Was ist Objektivität?

Wider erwarten haben einige Kommentatoren meines Artikels Was ist die Ursache des ethischen Relativismus? in den sauren Apfel gebissen. Ich schrieb, dass viele ethische Relativisten eigentlich keine sind und vielmehr selektiv, wenn es gerade ihren Zwecken dient, die Ethik als subjektiv, als beliebig darstellen. Ich führte den Kindesmissbrauch als Beispiel für ein Phänomen an, das von praktisch allen als eindeutig ethisch falsch abgelehnt wird.

Einige Relativisten beharrten auf Facebook auf die Konsistenz ihrer Position und bestritten dies. Es gebe keine „Letztbegründung“ dafür, warum Kindesmissbrauch universell falsch sein sollte. Man könne dies allenfalls „axiomatisch“ behaupten. In anderen Kulturen gilt Kindesmissbrauch nicht als falsch, in anderen Zeiten, wie im antiken Griechenland, sah man dies ebenso anders. Die Relativisten selbst hielten Kindesmissbrauch „natürlich“ für falsch, aber dafür führten sie keine Gründe an. Stattdessen machten sie sich über den Objektivitätsanspruch meiner Philosophie lustig und warfen mit Beleidigungen um sich. Dafür gab es allerlei Daumen nach oben und für meine Position so gut wie keine Zustimmung.

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie ein religiöser Mensch diese Diskussion wahrgenommen hätte. Alle anwesenden Atheisten bis auf zwei (inklusive mir selbst) halten mein „Gerede“ von Naturrechten, Universalismus, natürliche Entwicklungsstufen etc. für „unwissenschaftlich“, Moral explizit für „subjektiv“ und beharren darauf, dass gar nichts inhärent und universell an Kindesmissbrauch falsch sei. Leute, ihr seid eine wandelnde klerikale Parodie vom amoralischen Atheisten.

Und diese pseudo-philosophische Haltung wurde mir mit einer atemberaubenden Arroganz entgegengeschleudert. Hier also – nicht, dass es jemand verdient hätte, aber vielleicht interessiert es Leser, die noch nicht ihre sprichwörtliche Seele an den Teufel verkauft haben – einige Ausführungen über die Kritik an meinem Objektivitätsverständnis.

Was bedeutet „objektiv“?

Die Subjektivisten setzten mich davon in Kenntnis, dass mein Verständnis von „Objektivität“ falsch sei (objektiv falsch, nicht nur subjektiv falsch). Objektivität sei vielmehr die Perspektive eines „unbeteiligten Beobachters“ und habe nichts mit einem Bezug zu Fakten zu tun. Laut dem Objektivismus (und generell des klassischen Realismus) hingegen bedeutet „Objektivität“ metaphysisch die Tatsache, dass die Realität unabhängig vom Bewusstsein irgendeines Beobachters existiert. Epistemologisch bedeutet „Objektivität“, dass das Bewusstsein eines Beobachters durch bestimmte Mittel (Vernunft) in Übereinstimmung mit bestimmten Regeln (Logik) Wissen über die Realität bezieht.

Mein Verständnis von „Objektivität“ ist essenziell aristotelisch und somit einige Jahrtausende älter die Idee, „objektiv“ sei nur die Perspektive eines unbeteiligten Beobachters ohne Eigenschaften. Letzteres ist vielmehr die Meinung eines einflussreichen modernen Philosophen namens Thomas Nagel (1937-). In meiner Masterarbeit über Objektivität im Journalismus habe ich die aktuell einflussreichen Auffassungen über „Objektivität“ zusammengefasst. Ein Auszug:

„Eine auf Kant aufbauende Auffassung davon, was „objektiv“ bedeutet, nennt sich „Der Blick von nirgendwo“ nach dem gleichnamigen Buch[1] des zeitgenössischen Philosophen Thomas Nagel. Nagel geht davon aus, dass die Dinge, die es gibt, bestimmte Attribute haben, die unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung existieren. Der Blick von nirgendwo, „represents the world as it is, unmediated by human minds and other ‚distortions‘.”

Objektivität bedeutet demnach, dass man die Dinge beschreibt, möglichst ohne dabei eine Perspektive einzunehmen. Zu jeder Perspektive gehören Dinge wie unsere Sinne, unsere Sprache, unsere Kultur und die Umweltbedingungen wie etwa die Außentemperatur. Wir sollen also im hypothetischen Optimalfall die Realität beschreiben, ohne sie uns dabei anzusehen, unsere Ohren zu spitzen oder unsere Sprache zu gebrauchen. Man würde absolut objektiv über das Börsengeschehen berichten, wenn man dabei seine Augen schließt, die Finger in die Ohren steckt und schweigt: „A view or form of thought is more objective than another if it relies less on the specifics of the individual’s makeup and position in the world“, schreibt Nagel selbst.[2] Nagel bemerkt, dass wir nicht „absolut“ objektiv in diesem Sinne sein können und darum fordert er nur, das „Ideal“ anzustreben, unsere persönliche Perspektive soweit es geht auszublenden.

In diesem Kontext ist das Objektivitätsverständnis von Karl Popper zu verstehen. Der „Kritische Rationalismus“ von Popper ist heute die dominante Erkenntnistheorie in der empirischen Qualitätsforschung: „In der empirischen Qualitätsforschung hat sich der kritisch-rationale Zugang zu journalistischer Objektivität durchgesetzt“, schreibt Katja Schwer.[3] Für Popper müssen Aussagen über die Wirklichkeit intersubjektiv überprüfbar sein.[4] Eine Aussage wird also nicht daran bemessen, ob sie mit den Tatsachen der Realität übereinstimmt, wie das bei Aristoteles noch der Fall war und wie viele Wissenschaftler noch immer ihre Tätigkeit verstehen. Vielmehr muss sie lediglich von einer Gruppe von Menschen überprüfbar und „rational kritisierbar“ sein.[5]

Auch bei Popper erkennt man den Einfluss von Kant, der jene „kopernikanische Wende“ hin zum Subjektivismus eingeleitet hat: Es geht in der modernen Epistemologie nicht länger um die Erkenntnis der „Welt da draußen“, sondern darum, was Menschen über die Welt sagen, glauben und meinen. Der vielleicht radikalste Vertreter des modernen Subjektivismus ist Paul Feyerabend. Er geht den Kant’schen Weg konsequent bis zum Ende und schreibt, dass wissenschaftliche Ergebnisse der demokratischen Willensbildung unterworfen werden müssten: Das Volk soll bestimmen, was wahr ist.[6] Ob die allgemeine Relativitätstheorie zutrifft, entscheidet der Wähler.

[1] Nagel, Thomas: Der Blick von nirgendwo. Frankfurt am Main 1992.

[2] Zitiert nach: Maras, Steven: Objectivity in Journalism. Cambridge 2013. S. 80.

[3] Schwer, Katja: „Problemzonen“ der Qualitätsforschung. Zur Messung von journalistischer Objektivität. S. 352.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Julian Reiss und Jan Sprenger: „Scientific Objectivity“, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2014 Edition), Edward N. Zalta (Hrsg.). URL: http://plato.stanford.edu/entries/scientific-objectivity (Stand: 05.07.2015). Punkt 2.4 Standpoint Theory, Contextual Empiricism and Trust in Science.

[6] Ebd.“

Wenn ich so gut wie keine Ahnung von Philosophie hätte, würde ich dann in die Welt hinausschreien, dass es keinen guten Grund gebe, Kindesmissbrauch für universell und absolut falsch zu halten? Oder würde ich mich zuerst umfassend informieren, nicht nur bei der modernen Philosophie, und mir dann erst eine Meinung bilden?

Hätte ich als Christ diese Diskussion verfolgt, hätte ich mich mit purem Horror abgewandt, all meine Vorurteile über Atheisten (und Ausnahme wie ich bestätigen ja nur die Regel) als bestätigt und noch übertroffen angesehen und Gott für die Menschheit um Verzeihung gebeten. „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Wir Atheisten sind uns immerhin einig, dass es niemanden „da oben“ gibt, der euch vergeben wird.