Ist Intoleranz tolerant, wenn sie links ist?

Michael Schmidt-Salomon ist ein Genie. Ein PR-Genie. Kaum ein anderer öffentlicher „Intellektueller“ unserer Zeit hat ein so gutes Gespür dafür, was er schreiben muss, um von Mainstream-Medien hofiert zu werden. Er erkennt den Zeitgeist genau und passt seine Sprache und Meinung daran an. Schmidt-Salomon ist der vielleicht größte Anpasser des ganzen Landes.

Als Philosoph schreibt er zwar nur Unsinn, aber man kann nicht auf allen Gebieten Überragendes leisten. Der neueste Essay des Vorstandssprechers der Giordano Bruno Stiftung befasst sich mit der Frage, ob und inwieweit wir als Gesellschaft Intoleranz tolerieren müssen.

Wie schon seine Streitschrift „Keine Macht den Doofen!“ (eine Auflistung von Beleidigungen von Konservativen) ist der Essay gegenüber Andersdenkenden atemberaubend intolerant. Er plädiert dabei jedoch, oberflächlich betrachtet, für mehr Toleranz. Das entspricht der Haltung der Social Justice Warrior, die für mehr Toleranz gegenüber Minderheiten wie Transgender und Muslimen eintreten, aber nur, sofern die Minderheiten genau ihrer politischen Meinung sind (was sie oft fälschlicherweise glauben).

„Heute hat der „Tages-Anzeiger“ (die meistabonnierte Tageszeitung der Schweiz) dem Buch zwei komplette Druckseiten gewidmet“, lässt MSS seine Leser auf Facebook wissen. Wie subtil er doch die Bedeutung der Publikation einfließen lässt, die seinen Essay veröffentlichte, mit dem er sein neues Buch über die Toleranz bewerben möchte. Und es sind natürlich „Druckseiten“ und sogar „komplette“ davon, keine schäbigen Online-Seiten (trotzdem ist der Essay online nachlesbar).

Die bösen Konservativen

Es ist immer schön, wenn sich Menschen selbst gut leiden können. Andererseits lässt der Essay einige Zweifel daran aufkommen. Die ans Tourette-Syndrom grenzenden ständigen herablassenden Äußerungen gegenüber dem offenbar einförmigen Kollektiv der Konservativen seitens MSS erwecken den Eindruck einer rituellen Beschwörungsformel. Wie ein Priester, der selbst nicht so recht an die Jungferngeburt glaubt und umso nachdrücklicher die Geschichte wiederholt, wie der Heilige Geist Maria schwängerte, muss MSS sich und uns unentwegt einreden, wie zurückgeblieben und verblödet seine politischen Gegner seien. Was sollte er auch sonst tun? Ihre Argumente lesen und inhaltlich darauf antworten, wie es ein, keine Ahnung, Philosoph tun würde? Aber da bestünde ja die Chance, dass sie ihn überzeugen.

Konkret schreibt er, wir sollten uns in der „Kunst der zivilisierten Verachtung“ gegenüber „Intoleranten“ (Leute, die anders denken als MSS) üben. Ein Vertreter eines „streng konservativen Weltbilds“ sei „in seinen tiefsten inneren Überzeugungen noch nicht wirklich im 21. Jahrhundert angekommen“ und in seiner „emotionalen und kognitiven Entwicklung womöglich so sehr geschädigt“ worden. Konservative mögen sich gefälligst daran gewöhnen, dass „die Verehrung des Propheten Mohammed bzw. des christlichen Messias kein höheres Ansehen geniesst als die Verehrung von Borussia Dortmund, Monty Python oder Dolly Buster!“ Und so weiter. MSS wird keinen Konservativen auf diese Art erreichen, aber das möchte er auch nicht. Wie andere neulinke Social Justice Warrior möchte er sich nur in seinem eigenen weltanschaulichen Spiegelkabinett aufhalten und sich unentwegt selbst betrachten.

Wie üblich unter SWJs betont man sein Mitgefühl für allerlei Identitätspolitik-Kollektive. MSS beharrt etwa darauf, dass „Männer und Frauen, Religiöse und Nichtreligiöse, Hetero-, Homo- und Transsexuelle gleichberechtigt sind“. Warum erwähnt er in seiner Aufzählung keine fetten Menschen, die sich mit ihrem hohen Gewicht identifizieren, wie sich die (neulinken) Homosexuellen und Transsexuellen über ihre sexuelle Ausrichtung definieren? Die Guardian-Journalistin Lindy West ruft zum Beispiel explizit das Kollektiv der fetten Leute auf, Hillary Clinton zu unterstützen. Warum erwähnt MSS keine Menschen mit einem Pickel auf ihrer Nasenspitze? Haben die etwa nicht dieselben Rechte? Hasst MSS Menschen mit einem Pickel auf ihrer Nasenspitze?

Staatsaufgabe linke Indoktrinierung

Die eigentliche Aussage des Essays ist hinter allerlei schein-toleranten Phrasen versteckt: Der Staat soll Andersdenkende mit der Meinung von MSS indoktrinieren. Dadurch erübrigt sich dann wohl das Problem, Andersdenkende tolerieren zu müssen.

MSS schreibt etwa: „Aus diesem Grund wäre es ein verhängnisvoller Fehler, würde die Politik der immer wieder erhobenen Forderung nachgeben, verletzbaren «religiösen Gefühlen» mit grösserem Respekt zu begegnen. […] Wem also ernsthaft daran gelegen ist, die Tugend der Toleranz zu stärken, der sollte religionskritische Satiren nicht verbieten, sondern sie aktiv fördern.“

Mit anderen Worten: Der Staat sollte die Verulkung des Weltbilds von Leuten fördern, die nicht derselben Meinung sind wie MSS. Das wäre sicher auch für ihn selbst als Autor von religionskritischen Satiren recht praktisch.

Doch der Staat sollte es nicht nur finanzieren, wenn Leute wie MSS Menschen verarschen, die ihnen nicht uneingeschränkt zustimmen. Nein, der Staat soll außerdem auch noch die Kinder von Andersdenkenden mit der Meinung von MSS indoktrinieren:

Dies ist das Land, in dem Sie glauben dürfen, was immer Sie wollen, in dem wir Ihren Kindern aber von der Pike auf beibringen werden, dass nur solche Weltanschauungen akzeptabel sind, die die Menschenrechte in vollem Umfang ­anerkennen! Dies ist das Land, in dem Sie behaupten dürfen, die Erde sei erst vor 6000 Jahren erschaffen worden, in dem Ihre Kinder aber schon in der Grundschule die Tatsache der Evolution erfahren! […] Dies ist nicht zuletzt auch das Land, in dem Sie Ihre eigenen Sexualneurosen pflegen dürfen, solange Sie damit niemanden ­schädigen, in dem Ihre Kinder aber rechtzeitig aufgeklärt werden, damit sie die Chance haben, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen!

Kindern soll also vom Staat das linke Weltbild von MSS eingetrichtert werden. Sie sollen etwa schon in der Grundschule die Evolution lernen, die für MSS keine bloße wissenschaftliche Theorie ist, sondern ein definitives Argument gegen die Schöpfung, wenn nicht Gottes Existenz. Aber auch die Lehre der bloßen Theorie wäre didaktisch absurd, weil die Evolutionsbiologie hohe Abstraktionen beinhaltet, während Grundschulkinder noch nicht einmal die zugehörigen Konkreta aus der Wald- und Wiesenbildung kennen! Die Kleinen sollen lernen, wie ein Wal evolutionär entstanden ist, in einem Alter, in dem sie vielleicht noch nie einen Wal im Zoo gesehen haben. Viele Schüler verstehen das Prinzip der natürlichen Selektion nicht mal im Gymnasium, ja, wie der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera mir mitteilte, verstehen viele seiner eigenen Studenten die natürliche Selektion nicht, und wenn er sich auf den Kopf stellt. Im Übrigen hat das Erdalter nichts mit der Evolution zu tun, sondern mit Geologie.

Nur, um das klarzustellen: Ich denke auch, dass die Evolution eine Tatsache ist, aber sie ist nicht mehr als eine wissenschaftliche Tatsache und es ist nicht wichtiger, sie bereits Kindern beizubringen, wie man Astrophysik oder Quantenphysik schon Kindern beibringen müsste. Und der einzige Grund, warum MSS speziell die Evolution in den Grundschulen sehen möchte, besteht darin, dass sie angeblich die Schöpfung widerlegt. Obwohl sie eigentlich nur eine wörtlich verstandene biblische Schöpfungsgeschichte widerlegt und nicht die Schöpfung als solche, gegen die es andere – philosophische – gute Argumente gibt. Und als Libertärer denke ich nicht, dass der Staat überhaupt für die Bildung zuständig sein sollte. Kinder sind kein Staatseigentum, sonst werden sie, wie man sieht, ideologisch vereinnahmt. Ich verteidige nicht die Religion, sondern ich verteidige die Freiheit der Bürger, über ihr Leben und die Bildung ihrer Kinder selbst zu bestimmen.

Das, was MSS „Sexualneurosen“ nennt, ist alles, was von seiner bevorzugten Sexualerziehung abweicht. Wie die aussieht, durfte man bis in intime Details hinein in seinem Buch „Leibniz war kein Butterkeks“ erfahren; einer Diskussion zwischen MSS und seiner Tochter, natürlich geschrieben von MSS, die unter anderem auf die Sexualpraktiken seiner Familie eingeht. Damit wir uns alle an seinem offenherzigen Beispiel orientieren, soll Sexualaufklärung schon „rechtzeitig“ an Kindern praktiziert werden, damit sie möglichst früh solchen Spaß am beliebigen Gelegenheitssex haben können wie der 68er-Clan des großen Denkers.

Die „Menschenrechte“ klingen derweil universell, allerdings versteht MSS unter den „Menschenrechten“ meines Wissens die sozialistische Version der Vereinten Nationen, die unter dem Einfluss der UDSSR entstanden ist und die er in verschiedenen Publikationen positiv hervorhebt. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN stehen allerlei Fantasierechte, die unmöglich garantiert werden können, die aber aktiv von anderen Menschen ohne Gegenleistung bereitgestellt werden müssten, zum Beispiel:

  1. Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.

Kein freier Mensch kann jemals ein „Recht“ auf Arbeit haben. Das bedeutet, ein Diktator müsste Arbeitgeber dazu zwingen, anderen Menschen einen Beruf zu geben, auch wenn er diese nicht einstellen möchte. Und wer bestimmt, was „gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen“ sind?

Der Meister des Neusprech

MSS ist ein Meister der Manipulation, ganz in der Tradition seiner neulinken Vorbilder. Er nimmt zum Beispiel scheinbar geringfügige Veränderungen an bekannten Definitionen vor, die gravierende inhaltliche Auswirkungen haben. Über das politische Grundprinzip des Liberalismus schreibt er:

Das für die offene Gesellschaft konstitutive Prinzip des Liberalismus besagt, dass mündige Bür­gerinnen und Bürger tun und lassen dürfen, was sie wollen, solange es ihnen nicht mit guten rechtsstaatlichen Gründen verboten werden kann.

Was sind „gute rechtsstaatliche Gründe“? Das kann so ziemlich alles sein. Und schon ist er dahin, der Liberalismus. Nein, das konstitutive Prinzip des Liberalismus lautet, dass jeder Mensch das Recht hat, das zu tun, was er möchte, solange er dasselbe Recht seiner Mitmenschen achtet, das zu tun, was jene möchten. Gute rechtsstaatliche Gründe können zur Hölle fahren.

Sie glauben, ich bin zu kleinlich? Dann vergessen Sie das gleich wieder, denn im Anschluss kommt explizit der Dreh von MSS: „Hierbei ist natürlich peinlich genau darauf zu achten, dass alle Gesellschaftsmitglieder gleichen Zugang zum Recht haben. Denn für die offene Gesellschaft ist auch das Prinzip des Egalitarismus konstitutiv. Dieses verlangt, dass gleiche Interessen gleich berücksichtigt werden, weshalb Diskriminierungen, etwa aufgrund von Geschlecht, Alter, Herkunft, Weltanschauung oder sexueller Orientierung, aufzuheben sind.“

Der sozialistische Egalitarismus soll also vom Staat durchgesetzt werden. Das ist nicht dasselbe wie die „Gleichheit“ im Sinne von „Gleichheit vor dem Gesetz“. Egalitarismus ist die Gleichmacherei, Umverteilung, etc.. Die gleiche Berücksichtigung gleicher Interessen ist nicht etwa ein Grundsatz freier Staaten, wie man nach Lektüre dieser Passage meinen könnte. Es ist der Grundsatz der präferenzutilitaristischen Ethik des australischen Philosophen Peter Singer. Die hat MSS hier kaum wahrnehmbar hinein gemogelt. Brillant. Wie schon Lenins Propaganda brillant war.

Fazit

Immerhin stimme ich dem letzten Satz von MSS uneingeschränkt zu:

„Die Botschaft an die Kollektivisten müsste dabei absolut klar sein, sodass jeder von ihnen weiss, mit welchen Unannehmlichkeiten er oder sie in einer offenen Gesellschaft zu rechnen hat.“ Die Botschaft an Kollektivisten wie Michael Schmidt-Salomon.

Wer sich lieber an einer aufrichtigen Initiative für eine freie Gesellschaft beteiligen möchte, dem empfehle ich einen Blick auf die Novo-Kampagne Unser Leben gehört uns.

Ein Kommentar zu “Ist Intoleranz tolerant, wenn sie links ist?

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