Moral Posing statt Moral

Auch veröffentlicht bei der Richard Dawkins Foundation.

Ich habe kürzlich mit jemandem auf der Straße geredet, der für eine große Umweltorganisation Spenden sammelt. Unter anderem ging es um die Rettung der Eisbären. Zuerst wolle ich einfach an ihm vorbeigehen wie an den Leuten von Amnesty International vor ein paar Wochen, aber als ich das bei Amnesty gemacht habe, wurde ich beinahe von einem Radfahrer erfasst. Also bitte. Die Unterhaltung hat mich auf eine Eigenschaft unserer Kultur aufmerksam gemacht.

In unserem Gespräch wies ich den Umwelt-Aktivisten auf die Problematik der Beeinflussung der Politik durch NGOs wie seine hin, auf die involvierten Interessenskonflikte mit den Leuten, die sich gegen Wildtiere zur Wehr setzen müssen, die verschiedenen Fälle von Massensterben in der Erdgeschichte, bei der auch ohne menschliche Eingriffe Millionen Tierarten ausgestorben sind. Kurz gesagt war auch ich mal wieder froh, über ein intellektuell interessantes Thema reden zu können. Er war nach meinen Ausführungen der Meinung, dass ich ein Wissenschaftler sein müsse. Schließlich gab er sich damit zufrieden, dass ich mich intensiv mit seinem Anliegen befasst habe, auch wenn ich zu einem anderen Ergebnis gelangt war als er. „Du bist heute der erste. Die anderen wissen gar nichts.“ (Ja, das sagt man eigentlich nicht, aber aus meinen Promoter-Zeiten kenne ich die Endzeit-Stimmung, die man am Ende eines langen Tages hat, den man mit dem Versuch verbrachte, Passanten von irgendetwas zu überzeugen).

Dabei erinnerte ich mich an mein Gespräch mit einem Tierrechtler von einer anderen Organisation vor ein paar Jahren. Er wollte Tiere retten, die für Tierversuche genutzt wurden. Ich sprach dann eine ganze Weile lang über die Geschichte des deutschen Tierschutzgesetzes, den Nutzen von Tierversuchen und so weiter, bis er irgendwann nickte und sagte: „Na gut, wenigstens hast Du Dich mit dem Thema befasst. Du bist heute der erste. Ich bin nur noch morgen hier, falls Du doch noch Deine Meinung änderst.“

Second-Hand-Weltbild

Wie kann so gut wie niemand in Deutschland eine Ahnung von den Anliegen dieser Öko-Aktivisten haben? Schließlich ist doch Deutschland das Land, das mit der Energiewende die radikalste Öko-Politik überhaupt betreibt. Ein so striktes Tierschutzgesetz hat auch nicht gerade jede Nation. Und die Bevölkerung heißt dies offenbar mehrheitlich gut, denn sonst gäbe es solche Dinge nicht. Auf welcher Grundlage finden sie das alles gut, wenn sie nichts darüber wissen? Ich habe sogar vor einer Weile mit jemandem gesprochen, der meinte, man solle die brasilianischen Bauern erschießen, damit sie nicht den Regenwald abholzen. Es stellte sich heraus, dass er auch so gut wie nichts über die Hintergründe der Regenwaldabholzung wusste. Aber er konnte ganz leichtfertig und nebenbei die Massenexekution von Menschen fordern.

Hassrede gegen den US-Präsidenten

Was ist hier überhaupt los? Und es ist nicht nur das Öko-Thema. Donald Trump wird aktuell mit einem eifernden Hass kritisiert, der sogar den Hass auf George W. Bush weit übertrifft. Gerade war beim Faschingsumzug in Düsseldorf ein Motivwagen zu sehen, bei dem die Freiheitsstatue den abgetrennten Kopf von Donald Trump hochhält. Auf der Statue steht „America Resist!“ und sie trägt die „Verfassung“ unter dem anderen Arm. Ich interpretiere das so, dass „Amerika“ Trump durch ein politisches Attentat ausschalten soll. Das ist barbarisch. Dabei hat Amerika Trump gewählt. Wie viele von Trumps deutschen Gegnern haben seine Reden angehört und sich über die Hintergründe seiner politischen Maßnahmen informiert?

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Georg Heinrich Sieveking: Hinrichtung von Ludwig XVI, 1793

Ein Leser meinte, dass er den Motivwagen anders auslege, aber er erläuterte nicht näher, wie er seiner Ansicht nach zu verstehen sei. Es sollte jedenfalls den Verantwortlichen klar sein, dass ein Faschingswagen mit dem abgetrennten Kopf des US-Präsidenten Anstoß erregen wird und bei mir erregt hat. Ich sehe nicht, wie die „Verfassung“ mit einem abgehackten, blutenden Kopf eines demokratisch gewählten US-Präsidenten vereinbar sein soll, der sich bislang an alle Gesetze und mit Sicherheit an die US-Verfassung gehalten hat. Die Darstellung erinnert an eine berühmte Zeichnung von der öffentlichen Hinrichtung von Ludwig XVI während der Französischen Revolution. Selbst dieses historische Ereignis halte ich für eine Fehlentscheidung der Revolutionäre und Ludwig XVI war zumindest der Repräsentant eines absolutistischen politischen Systems. Und nicht das US-amerikanische Äquivalent von Angela Merkel, von unserem gewählten Staatsoberhaupt.

Dieses Beispiel reiht sich offenbar in einen aktuellen Trend unter linken Trump-Gegnern ein, nämlich, ihm den Tod zu wünschen oder sogar zu seiner Ermordung aufzurufen. Auf Twitter kann sich jeder dieses Spektakel mit Hilfe des Hashtags #AssassinateTrump selbst ansehen. Die US-Zeitung National Review nennt weitere Todeswünsche und -drohungen gegenüber dem US-Präsidenten. Einflussreiche Journalisten, darunter ein Kolumnist der New York Times, haben entweder Witze über die Ermordung Trumps gemacht oder sie sich gewünscht. Sargon of Akkad hat einige der Fälle in diesem Video zusammengetragen. Wissen seine hasserfüllten linken Gegner wirklich genug über Trump, um ihn für einen Faschisten halten zu können, der ermordet werden sollte?

Mitlaufen statt Mitdenken?

Nicht nur in Deutschland, auch im übrigen Westen hat das Moral Posing die Moral ersetzt. Man übernimmt kritiklos die moralischen Überzeugungen einer selbsternannten Elite und wiederholt sie, ohne sie selbst zu prüfen. Dann präsentiert man sich als moralisch überlegen, weil man diese progressiven Auffassungen teilt, die gerade im Trend sind. Ohne auch nur mit ihren Vertretern reden zu wollen, die an jeder Straßenecke stehen, um sie einem zu erklären. Das ist erbärmlich. Ich kann das alles nicht nachvollziehen. Wenn ich die Energieversorgung meines Landes gefährde, dann sollte ich doch wenigstens wissen, warum? Wenn ich mir öffentlich den Tod des Staatsoberhauptes einer liberalen Demokratie wünsche oder ihn gar fordere, dann sollte ich doch wissen, was er eigentlich verbrochen hat, um so etwas zu verdienen? Und wenn ich Tierrechte und Tierschutz befürworte, dann doch sicherlich, weil ich mich mit dem Thema befasst habe?