Kutschera und die Gender-Ideologen

Was motiviert die Gender-Ideologen wirklich? Ich war am 19. Dezember bei einem Vortrag des Biologen Ulrich Kutschera in Hamburg, der von der örtlichen Regionalgruppe der Giordano Bruno Stiftung und von der Richard Dawkins Foundation veranstaltet wurde und danach war ich mit den Leuten essen (womit ich sagen will, dass ich die Veranstaltungen der beiden Organisationen weiterempfehle). Jetzt habe ich Zeit, ein paar Kommentare zur Veranstaltung nachzutragen. Insbesondere soll es um die Gender-Ideologie gehen und ob sie wirklich auf John Money zurückgeführt werden kann.

Zunächst einmal: Ich finde es insgesamt gut, was Herr Kutschera macht und wie er den Gender-Ideologen auf die Nerven geht. Das habe ich ihm auch gesagt. Gender Studies ist keine Wissenschaft, sondern eine linksradikale politische Ideologie. Gender-„Forscherinnen“ (so gut wie nie männliche Forscher) sind marxistische Ideologen mit politischer Macht, gesellschaftlichem Einfluss und Steuergeldern, die auf ihre Lehrtätigkeiten verteilt werden, wobei sie überhaupt nichts davon durch ihre Leistungen auch nur im Ansatz verdient haben.

Herrn Kutschera wird gerne vorgeworfen, dass er von den Gender Studies nicht viel verstehe und seine Kritik recht eindimensional ausfalle. Er scheint die Gender-Ideologie vor allem auf ein Experiment des US-Psycho-Erziehers John Money zurückzuführen, das mit dem Selbstmord eines Mannes endete, der als Kind zu einer Frau „umoperiert“ worden war. Die Gender-Ideologen halten demnach an den Annahmen von John Money fest (denen die Feministen Alice Schwarzer und Judith Butler auch explizit zustimmten), dass das Geschlecht von Menschen größtenteils sozial konstruiert sei. Obwohl er widerlegt wurde.

John Money mag wohl auch eine wichtige legitimierende Rolle für den modernen Feminismus gespielt und einige konkrete Ideen geliefert haben, aber die grundlegende Ideologie und Motivation der Feministen hat gar nichts mit Wissenschaft zu tun. Noch nicht einmal zu dem Grade, dass die Gender-Ideologen an widerlegten Theorien festhalten. Im Gegensatz zu dem Vorwurf, Kutschera wäre unfair gegenüber den Gender-Ideologen, finde ich, dass er noch viel zu wohlwollend ist. In sein stark naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild lassen sich quasi-religiöse Politideologen nur sehr schwer einordnen. Seine Darstellung geht grundsätzlich davon aus, dass die Gender-Ideologen an der Wahrheit interessiert sind, dass ihnen wissenschaftliche Studien wichtig sind. Das sind sie überhaupt nicht. Wissenschaftliche Studien sind für sie nur Mittel zum Zweck, gegenüber der Öffentlichkeit für ihre irrationale und durch gar nichts fundierte Ideologie zu werben.

Und diese Ideologie gibt es schon sehr viel länger als John Money und seine Thesen. Die wichtigsten modernen (beginnend mit dem 19. Jahrhundert) feministischen Vordenkerinnen, die an den „Konstruktionen“ von Mann und Frau rüttelten, waren praktisch ausnahmslos Marxisten. Das ist kein Zufall. Die Ideologie, die schon seit über 100 Jahren die bürgerliche Gesellschaft („Bourgeoisie“) und darunter explizit die Familie zerstören will, wurde von praktisch allen feministischen Vordenkerinnen geteilt. Das ist die essenzielle Erklärung für den Gender-Wahn: Das alte Bestreben von Linksradikalen, die traditionelle Familie zu zerstören. Moderne Strategien wie Gender Mainstreaming sind nur ein Methode, dieses Ziel zu erreichen, aber nicht konstitutiv. Hier ein Überblick über die Ideologie einiger der wichtigsten Feministinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, größtenteils zitiert aus Wikipedia und der Rest ist ebenso einfach nachzuprüfen:

Feministen sind Marxisten

Clara Josephine Zetkin, geb. Eißner (* 5. Juli 1857 in Wiederau, Amtshauptmannschaft Rochlitz, Königreich Sachsen; † 20. Juni 1933 in Archangelskoje, Oblast Moskau, Sowjetunion), war eine sozialistische deutsche Politikerin, Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin. Sie war bis 1917 aktiv in der SPD und in dieser Partei eine markante Vertreterin der revolutionär-marxistischen Fraktion

Simone de Beauvoir: „Das andere Geschlecht (ihr Hauptwerk, Anm. AM) ist im Wesentlichen eine dialektisch-materialistische Studie des Daseins der Frau“ Socialisme et Liberté („Sozialismus und Freiheit“) war der Name ihrer Widerstandsgruppe während des Nationalsozialismus.

Betty Friedan (1921-2006) war die Mitbegründerin der National Organization for Women (NOW) in den USA. Sie war lange Zeit Mitglied der kommunistischen Linken und unterstütze 1940 die “Populäre-Front-Strategie”, die darin bestand, idealistische Bewegungen zu gründen, um wohlmeinende Bürger dazu zu bringen, sich für kommunistische Ziele einzusetzen. Von 1942-43 war Friedan ein Mitglied der Jungen Kommunistischen Liga. 1944 wollte sie der Amerikanischen Kommunistischen Partei beitreten, wurde aber abgelehnt, weil bereits zu viele Intellektuelle Mitglied waren. Von 1943-52 arbeitet sie als Journalistin für Medien, die von den Kommunisten kontrolliert wurden.

Kate Millet: Siehe Women and Marxism Archive. Millet ist die Autorin von Sexual Politics, das zu den einflussreichsten Werken des radikalen, marxistischen Feminismus gehört.

Alice Schwarzer: Schwarzer ist unbestritten politisch links. Sie schrieb unter anderem Vorworte für die deutschen Ausgaben der Bücher von Radikalfeministin Andrea Dworkin.

Judith Butler: Linke Aktivistin der postmodernen Ausrichtung. Sie nennt sich „post-marxistisch“. Verbrachte den Großteil ihrer Karriere mit „Israelkritik„. Butler erhielt 2012 den Adorno-Preis. Sie nahm an den Occupy-Protesten teil und wiederholte dort ihre sozialistischen Forderungen.

Feministen wollen die Familie zerstören

„Mit dem sozialistischen Gedanken der Vergesellschaftung der Produktionsmittel gehen seit altersher Vorschläge zur Umgestaltung der Beziehungen zwischen den Geschlechtern Hand in Hand. Mit dem Sondereigentum soll auch die Ehe verschwinden und einem dem Wesen der Sexualität besser entsprechenden Verhältnisse Platz machen.“ (Ludwig von Mises: Das Gemeineigentum, 1922, S. 68).

Das schrieb der Ökonom Ludwig von Mises schon im Jahr 1922 in seinem Sozialismus-kritischen Buch „Das Gemeineigentum“. Das war lange vor John Money. Im Übrigen hätten über 100 Millionen Menschen nicht sterben müssen, wenn man damals auf Mises gehört hätte. Auch auf seine Verteidigung der modernen Vertragsehe hätte man besser gehört.

Nun hat es tatsächlich einen Wandel innerhalb der marxistischen Ideologie gegeben. Ursprünglich versprachen die linksradikalen Utopisten eine Welt der freien Liebe – eine Welt, in der man uneingeschränkt von zivilisatorisch-kulturellen Schranken seine Sexualität ausleben könnte, wo es quasi jeder mit jedem tut. Statt den Mauern und Schranken der Ehe sollte der „freie“ neue Mensch des Kommunismus nicht mehr von traditionellen Bindungen und Verpflichtungen „unterjocht“ werden. Das ist derselbe lächerliche pubertäre Quatsch, den zum Beispiel GBS-Chef Michael Schmidt-Salomon noch immer predigt und mit dem er einst seine Karriere begonnen hat.

Die Gender-Ideologen haben kein Interesse an freier Liebe und auch nicht an Ehe. Ihre Ideologie ist ein postmoderner Neo-Marxismus, der zusammen mit der schleichenden Erkenntnis erwachsen ist, dass die sozialistischen Regime kein Erfolg waren und zusammenbrachen. Der Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie war gescheitert – insbesondere, so glaubten Marxisten, weil sich die Arbeiter weigerten, für ihre eigenen Interessen einzustehen. Ein neuer Klassenkampf musste her. Ein Kampf zwischen den Geschlechtern.

Wozu dieser Gender-Kampf eigentlich führen soll, ist noch weniger klar definiert als die ursprüngliche kommunistische Utopie mit ihrer freien Liebe. Es handelt sich eher um eine vage Hoffnung als um ein durchdachtes Konzept. Hat man erst einmal die bürgerliche Gesellschaft und darunter die Familie abgeschafft, auch wenn man dafür die Geschlechter gegeneinander aufhetzen muss, dann soll eine wahrhaft „gerechte“ und „gleiche“ Gesellschaft entstehen. Ist das geschafft, würden die Feministen ihre Macht aufgeben. Bis dahin müssen sie alles von Politik über Privatunternehmen unter die Kontrolle ihrer Ideologie bringen, Macht über die Menschen ausüben. Natürlich nur vorübergehend. Wie die Herrschaft der kommunistischen Parteien nur vorübergehend war, da die Utopie überall von der Sowjetunion bis zu Kuba bekanntlich schnell verwirklicht wurde.

Um die „Klassen“ von Mann und Frau gegeneinander auszuspielen, griffen Feministen dann zu pseudo-wissenschaftlichen und pseudo-philosophischen Argumenten. John Moneys „Hypothesen“ gehören zu diesen. Ansonsten zitieren sie die bekannten Studien, die einen „Pay Gap“ aufzeigen sollen, Studien, die eine vermeintlich nur vom Mann ausgehende häusliche Gewalt, eine Vergewaltigungs-Kultur und so weiter demonstrieren. Es ist naiv, davon auszugehen, dies hätte irgendetwas mit einem aufrichtigen wissenschaftlichen Erkenntniswillen zu tun. Das alles hat rein gar nichts mit Wissenschaft zu tun. Wobei natürlich aus marxistischer Sicht die marxistische Ideologie selbst die einzig wahre „Wissenschaft“ sein soll – aber dies ist nur eine Rationalisierung in den Köpfen der marxistischen Ideologen.

Gender-Ideologie ist Neo-Marxismus

Die Gender-Ideologie geht weder auf eine aufrichtige, aber widerlegte Hypothese zurück, noch hat sie etwas damit zu tun, dass die Feministen alle Frauen lesbisch machen wollen (wie Akif Pirinçci meinte). Man kann ein solches Phänomen ohne geisteswissenschaftliches, ideenhistorisches Wissen nicht richtig nachvollziehen. Man kann aus naturwissenschaftlicher Sicht das gewaltige Ausmaß des Bösen nicht vollständig erfassen, das marxistische Ideologen antreibt. Das kann man Herrn Kutschera vorwerfen. Der Mann ist viel zu gutmütig. Er ist ein leidenschaftlicher Vollblut-Naturwissenschaftler, für den es offenbar schlimmstenfalls Irrtümer gibt, an denen einige Betonköpfe zu lange festhalten. Eine menschenfeindliche Ideologie, die mit raffinierten Strategien die bürgerliche Gesellschaft zu Gunsten einer vagen Utopie zerstören will, das entzieht sich der Vorstellungskraft eines gutmütigen Naturwissenschaftlers.

Die Gender-Ideologie ist wie der Ökologismus und die Identitätspolitik eine neo-marxistische Ideologie, deren Ziel die Zerstörung der bürgerlichen, freien Gesellschaft ist. Darum geht es – und der Rest sind nur Fußnoten.

Hintergrundinfos

Marxistische Grundlage der Gender Studies-Theorien:

Ich lasse mich nicht stummschalten

Marxismus gegen Ehe und Familie:

Mises über Marxisten und die Ehe

2 Kommentare zu “Kutschera und die Gender-Ideologen

  1. […] Ergänzung zu einem Vortrag von Ulrich Kutschera im Dezember 2015 in Hamburg, hatte Andreas Müller einen lesenswerten Beitrag veröffentlicht, in dem er u.a. darlegt, daß die dem Genderismus zu Grunde liegenden Behauptungen aus dem […]

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