Die Bedeutung von Thomas von Aquin

thomas_von_aquin„Jeder Wille, der der Vernunft widerspricht, ist böse.“

(Thomas von Aquin: Das irrende Gewissen, Artikel 6.1)

Der Glaube an Jesu als Gottes Sohn sei unverzichtbar für die Erlösung, schrieb Thomas von Aquin einst. Aber wer mit seiner Vernunft keinen guten Grund sieht, daran zu glauben, der sollte auch nicht daran glauben. Er würde einen moralischen Fehler begehen, wenn er es doch tut. Insofern mache ich also alles richtig. Das freut mich und ist Grund genug, im Folgenden auf die philosophische und historische Bedeutung von Thomas von Aquin kurz einzugehen.

Der spätmittelalterliche Philosoph und Theologe Thomas von Aquin (1225-1274) versuchte, die rationale Philosophie von Aristoteles mit dem christlichen Glauben zu versöhnen. Seine Bedeutung lässt sich daran bemessen, dass das „Spätmittelalter“, das mit Aquin beginnt, darum so heißt, weil der Denker im Alleingang das Ende des Mittelalters eingeleitet hat. Nicht quasi im Alleingang. Im Alleingang. Aquin gab der Vernunft und dem Diesseits ihren eigenen Stellenwert und ihre eigene Berechtigung zurück.

Zurück zur einen Welt

Für Aquin gab es keine zwei Welten mehr wie für Augustinus und andere christliche Denker. Es gab nur noch eine Welt, unsere Welt. Die platonischen Formen wie Gott, der Himmel und die Engel, die seine Vorgänger in einer übernatürlichen Dimension verorteten, holte Aquin in unsere, eine Welt hinunter. Beispielsweise ist ein Engel für ihn ein reines Geistwesen, also eine Art purer menschlicher Geist als eine unabhängige Entität, die in derselben Welt existiert wie wir selbst. Ein Engel ist insofern also kein übernatürliches Wesen. (Klar, eigentlich gibt es auch keine Engel, aber das war ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung).

Aquin ging von der grundsätzlich selben natürlichen Hierarchie aus wie Aristoteles, in der sich Entitäten durch ihre Komplexität unterscheiden. Auf Mineralien folgen in der natürlichen Hierarchie demnach Pflanzen, dann Tiere und dann Menschen. Für Aquin kamen Engel und schließlich Gott hinzu. Als Bestandteile derselben natürlichen Hierarchie.

Der Vorrang der Vernunft

Thomas von Aquin schrieb, dass man sich stets an der Vernunft zu orientieren habe, mit der wir die Beschaffenheit der Realität erkennen, wobei der Glaube nur dann hilft, wenn die Vernunft nicht weiterkommt. Selbst Gott kann nichts tun, was unlogisch ist. Kann Gott Wasser in Wein verwandeln und zugleich Wasser nicht in Wein verwandeln? Das ist eine bedeutungslose Frage.

Die göttliche Offenbarung ist für Aquin nur noch eines: Eine Ergänzung der Vernunft. Bedeutende metaphysische Gegebenheiten, die wir nicht mit der Vernunft erkennen können, sind für uns durch den Glauben zugänglich. Der Glaube könne der Vernunft jedoch nicht widersprechen und wenn er das offenbar doch tut, dann haben wir dem Denker zufolge einen logischen Fehler begangen.

Man kann leicht erahnen, wohin eine solche Auffassung führen sollte. Aquins Nachfolger würden allmählich zum Ergebnis gelangen, dass die Vernunft doch einiges über die Dinge zu sagen hat, die Thomas für Glaubenssache hielt. Und sie würden erkennen, dass die Vernunft den christlichen Dogmen widerspricht, an die Thomas glaubte. Seiner eigenen Philosophie zufolge müsste Thomas von Aquin heute das Christentum verwerfen. Und wahrscheinlich würde er das auch tun.

Der Fluch Platons

Ebenso wie die Philosophie von Aristoteles litt die Philosophie von Aquin unter ihren platonischem Elementen, wozu sich bei Aquin obendrein christliche Dogmen gesellen. Auf der anderen Seite war Aquin bei bestimmten Detailfragen der bessere aristotelische Philosoph als Aristoteles selbst.

Thomas glaubte, dass der Mensch eine Einheit aus Körper und Seele darstellt, die zusammengehören und ohne den jeweils anderen Teil unvollständig sind. Das war noch nicht ganz Ayn Rands Auffassung, weil Aquin die Seele für unsterblich hielt und davon ausging, dass verstorbene Menschen ihren Körper nach der Wiederkunft Christi zurückerhalten würden. Für Ayn Rand leben und sterben Körper und Seele zusammen als Einheit, sie sind also noch stärker miteinander verbunden als bei Aquin. Die Seele ist für Rand nicht unsterblich und es gibt keine Wiederkunft Christi.

Zurück zur Vernunft

Im nächsten Beitrag befasse ich mich mit den Gottesbeweisen von Thomas von Aquin und erkläre, wie die atheistische Antwort von Ayn Rands Philosophie auf jene Beweise lautet. Thomas war also überzeugt, dass man nicht blind an Gott glauben muss, sondern dass man ihn durch die Vernunft beweisen kann. Obgleich seine Beweise fehlerhaft sind, so ist dies ein gewaltiger Schritt weiter vom „Ich glaube, weil es absurd ist“ des frühen christlichen Denkers Tertullian (150-220 n. Chr.).

Trotz all seiner Fehler verdanken wir Thomas von Aquin unendlich viel. Wenn ihn die katholische Kirche einen „Heiligen“ nennt, sollten wir als Atheisten unseren Sarkasmus diesmal für uns behalten. Ohne ihn hätte die Vernunft vielleicht nie wieder ihren Weg zurück in den Westen gefunden. Die Renaissance und die Aufklärung hätten vielleicht nie stattgefunden. Er war ein Heiliger.

Literatur

Thomas von Aquin über den Islam

Leonard Peikoff über Thomas von Aquin