Gedanken über dieses und jenes

Ja, ich existiere noch. Und das, obwohl ich die letzten Wochen nicht viele Artikel über Philosophie und Politik geschrieben habe. Existiert ein Mensch in unserer Aufmerksamkeitsökonomie weiterhin, wenn er sich längere Zeit nicht mehr zu Wort meldet? Zum Glück bin ich kein Konstruktivist. Wie auch immer, ich habe einige faszinierende Gedanken zu verschiedenen Themen im Angebot, die ich in einem einzigen Blogeintrag unterbringen möchte. In diesem hier.

Der neue Tribalismus

Einer der Gründe, warum ich mich zuletzt wenig motiviert fühlte, mich über meine bloggerischen Hauptthemen zu äußern, besteht in den vielen seltsamen Reaktionen und Repliken, die sie häufig in den sozialen Medien, per E-Mail, auf YouTube und persönlich zur Folge hatten. Ich habe den Eindruck, und man möge mir widersprechen, dass es in unserer Kultur im Moment eine Tendenz zu extremen Bewertungen gibt, die immer weniger mit dem Bewerteten zusammenhängen, je extremer sie werden. Vielmehr möchte man sich nachdrücklich auf die Seite von einem gerade aus dem Nichts aufgetauchten Bild des Guten stellen und sich vom angeblichen Bösen abgrenzen. Offenbar ist Ethik heute ein Trend, ähnlich wie Fitness-Tracker.

Die aktuelle Trend-Ethik sieht vor, dass wir uns ununterbrochen von Homophobie, Rassismus, Sexismus und co. distanzieren sollen, also von allerlei Problemen aus dem 19. Jahrhundert. Vermutlich besteht der nächste Trend darin, öffentlich zu betonen, dass wir keine Sklavenhalter sind. Daraufhin werden wir der skeptischen Öffentlichkeit beweisen müssen, dass wir keine Kinder in Minen schuften lassen. Im Übrigen sind wir für den letzten Krieg zwischen Persern und Griechen keineswegs verantwortlich.

Bei der zunehmenden Neigung, extreme Urteile abzugeben, werden viele sehr fahrlässig, undifferenziert und geradezu desinteressiert, wenn es um eine der Sache angemessene Bewertung geht – oder auch nur darum, das zu Bewertende zunächst zu verstehen. Und kein Wunder, denn die diesem Phänomen zu Grunde liegende Denkweise ist nach meinem Dafürhalten der Subjektivismus. Ohne objektive, faktenbasierte Bewertungskriterien kann man nur subjektiv werten, also willkürlich werten. Ähnlich wie verfeindete christliche Sekten sich in der Frühen Neuzeit nicht über katholische und protestantische Dogmen einig werden konnten. So schreien sich nun die verschiedenen Lager gegenseitig an und jeder wird sofort in irgendein Lager gesteckt, auch wenn er eigentlich in keines gehört.

„Aus komplexen Erläuterungen wird irgendein ideologisches Abziehbild.“

Aus komplexen Erläuterungen wird irgendein ideologisches Abziehbild von einer Idee, die kein Mensch vertritt. Eines der letzten Beispiele war meine Verteidigung von Ulrich Kutscheras Kritik an dem ganzen Gender-Kram. Ich kann nur nachdrücklich darauf hinweisen, dass die eigentliche wissenschaftliche Frage, wie sich Mann und Frau von Natur aus unterscheiden und was sie eint, extrem komplex ist, verschiedene Fachgebiete streift und auf vernünftige Weise nur differenziert beantwortet werden kann. Die schlauesten Menschen verlieren hier den Überblick bei all den zu beachtenden und zu studierenden Fakten. Das empörte Geschreie, das No-Platforming und die ignorante Rechthaberei auf verschiedenen Seiten sind große und offenbar nachhaltige Störfaktoren, die überhaupt nichts dazu beitragen, diese schwierigen Fragen zu beantworten. Unter diesen Bedingungen macht die Wahrheitssuche im öffentlichen und halb-öffentlichen Austausch mit anderen kaum noch Spaß.

Es gibt offenbar nur noch wenig anderes da draußen als ideologische Grabenkämpfe. Da verliert man die Motivation. Andererseits habe ich so etwas ähnliches schon ein paar Mal gesagt und bin dann doch irgendwann wieder der Schreibwut verfallen. Ich schätze, das ist der Fluch der Introversion, die Überlegungen im eigenen Kopf öffentlich mitteilen zu müssen, auch wenn man Zweifel entwickelt, wen und wie viele man damit überhaupt noch erreicht und wozu man das macht. Meine Leser können sich also freuen, dass ich mit einer eigentümlichen und mit dem Zeitgeist nicht recht kompatiblen Persönlichkeitsstruktur versehen bin und mich vielleicht nur darum überhaupt noch äußere.

Jüdische Rundschau

Ich habe in den letzten Wochen einige Artikel im Auftrag der Jüdischen Rundschau vom Englischen ins Deutsche übersetzt, ihrerseits die einzige unabhängige jüdische Zeitung Deutschlands. Ich denke, es ist eine sehr gute und empfehlenswerte Publikation mit intelligenten und teils schön provokanten Artikeln, deren Übersetzung mir viel Spaß gemacht hat. Ich schätze, das dürfte keinen meiner Leser überraschen. Überrascht war ich derweil selbst von einigen Reaktionen, als ich gewissen, besser ungenannten Leuten von meinem kleinen Beitrag zu der Publikation erzählte. Ihrer Meinung nach lasse ich mich „von den Juden kaufen“. Warum sonst sollte ein nicht-jüdischer Deutscher für „die Juden“ arbeiten?

Dazu waren mir zwar nach einer ausgedehnten Schockstarre einige sarkastische Sprüche eingefallen, aber ich konnte sie entgegen meiner Gewohnheit nicht äußern, weil mir das Lachen im Halse steckengeblieben war. Stellt euch mal vor, jemand, den ihr seit Jahren kennt, sagt so etwas. Wie aus dem Nichts. Ich schätze, die Schockstarre hält immer noch an, denn mir fehlen noch immer die Worte. Was soll man da sagen? Hat es irgendeinen Sinn, darauf etwas zu äußern? Auch diese Erfahrung hat zu meiner resignierten Stimmung im Moment beigetragen.

Das große Misstrauen

Das gegenseitige Misstrauen nimmt in der deutschen Kultur generell zu, was wohl auch mit der ideologischen Zuspitzung und Einzäunung (Echokammereffekt) zu tun hat. Zumindest gefühlt ist meine relativ neue Heimat Hamburg aber besonders misstrauisch. Kürzlich glaubte jemand, ich hätte von ihm vermutet, er würde mich überfallen wollen und bei anderen Gelegenheiten glaubten Leute, ich würde sie überfallen wollen. Eigentlich hatten wir alle nichts weiter getan, als friedlich unserer Wege zu gehen, ohne irgendwen zu überfallen oder auch nur zu berühren oder ihm auch nur zu nahe zu kommen. Ich empfinde diese Atmosphäre als sehr unangenehm.

Beurteilt an den Aussagen von Passanten und Händlern, die ich diesbezüglich angesprochen habe, scheint es mit der hohen und gefühlt noch viel höheren Kriminalitätsrate hier zusammenzuhängen. Nun, an den meisten Orten ist es aber nicht wirklich wahrscheinlich, überfallen zu werden, und schon gar nicht bei Tageslicht. Ich finde, man sollte Menschen mit der Annahme begegnen, dass sie gute Menschen sind und erst, wenn es handfeste Belege gibt, die das Gegenteil aufzeigen, sollte man seine Meinung ändern. Zugegeben bin ich leider selbst ziemlich paranoid, was Überfälle angeht, da sich Introvertierte in größeren Menschengruppen tendenziell unwohl und bedroht fühlen. Ich wünschte, ich könnte als besseres Beispiel vorangehen. Vielleicht gelingt dem Leser, was mir schwerfällt.