Atheisten: Wir sind nicht besser als die

Es ist wieder Zeit für mein Wort zum Sonntag. Heute geht es um die Frage, warum so viele „säkulare Humanisten“ einen schlechten Charakter haben. Dass dem so ist, ist mir in dem Jahrzehnt, seitdem ich in dieser Szene aktiv bin, leider häufig aufgefallen.

Viele, wenn nicht die meisten Leute, die sich dieser Tage „säkulare Humanisten“ nennen, sind nicht einmal Humanisten, haben also keine Ethik, die den Menschen ins Zentrum setzt (und es geht hier nicht um Kleinigkeiten oder geringfügige Meinungsverschiedenheiten). Das, was sie „atheistisch“ nennen, ist lediglich ein nihilistischer reduktionistischer Materialismus, der sich im politischen Bereich als eine Variante des Marxismus äußert.

Da ich nun auf mehrere Beispiele für den miesen Charakter und die offensichtlich anti-humanistischen Ansichten vieler „säkularer Humanisten“ (wie sie sich selbst nennen) im Detail eingegangen bin, möchte ich nun die Frage nach den Ursachen für dieses Phänomen zu beantworten versuchen.

Drei Mal Rosenkranz? Keine institutionelle Bewältigung moralischer Fehler

Gewiss: Es gibt auch zahlreiche katholische Heuchler, die Wasser predigen und Wein trinken. Aber dass die wichtigsten aktuellen Publikationen aus dem eigenen Lager den katholischen Glaubensinhalten diametral widersprechen würden, habe ich so nicht beobachtet. Viele säkulare Humanisten verbringen hingegen ihre Zeit aktuell damit, den Menschen systematisch herabzusetzen (wir sind nur „Trockennasenaffen“ auf einem „Staubkorn im Universum“, etc.) und einer Ideologie namens „Materialismus“ wie einem Kult Folge zu leisten. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Die katholische Kirche hat die Schwäche des Menschen, Verführungen zu unterliegen, also seinen ethischen Überzeugungen untreu zu sein, schon lange erkannt und bietet Institutionen und Rituale an, damit Gläubige ihre Sünden und Verirrungen überwinden können, nicht zuletzt die Beichte und die Buße. Solche Institutionen gibt es für Atheisten nicht. Vielleicht sind Therapeuten zu den säkularen Priestern aufgestiegen, aber die sind dafür unqualifiziert, wie sie, gemessen an den statistischen Erfolgen ihrer Behandlungsmethoden, auch für ihren eigentlichen Beruf unqualifiziert sind.

Atheisten haben stattdessen nur einige intellektuelle Wortführer wie Richard Dawkins und in Deutschland Michael Schmidt-Salomon, die aber längst nicht die moralische Autorität besitzen, wie sie Priester innehaben – oder einst hatten. Ohne systematische Moralphilosophie können sie eine solche Autorität auch nicht ausüben. Übrig bleiben einige individuelle Denker, die den anderen gelegentlich auf die Finger hauen. Eine Institution wie die Kirche können wir aber nicht ersetzen. Und wenn mir Leser noch so viele Fragen nach der Moralität ihres Sexlebens schicken (was übrigens sehr beunruhigend ist, also lasst das bitte sein).

Schlauer als die Gottessklaven: Die Verführung des Atheismus zur Arroganz

Säkulare Humanisten neigen zur Überzeugung, dass sie alles besser wüssten als ihre Mitmenschen und dass sie das Recht hätten, anderen ihr Leben vorzuschreiben. Das gilt nicht für alle, aber für sehr viele, wie eine große Umfrage des wichtigsten säkular-humanistischen Magazins der Welt, Free Inquiry, aufgezeigt hat.

Beispielsweise glaubt Michael Schmidt-Salomon von der Giordano Bruno Stiftung, dass er am besten wüsste, was die Kinder seiner Mitbürger in der Schule zu lernen hätten (nämlich sein Weltbild) und dass das Geld anderer Leute noch mehr an jene „umverteilt“ werden sollte, die es sich nicht erarbeitet haben; wegen „sozialer Gerechtigkeit“. Tötest Du einen Menschen, bist Du ein Mörder. Tötest Du Tausende, gehst Du als großer Herrscher in die Geschichte ein. Raubst Du einen Menschen aus, bist Du ein Räuber. Raubst Du Millionen aus, bist Du „sozial gerecht“.

Aber woher kommt diese atemberaubende Arroganz und Anmaßung von so vielen säkularen Humanisten? Man könnte historisch den starken Einfluss sozialistischer Ideen auf säkular-humanistische Gruppen aufzeigen. Aber auch der muss irgendwo eine Ursache haben.

Ich denke, eine Ursache könnte eine Verführung zur Überheblichkeit sein, der man als Atheist naturgemäß ausgesetzt ist. Historisch und auch heute noch waren und sind Atheisten eine kleine Minderheit unter den Menschen. Sie glauben, dass der überwältigende Teil der Menschheit einer gewaltigen Illusion unterlegen ist, die ihr ganzes Leben bestimmt: Dem Gotteswahn. Nur sie, die auserwählte, gebildete, intelligente Elite hat den Schleier gelüftet, hat die Schatten an der Wand als solche erkannt. Nur Atheisten befinden sich im Besitz einer geheimen Wahrheit, die den meisten Menschen intuitiv falsch erscheint: Es gibt keinen Gott.

Das ist eine wichtige Zutat für einen elitären Kult. Wenn wir die Sache mit Gott so viel besser wissen als der verblödete Rest der Menschheit, warum sollten wir andere Dinge nicht auch besser wissen? Warum sollten wir nicht auch besser wissen, wie man lebt? Warum sollten wir nicht auch besser wissen, was die Kinder von diesen irregeleiteten Gläubigen in der Schule lernen sollen? Warum sollten wir nicht auch ethische Fragen wie jene nach Abtreibung und Sterbehilfe rationaler beantworten können, wo wir schon die Gottesfrage rationaler beantworten?

Kein Gott und Amen: Das billige Ticket für die erste Klasse

Ähnlich wie bei anderen Kulten muss man nicht wirklich viel wissen, um dem linken säkular-humanistischen Kult angehören zu können. Ähnlich funktioniert der Vegetarier-Kult. Tun einem Tiere Leid, kann man sich bereits als Vegetarier über die mitleidslosen Fleischesser erheben. Man muss dafür kein einziges philosophisches Buch über Tierrechte gelesen haben und kann sich sogar, ohne großen Widerspruch zu fürchten, über jene lustig machen, die sie gelesen und sorgfältig beantwortet haben.

Wurde man ohne Gottesglauben erzogen und hat noch nie über das Thema nachgedacht, so entdeckt man vielleicht irgendwann, dass alleine der Umstand, nicht an Gott zu glauben, einen zu etwas Besonderem macht im Vergleich zu den meisten Menschen auf der Welt, die an Gott glauben. Gott, sind die alle dumm. Und dabei kommt dann der pubertäre Mist heraus, den man in Form von krassen, in der Sache unangebrachten Beleidigungen und Karikaturen auf Facebook über Gläubige zu lesen bekommt, wenn man einen atheistischen Freundeskreis dort hat. Und offene Forderungen nach der Diskriminierung von Gläubigen.

Ja, es gibt gute Argumente gegen Gottes Existenz und noch viel bessere gegen bestimmte Glaubensinhalte von beispielsweise Christen und Muslimen. Aber die Frage nach Gott ist eine philosophische Frage, die man nicht beantworten kann, wenn man sich nicht mit den Argumenten beider Seiten auseinandersetzt. Wer das nachholen möchte, dem empfehle ich beispielsweise „The Modern Scholar: Faith and Reason: The Philosophy of Religion“ vom katholischen Philosophen Peter Kreeft, der die besten Argumente für Gottes Existenz und die Argumente dagegen erläutert und, wie ich finde, ziemlich fair.

Wir sind nicht besser als die

Mein eigenes materialistisches Weltbild ist mit der Beschäftigung mit den Argumenten für einen freien Willen und, um nicht zu sagen, für die Existenz des menschlichen Geistes zusammengebrochen. Die Bücher des Philosophen Raymond Tallis waren diesbezüglich sehr aufschlussreich. Und seit meiner Beschäftigung mit Thomas von Aquin bin ich etwas gelassener geworden, was die Gottesfrage angeht. Seine Argumente sind zum Teil sehr gut, obgleich es vernünftige Repliken darauf gibt (Wer hat Gott erschaffen? ist übrigens keine davon). Es kann durchaus sein, dass ein Mensch, der ehrlich nach der Wahrheit strebt, bei irgendeinem abstrakten Gott angelangt, auch wenn ich anderswo gelandet bin.

Aus meinen Erfahrungen mit Diskussionen über Philosophie, die ich mit anderen Atheisten geführt habe, geht hervor, dass sie in der Regel nicht wussten, wovon ich überhaupt rede. Sie kannten die Gottesbeweise von Thomas von Aquin nicht. Sie wussten nicht, was „Epistemologie“ überhaupt ist. Sie wussten nicht, dass Ethik ein Teilbereich der Philosophie ist, der sich mit Richtlinien für menschliches Handeln befasst. Sie waren einfach atheistisch aufgewachsen oder hatten mal ein Buch von Richard Dawkins gelesen. Gewiss: Die meisten Gläubigen werden auch nicht mehr wissen, als das, was ihnen ihre Eltern oder ihr Pfarrer gesagt haben (was ebenso von meinen Gesprächen mit Gläubigen bestätigt wird). Und die meisten werden die atheistischen Argumente gegen Gottes Existenz nicht kennen.

Am Ende bleibt mir also nichts weiter zu sagen als die alte akademische Empfehlung, die Argumente beider Seiten aus erster Hand (!) zu lesen und sie zu bedenken. Und ich stimme dem katholischen Denker Peter Kreeft zu, wenn er sagt, dass es immer besser ist, aufrichtig nach der Wahrheit zu streben, als dogmatisch eine Unwahrheit zu akzeptieren – auch, wenn man auf seinem Weg Fehler macht. In der Tat sagte er, dass Gott bestimmt ein Mensch lieber ist, der aufrichtig nach der Wahrheit strebt und sich irrt, als ein Mensch, der unaufrichtig ist oder blind ein Dogma akzeptiert, was die Nichtexistenz Gottes ebenso sein kann wie seine Existenz. Aber ob Gott das nun denkt oder ob es menschlichen Interessen dient, richtig ist es allemal.

Es ist nicht besser, Atheist oder Gläubiger zu sein, es ist besser, aufrichtig und aktiv nach der Wahrheit zu streben. Atheismus ist kein Freischein für Arroganz.

Ein Kommentar zu “Atheisten: Wir sind nicht besser als die

  1. […] habe ich auf dem Blog vom Feuerbringer einen Artikel gelesen, der den miesen Charakter von Atheisten, säkularen Humanisten und anderen Gottleugnern zum […]

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.