Was den Islamischen Staat für manche im Westen attraktiv macht

Die Terrororganisation Islamischer Staat zieht nicht nur eifrige Muslime an. Der IS motiviert auch Christen und andere zur Konversion zum Islam einerseits und zum Beitritt zum IS andererseits. Als Atheist habe ich mir das offizielle Magazin des Islamischen Staates näher angesehen, um herauszufinden, was manche Westler am IS so anziehend finden, dass sie ihr ganzes Leben dafür aufgeben. Die Antwort sollte uns alle im Westen beunruhigen.

Wussten Sie schon, dass Sie für ein Jahresabo des IS-Magazins Dabiq eine Reisetasche geschenkt bekommen, damit Sie sich gleich zum Islamischen Staat aufmachen können? Spaß beiseite, natürlich bekommen Sie ein iPad. Aber Spaß wirklich beiseite, denn es ist ein ernsthaftes und sehr beunruhigendes Thema. In Dabiq Ausgabe 15 beschreibt unter anderem eine ursprünglich christliche Konvertitin aus Finnland, warum sie ins sogenannte „Kalifat“ gezogen ist. Sie war ihr Leben lang auf der Suche nach Antworten auf grundlegende philosophische Fragen. Die Antworten, die sie von Eltern, Lehrern und anderen erhielt, befriedigten sie nicht. Und kein Wunder.

Wie eine christliche Finnin beim IS landete

„Die meisten [Finnen] sagen, sie wären Christen, aber sie praktizieren ihren Glauben nicht. Sie gehen vielleicht zur Kirche, wenn es eine Hochzeit oder eine Beerdigung gibt, aber die meisten von ihnen wissen nicht viel über ihre verfälschte Religion, obwohl sie stolz darauf sind“, schreibt Umm Khalid al-Finlandiyyah (ernsthaft ihr neuer Name…). Das ist in Deutschland nicht viel anders. An Weihnachten konnte ich wieder einmal die Menschentrauben vor den Kirchen beobachten, die mir sonst dort nie aufgefallen waren.

„Was am Christentum für mich vor allem keinen Sinn ergeben hat, ist die Dreifaltigkeit. Wie könnte der „Sohn“ Gottes gekreuzigt werden? Wie könnte ein „Teil“ von Gott – laut der Lehre der Dreifaltigkeit – gekreuzigt werden? Wie könnte ein Mensch Gott sein, dann gedemütigt werden und einen demütigenden Tod erleiden? Ich war sehr verwirrt und ich betete nie zu Jesus. Wenn ich betete, dann zu Gott. Als ich noch jung war, achtete ich nicht weiter auf diese Gedanken. Ich dachte hier und da einmal darüber nach, aber ich wusste nicht, wie ich der Sache auf den Grund gehen und diese Gedanken näher verfolgen könnte und ich hatte nicht die Überzeugung, dass ich die wahre Religion teilte. In der Schule gaben sie uns eine Einführung in Dinge wie die Evolution und die Urknalltheorie und das führte zu noch mehr Verwirrung.“

Das kann ich alles gut nachvollziehen. Die Dreifaltigkeit ergibt wirklich keinen Sinn. Und wenn man Kindern das lehrt und im Anschluss Evolution (Lebewesen wurden ohne Gott erschaffen) und Urknall (Universum wurde von Gott erschaffen, je nach Interpretation) ausgesetzt wird, dürfte die Verwirrung nicht abnehmen. Tatsächlich empfand ich den gesamten Schulunterricht als desintegriert, als zusammenhanglos. Wie hing das eine Fach mit dem anderen zusammen? Wie sind etwa Chemie und Physik, Biologie und Erdkunde miteinander verbunden und warum sagt der Deutschlehrer zu machen Themen etwas anderes als der Mathelehrer? Weil die Lehrinhalte tatsächlich zusammenhanglos sind, ein Erbe der progressiven Bildung, die sich Philosophen wie John Dewey ausdachten. Im antiken Griechenland gehörten hingegen alle Lehrinhalte zu einem großen Konzept. Heute ist alles zerrissen.

Hin und wieder begegnete Umm Khalid al-Finlandiyyah in ihrem Leben dem Islam, bis sie schließlich von ihren muslimischen Nachbarn in die Religion eingeführt wurde. Sie wurde zu einer Muslimin. „Nachdem ich so lange nach der Wahrheit gesucht hatte, war es so eine Erleichterung, sie zu finden. Ich hatte so viel Frieden gefunden.“ Die atheistischen Relativisten werden nun wohl „Wahrheit“ in Anführungszeichen setzen und hier das Problem verorten, dass sie meinte, die Wahrheit gefunden zu haben. Das sehe ich anders, denn das Streben nach Wahrheit ist ein durchaus vernünftiges Unterfangen und man kann über viele Dinge auch die Wahrheit herausfinden. Das Problem ist eher, dass sie nicht sorgfältig genug nach der Wahrheit gesucht hat und, philosophisch betrachtet, ihre Methode oder der Mangel an einer Methode. Wahrheitssucher sind aber nicht nur religiöse Menschen, sondern auch Philosophen. Nur nihilistische Relativisten machen sich darüber lustig. Das Ergebnis ihres Spotts sind Suchende, die sich von den Nicht-Antworten abwenden, die sie von ihnen erhalten. Und unter Umständen bei solchen Gruppen wie dem IS ihre Antworten gefunden zu haben meinen.

Als Umm Khalid eine Muslimin geworden war und sich immer mehr radikalisierte, konnten ihre Eltern und Kollegen nichts Vernünftiges entgegnen. „Als ich damit anfing, den Hidschab zu tragen, würden [meine Eltern] mir das Leben schwer machen. Sie würden sagen, ‚Selbst Muslime, die als Muslime aufgezogen wurden, tragen das nicht, also warum du?‘ Sie waren nicht glücklich damit und es ist seltsam, wie ihr Christentum nun immer mehr zum Vorschein trat. Zuvor sagten sie gar nichts über das Christentum, aber nun erwähnten sie es auf einmal häufiger uns sagten Dinge wie ‚Das ist die Religion unserer Vorväter.‘ Und all das sollte mich zu ihrer Religion zurückbringen. Ich erlebte dasselbe mit meinen Kollegen, die mich fragen würden, warum ich diese Entscheidung getroffen hatte.“

Wenn jemand also zum fundamentalistischen Islam konvertiert, haben die Menschen hier im Westen keine Antwort. Sie machen sich irgendwie Sorgen, aber worin eigentlich das Problem liegt, wie die Gegenargumente lauten, wie die Alternative aussieht, das wissen sie alles nicht. Sie sind darauf reduziert, irgendeinen toten Glauben als Alternative ins Feld zu führen, der nur noch eine kulturelle Wirkung hat. Oder irgendwelche halbgaren Phrasen zu äußern. Kaum jemand kann den Suchenden hier die Antworten liefern, die sie brauchen. Die Desintegration der Philosophie ist an einem Endpunkt angelangt. Und das ist der Preis, den wir zahlen.

IS-Konvertiten reagieren auf westlichen Nihilismus

In einem anderen Artikel, „The Fitrah of Mankind“, äußert der IS eine Kritik an der westlichen Philosophie unserer Zeit, so heißt es dort unter anderem: „Kindern – und sogar Erwachsenen – wurde beigebracht, dass die Schöpfung des Menschen das Ergebnis von purem Chaos war, dass die Geschichte das Ergebnis von Konflikten über bloße materielle Ressourcen war, dass Religion eine Erfindung von geistig einfach gestrickten Menschen war, dass die Familie aus bloßer Bequemlichkeit als gesellschaftliche Einheit etabliert wurde und dass letzten Endes Sex der Grund für die Entscheidungen und Handlungen des Menschen gewesen ist.“ (Islamischer Staat: Dabiq 15, S.20)

Als Urheber solcher Ansichten führt der IS die Wissenschaftler und Denker Darwin, Marx, Nietzsche, Durkheim, Weber, and Freud an, was zwar überspitzt, aber nicht ganz falsch ist (wobei die Evolution des Menschen laut dem Darwinismus kein „Chaos“ war, sondern kausale Notwendigkeit). Diese Ideen sind tatsächlich so ähnlich im Umlauf und kein Wunder, dass sich einige Menschen davon abgestoßen fühlen. Der IS erkennt aber nicht, dass sein Gesellschaftsmodell, die totalitäre theokratische Diktatur, nicht besser ist, sondern noch viel schlimmer als das ideologische Chaos im Westen. Der IS kann keine echte Lösung anbieten, aber er bietet Suchenden klare Antworten an. Dass diese einer kritischen Prüfung nicht standhalten, fällt nur jenen auf, die wissen, wie man Ideen kritisch prüft. Das wissen die meisten Menschen im Westen nicht, was wiederum ein Teil der philosophischen Krise des Westens ist.

Beliebigkeit überwinden

Hier ist das Problem: Die meisten Menschen im Westen können Konvertiten zum Islam und sogar zum IS keinen vernünftigen, philosophischen Grund liefern, es nicht zu tun und sie können keine vernünftige Alternative aufzeigen, welche die Fragen von Suchenden beantwortet. Es gibt Menschen, die sind verzweifelt auf der Suche nach einem integrierten Weltbild, das ihre Erfahrungen erklärt und das ihnen eine Orientierung gibt. Allmählich kommt es mir so vor, als wären die meisten Menschen wohl nicht auf der Suche nach einem integrierten Weltbild, sondern leben so vor sich in und saugen hier und dort einmal Ideen auf. Ich gehöre als philosophisch geprägte Person nicht zu jenen, die sich damit zufrieden geben können.

Der Weg zu einem integrierten Weltbild war für mich ein gewaltiger Aufwand, der viel Zeit und Energie kostete. Ich musste zahlreiche Bücher, Artikel und Essays über Philosophie und verschiedene Wissenschaften lesen (die meisten auf Englisch, was ich erst einmal auf hohem Niveau lernen musste) und mir unzählige Vorträge anhören, sowie zusätzliche Seminare belegen und all dies zusätzlich zu meinem Studium sowie zu meinem Aufbaustudium und zu meinen Jobs. Irgendwann gelangte ich zu Ayn Rands Philosophie und versuche noch immer, „Detailfragen“ zu klären. Aktuell arbeite ich an einem Essay für das Objectivist Academic Center über die Frage, ob man die Regierung wirklich „freiwillig“ finanzieren kann (ich denke nicht). Kaum jemand möchte sich diese Zeit nehmen. Und sieht man sich etwa die Bemerkungen von Kommentatoren auf dem Facebook-Auftritt der Richard Dawkins Foundation so an, muss man feststellen, dass einigen auch die Intelligenz dafür fehlt.

Umm Khalid entschied sich stattdessen dafür, eine Familie zu gründen. Man kann es ihr nicht verübeln. Wir können so nicht weitermachen. Wir müssen als Kultur in der Lage sein, grundlegende philosophische Fragen zu beantworten. Wir können nicht einfach sagen, dass es viele Antworten gibt, dass sie keiner wirklich weiß, dass wir uns nicht sicher sein sollen und so weiter. Das stimmt erstens nicht und zweitens genügt es manchen Menschen nicht, und das aus gutem Grund. Solche Fragen wurden seit Menschengedenken von jeder Kultur einheitlich beantwortet, ob die Antworten nun jeweils alle einem kritischen Test standhalten konnten oder nicht. Nun hat der Westen keine Antworten mehr, weil er keine Kultur mehr hat, sondern nur noch Kulturfetzen und Ideenbruchstücke. Das ist der perfekte Nährboden für religiöse Kulte und utopistische politische Ideologien. Das hat der IS genau erkannt. Darin ist er dem Westen einen Schritt voraus. Einen verhängnisvollen Schritt.

Es sieht so aus, dass sich immer mehr Menschen nun desorientiert in die Fänge von Kulten, Sekten und Terrorgruppen begeben, weil der Westen nicht mehr ernsthaft an Ideen interessiert ist, Kindern zusammenhangloses Zeug beibringt und viele nur noch aus Jux und Tollerei an kulturellen „Events“ wie Weihnachtsgottesdiensten teilnehmen. Wir brauchen eine westliche Kultur. Wir müssen Ideen wieder ernst nehmen. Wir müssen Relativismus und Nihilismus überwinden.

Siehe auch die Analyse des Religionskritiker Sam Harris zu Dabiq:

Sam Harris: Was wollen Dschihadisten wirklich? (Teil 1), Teil 2