Der Kult der identitären Linken

Nach Brexit, dem Wahlsieg Trumps und dem Aufstieg der AfD auf ein Ergebnis von über zehn Prozent laut verschiedenen Sonntagsfrage-Statistiken und den Erfolgen anderer rechter Parteien in Europa würde man meinen, dass Linke einmal eine Schweigeminute einlegen, in sich kehren und nachdenken würden, warum sie auf einmal solche Verluste hinnehmen müssen. Aber nein. Sie bleiben weiterhin in ihrem ideologischen Spiegelkabinett und wehren jegliche Kritik und sämtliche Argumente von Andersdenkenden gleich welcher Art mit den üblichen Tricks ab, von Denkfehlern wie Strohmännern zu persönlichen Angriffen.

Das tun zwar auch Anhänger anderer Ideologien, aber inzwischen ist es doch eine Spezialität vor allem von identitären Linken (bzw. Social Justice Warrior oder Regressive Linke) geworden. Vor allem persönliche Angriffe sind ihr Lieblingswerkzeug. Wer nicht so „denkt“ wie sie, wird gleich als „Rassist“, „Sexist“, „Nationalist“ und dergleichen gebrandmarkt.

Das pubertäre Verhalten, die Arroganz, die bösartige Art, wie sie mit Andersdenkenden diskutieren und mit ihnen umgehen, das ist der Grund, warum so viele Menschen derart die Nase voll haben, dass sie sogar bereit sind, jemanden wie Trump zum US-Präsidenten zu wählen und eine Partei wie die AfD zu unterstützen.

Trump-Sieg entblößt identitäre Linke

Ich habe mich in den letzten Tagen mit dem Präsidenten der britischen National Secular Society, Terry Sanderson, und mit seinen Anhängern auf Facebook gestritten. Ich hatte zunächst gar nicht wahrgenommen, dass er das ist, sondern war auf seinen Link zu einem dieser unfairen und bösartigen Anti-Trump-Artikel gestoßen. Es gibt so viel Ironie und so viel Tragisches an der ganzen Sache, am ganzen Thema des Aufstiegs der sogenannten Rechtspopulisten, an unserer Diskussion, an allen meiner Diskussionen mit Linken in letzter Zeit.

Darunter insbesondere die Tatsache, dass ich als Libertärer Trump selbst nicht sonderlich berauschend finde, noch irgendwelche anderen „rechtspopulistischen“ Parteien und Personen. Trump wurde zwar garantiert nicht aufgrund von „Fake-News“ auf Facebook gewählt (wie einige SJW-Linke meinen), aber solche Fake-News gibt es natürlich, etwa über angebliche kriminelle Flüchtlinge und erfundene Grünen-Zitate auf Facebook (als ob es keine echten kriminellen Flüchtlinge und böse Grünen-Zitate gäbe). Ich lösche inzwischen Leute aus meinem Freundeskreis, die diesen Mist verbreiten.

Und dennoch muss ich mich geradezu zwingen, die Schadenfreude aufgrund von Trumps Sieg geringer zu gewichten als die politischen Inhalte, die eigentlich wichtiger sind. Denn die Identitätspolitik-Heulsusen der Social-Justice-Warrior-Linken sind nicht nur bei seiner Wahl heulend zusammengebrochen, sondern sie weinen immer noch, was einfach zu schön ist, um mich nicht doch etwas über Trump zu freuen. Zum Beispiel weinen sie im Artikel vom Independent, den Sanderson verlinkte.

Anonyme Furcht vor einer Atmosphäre

Es geht im Artikel um die Frage, ob Privatunternehmen, die für die US-Regierung Aufträge ausführen, Schwule als Mitarbeiter ausschließen dürfen sollten oder nicht. Trump scheint ein Gesetz dagegen aufheben zu wollen. Das würde bedeuten, dass die US-Regierung frei aufgrund der Qualität und des Preises des Angebots der Privatunternehmen Aufträge vergeben dürfte, unabhängig von ihrer Weltanschauung, ob diese nun vernünftig oder unvernünftig ist (und die Diskriminierung von Schwulen wäre meiner Ansicht nach unvernünftig). Schließlich ist die Regierung allen Steuerzahlern verpflichtet, das beste Angebot zu wählen, darunter auch den schwulen Steuerzahlern. Im Independent wird der Vorstoß Trumps so hingedreht, als würde Trump vielmehr Schwule hassen.

„Im Gespräch mit der CNN sagte Rachel Tiven, die Präsidentin der gemeinnützigen Aktivistenorganisation Lambda Legal: ‚Wir hören von wirklich, wirklich verängstigten Menschen. Wir nehmen eine Furcht vor einer Atmosphäre der Intoleranz wahr, die mit Trumps Kampagne begann.'“

Eine „Furcht vor einer Atmosphäre“ also. Die Gefühle angeblicher anonymer Anrufer bei einer demokratisch in keiner Weise legitimierten Organisation haben nun einen sehr hohen Nachrichtenwert erreicht, wie es aussieht. Was passiert eigentlich, wenn ich eine Organisation der gemeinnützigen Heulsusen gründe, so tue, als hätten ein paar Pro-Trump-Leute bei mir angerufen und hätten über Trump-Gegner geheult und ich würde dann die CNN darüber informieren. Würde die CNN auch über meine Heulsusen berichten oder nur über die Anti-Trump-Heulsusen?

Diskussionsunfähigkeit der Linken

Ich schrieb in der Diskussion, dass die Gesetze, laut denen Privatunternehmen nicht gegen Schwule diskriminieren dürfen, einen Eingriff in individuelle Rechte darstellen. „Die Eigentümer von Privatunternehmen sollten das Recht haben, Geschäfte und Verträge mit jedem zu machen, mit dem sie diese machen wollen, ob sie nun Christen oder Schwule sind. Es ist ihr Eigentum, kein Regierungseigentum.“ Terry Sanderson führte die folgende marxistische Argumentation an: „Ah, Menschenrechte müssen also dem Profit weichen? Unternehmen operieren nicht in einem Vakuum, sie sind Teil der Gesellschaft, der sie dienen. Und die Individuen, die für die Unternehmen arbeiten und die Profite erwirtschaften, die die Bosse genießen, haben sicherlich das Recht auf einen gewissen Schutz vor Ausbeutung?“

Sandersons Argumentation beruht auf der Marx’schen Arbeitswerttheorie, die schon zu Marx‘ Lebzeiten von der Österreichischen Schule widerlegt wurde. Demnach erschaffen die Arbeiter durch die Arbeitszeit, die sie in die Produktion von Gütern stecken, deren Wert. Der Arbeitgeber ist eigentlich nutzlos und nimmt den Arbeitern lediglich „ihren“ Gewinn ab. Zwar spielt die Arbeitszeit tatsächlich eine gewisse Rolle für den Wert eines Gutes, aber nicht die einzige. Der Unternehmer ist der mit Abstand wichtigste Wertschöpfer, denn er plant und koordiniert die Arbeitsprozesse und integriert Innovationen wie neue Maschinen in die Produktion. Den Großteil des Gewinnes verwendet er optimalerweise (wenn er auf lange Sicht erfolgreich sein möchte) für die stetige Weiterentwicklung seines Unternehmens, für Investitionen und Innovationen.

Ich antwortete auf Sanderson: „Es gibt kein Recht, den Geist eines Menschen gewaltsam zu steuern, ihn dazu zu zwingen, entgegen seiner Überzeugungen zu handeln.“ Sanderson – der Präsident der größten säkular-humanistischen Organisation Englands – antwortete darauf: „Das ist eine potenziell gefährliche Idee, die Rassismus und alle Arten von üblen Handlungen rechtfertigen kann, die angeblich den Überzeugungen irgendeines Menschen widersprechen. Jeder kann behaupten, dass jede Handlung seinen Überzeugungen oder seinem Glauben, etc. widerspricht. Das Gesetz ist nötig, um zu verhindern, dass dies grausam und ungerecht wird.“ Meine Antwort: „Die Freiheit des Geistes und des Willens als potenziell gefährliche Idee ist eine tatsächlich totalitäre Idee.“ Sanderson meinte darauf, dass „durch diese Unterhaltung nichts mehr erreicht werden kann“.

Ayn Rand mal wieder böse

Daraufhin warf er mir noch Heuchelei vor: „Libertarismus ist in Ordnung, bis er vor Deiner Tür steht“. Er befürchtet, dass ein Arbeitgeber in einer libertären Gesellschaft einfach so jemanden entlassen könnte, nur weil er dessen Weltanschauung nicht mag. Das kann er aber nicht so einfach und zwar aus Eigeninteresse. Es ist eine große Investition, einen Arbeitnehmer einzustellen und ein großer Aufwand, ihn durch einen gleichwertigen oder besseren zu ersetzen. Kein Arbeitgeber, der einer bleiben möchte, tut so etwas leichtfertig. Jedenfalls nicht in einer freien Gesellschaft und bei Jobs, die besser qualifizierte Arbeitskräfte erfordern. Die fast ausschließlich durch Steuern finanzierten christlichen Sozialkonzerne in Deutschland können relativ spontan Arbeitnehmer entlassen, wenn es ihnen angeblich am richtigen Glauben mangelt. In den USA gibt es auch einige evangelikale Unternehmen, die keine Andersgläubigen einstellen möchten, aber mir ist kein größeres Unternehmen mit einer solchen Politik bekannt.

Ich antwortete: „Nein, der Libertarismus ist auch dann in Ordnung, wenn mein Boss entscheiden würde, dass ich ihm zu atheistisch bin (warum sollte ich für einen solchen Menschen arbeiten wollen?).“ Darauf folgten einige bizarre Szenarien, wie dass ein Nazi der Chef der örtlichen Wasserversorgung ist und allen Nicht-Ariern das Wasser abdreht. Linke haben einfach keine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen. Am Ende der Diskussion war ich dann ein Anhänger von „Ayn Rands lächerlicher Pseudo-Religion“, der einen „Ethno-Nationalismus“ befürwortet (der Widerspruch war ihm wohl nicht aufgefallen), wie Vincent Thomas aus Norwegen schrieb.

Wie der „Ayn Rand Kult“ wirklich ist

Alle möglichen Leute machen sich regelmäßig darüber lustig, dass ich ein Anhänger der Philosophin Ayn Rand bin. Sie scheinen der Meinung zu sein, dass ich mich nun irgendwie blöd vorkommen müsste, eine systematische Philosophie zu teilen. Eigentlich finde ich derartige Kommentare jedes Mal blöde, während ich mich selbst als gedanklich vollkommen frei empfinde. Da ich aktuell im Ayn Rand Institute (der Organisation, die Ayn Rands Erbe verwaltet und ihre Ideen lehrt) Philosophie studiere, kann ich gut einschätzen, wie die Leute dort tatsächlich denken.

Und was wir im ARI-Studium die ganze Zeit über tun, ist die Werke anderer Philosophen wie John Locke, Thomas Hobbes und John Rawls zu lesen und Rands eigene Werke kritisch zu analysieren. Ich habe seit Jahren nicht so viel Zeit damit verbracht, Rand zu kritisieren und geht es nach meinen Philosophielehrern, verteidige ich sie immer noch zu sehr. Ich finde sogar, dass das Objectivist Academic Center das Anspornen zur Rand-Kritik übertreibt. Ich komme mir fast vor wie jemand, der dazu ausgebildet wird, Ayn Rand zu widerlegen. Jedenfalls handelt es sich um eine philosophische Organisation, die von ausgebildeten Akademikern geleitet wird, und nicht um einen „Kult“. Linke haben mal wieder keine Ahnung. Keine Ahnung von Wirtschaft, keine Ahnung von Philosophie, aber allzeit bereit, Andersdenkende als böse, rechte Hinterwäldler zu diffamieren.

Der linke Kult der elitären Ahnungslosigkeit

Und das ist meiner Erfahrung nach der Schlüssel zum linken Denken. Linke sind sehr häufig ahnungslose Naivlinge mit einem selbstverliebten Überlegenheitswahn. Sie haben ihr zerbrechliches Selbstbild von der Idee abhängig gemacht, sie wären normalen Menschen durch ihre Bildung, Intelligenz und ihre offenherzige Moral überlegen. Derweil machen Libertäre und Konservative einfach ihre Arbeit und halten die Klappe.

Während meines Germanistik-Studiums war ich als Leitender Redakteur von darwin-jahr.de (der Website zum 200-jährigsten Geburstag von Charles Darwin) aktiv und kam zufällig mit einer Kommilitonin auf das Thema Evolutionsbiologie zu sprechen. Sie meinte, dass viele Leute ja noch immer nicht die Evolution akzeptierten und keine Ahnung von der natürlichen Selektion als Mechanismus der Evolution hätten. Ich fand das gleich ein faszinierendes Thema und bin etwas mehr ins Detail gegangen und habe etwa über die Epigenetik und andere aktuelle Entwicklungen geredet. Sie schaute mich schräg an, verabschiedete sich und wollte nicht mehr mit mir reden. Ich hatte mir dann Vorwürfe gemacht, dass mit mir etwas nicht stimmen würde.

Im Rückblick ist mir klargeworden, was dieses Verhalten von ihr zu bedeuten hatte. Es war ein Beispiel für linkes „Virtue Signalling“. Sie wollte auf ihre und wohl auch meine Überlegenheit als schlaue, gebildete Linke laut Definition hinweisen. Wir wissen schließlich mehr über Evolution als all diese Dummbolzen, die immer noch an die Schöpfung glauben. Es wäre aber unangemessen, ernsthaft über das Thema zu reden, denn es geht nicht um die (m.E. eigentlich faszinierende) Evolutionsbiologie. Es geht um unsere gegenseitige Versicherung, dass wir laut Definition – weil wir „die richtigen“ Überzeugungen haben, ob wir uns mit irgendetwas wirklich befasst haben oder nicht – einer überlegenen Elite angehören.

Wenn ich so darüber nachdenke, ist mir dasselbe schon bei mindestens drei verschiedenen Dates basiert. Einmal sprach ein Mädchen eine Theatervorstellung an und wie sie gerne das Theater besucht und kürzlich ein Brecht-Stück, ich sprach dann ein wenig über Brechts Theorie des epischen Theaters. Weil ich auch das für ein faszinierendes Thema halte. Ich habe aber sehr darauf geachtet, dass ich nicht über sie hinweg spreche oder arrogant rüberkomme, sondern dass ich sie mitnehme und vielleicht auch ein wenig meine Begeisterung teilen kann. Sie fand das jedenfalls sehr unangemessen und es wurde zunehmend klar, dass sie mit ihrer Erwähnung des Theaters nur ihre eigene Überlegenheit (schaut kein Fernsehen, sondern geht ins Theater) betonen wollte. Lasst das doch einfach, Leute. Es ist völlig ok, wenn ihr lieber TV schaut. Ich werfe niemandem vor, was er zur Entspannung nach einem harten Arbeitstag tut und ich weiß, dass ich in der Hinischt nicht normal bin. Und lasst mich doch einfach mein komisches Zeug erzählen, ich mache das nicht aus Virtue Signalling, sondern aus Interesse an der Welt, in der wir nur einmal leben!

Bei einem anderen Date erzählte mir eine Soziologin, warum sie verschiedene männliche Verehrer abgelehnt hatte, denn die waren einfache Arbeiter und keine Akademiker und sie wussten etwa gar nichts über Dinge wie Statistik oder Luhmann und darum passten sie eben nicht zusammen, auch wenn sie jetzt nichts gegen sie hat. Ihr werdet erraten, was als nächstes passiert ist. Ich wusste etwas über Luhmann und hatte sogar eine Meinung über seine Systemtheorie. Und eine Frau für Dates weniger, denn sie fand das gar nicht wirklich interessant, sondern sie definierte sich selbst lediglich als der überlegenen Klasse der Akademiker zugehörig. Akademisches Interesse spielt dafür keine Rolle, „Akademiker“ zu sein.

All die Selbstzweifel hätte ich mir jedenfalls ersparen können. Immerhin dafür kann ich den regressiven Linken und ihren identitätspolitischen Obsessionen dankbar sein. Erst durch eine Befassung mit ihrer Ideologie und Diskussionen mit ihnen ist mir wirklich klargeworden, was hier eigentlich los ist, warum manche Leute so komisch auf mich reagieren und ob es an mir liegt oder nicht. Nein, es ist nicht meine Schuld. Ich mache alles richtig, wenn ich mich ernsthaft für meine eigenen und andere Fachgebiete interessiere und neben der Arbeit seit Jahren studiere. Das muss man nicht machen, aber man kann es machen, es ist legitim und in Ordnung und kein Zeichen von irgendeiner Störung. Im Gegensatz dazu sind vielmehr Leute, die sich selbst ohne guten Grund für überlegen halten (nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören) und andere als „Rassisten“, „Sexisten“, etc. diffamieren, seelisch nicht ganz ausgeglichen.