Mit dem Bewusstsein, also dem menschlichen Erkenntnisinstrument, anzufangen, ohne etwas, dass unabhängig vom Bewusstsein existieren würde, ist pures magisches Denken. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Gott sagte, „Es werde Licht“ und es ward Licht. Unsere Gedanken sind demnach die Ursache für die Existenz, nicht die Existenz eine Voraussetzung für unsere Gedanken. Unwissenschaftlicher geht es nicht mehr.

So komme ich zu der relativen Überzeugung (relativ: in einem Verhältnis stehend – zu mir bzw. zur Menschheit, zum Beobachter, zum Denken), es gebe keinen Gott

Bösch kommt also zu der von ihm selbst ausgehenden „Überzeugung“, es gebe keinen Gott. Da seine Gedankeninhalte alles sind, was es ihm zufolge mit Sicherheit gibt, und er gerade offenbar nicht an Gott denkt, „gibt“ es eben keinen Gott, relativ zu ihm, also für ihn. Aber was interessiert das den Rest der Menschheit?

Es ist nicht nur eine Frage des Glaubens, sondern eine des Beobachtens und letztlich der Plausibilität. Sie folgt damit den Regeln des Beobachtens und Ableitens und nicht jenen des Glaubens oder Andersglaubens.

Für manche Leute gibt es keinen Gott?

Bösch ist offenbar der Meinung, ich würde darum nicht an Gott glauben, weil mein beliebiger Glaube an irgendein Ayn Rand-Dogma besagt, dass ich nicht an Gott glauben darf. Er hingegen verlässt sich auf das Beobachten von seinen eigenen Geistesinhalten und auf das Ableiten aus diesen, was es so alles für ihn gibt und was nicht, was natürlich viel vernünftiger klingt.

Tatsächlich glaube ich nicht an Gott, weil Gott den metaphysischen Axiomen widerspricht und er somit nicht existieren kann. Konzepte wie „allmächtig“ und „unendlich“ und „Nichts“ (woraus Gott das Universum erschaffen haben soll) beschreiben nichts in der realen Welt, das sind nur Denkkonstruktionen. Mehr dazu von Leonard Peikoff.

Wie funktioniert Induktion?

Beobachtbar ist, dass es bisher so war, und wir schließen daraus, dass es auch in Zukunft so sein wird: Plausibilität.

Genau so funktioniert die Induktion eben nicht, was die Kritiker von Francis Bacon (demzufolge man aus einer bestimmten Menge an Einzelbeobachtungen allgemeine Gesetze folgern kann) schon aufzeigten. Man kann die Welt unmöglich verstehen, wenn man nur Einzelfälle oder Ereignisse auflistet und vermutet, dass andere derselben Art schon irgendwie so sein und bleiben werden, ohne sie zu analysieren. Hier kommt das Identitätsaxiom ins Spiel.

Ein Beispiel: Warum können Falken fliegen? Weil alle Falken auf der Welt, die wir bislang beobachten konnten, fliegen können? Weil laut historischen Dokumenten Falken bislang geflogen sind? Nein! Sie können fliegen, weil sie und die übrige Natur so beschaffen sind, wie dass sie fliegen können, also unter anderem, weil sie Flügel haben und aufgrund aerodynamischer Gesetze eine bestimmte Art des Flügelschlags unter bestimmten Bedingungen Falken das Fliegen ermöglicht.

Da wir die involvierten physikalischen Gesetze kennen, sind wir in der Lage, Flugzeuge zu bauen. Das wären wir mit Böschs Herangehensweise nicht. Da müssten wir einfach vermuten, dass Falken fliegen können, weil sie es bislang gemacht haben („Plausibilität“) und Flugzeuge nicht, weil sie es vor ihrer Erfindung nicht gemacht haben.

Die letztgültige Wahrheit

Welcher Mensch beziehungsweise welche Gruppe von Menschen ist so weit unbefangen und „objektiv“, das letztgültige „objektive“ Wort zu sprechen?

Das ist das subjektivistische Credo schlechthin. Für Bösch gibt es keine Fakten, keine Realität da draußen, sondern es gibt nur Menschen, die unterschiedliche Dinge behaupten. Und alle sind „befangen“, da jeder nur seine eigenen Geistesinhalte wahrnimmt. Die bessere Frage lautet, warum wir aus dieser Sicht überhaupt an objektive Erkenntnisse gleich welcher Art und mit gleich welchem Grad an Sicherheit gelangen können – oder können wir das eigentlich?

Es geht Objektivisten nicht darum, irgendein letztgültiges Wort über die Wahrheit zu sprechen, sondern um die Frage, wie wir überhaupt Aussagen über die Wahrheit tätigen können. Und wir sind der Meinung, dass dies möglich ist, weil wir mit unseren Sinnen die objektive Realität wahrnehmen. Es können allerdings Fehler bei der bewussten Identifikation der Realität entstehen. Kurz gesagt: Der Mensch ist fehlbar. Jeder Mensch. Das bezweifeln wir überhaupt nicht.

Es drängt sich daher der Schluss auf: Wer glaubt (und/oder vorgibt), das Wesen des Menschen in seiner gesamten Komplexität erfasst zu haben

Strohmann. Das behaupten wir nicht.

Im Sinne des bisher Festgestellten behaupte ich, dass Aussagen, die vorgeben etwas Absolutes auszusagen, mehr vorgeben als aussagen und begnüge mich mit dem, was einen relativen Fortschritt darstellt.

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie Skeptiker absolute Aussagen tätigen, mit denen sie die Möglichkeit bestreiten, absolute Aussagen tätigen zu können. Man kann absolut keine absoluten Aussagen machen! Wie diese hier! Damit das klar ist! Absolut!

Ethik bezieht sich auf den Menschen

Auch hier ist der Ausgangspunkt „Wir“, die „Entscheidungen treffen“ und „Werte erschaffen“.

Da die Ethik Richtlinien für menschliches Handeln entwickelt, muss sie wohl etwas mit dem Menschen zu tun haben, wohl wahr. Die Frage ist aber, auf welcher Grundlage wir Entscheidungen treffen sollten. Auf der Grundlage von beliebigen subjektiven Behauptungen oder auf der Grundlage von empirischen Fakten, die jedem grundsätzlich zugänglich sind?

Es sind also keine absoluten (von uns losgelöste) Werte, sondern von uns erschaffene, die daher logisch in einem Verhältnis (einer Relation) zu uns stehen. In diesem Sinne scheint Andreas Müller mir hier unwissentlich recht zu geben.

In diesem Zusammenhang meinte ich vom Menschen erschaffene Werte wie zum Beispiel ein Auto oder ein Haus. Ja, die Ethik steht in einem Verhältnis zum Menschen, weil sie uns eine Handlungsorientierung gibt und sich notwendig auf uns und unsere Natur beziehen muss.

Der Philosoph Hans Albert (*1921) widmet dieser Praxis einen Beitrag den er als „Modellplatonismus“ bezeichnet.

Wenigstens konnte Hans Albert bei unserem letzten Gespräch weitaus respektvoller mit mir diskutieren, als dies Herrn Bösch offenbar möglich ist.

Es wird nicht geklärt, wie der Staat zu seinen Gesetzen kommt, und wieso diese gerade so und nicht anders sind.

Diesen Punkt räume ich ein. Ich konnte die Grundlage von Rands Politik nur andeuten, weil das komplexe Thema zu umfassende Ausführungen erfordert hätte. Was nun leider erneut der Fall ist.

Dass sich der Staat nie irren könnte?

Wieso sich also ein Staat oder eine Gesellschaft beim Erstellen ihrer Gesetze nicht auch irren kann?

Natürlich können sie sich irren! Wieder ein Strohmann. Wir sollten rational vorgehen und uns an den Fakten und der menschlichen Natur orientieren, aber darum sind wir nicht unfehlbar. Die Politik sollte sich etwa daran orientieren, dass wir Menschen nur durch die ungezwungene Anwendung unseres Verstandes überleben können und daher politische Freiheit benötigen.

Lang lebe die Willkür

Es übertrifft daher keinesfalls den Versuch, im Bewusstsein der eigenen Unvollkommenheit nach der bestmöglichen Erkenntnis zu streben und diese in die Gesellschaft einzubringen.

Vor dem Hintergrund meiner Philosophie würde ich dieser Aussage zustimmen. Vor dem Hintergrund des Subjektivismus bedeutet sie jedoch so viel wie: Wir sollten nach der bestmöglichen Erkenntnis von dem streben, was, warum auch immer, in unseren Köpfen so vorgeht, und daraus politische Forderungen ableiten, die andere Menschen zu befolgen haben. Und andere Menschen versuchen derweil, uns ihre eigenen willkürlichen Ideen aufzuzwingen. Und Demokratie heißt, dass wir statistisch feststellen, welcher beliebige Unsinn, den sich die Leute ohne Rekurs auf objektive Fakten zusammengesponnen haben, von den relativ meisten Menschen geteilt wird und daraus Gesetze zu zimmern. Super!