Das „Nicht genug Sex“-Argument

Ich habe gerade mal wieder in einer Facebook-Diskussion das „Nicht genug Sex“ oder „Du bekommst wohl keine Frau/Mann“-Argument gesehen, das jemand gegen einen anderen Diskutanten einsetzte, der sich skeptisch gegenüber dem „Brexit“ ausgesprochen hatte. Dieses „Argument“ ist inzwischen fast so häufig in Diskussionen anzutreffen wie das Reductio ad Hitlerum -Argument, das natürlich auch kein echtes Argument ist, sondern ein Denkfehler. Es wird von beiden verbliebenen Seiten des politischen Spektrums gebraucht (ich gehöre zu keinen davon). Also werfen wir einmal einen näheren Blick darauf.

(Anmerkung: Ein Leser wies mich dankenswerterweise darauf hin, dass der Versuch, ein solches Argument ernsthaft zu analysieren, zu einem ziemlich ekelerregenden Ergebnis führen musste und geführt hat. Somit ist das meine erste philosophische Analyse, die ich hiermit erst ab 18 Jahren freigebe).

Grüne Feministen reden nur so viel „Unsinn“, weil sie nicht richtig „durchgefickt“ werden, durfte ich in einer konservativen Publikation lesen. Je mehr man also durchgefickt wird, desto weniger Unsinn redet man. Wer gar nicht durchgefickt wird, redet den ganzen Tag nur Unsinn. Wer hingegen den ganzen Tag durchgefickt wird, kann als größter Denker der Geschichte durchgehen. Das Argument, das vom Paarungserfolg eines Menschen auf die Validität seiner Argumentation in einer Sache schließt, wird von Vertretern beider politischer Richtungen vorgebracht. So hört man etwa aus linken Kreisen, dass Homophobe eigentlich frustrierte Schwule seien, die nicht genügend Sex bekämen, weil sie ihre Sexualität leugneten.

Zunächst einmal handelt es sich bei „Du hast nicht genug Sex“ oder „Frauen / Männer wollen Dich nicht“ natürlich nicht um ein echtes Argument, mit dem man eine These belegen oder widerlegen könnte, sondern um einen persönlichen Angriff (Ad Hominem). Er geht auf die längst widerlegte freudianische Auffassung zurück, dass psychische Defekte alle irgendwie auf Sex zurückgeführt werden könnten. Wie andere von Freuds Thesen stimmt das nicht, was man schon längst weiß, aber je oberflächlicher und irrationaler unsere Kultur wird, desto anfälliger wird sie für einfache Erklärungen, die umso attraktiver erscheinen, wenn sie obendrein noch etwas mit Sex zu tun haben. Die eigene Meinung soll also absurd sein und auf eine psychische Störung, ausgelöst durch sexuelle Defizite, zurückgeführt werden können.

Gelangt man durch Sex an Wissen?

Der erstaunlichste Aspekt an diesem Argument ist die Implikation, dass der so Beleidigte aus dem Grund, weil er angeblich nicht genug Sex hat, in einer bestimmten Sache Unrecht haben soll. Wann hat aber jemand Recht? Wenn die von ihm so dargelegten Beobachtungen und Schlussfolgerungen mit den Tatsachen der Realität übereinstimmen. Wer in einer komplexen Sache Recht hat, ist in der Regel besonders gut darin, logische Schlüsse aus empirischen Beobachtungen zu ziehen oder er benennt die Schlussfolgerungen von jemandem, der darin besonders gut ist.

Durch welchen kausalen Mechanismus könnte ein Mensch nun durch einen Mangel an Sex sein Vermögen beeinträchtigen, logische Schlüsse aus empirischen Beobachtungen zu ziehen? Ist man etwa besonders gut im Beobachten und Denken, indem man Sex praktiziert oder ist das Praktizieren von Sex hierfür notwendig? Und wenn ja, wie funktioniert das? Werden vielleicht relevante Informationen oder Übung im logischen Denken durch Körpersäfte wie Sperma übertragen? Das wäre zweifellos sehr praktisch für jene, die allem Anschein nach zwar viel Sex, aber wenig Ahnung haben. So könnten sie Wissen anhäufen, ohne etwa durch das Lesen von Büchern Wissen zu erwerben. Sie müssten nur die geeigneten Körpersäfte in die für den Wissenserwerb vorgesehenen Löcher ihres Körpers leiten.

Wie Mediziner jedoch meinen, herausgefunden zu haben, funktioniert das so nicht. Bleibt noch die Möglichkeit, dass man durch einen Mangel an Sex oder ein „Nicht-gewollt-werden“ vom anderen Geschlecht so frustriert wird, dass dies das eigene rationale Denkvermögen irgendwie beeinträchtigt. Vielleicht wird man immer wieder durch Gedanken an Sex oder die eigene Minderwertigkeit vom Denken abgelenkt? Auch diese These ist aber längst widerlegt, nicht zuletzt durch den Umstand, dass fast alle großen Philosophen unverheiratet waren, nur selten oder teilweise nie Sex hatten, und eben trotzdem große Philosophen waren. Beispiele sind Heraklit, Platon, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Schopenhauer und Nietzsche. Der katholische Mönch Thomas von Aquin hatte offenbar nie Sex und er war neben Platon, Aristoteles und Kant einer der vier größten Denker der Weltgeschichte.

Das „Zu viel Sex“-Argument

Dies scheint geradezu das Gegenteil zu implizieren: Wer viel Zeit mit der Suche nach Sexualpartnern oder mit diesen Partnern verbringt, der hat weniger Zeit für den Wissenserwerb und für das Trainieren seines Verstandes. Auch hat er weniger Energie für komplexe Denkvorgänge, wie Nietzsche selbst sagte (in: „Zur Genealogie der Moral“). Dennoch können auch große Denker verheiratet sein und Kinder haben, wie etwa Sokrates und Aristoteles. Jedenfalls, solange ihnen ihre Partner genügend Zeit und Energie für ihr Denken und Forschen lassen – im antiken Athen und einigen anderen Stadtstaaten kümmerte sich die Frau im heimlichen Anwesen um Kinder und Bedienstete, während der Mann meist mit anderen Dingen befasst war.

Falls jemand also besonders beliebt beim anderen Geschlecht ist und viel Zeit und Energie mit Sex und mit Sexualpartnern verbringt, so ist er mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Mensch mit geringerer Bildung und schlechterem Denkvermögen. Anstelle von „Zu wenig Sex“ müsste man daher Menschen in Debatten logischerweise eher vorwerfen „Zu viel Sex“ zu haben und sich zu wenig über das Thema der Debatte informiert zu haben.

Vielleicht lieber echte Argumente?

Andererseits besteht hier das Problem darin, dass dieser Zusammenhang zwar besonders, aber nicht nur für Sex gilt. Man kann auch zu viel angeln, zu viel jagen, zu viel Briefmarken sammeln, zu viel Computerspiele machen, und man wird ebenso weniger Zeit und Energie für Bildung und Denken haben.

So erscheint es mir insgesamt angemessener, auf konstruierte Zusammenhänge, persönliche Beleidigungen und Denkfehler vollends zu verzichten und stattdessen Argumente im eigentlichen Sinne zu gebrauchen.