Ist Humanismus vor allem Identitätspolitik?

„Ich glaube, dass Identitätspolitik einfach Gift ist.“ (Sam Harris, amerikanischer Religionskritiker)

Ist der säkulare Humanismus in unserer Zeit zu größeren Teilen eine Erscheinungsform der Identitätspolitik? Auf diesen Gedanken hat mich Novo-Chef Johannes Richardt dankenswerterweise gestern gebracht, nachdem ich über meinen Streit mit anderen Humanisten über die Diskriminierung von Kopftuchträgerinnen gesprochen hatte. Auf diesen Gedanken war ich noch nicht gekommen. Aber das würde einiges erklären.

Was ist Identitätspolitik? Laut dem Kulturglossar handelt es sich um Folgendes:

Bemühungen, die Wahrnehmung einer kulturellen Kategorie oder Gruppe bei ihren Mitgliedern zu beeinflussen oder die Wahrnehmung seitens anderer zu steuern. Meist geht es dabei um Ansprüche oder Interessen, die als homogen wahrgenommene Gruppe innerhalb nationalstaatlicher Verteilungskonflikte leichter durchzusetzen sind.

Identitätspolitik bedeutet immer eine bewusst gesetzte Grenzziehung zwischen dem Eigenen (die dazu gehören) und dem Anderen (die ausgeschlossen sind). Ein wichtiges Element ist dabei die Essentialisierung, d. h. die Festschreibung des Anderen auf seine Andersartigkeit bzw. des Eigenen auf seine ursprüngliche Wesenheit (Essenz), wobei innere Differenzen nivelliert werden.

Mit anderen Worten tun organisierte säkulare Humanisten häufig – ja, systematisch – genau das, was sie religiösen Menschen vorwerfen: Sie erzeugen eine künstliche In- und Outgroup. Die eigene Gruppe wird zur moralisch überlegenen Einheit erklärt und die Outgroup zum moralisch korrupten Feind.

In Hinblick auf die nationalstaatlichen Verteilungskämpfe haben nach wie vor die christlichen Kirchen die größeren Kuchenstücke in Form staatlicher Privilegien in Deutschland zum Verspeisen. Vernünftigerweise reagiert man darauf, indem man die Abschaffung von jeglichen Privilegien von egal welcher Gruppe fordert und keine eigenen Privilegien. So haben das organisierte Atheisten die meiste Zeit auch gehandhabt.

Aber seitdem Michael Schmidt-Salomon Amok läuft und eine staatliche Förderung religionskritischer Satiren und aus weltanschaulichen Gründen Evolution in der Grundschule fordert und seitdem die britische Regierung in religiösen Privatschulen interveniert und darauf achtet, dass die Schüler relativistisch genug sind, wendet sich das Blatt langsam.

Dabei sollte sich das Blatt nicht zu Gunsten einer anderen Gruppe wenden, sondern niemand sollte auf lange Sicht irgendetwas vom Staat bekommen, außer Staatsdienern, und Punkt. Es sollte keine Möglichkeit für Verteilungskämpfe um Gelder geben können. Das wäre gerecht. Geld, das einem nicht gehört, zu verteilen, ist nicht gerecht.

Nur die Wahrheit zählt

Für mich ging es immer nur um Philosophie. Also um die Frage, was eigentlich wahr ist. Ich war als antireligiöser Atheist aufgetreten, weil ich den blinden Glauben als epistemologische Herangehensweise als verheerend für den Menschen erachte. Eine solche Herangehensweise, einfach an irgendwelche Behauptungen zu glauben, dient nicht der Wahrheitsfindung. Die Wahrheit ist Gott für mich. Und was viele Gläubige tun mit ihrem Ausblenden offenkundiger Tatsachen und ihren Lügen über die Gegenseite, um ihre Argumente nicht beachten zu müssen, ist Ketzerei.

Worum es mir aber noch nie ging und weiterhin nicht geht, ist es, irgendein Stück von einem (Steuer-)Kuchen für meine Ingroup abzubekommen oder dumm über Gläubige allgemein zu hetzen oder ihre Kinder mit meinem Weltbild zu indoktrinieren. Ich ertrage es nicht, wenn Menschen absichtlich irrational sind, aber natürlich sind nicht alle Gläubigen das; manche sind auch als Ergebnis einer aufrichtigen Wahrheitsfindung bei ihrer Position angelangt oder haben sich zumindest ernsthaft mit den Argumenten der Gegenseite befasst. Und wenn nicht, lassen sie andere zumindest in Ruhe und mehr kann man gar nicht verlangen, sondern sich höchstens wünschen.

Rückkehr zu Stammeskulturen

Die Identitätspolitik bedeutet eine Rückkehr von der Zivilisation zur Gesellschaftsform der Stammeskultur. Individualismus und Universalismus werden zugunsten von willkürlich konstruierten Menschengruppen und deren Privilegien verdrängt. Erst wurden beispielsweise Männer historisch bevorzugt, jetzt werden dank der identitären Frauenbewegung allmählich Frauen bevorzugt. Dabei zeugt es von einer schweren seelischen Störung, einen Keil zwischen Mann und Frau zu treiben, die eigentlich eine natürliche Einheit sind.

Ein solcher Keil wurde historisch zuerst von Gläubigen zwischen der eigenen Gruppe und Atheisten getrieben, doch heute übernehmen zunehmend säkulare Humanisten diese „Aufgabe“. Zum konstruierten Essentialismus ihrer Ingroup gehört die Überzeugung, dass säkulare Humanisten intelligenter und gebildeter wären als ihre abergläubischen und irgendwie zurückgebliebenen gläubigen Mitmenschen (oder Untermenschen). Und damit meint jeder säkulare Humanist natürlich sich selbst.

Säkular-humanistische Codesprache

Auch gehört dazu der Anspruch, „rational“ und „wissenschaftlich“ zu sein und „aufgeklärt“. Erfahrungsgemäß hat das überhaupt nichts mit dem zu tun, was säkulare Humanisten eigentlich machen. Die absolut meisten von ihnen sind neulinke Kultisten, die über den bösen Menschen fabulieren, der das Klima kaputt macht und auch nur ein Affe ist und der nur moralisch sein kann, wenn er von aufgeklärten Führern um sein Einkommen erleichtert wird, welches dann „rational“ zu verteilen ist auf – raten Sie mal.

Diese ganze Geschwafel rund um „rational“ und „aufgeklärt“ bezieht sich nicht auf eine Erkenntnismethode, sondern vielmehr auf die Erwartung, dass man bestimmte neulinke Dogmen blind zu akzeptieren habe. Wer „rational“ und „aufgeklärt“ ist, der spricht sich naturgemäß für „gerechte Verteilung“ des Geldes anderer Leute auf sich selbst aus, gegen „Umweltverschmutzung“ durch die menschliche Existenz, für „freie Liebe“ (Untreue) und für die „Meinungsfreiheit“, gegen die Gegenseite zu hetzen, aber nicht für irgendeine andere oder gar allgemeine Meinungsfreiheit.

Dabei glauben die meisten säkularen Humanisten einen haarsträubenden Schwachsinn, der die Transsubstantiation weit in den Schatten stellt. Esoterik spielt dabei, entgegen dem Klischee, keine so große Rolle, aber absurde Überzeugungen über Wirtschaft und Politik sind die Regel. Säkulare Humanisten glauben tendenziell ebenso an den Staat, wie Gläubige an Gott glauben. Der Staatsglaube war historisch die Ursache eines viel größeren Blutbads, als der religiöse Glaube es jemals gewesen ist. Der Staat ist naturgemäß konzentrierte Gewalt, was Religion nicht sein muss.

Ich war jahrelang überzeugt, dass meine gelegentlichen Konflikte mit anderen Humanisten nur etwas mit philosophischen Differenzen, einem unterschiedlichen Kenntnisstand und dergleichen zu tun hatten. Im Rückblick erscheint es mir aber viel plausibler, dass es den meisten Humanisten niemals um Philosophie ging. Die Wahrheit war ihnen völlig egal, es ging ihnen lediglich um die Auswirkungen meiner Kritik auf die Wahrnehmung ihrer Ingroup in der Öffentlichkeit und um die Relation meiner Kritik zur Wahrscheinlichkeit, vom Staat Privilegien abstauben zu können oder in die Medien zu kommen. Das war alles.

Säkulare Humanisten sind für viele lediglich die weltanschauliche Gruppe, die sie sich willkürlich ausgesucht haben, weil es das ist, was die Leute heute so machen. Für sie macht es letztlich keinen Unterschied, in welcher identitären Gruppe sie sich bewegen, sie könnten sich auch bei den vereinigten Sado-Masochisten wohlfühlen. Philosophie ist ihnen gleich, ich konnte immer nur mit einer kleinen Handvoll Humanisten ernsthaft über Philosophie reden.

Moral Minority

Zu guter Letzt aber noch der Hinweis, dass es die erwähnte Handvoll aufrichtiger Humanisten auch gibt. Es gibt ein paar Leute, die sich wirklich für eine gute Sache einsetzen, die sich wirklich für Ideen interessieren und die dabei erfahrungsgemäß viel seltener „Ich“ sagen als gewisse andere Leute, die von nichts anderem reden als ihrer Bedeutung in der Welt, gemessen an der Zahl ihrer Medienauftritte und mit wie vielen „bedeutenden“ Leuten sie an einem Tisch saßen. Wofür die große Menge an Pseudo-Humanisten eigentlich gut ist und was man mit denen anfangen soll oder will, muss man sich bei Gelegenheit einmal durch den Kopf gehen lassen.